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2. Kämpfer Klassifizierung: 721.4 Bogenkonstruktionen und DetailsDDC-Icon , L. Incumba, Fr. Imposte, Ital. Imposto, in der Baukunst, ein vorspringendes Simswerk an dem Nebenpfeiler, welcher ein Ende von dem Bogen eines Gewölbes trägt; der Impost.

Klassifizierung: 430 Germanische Sprachen; DeutschDDC-Icon Bey dem Pictorius Käpfer, ein Kragstein. Entweder von dem Lat. Incumba, mit Verbeissung der ersten Sylbe, wie Pflaster, von Emplastrum, Spital, von Hospitale u. s. f. oder, wie Frisch will, von Kopf, weil das m die Lippenbuchstaben in mehrern Fällen begleitet, oder endlich unmittelbar von Kamm, Kamp, ein hervor stehendes Ding. Die Endung er bezeichnet ein Werkzeug, oder auch das Ding selbst.

Ursprünglich bedeutet das Wort Kämpfer einen an einer Mauer heraus stehenden Stein, oder einen <34, 64> andern Körper, auf den etwas gesetzt werden kann. Ehedem nannte man dieses, wie noch jetzt an einigen Orten in Ober=Deutschland, einen Käpfer. Gegenwärtig drückt das Wort Kämpfer, oder Impost, vornehmlich ein kleines Gesims aus, welches als der Knauf (das Capitäl) der Nebenpfeiler bey Bogenstellungen anzusehen ist, auf dem die Bogen ruhen, und ihre Wiederlage haben. Denn alle Bogen bey den Bogenstellungen (Arcaden) müssen auf ihren besondern Pfeilern ruhen, welche man Neben=Pfeiler nennt; und diese haben ihr besonderes Capitäl, welches man den Kämpfer zu nennen pflegt; a b, PfeiliconFig. 1837.

Klassifizierung: 701.17 ÄsthetikDDC-Icon Klassifizierung: 914.315 Brandenburg und BerlinDDC-Icon Die Kämpfer müssen nothwendig überall angebracht werden, wo Oeffnungen, wie Thüren und Fenster, oben in volle Bogen abgeründet sind, weil dadurch der Bogen selbst von den Pfeilern oder Wänden, auf denen er steht, abgesondert wird, und fein Fundament oder seine Wiederlage bekommt Wird er weggelassen, so bekommen die im vollen Bogen gewölbten Oeffnungen ein sehr mageres und kahles Ansehen, wie jedes geübtes Auge fühlen wird, wenn es z. B. in Berlin die Fenster an dem Pallaste des Prinzen Heinrich, oder an dem Gebäude der kön. Acad. der Wissenschaften, betrachtet.

Die Kämpfer werden verschiedentlich aus mehrern oder wenigern Gliedern zusammen gesetzt, nachdem es die Ordnung, oder der Geschmack, welcher in dem Gebäude herrscht, erfordert. In den einfachsten Gebäuden sind es bloße Bänder, in zierlichen aber müssen sie schon aus verschiedenen Gliedern bestehen. Um hierin nichts unschickliches zu thun, darf der Bau=Meister nur dieses zum Grundsatz annehmen, daß der Kämpfer als ein Knauf des Nebenpfeilers anzusehen sey. Daraus kann er leicht nach Maßgebung der Verhältnisse, die in jeder Ordnung Statt haben, seine <34, 65> Größe und Beschaffenheit bestimmen. Dieses wird ihn auch abhalten, die Kämpfer als Band=Gesimse zwischen den Wandpfeilern durchzuführen, wie viele Baumeister thun, oder ihn gar als ein Gebälk mit Sparrenköpfen und Zahnschnitten zu verzieren, wie an dem Triumphbogen des Constantinus mit höchster Beleidigung des guten Geschmackes geschehen ist.

Wo keine Wandpfeiler sind, und wo überhaupt das Gebäude, oder das Geschoß, nach ganz einfacher Art gebauet ist: da geht es noch an, daß die Kämpfer an der Mauer zwischen den Oeffnungen, als Band=Gesimse durchgeführt werden, wie an dem berlinischen Zeughause geschehen ist.

Man hat insonderheit dreyerley Arten Kämpfer: einen Kämpfer in Gestalt eines Zirkelstückes, Fr. Imposte cintrée; einen durch Säulen oder Pfeiler unterbrochenen Kämpfer, Fr. Imposte coupée. und einen verstümmelten Kämpfer, d. i. der aus einer Lage Steine ohne Vorsprung besteht, Fr. Imposte mutilée.

Kaempferia Galanga L. s. Pfeil-IconGalgant.

Kaempferia rotunda L. s. Pfeil-IconZittwerwurzel.

Kampher, s. Pfeil-IconCampher, im VII Th. S. 559, fgg.

Kamtschatka Klassifizierung: 526 Mathematische GeografieDDC-Icon Klassifizierung: 915.2 JapanDDC-Icon Klassifizierung: 914.7 Osteuropa; RusslandDDC-Icon , Kamtczatka, Camschatka, eine große Halbinsel in Asien, am östlichen Ende des russischen Reiches und des festen Landes von Europa. Die Einwohner heissen Kamischadalen. den Japanesern ist diese Halbinsel, wenigstens deren südlicher Theil, unter den Nahmen Jeso, oder Jesogasima, Jezzo, Jesso, Jedso, Yeoso, Yezo, oder Eso, lange bekannt gewesen, unter welchen Nahmen man sie auch in allen Landkarten und Erdbeschreibungen findet; sie haben aber nicht gewußt, ob es eine Insel oder Halbinsel sey. Im J. 1643 ist ein Theil derselben von den Holländern entdecket worden, da sie denn dasjenige, was sie entdeckten, und in dessen Be<34, 66>sitz sie sich gewisser Maßen setzten, (welches aber mehrentheils weiter nichts, als einige Vorgebirge, Bayen, u. d. gl. waren,) nach ihrer Art mit gewissen Nahmen belegten. Es wurde von den Russen im J. 1697 in Besitz genommen, und im J. 1706 drangen diese, von Sibirien aus, bis an die äusserste südliche Land=Spitze. Endlich haben die Russen vor ungefähr 50 Jahren dieses Land genauer entdeckt, und es Kamtschatka genannt, weil es von den Einwohnern, wo nicht ganz, doch großen Theils, also genannt wird.

Klassifizierung: 001.4 Forschung; statistische MethodenDDC-Icon Klassifizierung: 910 Geografie und ReisenDDC-Icon Im J. 1733 befahl die russische Kaiserinn Anna, eine Untersuchung des Nord= oder Eis=Meeres, imgl. des östlichen um Kamtschatka, und von da weiter nach Amerika und Japan, anzustellen, zugleich aber auch eine genaue Beschreibung von Sibirien, besonders aber von Kamtschatka, zu entwerfen. Der erste dieserhalb ergangene kaiserl. Befehl aus dem geh. Cabinete an den Senat war d. 17 Apr. 1732 gegeben. Zu diesem Endzwecke wurden drey Professoren der kaiserl. Academie, nähmlich Jo. Ge. Gmelin, Prof. der Chemie, Ludw. Delisle de la Croyere, Prof. der Astronomie, ernannt, und im Anfange des J. 1733 both sich Gerh. Fr. Müller, Prof. der Geschichte, selbst dazu an, und wurde, die bürgerl. Landesgeschichte von Sibirien, die Alterthümer, die Sitten und Gebräuche der Völker, wie auch die Begebenheiten der Reise zu beschreiben, bestellet. Diese drey Gelehrte, denen eine Anzahl See=Officiere zugesellet war, theilten die Arbeit dergestalt unter sich, daß Gmelin die Naturgeschichte, Delisle die astronomischen und physikalischen Beobachtungen, Müller aber die Beschreibung der Völker und Länder übernahm. Diesen Mitgliedern der Academie wurden geschickte Gehülfen zugegeben; es waren sechs russische angehende Gelehrte, die durch den Beystand, den sie ihren Vorgesetzten leisteten, ihre Kenntnisse vermehren, und sich zu künftigen höhern Ehrenstellen geschickt machen sollten. Darunter war auch Stephan Krascheninnikow, welcher eine solche Geschicklichkeit in der Natur= und bürgerl. Geschichte und der Erdbeschreibung zeigte, daß er 1735 zu allerley Untersuchungen gebraucht, und an solche Orte versendet wurde, wohin die Professoren selbst nicht ka<34, 67>men. Als die Mitglieder der Academie im J. 1736 sich zu Jakutsk befanden, und die wiedrige Nachricht erhielten, daß die See=Officiere in ihren Unternehmungen, aller Mühe und Sorgfalt ungeachtet, nicht glücklich gewesen, und wenig Entdeckungen machen können, daher man schlechte Hoffnung hätte, daß sie jemahls Kamtschatka durch das Eismeer erreichen würden, entschlossen sich die Professoren, die in Sibirien noch mehrere nützliche Beobachtungen anzustellen hatten, indessen eine Person nach Kamtschatka abzusenden, auf die sie sich verlassen konnten. daß sie dort alle Anstalten zu ihrer Aufnahme machen würde. Hierzu wurde Krascheninnikow erwählt, und mit den nöthigen Verhaltungsbefehlen und Anweisungen versehen. Einige Zufälle verhinderten aber die beyden Professoren, Gmelin und Müller, selbst nach Kamtschatka zu reisen. Nur Delisle unternahm d. 8 Sept. 1740, auf einem eigenen Fahrzeuge, nebst Steller' n auch auf einem eigenen, und dem Commandeur=Capitän Bering und dem Hauptmanne Tschirikow, welche die Packetbeote St. Peter und St. Paul führten, die Seereise nach Kamtschatka, und langte d. 20 Sept. in der Mündung des Flusses Bolschaja Reka an, starb aber d. 10 Oct. Die beyden andern Professoren erhielten darauf Befehl, ihre Rückreise nach St. Petersburg anzutreten, unter Weges aber noch weitere Untersuchungen in Sibirien anzustellen. Auf diese Weise wurden dem Hrn. Krascheninnikow die Untersuchungen des Zustandes von Kamtschatka allein überlassen; er wurde aber dabey von den Professoren mit solchem Beystande, als sie selbst erhielten, auf ausdrücklichen Befehl des hohen Senates unterstützet. Er durchreisete dieses Land von einem Ende zum andern, und wurde von einer Wache von Cosacken und den nöthigen Dollmetschern begleitet, hatte auch die Erlaubniß, alle Schriften in den verschiedenen Festungen und den Registraturen der Beamten durchzusehen. Seine öftern Berichte von seinen Beobachtungen in der Naturkunde wurden auch von den Professoren für sehr richtig erkannt, und so wohl aufgenommen, daß sie ihn bey schweren Vorfällen durch schriftlichen Unterricht mit ihrem guten Rathe unterstützten.

Klassifizierung: 925 NaturwissenschaftlerDDC-Icon Um diese Zeit hielt die kaiserl. Academie, aus großer Aufmerksamkeit auf die Fortsetzung ihrer in Sibirien gemachten Entdeckungen, für rathsam, im J. 1738 einen von <34, 68> ihren Adjuncten, Ge. Wilh. Steller, dahin zu schicken, welcher die Professoren auf ihrer Rückreise zu Jeniseisk im J. 1739 antraf. Dieser gelehrte und wißbegierige Mann bezeigte ein großes Verlangen, zu Wasser auf dem penschinskischen Meerbusen nach Kamtschatka zu reisen. Sein Wunsch wurde erfüllet, und er mit gleichen Verhaltungs=Befehlen, wie Krascheninnikow, versehen. Man gab ihm auch einen Mahler zu, um alles Merkwürdige aus der Naturgeschichte abzuzeichnen. Er reisete also, wie bereits oben gemeldet worden ist, unter dem kleinen Geschwader des Commandeur=Capitänes Bering, d. 8 Sept. 1740 von Ochotsk ab, und kam d. 20 Sept. im großen Strohm an der südwestlichen Spitze von Kamtschatka an. Er brachte einige Zeit in diesem Lande zu, und reisete im Winter mit Delisle nach dem Hafen Petropalowska, um den amerikanischen Entdeckungen mit beyzuwohnen. Die Ausfahrt geschah d. 4 Jun. 1741, und Steller wurde der Gefährte des C. C. Bering auf seinem Schiffe St. Peter. Krascheninnikow aber erhielt darauf Befehl, nach Jakutsk zu kommen, wo ihn die Professoren zu sich nahmen, und mit ihm d. 15 Febr. 1743 zu St. Petersburg anlangten. Steller starb auf seiner Rückreise aus Sibirien, d. 12 Nov. 1745, in der Stadt Tümen.

Nachdem nun Krascheninnikow der Academie der Wiss. einen ausführlichen Bericht von allen seinen in Kamtschatka gemachten Beohachtungen erstattet hatte, wurden ihm auch alle schriftliche Nachrichten des Steller mitgetheilt; denn man fand für gut, beyder Anmerkungen zu vereinigen; und ihm, der den größten Antheil an diesen neuen Entdeckungen hatte, wurde aufgetragen, diese Vereinigung in das Werk zu setzen, und hieraus ist seine Beschreibung von Kamtschatka, einem Lande, welches vor ihm von niemand glaubwürdig beschrieben worden ist, und in welchem die Sitten und Gewohnheiten der Einwohner überaus seltsam und sonderbar sind, in russischer Sprache entstanden. Er hatte aber nicht das Glück, ihre völlige Ausgabe zu erleben; denn nachdem er 1745 zum Adjunct, und 1750 zum Prof. der Naturgeschichte und Kräuterkunde bey der Academie ernannt worden war, starb er d. 12 Febr. 1755, im 42 J. seines Alters, als eben die letzten Bogen seines Werkes im Druck waren. Die Vollendung des Druckes wurde von Hrn. Müller besorget.

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Von dem russischen Originale, welches u. d. T. Opisanie Zemli Kamtschatki, sotschinennoje Stepanom Krascheninnikowym (d. i. Beschreibung des Landes Kamtschatka, verfasset von Steph. Krascheninnikow,) 1755, zu St. Petersb. in 2 Th. in 4. heraus gekommen ist, hat D. Jac. Grieve einen Auszug in engl. Sprache, u. d. T. The History of Kamtschatka, by James Grieve, Lond. 1764, 8. bekannt gemacht, welcher mit Landkarten und Kupferabbild. von dem kön. Geograph in London, T. Jefferys herausgegeben, und vom Prof. Jo. Tob. Köhler, in das Deutsche übersetzt und mit Anmerk. erläutert, Lemgo, 1766, in 4. auch vorher in einem kurzen Auszuge von eben Demselben, im 41 -- 45 St. des Hannov. Magaz. v. J. 1765, an das Licht getreten ist.

Die Halbinsel Kamtschatka macht die Gränze von Asien gegen Nordosten aus, und erstreckt sich von Norden gegen Süden ungefähr 7 Gr. 30 Min. weit. Sie nimmt ihren Anfang an zwey Flüssen, westwärts beym Pustaia, und ostwärts beym Anapko, unter dem 59 Gr. 30 Min. nördlicher Breite. Der erste ergießt sich in den penschinischen Meerbusen, und der andere in die östliche See. Hier ist auch die Land=Enge so schmahl, daß man von den Hügeln in der Mitte, bey schönem Wetter, beyde Meere sehen kann. Weil aber das Land von hier gegen Norden breiter wird, so hält man es für den Strich, der das feste Land mit der Halbinsel verbindet. Die Statthalterschaft von Kamtschatka erstreckt sich auch nicht weiter, als bis hierher; denn die ganze nördliche Gegend über dieser Gränze wird Zenosse genannt, und steht unter der Statthalterey von Anadir. Der südliche Theil dieser Halbinsel führt den Nahmen Lopatka, (wegen der Aehnlichkeit dieser untersten Landspitze mit einer Schaufel,) auch Cap Oskoi, und fängt unter dem 51 Gr. 31 Min. nördlicher Breite an. Sie ist in der Mitte breiter, als an beyden Enden, so daß ihre Gestalt elliptisch ist, und durch die ganze Länge, von Norden gegen Süden, durch eine Reihe Gebirge fast <34, 70> in zwey gleiche Theile abgesondert wird. Aus dieser Kette von Bergen breiten sich einige Arme derselben seitwärts gegen die See zu aus, und zwischen denselben nehmen die Flüsse ihren Lauf. Ein Theil dieser Nebengebirge erstreckt sich oft tief in das Meer hinein, und macht große und kleine Vorgebirge, doch mehr an der öst= als westlichen Küste. Die Bayen zwischen diesen Vorgebirgen werden überhaupt Seen genannt; jede führt aber ihren eigenen Nahmen, als: Olutorskoi=See, Kamtschatka=See etc. Dieses ganze Land, welches unter dem allgemeinen Nahmen von Kamtschatka begriffen wird, bewohnen Völker, die verschiedene Sprachen reden, und die auch jeder Gegend einen besondern Nahmen geben. So gar die russischen Cosacken verstehen unter dem Worte Kamtschatka nur dasjenige Land, welches um den Fluß dieses Nahmens liegt, und bezeichnen die übrigen Gegenden der Halbinsel mit folgenden Benennungen. Die Landschaft Kuriliski oder Lopatka, ist die südliche Spitze der Westseite der Halbinsel, und hat den Nahmen von den Kurilen, die sie bewohnen. Die Küste schlechthin, heißt die Strecke an der westlichen Seite von Bolscheretskoi Reka, oder dem großen Flusse, bis an den Tigil. Awatscha ist der östliche Theil der äussersten Spitze, gegen Süden bis an den Awatscha Fluß. Bobrovi More, oder die Bibersee, heißt die Gegend um den Kamtschatka=Strohm, und liegt gleich über vorigen an dem östlichen Meere. Die Landschaft Koreka hat den Nahmen von ihren Einwohnern, den Koräken, und erstreckt sich nördlich von Kamtschatka bis an den Tigil. Ukoi wird die nordöstliche Küste zwischen den Koräken und den Kamtschadalen von dem Flusse Ukoi genannt. Tigil ist die westliche Küste, von dem Flusse Tigil an, gegen Norden zu.

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Klassifizierung: 551.48 HydrologieDDC-Icon Klassifizierung: 307.72 Ländliche GemeinschaftenDDC-Icon Die eigentliche Landschaft Kamtschatka ist reich an Flüssen, welche aber so klein sind, daß keiner auch mit den kleinsten Schiffen befahren werden kann, den Fluß Kamtschatka ausgenommen, auf welchem kleine Fahrzeuge, von seiner Mündung an, wohl 200 Werste weit hinauf segeln können. Nächst diesem Flusse sind der Bolschaja=Reka, oder der große Fluß, der Awatscha und der Tigil, an welchen die Russen Ostrogen *

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Ostrog ist ein bewohnter, mit Pfahlwerk, und mit Balken, die auf einander gelegt sind, und statt der Mauern dienen, wie auch in Sibirien üblich ist, befestigter größerer Ort. Dergleichen kleinere werden Simowie genannt.

angelegt haben, die beträchtlichsten.

Klassifizierung: 551.2 Vulkane, Erdbeben, Thermalwässer und GaseDDC-Icon Gegen Süden des Flusses Kamtschatka, und zwischen diesem und dem Awatscha, sind verschiedene Berge, welche von innen brennen, und von ihrer Spitze an verschiedenen Orten Rauch und Dampf ausstoßen, auch zuweilen ein ziemliches Getöse machen, doch ohne Flammen auszuwerfen. Der ansehnlichste darunter ist der Berg Schupanowa Skaya, welcher seinen Nahmen von dem Flusse Schupanowa führt; dieser hat schon lange geraucht, und ist auch zuweilen geborsten. Der Kamelhals, ein kleiner Fluß, nahe an diesem Berge, nimmt einen gar sonderbaren und höchst gefährlichen Lauf durch ein sehr enges Thal zwischen hohen und steilen Gebirgen, von welchen der Schnee, bey der geringsten Bewegung der Luft, und so gar von einer starken Erschütterung der Stimme, herunter stürzt, und zuweilen die Reisenden unter seinen gewaltigen Haufen begräbt. Daher halten es die Einwohner für ein Verbrechen, wenn man im Durchfahren durch dieses Thal laut spricht. An der Südseite des Flusses Schupanowa, nahe an der Seeküste, raget eine große Menge Felsen, wie Pfeiler, aus dem Wasser hervor, welche die Einfahrt sehr beschwerlich machen. Ein wenig darunter ist <34, 72> eine Bay, Nutrenoi genannt, mit felsigen Gebirgen umgeben, ungefähr 4 Werste in der Länge und Breite; und nahe dabey unweit der Mündung eines kleinen Baches, Scheenmeek oder Schenmiek genannt, bricht viel quellenkochend heißes Wasser mit starken Wellen hervor. Nahe bey diesen Quellen steht ein Berg, aus welchem an verschiedenen Orten ein Dampf in die Höhe steigt. Man hört in demselben das kochende Wasser brausen, und doch haben noch keine Quellen durchbrechen können, ob man gleich hin und wieder beträchtliche Ritzen genug sieht, und der Dampf so heftig als aus einer erhitzten Luftkugel hervor bricht, auch so heiß ist, daß man keine Hand darin leiden kann.

Zwischen dem südlichen Ende von Kamtschatka und Japan liegt eine Menge Inseln, welche die kurilskischen genannt werden, deren einige starken Erdbeben und Ueberschwemmungen unterworfen sind. Ich werde davon an seinem Orte sprechen.

Klassifizierung: 551.1 Gesamtstruktur und Eigenschaften der ErdeDDC-Icon Die See, welche Kamtschatka von Amerika scheidet, ist voll von Inseln; und zwischen dem kamtschatkischen Vorgebirge, welches Tschukutskoi Spitze genannt wird, und der Küste von Amerika, welche ostwärts gegen über liegt, ist die Entfernung nicht größer, als 2 1/2 Grad. Man hat große Ursache zu glauben, daß Afia und Amerika an diesem Orte vormahls vereinigt gewesen, zumahl, da die Küsten von beyden festen Ländern, gegen einander über, von einander abgerissen zu seyn scheinen, weil die Vorgebirge und Meerbusen einander ähnlich sind. Die Bevölkerung von Amerika scheint also kein Geheimniß mehr zu seyn, wenn man die Erzählung des Moses von der Schöpfung für wahr annimmt, es mag nun mit Asien vereinigt gewesen seyn, oder nicht.

Klassifizierung: 623.8 Schiffstechnik und NautikDDC-Icon Klassifizierung: 305.897 Nordamerikanische UreinwohnerDDC-Icon Klassifizierung: 305.8946 Paläosibirische (paläoasiatische) VölkerDDC-Icon Die Einwohner dieses Theiles von Amerika gleichen denen von Kamtschatka an Gestalt, Kleidung, <34, 73> Gebräuchen und Nahrung. Beyde tragen Beinkleider und weite Ueberhosen von der Haut eines gewissen Fisches (Seal), den Einige für einen Delphin, Andere für einen Stör halten, mit dem Safte von Erlenbäumen gefärbt, Hüte von Gras, in Gestalt der Sonnenschtrme, grün und roth gefärbt, und vorn mit Falkenfedern geziert. Beyde bereiten ein gewisses Kraut, welches sie das süße nennen, auf einerley Art; beyde essen die getrocknete Rinde von Pappel= und Fichten=Bäumen, und zieren sich damit, daß sie sich Löcher in das Gesicht machen, und diese mit Knochen und Steinchen bestecken. Ihre Sprache scheint zwar nicht einerley zu seyn, aber selbst die Einwohner von Kamtschatka sprechen, in verschiedenen Gegenden, allerley Sprachen, die von einander so verschieden sind, als von der, an der gegen über liegenden Küste. Auch die Fahrzeuge, deren die Einwohner von beyden Küsten sich bedienen, kommen völlig mit einander überein. Sie haben ungefähr 12 F. in die Länge, und 2 in die Breite, einen flachen Boden, und gehen hinten und vorn spitzig zu. Sie bestehen aus Stangen, die an beyden Enden an einander befestigt sind, und in der Mitte durch ein Querholz aus einander gehalten werden. Dieses Gerippe ist mit der Haut des vorgedachten Fisches, die mit Kirschfarbe gefärbt ist, überzogen. Der Sitz ist in der Mitte; und wenn der Schiffer hinein gestiegen ist, zieht er die Fischhaut, die sein Boot bedeckt, rings um seinen Leib fest zu, und bindet sie mit ledernen Riemen, die sie wie einen Beutel zusammen ziehen. Diese Boote sind also mit einem Verdecke versehen, welches dem Schiffer gleichsam einverleibet ist, und können die stürmischte See aushalten, ob sie gleich so leicht sind, daß sie mit Einer Hand fort gebracht werden können. Diese Umstände zusammen genommen, machen beynahe einen <34, 74> vollkommenen Beweis aus, daß Amerika aus diesem Theile von Asien bevölkert worden ist.

Die Einwohner dieser Gegend von Amerika wissen gar nichts von Wein und Toback, woraus sich schliessen lässet, daß sie noch keine Gemeinschaft mit den Europäern gehabt haben.

Dem Ausflusse des Kamtschatka=Flusses gegen über, in einer Entfernung von ungefähr 2 Grad, oder 30 deutschen Meilen, liegt die Berings=Insel, die von dem Capit. Commandeur Bering, welcher sie 1741 entdeckte, den Nahmen hat. Sie besteht aus einer Reihe Felsen, die von Norden gegen Süden läuft, und mit vielen Thälern durchschnitten ist. Die höchsten Berge hier und in Kamtschatka, halten nicht mehr als 2 russ. Werste, oder 1500 geometr. Schritt, d. i. 7500 Fuß, in gerader Linie. *

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Eine Werst wird auf 150 geometr. Schritt, oder 3750 Fuß, gerechnet.

Diese Felsen sind von aussen gelblich, bestehen aber aus einem harten bläulichen Gesteine. Die Erdbeben sollen hier sehr häufig seyn. In dieser Gegend liegen noch drey dergleichen, meistens aus rauhen Felsen bestehende, Inseln.

Klassifizierung: 631.4 BodenkundeDDC-Icon Klassifizierung: 551.6 Klimatologie und WetterDDC-Icon Der Erdboden in Kamtschatka, an den Ufern des Flusses gleiches Nahmens, ist tief und fruchtbar; nach einigen neuerlich gemachten Versuchen hat er sowohl Gerste, als auch Hafer, hervor gebracht. Was aber Gartengewächse betrifft, so wird aus dem Samen der saftigsten Pflanzen nichts, als Stiele und Blätter; Kohl und Salat kommen niemahls zur Vollkommenheit. Erbsen blühen beständig fort, bis in den späten Herbst, ohne daß sie nur ein Mahl Schoten bekommen; saftige Wurzeln aber, als: Rüben (Turnips) und Rettige, gerathen wohl. Das Gras schießt auf 6 F. in die Höhe, und wächst so <34, 75> stark, daß es zuweilen im Sommer drey Mahl gemähet wird; daher ist das Rindvieh groß und fett, und gibt das ganze Jahr durch eine Menge Milch. Dieser Theil des Landes hat auch Holz genug; alles übrige aber, und besonders die Küste auf jeder Seite, ist sandig, steinig, oder morastig. Unter der fruchtbaren Erde liegt ein Bett von lauter hartem Eise, und unter diesem ein weicher wässeriger Lehm mit Sand. Acht Monathe im Jahre hat man Herbst und Winter; denn Frühling und Sommer dauern nicht länger, als vier Monathe. Die Bäume schlagen im Jun. aus, und verlieren ihre Blätter im August. Der Schnee liegt bis zu Ende des Maymonathes, und der Sommer ist nicht regenhaft, sondern so gar kalt. Die Morgen sind nebelig, und manchmahl bekommt man die Sonne in 14 Tagen hinter einander nicht zu sehen. Der Regen fällt sparsam und nur träufelnd; und Donner und Blitz, wenn sie sich ja einmahl zeigen, sind kaum merklich. Im Herbste ist die Witterung angenehmer und heiterer, ausser daß sie zu Ende des Sept. sehr stürmisch wird. Im Anfange des Nov. frieren die Flüsse zu; und in diesem und den folgenden beyden Monathen bläset der Wind gemeiniglich mit solcher Gewalt aus Südosten, daß man sich nur mit Mühe auf den Füßen erhalten kann. Dieser Wind treibt eine große Menge Eis in die Meer=Busen, an den südöstlichen Gegenden der Halbinsel, wie auch sehr viele Seebiber; daher dieses die Zeit ist, diese Thiere zu fangen.

Klassifizierung: 615.8 Einzelne Therapien und TherapieartenDDC-Icon Klassifizierung: 617.7 AugenheilkundeDDC-Icon Die Gewalt der Sonnenstrahlen, welche im Frühlinge von dem Schnee zurück prallen, ist so groß, daß die dortigen Einwohner so gelblich und verbrannt aussehen, als die Indianer, und zuweilen gar davon dlind werden, Einer von denen Russen, der zur Untersuchung des Landes ausgeschickt war, versicherte, daß er sich von den Schmerzen und der Entzündung <34, 76> der Augen, die aus dieser Ursache herrührte, gänzlich befreyet hätte, wenn er etwas Eyweiß, Campher und Zucker auf einem zinnernen Teller klein gerieben, es in ein Tuch gewickelt, und um den Kopf gebunden hätte.

Klassifizierung: 338.3 Andere GrundstoffindustrienDDC-Icon Klassifizierung: 338.52 PreiseDDC-Icon Der größte Vortheil dieses Landes besteht aus Pelzwerke und Fischen, und der größte Nachtheil aus dem Mangel an Eisen und Salz. Eine schlechte Axt kostet daselbst 2, und 1 Pfund Salz 4 Rubel.

Klassifizierung: 299.46 Religion der paläosibirischen VölkerDDC-Icon Klassifizierung: 551.2 Vulkane, Erdbeben, Thermalwässer und GaseDDC-Icon Kamtschatka hat viele heiße Quellen, in welchen das fahrenheit. Thermometer von 74 bis zu 188 stieg, und zwar zu einer Zeit, da es in freyer Luft nur auf den 49 Grad kam. Verschiedene dieser Quellen werfen ihr Wasser in Strahlen, wie Kunstwasser, 1 und 1 1/2 F. hoch, mit ziemlichem Geräusche aus. In einer gewissen Gegend, zwischen rauchenden Hügeln, sieht man aus einem Boden zwey dergleichen heiße Quellen entspringen, deren eine 35 F. weit und 11 F. tief, die andere aber 21 F. weit und 7 F. tief ist. Ihr Wasser kocht mit weißlichen Blasen auf, und macht ein so heftiges Geräusch, daß zwey Personen einander nicht verstehen können, wenn sie auch ihre Stimme noch so sehr erheben. Der Dampf davon ist so dick, daß man kaum 24 bis 30 F. weit vor sich sehen kann. Der Erdboden rings umher wird dermaßen von dem Wasser durchdrungen, daß er fast zum Morast wird, und man in Gefahr kommt, darein zu versinken. Das Wasser unterscheidet sich von andern Quellen dadurch, daß eine schwarze Materie, wie indianische Tusche, darauf schwimmt, welche sich so fest an die Finger legt, daß man sie nur mit großer Mühe wieder abwaschen kann. Alles dieses Wasser ist auch trübe, und riecht wie faule Eyer. Die Einwohner halten alle diese brennende Berge und Plätze, wo heiße Quellen entspringen, für Wohnungen der <34, 77> Geister, und nähern sich daher denselben nicht ohne großen Zwang, und mit der äussersten Furcht.

Ausser den heißen Quellen, findet man in Kamtschatka verschiedene Flüsse, welche niemahls zufrieren; und überhaupt gibt es fast keine, die nicht an einigen Orten flüssig blieben, ob sie gleich an andern Stellen zusrieren.

Klassifizierung: 549 MineralogieDDC-Icon Klassifizierung: 553.668 SchwefelDDC-Icon Es ist wahrscheinlich, daß dieses Land verschiedene Adern von Metall, vornehmlich aber Eisen und Kupfer in sich habe; allein, da die Kamtschadalen in der Bergwerkskunde ganz unwissend sind, und die Russen nicht sorgfältig genug nachgeforscht haben, so hat man bisher sehr wenig Erz entdeckt. Natürlicher Schwefel wird an vielen Flüssen gesammelt, und er tropft so gar ganz fein und durchsichtig von den Felsen in der Gegend von Olontoski herunter. Man findet denselben auch in den Kiesen, die an der ganzen Küste her zerstreut liegen; Kreide, Tripel und Ocher, sind an vielen Orten überflüssig. Um die heißen Quellen herum zeigt sich eine purpurfarbige Erde; und unter den Steinen in den Gebirgen findet man einige kleine rothe Krystalle. Bey einem gewissen Flusse findet man durchsichtige Steine, die man Flüsse nennt, von der Farbe wie schlechtes grünes Glas, woraus die Einwohner vormahls ihre Messer, Aexte, Lanzen und Pfeilspitzen zu schleifen pflegten. Auf dem Ufer trifft man eisenfarbige Steine an, die sich leicht schmelzen lassen, wie auch ganz und halb durchsichtige Steine bey den Quellen der Flüsse, welche die Russen Carneole nonnen. Kleine gelbe durchsichtige Steine werden an den Ufern verschiedener Flüsse, und bey Tomskoi viele Hyacinthe, gefunden. Auf den Seiten der Hugel, die von Erde entblößt sind, zeigt sich die Mondmilch (Lac lunae Morochtus) in großer Menge. Ambra, und eine Art von weichem Bolus, eines erdigen fetten Geschmackes, welcher ein vortreffliches <34, 78> Mittel gegen den Durchlauf ist, finden sich an der Seeküste und an den Ufern der Flüsse.

Klassifizierung: 667 Reinigungs-, Färbe-, Beschichtungstechniken, verwandte TechnologienDDC-Icon Klassifizierung: 641.2 Getränke DDC-Icon Klassifizierung: 662.65 Holz und HolzderivateDDC-Icon Klassifizierung: 641.34 Lebensmittel aus Obstanlagen und ForstwirtschaftDDC-Icon Klassifizierung: 674.1 Struktur, chemische Eigenschaften, Arten von SchnittholzDDC-Icon Klassifizierung: 583.73 RosalesDDC-Icon Das nutzbarste Holz, welches in Kamtschatka wächst, ist der Lerchenbaum, und die weiße Pappel, welche man zum Häuserbau, zum Pfahlwerke um die Wohnplätze, und zu Fahrzeugen von aller Art, gebraucht. Ob es gleich viele Birken gibt, so macht man doch weiter keinen Gebrauch davon, als zu Schlitten. Die Rinde aber streifen die Einwohner von den Birken, wenn sie noch grün sind, schneiden sie in dünne lange Stückchen, wie Nudeln, und essen sie mit getrocknetem Caviar. Sie lassen auch diese Rinde mit Birkensaft vergähren, woraus ein angenehmes Getränk wird. Weiden und Erlen sind das gemeine Brennholz in diesem Lande. Die Rinde der Weide braucht man zur Nahrung, und die von der Erle zum Färben des Leders. Sie haben auch den Padus foliis annuis L. welchen sie Tscheremowg nennen, und zwo Arten von Hagedorn, deren eine rothe, die andere schwarze Beeren trägt (Oxyacanthus fructu rubro & nigro), von welchen sie eine Menge zum Wintervorrath einsammeln. Der Speyerlingbaum (Sorbus) wächst hier auch sehr häufig, und sie haiten seine Frucht für eine der größten Leckerbissen unter dem Eingemachten.

Klassifizierung: 641.3 LebensmittelDDC-Icon Klassifizierung: 663.5 SpirituosenDDC-Icon Ihre vornehmste Nahrung besteht aus den Nüßchen der Slanza, welche überall auf Bergen und in Thälern wächst. Dieser Strauch ist von der Cedern=Art, nur viel kleiner, und kriecht beständig an dem Boden her, an statt in die Höhe zu wachsen. Seine Nüßchen sind viel kleiner, als der Ceder ihre, und die Kamtschadalen essen sie sammt den Schalen. Sie sowohl, als die wilden Kirschen des Tscheremowg, und die Beeren des Hagedornes, sind von sehr herbem Geschmacke, aber doch ein herrliches Mittel gegen den Scharbock. Die russischen Bootsleute wur<34, 79>den durch einen Trank, der theils vergohren, wie Bier, theils nur in heißem Wasser, wie Thee, von den Knospen der Slanza gemacht war, von dieser Krankheit glücklich befreyet. Die schwarzen Beeren von der Gimolost (Lonicera pedunculis bifloris, florib. infundibuliformibus, bacca solitaria, oblonga, angulosa) sind von einem nicht unangenehmen Geschmacke, fast wie neu gegohrnes Bier. Die Rinde dieses Strauches ist zum Branntweinbrennen nützlich, weil sie ihn stark und scharf macht. Der Wachholder=Strauch wächst hier überall; man gebraucht aber seine Beeren nicht, weil man Heidel= und andere Beeren genug hat, deren man sich, statt ihrer, sowohl zum Essen, als auch zum Abziehen des Brannt=Weines, bedient.

An manchen Orten begnügen sich die Einwohner mit Wurzeln und Kräutern, und ersetzen dadurch ihren Mangel an Brod und Fischen. Das vornehmste darunter ist die Saranne, eine Art von Lilien mit schwarzrothen Blumen, (Lilium flore atro-rubente Gmel.) aus der sie Grütze machen. Diese Pflanze und ihren Gebrauch werde ich im Art. Pfeil-IconLilie beschreiben. Des mannichfaltigen Gebrauches, den sie von dem Kipri (unserm Weiderich, Epilobium, Lysimachia purpurea,) machen, wird an seinem Orte Erwähnung geschehen.

Klassifizierung: 641.352 Knollen- und ZwiebelgemüseDDC-Icon Sie haben auch einen wilden Knoblauch (Allium foliis radicalibus petiolatis, florib. vmbellatis Gmel.), welcher ihnen sowohl zur Speise, als auch zur Arzeney, dient. Die Russen und Kamtschadalen sammeln ihn, hacken ihn klein, und trocknen ihn zum Vorrath im Winter, da sie ihn alsdann in Wasser kochen, und ein wenig gähren lassen, hernach aber eine Kräutersuppe daraus machen, die sie Schami nennen. Man hält den wilden Knoblauch für ein so sicheres Mittel gegen den Scharbock, daß man völlig <34, 80> ausser Gefahr zu seyn glaubt, wenn er im Frühlinge unter dem Schnee hervor sticht.

Klassifizierung: 616.39 Ernährungs- und StoffwechselkrankheitenDDC-Icon Die Cosacken, welche von dem Hauptmanne Spangenberg zur Erbauung der Chaluppe Gabriel gebraucht wurden, waren dermaßen mit dem Scharbocke behaftet, daß sie, so lange der Erdboden mit Schnee bedeckt war, kaum im Stande waren, zu arbeiten, oder nur einen Fuß aus der Stelle zu setzen; sobald aber die Anhöhen grün zu werden, und der wilde Knoblauch aufzukeimen anfing, aßen die Cosacken die jungen Sprossen desselben. Nach dem ersten Genusse wurden sie mit einem so abscheulichen Grinde und Blattern befallen, daß der Hauptmann glaubte, sie wären alle mit der schändlichen Krankheit, welche von dem Volke, das in Europa zuerst damit gestraft worden seyn soll, nähmlich den Franzosen, den Nahmen hat, behaftet; allein, nach 14 Tagen fiel aller Grind von selbst ab, und sie waren vom Scharbocke völlig befreyet.

Klassifizierung: 641.4 Konservierung und Lagerung von LebensmittelnDDC-Icon Klassifizierung: 641.3 LebensmittelDDC-Icon Unter die Gemüse der Kamtschadalen gehört auch die Schelmina, eine Art von Geißblatt (Vlmaria fructibus hispidis). Die Wurzel, der Stiel und die Blätter haben eine sehr adstringirende Kraft. Die Russen und Kamtschadalen essen sie im Frühlinge. Die Wurzel wird bis zum Winter aufgehoben, alsdann gestampft, und wie Grütze gegessen. Ihr Geschmack hat einige Gleichheit mit den Pistacien. Die Morkowai pouschky, (unser Kerbelkraut, Chaerophyllum,) oder so genannten gelben Möhrenbüschel, weil sie sowohl am Kraute, als auch am Geschmacke, den gelben Möhren gleichen, isset man gleichfalls im Frühlinge noch grün; man macht es auch wie Sauer=Kraut ein, oder brennt Branntwein daraus.

Die Kotkonia (Tradescantia fructu molli eduli) wächst an den Ufern der Flüsse sehr häufig. Die Kamtschadalen essen die Wurzel dieser Pflanze sowohl frisch, als auch getrocknet, mit Caviar. Die Frucht, welche von der Größe einer wälschen Nuß, weich, fleischicht, und von einem angenehmen Geschmacke, wie ein guter Apfel, ist, muß, so bald sie gebrochen <34, 81> wird, gegessen werden; denn sie ist so zärtlich, daß sie in Einer Nacht verdirbt.

Die Ikume oder Schlangenwurzel (Serpentaria) wächst in Menge, sowohl auf den Hügeln, als auch in den Thälern. Die Kamtschadalen essen sie frisch und getrocknet, mit Caviar zerstoßen. Ihr Saft ist nicht so adstringirend, als in Europa, und schmeckt wie eine Nuß.

Die übrigen Pflanzen, deren sich die Einwohner zur Nahrung bedienen, sind sehr zahlreich; denn sie verschmähen nichts, sondern essen alles, was sie nur hinunter schlucken können, auch so gar die dürresten Kräuter, als: Ser=Mos, und die garstigsten und halb versaulten Pilze, welches nothwendig zuweilen höchst schädlich ist.

Klassifizierung: 615.8 Einzelne Therapien und TherapieartenDDC-Icon Klassifizierung: 615 Pharmakologie und TherapeutikDDC-Icon Zu ihren Arzeneykräutern gehören: 1. Kailun, eine Pflanze, welche in allen Sümpfen an den Flüssen gefunden wird. Die Einwohner bedienen sich derselben als eines Pflasters auf Beulen, um sie zur Suppuration zu bringen. Von den davon gekochten Tränken glauben sie, daß sie den Schweiß erregen, und dadurch alle üble Säfte abführen. 2. Die Tschaban, (Dryas florib. pentapetalis. foliis pinnatis L.) woraus sie Tränke in allen Krankheiten und Schwülsten der Füße machen. 3. Die Katunatsch, (Kalmia, Chamaedaphne, Andromeda foliis ouatis venosis L.) oder der wilde Rosmarin, welcher hier nicht so herbe ist, als in andern Gegenden; die Einwohner halten sie für sehr heilsam in der Lustseuche. 4. Die See=Eiche, welche von den Wellen an das Land geworfen wird; sie wird mit dem so genannten süßen Kraute, (Bärenklau, Heracleum foliis pinnatifidis L.) gekocht, und man nimmt den Trank davon gegen den Durchlauf. 5. Die Seehimbeeren, gibt man den Weibern, die Geburt zu befördern. 6. Jaschanga, eine Meerpflanze, die dem Barte eines Wallfisches <34, 82> gleicht. In kaltem Wasser geweicht, gebraucht man es wieder die Kolik. 7. Omeg, oder der Wasser=Schierling (Cicuta aquatica L.), wächst an allen Ufern und Küsten. Sie gebrauchen ihn äusserlich gegen Rückenschmerzen, folgender Gestalt. Man legt den Kranken in eine sehr heiß gemachte Hütte, und reibt ihm, wenn er stark zu schwitzen anfängt, den Rücken mit diesem Kraute, nimmt sich aber sehr in Acht, seine Lenden damit zu berühren, weil sie glauben, daß ein plötzlicher Tod darauf erfolgen müßte, da hingegen auf obige Weise der Leidende schleunige Hülfe erhält. 8. Zgate, eine Art von Anemonen oder Ranunkeln. Sie bestreichen ihre Wurfspieße und Pfeile mit dem aus der Wurzel dieser Pflanze gepreßten Safte, welcher so giftig ist, daß die geringste Wunde, welche damit gemacht wird, tödlich ist, und der Verwundete in zwey Tagen unfeblbar stirbt, wenn das Gift nicht augenblicklich ausgesogen wird. Die größten Wall=Fische, wenn sie nur eine geringe Wunde von einem solchen Wurfspieße bekommen haben, können nicht länger die See halten, sondern werfen sich auf das Ufer, und sterben daselbst unter schrecklichem Winseln und Gebrülle.

Klassifizierung: 677 Textilien DDC-Icon Klassifizierung: 679 Andere Produkte aus einzelnen Arten von WerkstoffenDDC-Icon Folgende Pflanzen sind zur Kleidung und zu allerley Hausgeräthe dienlich. Auf der Seeküste wächst eine weißliche hohe Pflanze, die dem Weitzen gleicht, woraus sie Matten flechten, die ihnen zu Decken und Vorhängen dienen. Die besten derselben sind von verschiedenen Farben, und darein sehr schmahl gespaltene und gefärbte Wallfischbärte eingeflochten. Sie machen auch Mäntel davon, wie die alten russischen gewalkten Mäntel, welche inwendig glatt und auswendig rauch sind, damit der Regen desto besser davon ablaufe. Das artigste von dieser Art Arbeit, sind die kleinen Taschen und Körbe, in welchen die Weiber ihre Spielsachen verwahren. Sie sind so <34, 83> nett gearbeitet, daß man glauben sollte, sie wären aus gespaltenem Rohre geflochten, und mit verschiedentlich gefärbten Pferdehaaren und Wallfischbärten geziert. Von der noch grünen Pflanze verfertigen sie große Säcke, ihren Wintervorrath an Fischen, Kräutern und Wurzeln darin aufzubehalten; auch gebrauchen sie dieselbe zum Dachstroh ihrer Häuser und Hütten. Sie mähen es mit einer Sense ab, die aus dem Schulterblatte eines Wallfisches gemacht ist, welche sie durch Reiben auf einem Steine so gut zu wetzen wissen, daß sie scharf genug wird.

Klassifizierung: 203.8 Riten und ZeremonienDDC-Icon Klassifizierung: 391.3 Kleidung für KinderDDC-Icon Klassifizierung: 299.46 Religion der paläosibirischen VölkerDDC-Icon In morastigen Gegenden findet man eine Pflanze, die der Cyperwurzel oder dem wilden Galgante gleicht. Diese bereiten sie mit einem beinernen zweyzähnigen Kamme, um ihre Kinder, statt des Hemdes und der Windeln, darein zu wickeln. Sie winden sie auch um ihre Beine, statt der Strümpfe. Die Weiber umwinden auch den bloßen Leib damit, und glauben, daß die Wärme dieser Pflanze sie fruchtbarer mache. Es dient auch, um Feuer anzumachen, indem es gar leicht in Brand geräth. An großen heiligen Tagen binden sie Kränze davon an die Köpfe und Hälse ihrer Götzen; und wenn sie ein Opfer thun, oder ein wildes Thier tödten, geben sie allezeit einige dieser Pflanzen zur Aussöhnung, damit die Anverwandten des getödteten Thieres besänftiget werden möchten. Vormahls thaten sie dieses auch mit den Köpfen ihrer erschlagenen Feinde, und nachdem sie dieselben mit dergleichen Kränzen ausgeziert hatten, nahmen sie noch einige Zaubereyen vor, und steckten sie endlich auf Pfähle. Die Cosacken nennen diese Pflanze Tonschitze.

Klassifizierung: 677 Textilien DDC-Icon Unter allen Pflanzen ist ihnen keine so allgemein nützlich, als die Nessel; denn weil sie nichts von Hanf oder Flachs haben, würden sie auch an demjenigen, was nöthig ist, Netze zum Fischen, welches zu ihres <34, 84> Lebens Unterhalte unumgänglich nöthig ist, zu stricken, Mangel leiden, wenn sie diese nicht hätten. Sie hauen sie im Aug. und Sept. ab, und legen sie in Bündeln zum Trocknen in den Schatten. Bey dem Zurichten spalten sie dieselben mit ihren Zähnen, ziehen die Haut ab, und bläuen sie. Alsdann werden sie gehechelt, und aus der Hand an Spindeln gesponnen. Den ersten einfachen Faden brauchen sie zum Nähen; zu Netzen wird doppelter und dreyfacher genommen, welcher aber dem ungeachtet nie über einen Sommer lang dauert. Sie sind in dieser Art von Handarbeit noch sehr ungeschickt; denn sie weichen ihre Nesseln nicht ein, und kochen auch ihr Garn niemahls aus.

Klassifizierung: 636.2 Wiederkäuer und Camelidae; Bovidae; RinderDDC-Icon Klassifizierung: 636.1 Einhufer; PferdeDDC-Icon Klassifizierung: 636.0882 LasttiereDDC-Icon Klassifizierung: 636.7 Hunde DDC-Icon Klassifizierung: 799.234 Jagd mit HundenDDC-Icon Die vornehmsten Reichthümer von Kamtschatka bestehen in der großen Anzahl wilder Thiere, unter welchen Füchse, Zobel, Steinfüchse, Murmelthiere oder Bergratzen, Hasen, Hermeline, Wiesel, Wölfe, Rennthiere, wilde und zahme, wie auch Steinböcke, sind. Von zahmen Thieren, hat man Hunde, welche im Winter, so lange der Schnee liegt, zum Schlittenziehen gebraucht, und mit Fischgräthen gefüttert werden; s. Th. XXVI, Pfeil-IconS. 386, fgg. Diejenigen Hunde, die zur Jagd der Rennthiere, Steinböcke, Zobel, Füchse etc. abgerichtet werden, füttert man zuweilen mit dem Fleische der Dohlen, weil man bemerkt hat, daß sich dadurch ihr Geruch, wilde Thiere und Geflügel auszuspüren, verstärkt. Ausser den Hunden hat man hier auch Kühe und Pferde, aber nur wenig Schafe, denn es mangelt an Weide für sie.

Klassifizierung: 639.2 Kommerzieller Fischfang, Walfang, RobbenfangDDC-Icon Klassifizierung: 641.39 Wild und MeeresfrüchteDDC-Icon Von Wasserthieren findet man in Kamtschatka einige, die in süßem Wasser, Seen und Flüssen leben, als: Fischotter; andere, die sowohl im süßen als im Salz=Wasser leben, als: Seehunde; und noch andere, die sich nie im süßen Wasser finden lassen, als: See=Biber, Seebären, Seekühe, und andere. Ob schon <34, 85> die Menge solcher Thiere, die im Wasser und auf dem Lande leben, der Wall= und anderer Fische sehr groß ist, und die Kamtschadalen sowohl das Fleisch, als auch den Thran von allen essen, so werden doch die Lebensmittel bey ihnen manchmahl so selten, daß ganze Dörfer vor Hunger aussterben. Denn kein Fisch bleibt länger in und um Kamtschatka, als 6 Monathe lang im Jahre, ausgenommen kleine Gründlinge; und doch sterben auch alle davon, die nicht gefangen werden, vor dem Ende des Dec., nur einige wenige nicht, die einen Schlupfwinkel in großen Tiefen finden, wo warme Quellen sind. Dennoch hat man hier rerschiedene Arten von Fischen, die auch in andere Seen gewöhnlich sind, vornehmlich: Aale, Hechte, Lampreten, Stockfische und sehr gute Schollen, auch Zungen in großer Menge; die Einwohner aber essen diese Fische nur in der größten Noth, und gebrauchen sie, ihre Hunde damit zu füttern. Im Sommer kommen verschiedene Arten von Lachsen in ganzen Geschwadern aus der See, und die Ströhme hinauf; von diesen machen sie das so genannte Eukol, welches sie statt des Brodes gebrauchen, das ausgekochte Fett aber vertritt die Stelle der Butter. Es wird auch ein Leim daraus gekocht. Ihren Fang werde ich an seinem Orte beschreiben. Unter den kleinen Fischen, welche die Kamtschadalen essen, sind dreyerley Arten von Spieringen, oder See=Aalraupen, darunter die eine, Wiki genannt, gar oft in solcher Menge an die Küste geworfen wird, daß ein Strich von 100 Wersten in die Länge mit großen Haufen derselben bedeckt ist. Sie trocknen zwar diesen Fisch gemeiniglich nur zum Futter ihrer Hunde, in Nothfällen aber essen sie selbst davon, obgleich sein Geschmack sehr unangenehm ist. Der Häring findet sich im größten Ueberfluß in dem östlichen Meere, in den Bayen des peschinskischen Meerbusens aber nur <34, 86> selten. Im Herbste findet man sie in großen Seen, wo sie leichen und überwintern, und im Frühlinge gehen sie in das Meer. Der größte Fang derselben ist im See Wiliutschin, welcher nur 50 Ruthen weit vom Meere liegt, und mit demselben durch einen kleinen Ausgang Gemeinschaft hat. Wenn diese Häringe in den See kommen, wird der Paß von dem Trieb=Sande hinter ihnen verschlossen, und also bleiben sie darin bis zum März, da das hohe Wasser, welches aus dem geschmolzenen Schnee entsteht, den Sand wieder abführt. Die Häringe kommen alle Tage an die Mündung des kleinen Ausflusses, und bleiben da vom Morgen bis zum Abend, da sie wieder in den tiefen See zurück kehren. Die Kamtschadalen hauen Löcher in das Eis; bey der Mündung des Ausflusses, worin sie ihre Netze legen, und also eine große Menge derselben fangen. Die Fischerey dauert so lange, als das Eis in dem See bleibt. Man fängt sie auch mit Netzen im Sommer an den Mündungen der Flüsse, und bratet das Fett aus, welches so weiß wie Butter, und viel schmackhafter, als das von allen andern Fischen, ist, daher es auch vom untern Kamtschatka=Fort, wo man das meiste zubereitet, als ein köstliches Geschenk an andere Orte verschickt wird.

Geflügel ist in großer Menge, von allerley Arten vorhanden; weil aber die Kamtschadalen dasselbe nicht recht zu fangen wissen, so hilft es ihnen nichts in Hungersnoth. Unter den Seevögeln sind Meertaucher, Seekrähen, die grönländischen Tauben, der Sturm=Vogel, der Wasserrabe, Schwäne, Gänse, und verschiedene Arten Aenten, von denen die meisten im Frühlinge kommen, und im Herbste wieder weg ziehen. Es gibt Wasserhühner, Schnepfen, und kleine Vögel, in unzähliger Menge. Unter den Landvögeln sind Adler, Geyer, Falken, Eulen, Raben, Krähen, Elstern, Guckgucke, Wassersperlinge, Haselhühner, <34, 87> Repphühner, Drosseln, Lerchen, Schwalben, und verschiedene andere kleine Vögel, deren Erscheinung die Kamtschadalen im Frühlinge mit Ungeduld erwarten, und alsdann ihr Neujahr feyern.

Klassifizierung: 648.7 SchädlingsbekämpfungDDC-Icon Klassifizierung: 398.353 Menschlicher Körper, Persönlichkeit, menschliche Eigenschaften, AktivitätenDDC-Icon Da Kamtschatka voll Seen und Moräste ist, so würden die ungeheuern Schwärme von Insecten das Leben im Sommer unerträglich machen, wenn die häufigen Regengüsse und Winde dieselben nicht verminderten. Der Maden gibt es so viele, daß sie eine gewaltige Verwüstung unter den Lebensmitteln anrichten, vornehmlich um die Zeit, wenn man die Fische für den Winter zubereitet, welche zuweilen von ihnen gänzlich verdorben werden. In den Monathen Jun. Jul. und Aug., wenn die Witterung heiter ist, werden die kleinen Mücken, welche man Muskitos nennt, äusserst beschwerlich. Allein, die Einwohner leiden nicht viel von ihnen; denn um diese Zeit sind sie wegen der Fischerey auf der See, wo man, wegen der Kälte und des streichenden Windes, wenig von diesem Ungeziefer antrifft. Erst seit kurzem haben sich Wanzen am Flusse Awatscha sehen lassen, die in Kisten und Kleidern dahin gebracht worden sind; in Kamtschatka aber kennet man sie noch nicht. Wegen der nassen Witterung und der öftern Stürme, sieht man hier wenig Schmetterlinge, ausgenommen in einigen Wäldern nahe bey dem obern Kamtschatka=Ostrog, wo es von ihnen wimmelt. Man hat beobachtet, daß ganze Schwärme solcher Zweyfalter 30 Werste weit vom Ufer auf Schiffe gefallen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Thierchen von den in dortiger Gegend so gewöhnlichen starken Winden in die See getrieben, und durch ihre Gewalt schwebend erhalten. Spinnen gibt es so wenig in Kamtschatka, daß die jungen Weiber, welche gern Kinder hätten, und sich einbilden, daß sie Spinnen verschlucken müssen, wenn sie fruchtbare und leicht ge<34, 88>bärende Mütter werden wollen, große Mühe haben, sie aufzusuchen. Die größte Plage der Einwohner sind die Läuse und Flöhe in ihren Hütten, wovon die Weibspersonen am meisten leiden, weil sie sehr lange, und manchmahl falsche, Haare tragen.

Klassifizierung: 398.369 TiereDDC-Icon Es gibt in Kamtschatka weder Frösche, noch Kröten, noch Schlangen, dagegen aber viele Eidechsen, und die Einwohner betrachten sie als Kundschafter, die von den unterirdischen Mächten herauf geschickt werden, um von ihrem Leben und Tode Bericht abzustatten. Sie zerhacken daher alle diese Thiere, die sie zu sehen bekommen, in kleine Stücke, damit sie keine Bothschaft zurück bringen können. Wenn ein solches Thier lebendig entrinnt, so gerathen sie darüber in die größte Furcht und Schrecken, bis zur Verzweiflung, und befürchten, alle Augenblicke zu sterben, welches sich wirklich aus allzu großer Gemüths=Beängstigung zuweilen zuträgt.

Klassifizierung: 305.90691 Personen mit einem durch Wechsel des Aufenthaltsorts definierten StatusDDC-Icon Was die eingebornen Einwohner in Kamtschatka, und ihre Sitten und Gewohnheiten, betrifft, so sind dieselben so wild, als das Land selbst. Einige derselben haben keine beständige Wohnsitze, sondern wandern mit ihren Heerden von Rennthieren, von einem Orte zum andern, im Lande herum. Andere aber haben ihre Wohnungen an einem Orte, als: an der Küste des penschinskischen Meerbusens, und an den Flüssen, aufgeschlagen, und leben von Fischen und Seethieren, und von solchen Gewächsen, die das Ufer hervor bringt. Die erstern bedienen sich gewisser Hütten, die mit Rennthierfellen bedeckt sind, die andern graben die ihrige in die Erde, beyde auf eine sehr barbarische Weise. Ihre Gemüthsbeschaffenheit und Neigungen sind roh, und sie sind in allen Wissenschaften und der Religion ganz unerfahren.

Man theilt die Eingebornen in drey verschiedene Völker, nähmlich: die Kamtschadalen, Koräken und <34, 89> Kurilen. Die Kamtschadalen leben an der Südseite des Vorgebirges von Kamtschatka, von der Mündung des Flusses Ukoi an, bis an die kurilische Erdspitze, und auf der ersten kurilischen Insel Schumtsu. Die Koräken bowohnen den nördlichen Theil an der Küste des penschinskischen Meerbusens, bis an den Fluß Kuktschan und um den östlichen Ocean herum, fast bis an den Strohm Anadir. Die Kurilen besitzen die zweyte, nebst den übrigen Inseln in dieser See, bis nach Japan oder Niphon hin. Von beyden letztern Völkern werde ich an seinem Orte ein Mehreres sagen.

Die Kamtschadalen kann man wieder in die nördlichen und südlichen eintheilen. Die nördlichen, welche längst dem Flusse Kamtschatka an der Küste des östlichen Oceanes, bis an die Mündung des Flusses Ukoi, und südwärts bis an die Mündung des Flusses Nalatschewa, leben, kann man als das Hauptvolk betrachten; ihre Sitten sind geläuterter, und ihre Sprache scheint überall einerley zu seyn, da hingegen die andern auf jeder Insel eine verschiedene Mundart haben. Die südlichen wohnen längst der Küste des östlichen Meeres vom Flusse Nalatschewa an, bis an die kurilische Erdspitze, und von da längst dem penschinskischen Meerbusen nordwärts, bis an den Fluß Hariowsskowa.

Klassifizierung: 340.5 RechtssystemeDDC-Icon Ehe die Russen dieses Land eroberten, lebten die Einwohner in einer vollkommenen Freyheit, hatten keinen Oberherrn, waren keinen Gesetzen unterworfen, und bezahlten keinen Tribut. Nur die Greise, und diejenigen, welche sich durch ihre Tapferkeit am meisten hervor gethan hatten, standen in ihren Dörfern in größerm Ansehen; keiner aber hatte ein Recht, Befehle zu geben oder Strafen aufzulegen. Sie empfanden den Verlust dieser Freyheit so sehr, daß das Land beynahe durch den Selbstmord wäre verödet wor<34, 90>den; und die Russen hatten die größte Mühe, ihn zu hemmen. Allein, ungeachtet sie keine eigentliche Gesetze hatten, weil man von keinem Oberherrn und Gesetzgeber wußte, so hatten sie doch gewisse Gebräuche, die denselben ähnlich waren. „Einem Beleidigten muß Genugthuung geleistet werden. Einer, der den andern um das Leben bringt, wird von den Verwandten des Entleibten wieder hingerichtet. Diebe wurden bey dem ersten Verbrechen zur Ersetzung angehalten, von der übrigen Gesellschaft ausgeschlossen, und mußten ohne allen Beystand in einer Wüste allein leben; und bey dem andern wurde ihnen zur Strafe die Hand abgebrannt.” Sind dieses nicht die Gesetze der Natur, ohne einen Grotius und Puffendorf?

Ob sie gleich, dem äussern Ansehen nach, den andern Einwohnern in Sibirien gleichen: so sind doch die Kamtschadalen darin unterschieden, daß ihre Gesichter nicht so lang sind, als der andern Sibirier ihre, daß ihre Backen mehr hervor stehen, ihre Zähne stark, der Mund groß, die Statur mittelmäßig, und die Schultern breit sind, vornehmlich bey denen, die an der Küste wohnen.

Klassifizierung: 391.6 Äußeres ErscheinungsbildDDC-Icon Klassifizierung: 394.8 Duellieren und SelbstmordDDC-Icon Ihre Lebensart ist äusserst schmutzig; sie waschen niemahls ihr Gesicht und die Hände, schneiden auch die Nägel nicht ab. Sie essen aus Einer Schüssel mit ihren Hunden, und scheuern sie niemahls aus. Alles um sie her stinkt nach Fischen. Sie kämmen ihre Haare nie, sondern sowohl Männer als Weiber pflegen sie nur in zwey Locken zu falten, und die Enden mit dünnen Schnüren zu binden; wenn ein Schopf Haare heraus geht, machen sie es nicht wieder hinein, und knüpfen es von neuem, sondern stopfen nur das straubige Haar unter das andere. Durch diese Unreinlichkeit ziehen sie sich so viele Läuse zu, daß sie ganze Fäuste voll auf einmahl abkratzen, und säuisch <34, 91> genug sind, sie so gar aufzufressen. Diejenigen, welche dünnes Haar haben, beladen ihren Kopf mit falschen Haaren, welche zuweilen 10 Pfund schwer wiegen, daher ihr Kopf wie ein Heuschober aussieht. Ihr größtes Vergnügen besteht in dem Müßiggange, und in der Befriedigung ihrer sinnlichen Lüste; dadurch werden sie auch zum Tanzen, Singen und Erzählungen von Liebesgeschichten geneigt. Sie halten es für das größte Unglück und Elend, wenn sie diese Ergetzlichkeiten entbehren müssen, und ziehen den Tod einem unangenehmen Leben vor, wodurch sie oft zum Selbstmord verleitet werden. Sie haben keinen Begriff von Reichthum, Ruhm und Ehre; daher sind auch Geitz, Stolz und Ehrgeitz unter ihnen unbekannt. Auf der andern Seite sind sie sorgenlos, wollüstig und grausam, und aus diesen Lastern entstehen gar oft Streitigkeiten und Kriege, zuweilen unter ihnen selbst, und manchmahl mit ihren Nachbarn, wegen Entführung der Lebensmittel und vornehmlich der Mädchen, die hier, als die kürzeste Weise zu einer Frau zu gelangen, gar sehr im Schwange geht.

Klassifizierung: 381 HandelDDC-Icon Ihr Handel hat nicht sowohl zur Absicht, Reichthümer zu erlangen, als vielmehr, sich die Nothwendigkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen. Sie verkaufen an die Koräken Zobel, Fuchs= und weiße Hunds=Häute, getrocknete Erd=Schwämme und dergleichen Kleinigkeiten, und empfangen dagegen Kleider aus Rennthier= und andern Häuten; unter sich selbst aber vertauschen sie das Ueberflüssige mit dem Nothwendigen, als: Hunde, Boote, Schüsseln, Tröge, Netze, Hanf, Garn und Lebensmittel. Diese Art von Tausch wird unter dem Scheine einer guten Freundschaft vollzogen. Denn wenn einem etwas fehlt, das ein Anderer hat, so kann er frey zu ihm gehen, ihn besuchen und ihm seinen Mangel entdecken, wenn er auch gleich keine Bekannt<34, 92>schaft mit ihm gehabt hat. Der Hauswirth, den er besucht, muß ihn, nach Gewohnheit des Landes gastfrey aufnehmen, und herbey bringen, was sein Gast verlangt, und es ihm überlassen. Allein, er erwiedert darauf den Besuch, und wird auf gleiche Weise begegnet. Solcher Gestalt werden die Bedürfnisse auf beyden Seiten mit einander ausgewechselt.

Ihre Sitten sind ganz rauh. Sie bedienen sich niemahls eines höflichen Ausdruckes, oder eines Grußes. Ihre Unterredung ist dumm, und verräth sogleich die größte Unwissenheit. Gleichwohl sind sie doch gewisser Maßen neugierig, und bey manchen Gelegenheiten nachforschend.

Klassifizierung: 529 ChronologieDDC-Icon Sie halten keine Rechnung von ihrem Alter, ob sie gleich bis 100 zählen können; dieses wird ihnen aber so schwer, daß sie ohne Hülfe ihrer Finger nicht über 3 kommen. Es ist sehr lustig, wenn man sie über 10 rechnen sieht; denn wenn sie die Finger beyder Hände zusammen gezählt haben, legen sie dieselben zusammen, welches 10 bedeutet; alsdann fangen sie mit den Zehen an, und rechnen bis auf 20; nach diesem aber werden sie ganz verwirrt, und rufen: Matcha? (d. h. Wie soll ich weiter kommen?). Die Unzählbarkeit deuten sie durch das Sinken der Finger, oder dadurch, daß sie sich in die Haare greifen, an. Sie zählen 10 Monathe im Jahre, von denen einige länger, andere kürzer sind; denn sie ordnen dieselben nicht nach den Veränderungen des Mondes, sondern nach gewissen Begebenheiten, die sich hier eräugnen, wie man aus folgendem Verzeichnisse ersehen kann. 1. Reinigung von Sünden; denn in diesem Monathe, welches unser November ist, haben sie einen Feyertag zur Reinigung von Sünden. 2. Der Axtbrecher, wegen des starken Frostes. 3. Anfang der Hitze. 4. Die Zeit des langen Tages. 5. Der Vorbereitungsmonath. 6. Der Rothfischmonath. 7. Der <34, 93> Weißfischmonath. 8. Der Kaikofischmonath. 9. Der große Weißfischmonath. 10. Der Monath des abfallenden Laubes. Dieser letztere Monath dauert bis in den Nov. oder den Reinigungsmonath, und ist fast so lang, als drey der unsrigen. Diese Nahmen aber sind nur unter den Einwohnern an dem Kamtschatka=Strohme üblich. Die nördlichen Einwohner gebrauchen folgende Benennungen: 1. Der Monath vom Zufrieren der Flüsse. 2. Der Jagdmonath. 3. Der Monath der Reinigung von Sünden. 4. Der Axtbrecher, wegen des gewaltigen Frostes. 5. Die Zeit des langen Tages. 6. Die Werfzeit der Seebiber. 7. Die Werfzeit der Seehunde. 8. Die Werfzeit der zahwen Rennthiere. 9. Die Werfzeit der wilden Rennthiere. 10. Der Anfang der Fischerey. Ihre übrige Eintheilung der Zeit ist ganz besonders. Sie machen aus Einem Jahre zwey; das eine ist der Winter, und das andere der Sommer; jener fängt im May, und dieser im Nov. an. Die Tage werden durch keine besondere Benennung unterschieden, auch weder in Wochen, noch in Monathe abgetheilet; sie wissen auch nicht, wie viel Tage in einem Monathe oder Jahre sind. Ihre ganze Zeitrechnung bestimmen sie nach gewissen merkwürdigen Begebenheiten, z. B. die Ankunft der Russen, der große Aufruhr, oder die erste Unternehmung auf Kamtschatka. Sie wissen eben so wenig vom Schreiben, weder durch Buchstaben, noch durch Bilder, oder hieroglyphische Zeichen, die eine Bedeutung haben, um das Gedächtniß einer Sache zu erhalten. Alle ihre Wissenschaft besteht also in einer mündlichen Ueberlieferung, welche in Ansehung dessen, was vor langer Zeit geschehen ist, gar bald ungewiß und fabelhaft wird. Wenn sich eine Sonnenfinsterniß zuträgt, bringen sie Feuer aus den Hütten, und bitten das große Weltlicht zu scheinen, wie zuvor.

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Klassifizierung: 370 Bildung und Erziehung DDC-Icon Klassifizierung: 352.2 VerwaltungsorganisationDDC-Icon Ob gleich ihre Lebensart höchst ekelhaft und schmutzig ist, so wie alle ihre Handlungen äusserst dumm sind, so halten sie sich doch selbst für das glücklichste Volk in der Welt, und sehen die Russen, die sich unter ihnen niedergelassen haben, mit Verachtung an. Doch scheint diese Meinung sich jetzt ein wenig zu verändern; denn die Alten, die auf ihren Sitten hartnäckig bestanden, gehen nach und nach mit Tode ab, und die Jungen, die sich zur christl. Kirche bekehrt haben, nehmen allmählich die russischen Sitten an, und verachten die Barbarey und den Aberglauben ihrer Vorfahren. In jedem Ostrog, oder großen Dorfe, ist auf kaiserl. Befehl ein Oberbefehlshaber gesetzt, der in allen Fällen der oberste Richter ist, diejenigen ausgenommen, welche Leben und Tod betreffen. Nicht allein diese obrigkeitliche Personen, sondern auch das gemeine Volk, haben ihre eigene Gebäude zum Gottesdienst. Man hat auch fast an allen solchen Orten Schulen angelegt, in welche die Kamtschadalen ihre Kinder mit großem Vergnügen schicken, woraus man hoffen kann, daß ihre vorige Barbarey bald abnehmen werde.

Sie haben zu allen Zeiten, so wie jetzt, in beständigen Dörfern gewohnt, die sie vormahls mit Erd= oder Steinwällen, oder Pallisaden, einiger Maßen befestigten, weswegen sie von den Russen Schanzen (Ostroschoki) genannt wurden, und diese Benennung, ob gleich die Bewehrung verbothen ist, behalten haben. Jede Familie hat eine Winter=und Sommer=Hütte, welche man im XXVII Th. Pfeil-IconS. 347, fgg. beschrieben, und Fig. 1569 Pfeilicona) und Pfeiliconb) abgebildet findet.

Klassifizierung: 674.8 HolzprodukteDDC-Icon Klassifizierung: 623.441 Vor dem Aufkommen der Feuerwaffen entstandene WaffenDDC-Icon Klassifizierung: 641.7 Einzelne Abläufe beim Kochen und Arten der ZubereitungDDC-Icon Klassifizierung: 643 Wohnen und HaushaltsaustattungDDC-Icon Ihr ganzer Hausrath besteht in Schüsseln, Schalen, Trögen und Kannen; diese letzten sind aus Birkenrinde, und alles übrige ist aus Holz gemacht. Vor der Ankunft der Russen bedienten sich die Kamtschadalen der Steine und Knochen, statt der Metalle, <34, 95> aus denen sie Aexte, Wurfpfeile, Bogen, Nadeln und Spieße machten. Ihre Aexte bestanden aus den Knochen der Wallfische und Rennthiere, zuweilen auch aus Achat und Kiesel. Sie hatten die Gestalt eines Keiles, und waren an gekrümmte Handhaben befestigt. Damit höhlten sie ihre Kähne (Canoen), Schalen und Tröge aus; allein nur nach so viel angewendeter Mühe und Zeit, indem ein Kahn 3 Jahre, und eine große Schale wohl 1 Jahr Zeit erforderte; daher stand bey ihnen ein Kahn, oder ein Trog, in so großer Achtung, als bey uns ein Gefäß von dem kostbarsten Metalle und der vortrefflichsten Arbeit. Ein ganzes Dorf, welches ein solches Stück besaß, bildete sich recht was darauf ein, besonders wenn es eine Schale hatte, daraus man mehr als Einen Gast bewirthen konnte. In diesen Schalen richten sie ihre Speisen zu, und kochen sie darin; denn ungeachtet sie hölzern sind, so schadet ihnen doch das Feuer nicht. Ihre Weise ist, sie mit heißem Wasser anzufüllen, das Essen hinein zu legen, und dann so viel glühende Steine hinzu zu werfen, bis das Essen gar ist. Sie hatten jedoch Messer, um Eßwaaren und andere weiche Dinge zu zerschneiden, von einer Art eines grünlichen Krystalles. Aus diesen machten sie auch Pfeil= und Lanzen=Spitzen und Lauzetten, mit denen sie noch jetzt Ader zu lassen pflegen. Die Nähnadeln bereiteten sie aus Zobelknochen, mit welchen sie nicht nur ihre Kleider zusammen näheten, sondern auch künstliche Stickerey verfertigten. Ihr Feuer machten sie folgender Maßen an, daß sie ein Stück trocknes Holz nahmen, kleine Löcher hinein bohrten, und alsdann einen dünnen runden Stock so lange darin herum dreheten, bis es Feuer fing. An statt des Zunders bedienten sie sich des dürren und weich geklopften Grases. Diese Feuerzeuge wurden so werth gehalten, daß sie dieselben beständig bey sich führten, und sie <34, 96> weit höher schätzten, als unsern Feuerstahl und Stein; andern eisernen Werkzeugen hingegen, vornehmlich Aexten, Messern und Nähnadeln, trachteten sie eifrig nach; ja, bey der ersten Ankunft der Russen wurde ein Stück Brucheisen für ein großes Geschenk angesehen, und noch jetzt nehmen sie es mit Danke an, denn sie wissen das kleinste Stückchen wohl zu brauchen, und machen Pfeil= und Wurfspieß=Spitzen davon, welche sie zwischen zwey harten Steinen kalt schmieden. Alle Einwohner dieser Wüsteneyen trachten sehr nach dem Eisen, und wissen es wohl zu behandeln. Da doch einige unter ihnen zum Kriege geneigt sind, so ist den russischen Kaufleuten verbothen worden, ihnen Kriegsgeräthe zu verkaufen; aber sie sind selbst so geschickt, aus den eisernen Kesseln, die man ihnen verkauft, Pfeile und Spieße zu schmieden; ja, ihre Geschicklichkeit geht so weit, daß sie, wenn das Oehr von einer Nädel abgebrochen ist, ein neues daran machen, und dieses so lange thun, bis nichts mehr übrig bleibt, als die Spitze.

Klassifizierung: 623.8 Schiffstechnik und NautikDDC-Icon Sie haben zweyerley Arten von Booten; die eine wird Koaschtahta, die andere schlechthin Tahta, genannt. Die erste Art ist von unsern gewöhnlichen Fischerbooten in nichts unterschieden, ausser daß das Vorder= und Hintertheil höher, und die Seiten niedriger sind. Die Tahta hat Vorder= und Hintertheil von gleicher Höhez die Mitte ist nicht auswärts, sondern einwärts gebogen, wodurch viele Unbequemlichkeiten veranlasset werden, insonderheit diese, daß das Boot bey dem geringsten Winde voll Wasser wird. Der Koaschtahta bedient man sich nur auf dem Kamtschatka=Strohme, der Tahta aber an den meisten andern Orten. Wenn die Tahta noch durch ein Par Breter erhöhet wird, nennt man sie Baidar, und braucht sie auf der Bibersee, zur Verfolgung dieser Thiere. Wenn diese Baidars Ritzen bekommen, <34, 97> heften sie dieselben mit den an den Bärten der Wallfische sitzenden dicken und starken Haaren zusammen, und verstopfen sie mit Mos oder weich geklopften Nesseln. In Kamtschatka macht man diese Boote nur von Pappelholz; die Kurilen aber, die kein schickliches Holz dazu haben, müssen sie aus demjenigen bauen, welches von der See an das Ufer geworfen wird. Die nördlichen Einwohner von Kamtschatka, die Koräken und Tschukotschen verfertigen, aus Mangel des Zimmerholzes und der Breter, ihre Boote aus Häuten von Seethieren. Ein solches Boot trägt zwey Personen, wovon die eine im Vorder=, die andere im Hintertheile sitzt. Sie treiben sie gegen den Strohm mit Stangen hinauf, welches sehr mühsam ist; denn wenn der Lauf sehr strenge ist, können sie kaum 2 F. weit in 10 Minuten fort rücken; nichts desto weniger führen sie diese Boote voll beladen wohl 20, und wenn der Strohm nicht allzu reissend ist, 30 bis 40 Werste hinauf. In den größern dieser Boote können sie 30 bis 40 Pud fort bringen, und wenn die Waare nicht selbst sehr schwer ist, legen sie dieselbe auf eine Flöße, welche zwischen zwey Booten befestigt ist. Auf solche Art bringen sie ihre Lebensmittel auch den Strohm herab, und von einer Insel in die andere.

Klassifizierung: 668.32 Tierischer LeimDDC-Icon Klassifizierung: 667 Reinigungs-, Färbe-, Beschichtungstechniken, verwandte TechnologienDDC-Icon Klassifizierung: 675 Leder und PelzverarbeitungDDC-Icon Klassifizierung: 305.4 FrauenDDC-Icon Klassifizierung: 305.31 MännerDDC-Icon Die Beschäftigungen beyderley Geschlechter anbelangend, so sind im Sommer die Mannspersonen beschäftigt, Fische zu fangen, zu trocknen und nach Hause zu bringen, wie auch Gräthen und schlechte Fische zum Futter für ihre Hunde zu zubereiten; die Weibspersonen aber, die Fische zu reinigen und zum Trocknen auszubreiten, zuweilen begleiten sie auch ihre Männer auf dem Fange. Wenn die Fischerey vorüber ist, sammeln sie Kräuter. Wurzeln und Beeren, sowohl zur Nahrung als auch zur Arzeney. Im Herbste fangen die Männer wieder Fische, welche sich <34, 98> alsdann an den Küsten zeigen, und tödten so viel Flügelwerk, besonders Gänse, Aenten und Schwäne, als möglich ist; sie richten ihre Hunde zum Ziehen ab, und machen Holz zu Schlitten und andern Bedürfnissen zurecht. Die Weiber beschäftigen sich um diese Zeit mit der Zubereitung der Nesseln zum Garne, welche sie rösten, brechen, schälen, und wie Hanf in ihre Vorrathshütten legen. Im Winter jagen die Männer Zobel und Füchse, stricken Fischnetze, machen Schlitten, hauen Holz, und hohlen ihren Vorrath zusammen, den sie im Sommer zubereitet haben, aber nicht nach Hause bringen können. Der Weiber vornehmste Arbeit besteht im Garnspinnen zu Netzen. Im Frühlinge, wenn die Flüsse aufzuthauen anfangen, und die Fische, welche darin überwintert haben, nach der See zu eilen, geben die Männer sich Mühe, dieselben, oder andere Seethiere, die sich um diese Zeit häufig in den Bayen einfinden, zu fangen. Die Einwohner auf der Küste des östlichen Meeres fangen Seebiber. Die Weiber begeben sich in die Felder, wo sie wilden Knoblauch und andere junge zarte Kräuter aufsuchen, deren sie sich nicht nur bey dem Mangel anderer Lebensmittel, welcher sich in dieser Jahrs=Zeit gar oft eräugnet, sondern auch als Leckerbissen bedienen. Ausser jetzt gedachten Beschäftigungen müssen die Männer auch ihre Winter= und Vorraths=Hütten bauen, jene heitzen, das Essen zubereiten, die Hunde füttern, die Thiere abziehen, deren Häute zu Kleidern gebraucht werden, und alles Haus= und Kriegs=Geräth verfertigen. Die Weiber richten die Häute zu, und machen Kleider, Strümpfe und Schuhe. Es wird so gar den Männern zur Schande gerechnet, dergleichen Dinge zu bearbeiten, daher ihnen die ersten Russen sehr lächerlich vorkamen, wenn sie dieselben mit der Nadel oder mit der Ahle beschäftigt sahen. Ferner befleißigen sich die Weiber, Felle <34, 99> zu färben, und heilen die Kranken mit allerley Beschwörungen. Ihre Art, Häute zu zubereiten, und sie zusammen zu nähen, ist folgende. Alle Felle, daraus Kleider werden sollen, als: Rennthier=, See=Hunds=, Hunds= und Biber=Felle werden auf einerley Weise behandelt. Erstlich werden sie angefeuchtet und ausgebreitet; man schabet alles, was von Fett oder Sehnen daran noch zurück geblieben ist, mit rauhen Steinen, die in Holz gefaßt sind, ab; sodann überreiben sie dieselben mit frischem oder sauern Fisch=Rogen, rollen sie auf, und treten so lange mit den Füßen darauf herum, bis die Häute zu stinken anfangen; hernach schaben und reinigen sie dieselben nochmahls, und fahren damit so lange fort, bis sie rein und weich sind. Solche Häute, die sie ohne Haare zurichten wollen, behandeln sie erstlich auf obige Art, alsdann hängen sie dieselben 8 Tage lang in den Rauch, und weichen sie darauf in heißem Wasser, um die Haare ausfallend zu machen; zuletzt schmieren sie dieselben wieder mit Fischrogen ein, und reiben sie fleißig mit Steinen. Sie färben die Rennthier= und Hunds=Häute, die sie zur Kleidung brauchen, mit klein gehackter und fein geriebener Erlenrinde; die Seehundshäute aber, welche sie sowohl zur Kleidung, als auch zu Schuhen, und zu Riemen, ihre Schlitten zusammen zu binden, zu nutzen wissen, färben sie auf eine besondere Weise. Wenn dieselben zuvor von Haaren gereinigt worden sind, macht man aus der Haut einen Sack, kehrt die Haarseite heraus, und füllet sie mit einem ausgekochten starken Safte der Erlenrinde an, lässet es eine Zeitlang liegen, hängt alsdann den Sack an einen Baum, und schlägt ihn stark mit Stöcken. Dieses wird so lange wiederhohlt, bis die Farbe die ganze Haut durchdrungen hat; sodann wird die Naht aufgeschnitten, die Haut ausgebreitet, und in der Luft getrocknet; und endlich reibt man sie <34, 100> so lange, bis sie geschmeidig und zum Gebrauch tüchtig geworden sind. Diese Häute sind den zubereiteten Ziegenhäuten nicht unähnlich; sie werden Mandari genannt, und eine gilt nach unserm Gelde ungefähr 20 Ggr. Die Haare der Seehunde werden zur Ausschmückung der Kleider und Schuhe gebraucht, nachdem sie mit dem Safte der rothen Heidelbeeren, die mit Erlenrinde, Alaun und Mondmilch gekocht sind, gefärbt worden, wodurch sie eine sehr glänzende Farbe erhalten. Ihre Kleider und Schuhe nähen sie, statt des Zwirnes, mit Sehnen der Rennthiere, welche sie zu gehöriger Dicke spalten, und bedienen sich dabey beinerner Nadeln. Aus trocknen Fischhäuten, besonders von Wallfischen, bereiten sie einen Leim. Sie legen nähmlich ein Stück davon, in Birkenrinde eingewickelt, eine Weile in heiße Asche, und nehmen sie hernach heraus.

Klassifizierung: 391.1 Kleidung für MännerDDC-Icon Die ehemahlige Kleidung beyder Geschlechter ist von der jetzigen in manchen Stücken verschieden, weil sie bey ihrer eigenthümlichen Tracht viel Fremdes angenommen haben. Ein Kamtschadal, vaterländisch gekleidet, geht in der Hütte, und vordem auch des Sommers auf der Jagd und beym Fischen, statt der Hosen, mit einem ledernen, zierlich benäheten Gürtel, vorn mit einem Beutel, hinten mit einer ledernen Schürze versehen, die er auf dem bloßen Leibe trägt, also fast nacket; jetzt aber tragen sie Hemden unter dem Gürtel. Sie haben doppelte Hosen, nach den Lenden gemacht, unter den Knien zugebunden, die untern von gegärbtem Leder die obern, welche bis auf die Fersen reichen, von Pelzwerk, und dessen Rauches aussen. Um die Füße wickelten sie sonst Gras, oder trugen auch Fußkappen oder Stiefeln auf den bloßen Füßen; jetzt haben die meisten Strümpfe. Schuhe oder Halbstiefeln sind von Seehunds= oder Rennthier=Füßen, das Rauche nach aussen, oder von <34, 101> Fischhäuten; Prachtschuhe, von verschiedenen Pelz=Lappen und gefärbtem Leder zusammen gestickt und zierlich benähet; sie werden um die Knöchel fest gebunden. Die Leibkleidung besteht in einem doppelten Pelzhemde, welches sie sonst auf dem bloßen Leibe trugen, jetzt aber zum Theil auf Hemden von Leinwand, Kitaik, Kattun oder Seide, welches sie von den Russen kaufen, tragen. Die Unterpelze, mit welchen sie meistens allein gehen, und welche Parki genannt werden, haben, einem Hemde gleich, oben ein Loch, durch welches der Kopf nur eben geht. Aermel und Schöße reichen bis an die Knie. Sie sind von Rennthieren oder Seehunden, an der innern oder Fleisch=Seite mit Erlenrinde braun gefärbt, unten eine Hand breit, nach tungusischer Weise, zierlich benähet und befranset, auch mit langen Haarbüscheln besetzt; sie tragen dieselben an beyden Seiten, doch meist das Rauche nach innen. Der Oberpelz (Kuklanka) ist auch einem Hemde gleich, nur oben und unten offen, von Rennthier= oder gewöhnlicher von Hunds=Fellen. Er ist vollkommener als die Parka, und reicht bis an die Knöchel. Am Halse ist er mit zottigen Hundshaaren, und, so wie unten und an den Aermeln, mit einem breiten bebrämten oder gestickten, immer befranseten Kragen oder Saume, auch überall mit vielen Haarbüscheln versehen, damit er ein recht wildes Ansehen verursache. Hinten hängt ein Pelz=Beutel, um, wie bey den Ostiaken, den Kopf damit zu bedecken; vorn ist ein Lappen von Hundsfell, den sie des Nachts über das Gesicht schlagen. Sie tragen stets das Rauche aussen. Den Kopf bedeckten sie sonst des Winters mit einer Mütze von Vogelfedern oder Pelzwerk, oder einem Lederriemen, von welchem Pelzlappen herab hingen, und des Sommers mit einem Schirmhute von Holz, Rinde oder Federkielen, völlig den Amerikanern des Kamtschatka östlichen fe<34, 102>sten Landes gleich. Jetzt tragen die meisten russische Mützen. PfeiliconFig. 1838 a).

Klassifizierung: 646.726 Gesichts- und HautpflegeDDC-Icon Klassifizierung: 391.5 HaartrachtenDDC-Icon Klassifizierung: 391.2 Kleidung für FrauenDDC-Icon Das Weibsvolk, PfeiliconFig. 1838 b), hat Hosen, (jetzt auch Hemden und Strümpfe,) Schuhe, Halbstiefeln, Parki und Kuklanki, den Mannspersonen gleich. Ihre Kuklanki behalten hinten einen hangenden Zipfel. Sie sind gewöhnlich mit gutem Pelzwerke besetzt und zierlicher benähet, auf beyden Seiten zu tragen. Sie tragen beständig, und auch des Nachts, Handschuhe. Die Mädchen gingen sonst, nach der Weise der Tatarinnen, mit den Haaren in vielen kleinen Zöpfen, die rund um den Nacken herab hängen; jetzt kämmen sie eine Scheitel, machen im Nacken einen Zopf mit Bändern, Korallen etc. und tragen eine Stirnbinde. Die Weiber flechten auch die Haare in viele Zöpfe, deren Spitzen sie in Einen vereinigten, und ihn mit vielen fremden Haaren verstärkten. Jetzt tragen sie Tücher um den Kopf, oder russische Schirm=Mützen (Kokoschniki). Um den Hals trugen sie sonst einen Riemen mit allerley Klimperwerke, jetzt Korallen. Viele erscheinen jetzt, wenn sie sich in ihrer Pracht sehen lassen wollen, völlig in russischer Kleidung von gefärbten Tüchern; die Männer in Röcken oft mit Knöpfen, russischen Stiefeln etc.; die Weiber, mit seidenen Hemden mit Manschetten, Hemdkleidern (Sarafani), Pantoffeln, seidenen Tüchern um den Kopf, u. s. f. Ein solcher Anzug kostet einen Mann und seine Familie in Kamtschatka an 100 Zobel oder Füchse. Sonst wuschen sie sich niemahls, jetzt schminken sich so gar viele Weibspersonen weiß, mit mulmigem Holze und gebranntem Marienglase (Selenites), und roth mit einem Seekraute (Sertularia) und Hunds=Fette, womit sie die Wangen roth reiben.

Klassifizierung: 641.692 FischDDC-Icon Klassifizierung: 641.4 Konservierung und Lagerung von LebensmittelnDDC-Icon Die Speise der Kamtschadalen besteht, bereits erwähnter Maßen, in Wurzeln, Fischen und Seethieren. Ich muß noch ihre Weise, die Speisen zu zu<34, 103>bereiten, beschreiben. Die Fische dienen ihnen statt des Brodes. Ihr Haupt=Gericht, Jokola genannt, wird aus allen Arten von Fischen gemacht, und statt des Hausbrodes gebraucht. Sie zerschneiden ihre Fische in sechs Theile. Die Seiten und der Schwanz werden aufgehängt und getrocknet; den Rücken und den dünnern Theil des Bauches richtet man auf andere Weise zu, und dörret sie gemeiniglich über dem Feuer. Die Köpfe werden in Gruben eingebökelt, und hernach wie Salzfisch gegessen. Sie machen viel daraus, ungeachtet sie dermaßen stinken, daß es kein Fremder ertragen kann. Die Rippen und das übrige Fleisch werden auch aufgehängt und getrocknet, und hernach zur Speise zerstoßen; die größern Gräthen werden, nachdem sie getrocknet worden sind, zum Futter für die Hunde aufgehoben. Auf diese Weise machen alle diese verschiedene Völker ihre Jokola, und verzehren es gemeiniglich trocken.

Ihr zweytes Lieblingsessen ist Caviar, oder der Rogen von Fischen, den sie auf dreyerley Weise zurichten. Entweder wird der Rogen ganz an der Luft getrocknet, oder aus der Haut, die ihn bedeckt, genommen, auf ein Beet von Gras geleget, und am Feuer getrocknet, oder, es werden davon Rollen, in Grasblätter eingewickelt, gemacht, und ebenfalls getrocknet. Sie treten keine Reise an, oder gehen auf die Jagd, ohne trocknen Caviar mitzunehmen; und wenn jemand nur 1 Pfund davon bey sich hat, kann er sich eine gute Weile damit behelfen; denn jede Birke oder Erle liefert ihm Rinde, welche mit dem trocknen Caviar eine angenehme Mahlzeit für ihn ist. Keines von beyden aber lässet sich allein genießen; denn der Caviar allein hängt sich an die Zähne wie Kleister an, und die Rinde, wenn man sie allein auch noch so scharf käuet, lässet sich doch kaum hinunter schlucken. Es gibt noch eine vierte Art, deren sich <34, 104> die Kamtschadalen sowohl als die Koräken bedienen, ihren Caviar zu zurichten; sie bedecken nähmlich den Boden einer Grube mit Gras, legen frischen Rogen darauf, und lassen ihn also sauer werden. Die Koräken stecken den Rogen in Säcke, und lassen ihn darin bökeln.

Eine andere Art, Fische zur Mahlzeit zu zubereiten, welche die Kamtschadalen Tschupriki nennen, ist folgende. Man macht einen hölzernen Rost von Stöcken über den Herd in der Hütte, und legt einen Haufen ganzer Fische mit Haut und Eingeweide darauf, die so lange daselbst gelassen werden, bis die Hütte so heiß wird als ein Bad. Wenn die Fische nicht sehr dick auf einander liegen, ist es mit Einem Mahle gethan; zuweilen aber gehören 2, 3 oder mehr Feuer dazu. Die auf solche Art zubereiteten Fische sind halb gebraten und halb geräuchert, und schmecken sehr gut; man kann sie daher für das beste Gericht aus der kamtschadalischen Küche halten, denn der ganze Saft mit dem Fette wird durch eine allmählich verstärkte Hitze recht durchgebraten, und von der Haut beysammen gehalten, in welcher der Fisch wie in einem Sacke liegt, und wovon er, wenn er gar ist, sehr leicht abgesondert werden kann. Wenn die Fische auf diese Art zubereitet sind, nimmt man auch das Eingeweide heraus, und breitet die Körper auf Matten aus, um sie zu trocknen; hernach zerbricht man sie in kleinere Stücke, nimmt sie auf Reisen zum Vorrath mit, und ißt sie, wie die Jokola, trocken.

Ein anderes Gericht, welches diese Völker sehr lieben, wird Huigul genannt. Sie lassen den Fisch, in Gruben über einander gelegt, faulen, und halten den für jeden Andern unerträglichen Geruch für Weihrauch. Zuweilen verfaulen die Fische in diesen Gruben dermaßen, daß sie mit Löffeln heraus genommen <34, 105> werden müssen; alsdann aber werden sie nur zum Hundefutter angewendet.

Steller erzählt, daß die Sommer=Samojeden ihre Fische auf eben die Art einbökeln, aber nur wenn die Erde gefroren ist, wodurch sie besser erhalten werden. Auch die Jakuten graben tiefe Löcher, in welche sie ihre Fische legen, mit Holzasche bestreuen, oben mit Blättern, und darüber mit einer Lage von Erde zudecken, welche Art besser ist. Die Tungusen und Cosaken von Ochotska erhalten ihre Fische auf gleiche Weise, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich, statt der Asche von Holz, der von verbranntem See=Mos bedienen. Ihre frische Fische kochen sie in Trögen, nehmen sie mit Bretern heraus, lassen sie kalt werden, und essen sie mit einer Suppe von dem so genannten süßen Grase oder Bärenklau.

Das Fleisch von Land= und See=Thieren wird mit allerley Kräutern und Wurzeln in Trögen gekocht; die Brühe trinken sie aus Löffeln und Bechern, und das Fleisch wird auf ein Bret gelegt, und dann aus der Faust gegessen. Der Wallfisch= und Wallroß=Speck wird auch mit Wurzeln gekocht.

Bey allen ihren Festen und Gastmahlen, muß ein gewisses Gericht seyn, welches Selaga heißt. Es besteht aus allerley Wurzeln und Beeren unter einander gestoßen, mit Caviar, Wallfisch= und Seehunds=Speck vermischt.

Klassifizierung: 394.1 Essen, Trinken; DrogenkonsumDDC-Icon Klassifizierung: 392.4 Bräuche der Beziehungsanbahnung und VerlobungsbräucheDDC-Icon Klassifizierung: 641.2 Getränke DDC-Icon Vor der Eroberung tranken sie selten etwas anders, als Wasser; wenn sie sich aber lustig machen wollten, brauchten sie einen Trank dazu von Wasser, welches eine Zeitlang über gewissen Schwämmen gestanden hatte, wovon ich weiter unten sprechen werde. Jetzt trinken sie gebrannte Wasser, so stark als die Russen. Nach dem Essen nehmen sie auch Wasser; und ein Jeder, wenn er zu Bette geht, setzt neben sich ein Gefäß mit Wasser, in welches er ein Stück <34, 106> Eis oder Schnee legt, um es kalt zu erhalten, welches er noch vor Anbruch des Tages austrinkt. Im Winter machen sie sich ein Vergnügen daraus, öfters Hände voll Schnee in das Maul zu stecken; und ein Bräutigam der bey dem Vater um die künftige Braut dient, hat seine sauerste Arbeit im Sommer zu verrichten, wenn er die ganze Familie mit Schnee versorgen soll; denn, es mag das Wetter seyn wie es will, er muß ihn von den steilsten Felsen herunter hohlen, oder er macht sich eines unverzeihlichen Fehlers schuldig.

Die Kamtschadalen reisen in Schlitten, welche von Hunden gezogen werden. Ich habe dieses Fuhrwerk und das dazu gehörige Geräth, im XXVI Th. Pfeil-IconS. 386--389, umständlich beschrleben.

Klassifizierung: 623.441 Vor dem Aufkommen der Feuerwaffen entstandene WaffenDDC-Icon Klassifizierung: 179.7 Respekt und Respektlosigkeit vor menschlichem LebenDDC-Icon Ob gleich die Kamtschadalen, ehe sie von den Russen unterwürfig gemacht wurden, keinen Ehrgeitz, ihre Macht zu vergrößern oder ihr Gebieth zu erweitern, besessen zu haben schienen, hatten sie doch so viele kleine Streitigkeiten unter sich, daß selten ein Jahr verging, ohne daß nicht hin und wieder ein Dorf gänzlich zu Grunde gerichtet wurde. Ihre Kriege hatten gemeiniglich zur Absicht, Gefangene zu machen, und Mannspersonen zu den schwersten Diensten, Weibspersonen aber entweder zu Frauen oder Beyschläferinnen zu gebrauchen; bisweilen entstanden solche Kriege zwischen benachbarten Dörfern über Zänkereyen unter ihren Kindern, oder weil eines das andere nicht zu seinen Lustbarkeiten eingeladen hatte. Diese Kriege wurden mehr mit List, als mit Tapferkeit, geführt; denn sie sind so feige Memmen, daß sie ohne die äusserste Noth keinem Feinde gerade unter die Augen treten. Diese Gemüthsbeschaffenheit ist desto sonderbarer, da kein Volk das Leben weniger achtet, als sie, und der Selbstmord hier etwas sehr gemeines ist. Ihre Art anzugreifen besteht darin, daß sie sich des Nachts an das feindliche Dorf schlei<34, 107>chen, und es überrumpeln, welches desto leichter geschieht, weil keine Wache gehalten wird. Also kann eine kleine Partey ein großes Dorf zerstören; denn sie hat nichts weiter zu thun, als die Oeffnung einer Hütte zu besetzen, und keinen Menschen heraus steigen zu lassen, welches ohnehin nur eine Person auf einmahl thun kann; daher der erste, der es wagt zu entrinnen, entweder niedergeschlagen wird, oder sich gefangen ergeben muß. Männliche Gefangene. die sie bey dieser Gelegenheit machen, besonders wenn es angesehene Personen sind, werden auf die grausamste Art behandelt, verbrannt, in Stücke gehauen, bey den Füßen aufgehängt, und ihnen lebendig das Eingeweide aus dem Leibe gerissen. Dieses war auch das Schicksal vieler russischen Cosaken bey dem letzten Aufruhr im J. 1740. Ihre Waffen bestehen aus Bogen, Pfeilen, Spießen und Schilden. Die Köcher werden aus Lerchenbaumholze gemacht, und rings herum mit Birkenrinde bekleibet. Die Bogensehnen sind die Blutgefäße der Wallfische, und die Pfeile gemeiniglich 4 F. lang, mit Kieselsteinen oder Knochen gespitzt. Ob sie gleich schlecht gearbeitet sind, sind sie doch höchst gefährlich und alle vergiftet, daß eine damit verwundete Person gemeiniglich innerhalb 24 Stunden stirbt, wenn nicht der Gift ausgesogen wird. Auch die Spieße sind mit Kieselsteinen oder Knochen gespitzt, und die Schilde aus Matten, oder aus den Häuten der Seehunde und Seepferde gemacht, welche sie in Riemen schneiden und zusammen flechten. Sie hängen sie auf die linke Seite, und binden sie mit Riemen an der rechten Seite fest. Hinter dem Kopfe ist ein langes Bret zur Vertheidigung desselben befestigt, dergleichen eines sie auch vor der Brust tragen.

Klassifizierung: 780 MusikDDC-Icon Klassifizierung: 305.3 Männer und FrauenDDC-Icon Klassifizierung: 305.4 FrauenDDC-Icon Klassifizierung: 394.3 Bräuche der Freizeit und ErholungDDC-Icon Klassifizierung: 394.1 Essen, Trinken; DrogenkonsumDDC-Icon Die Kamtschadalen haben verschiedene Freuden=Feste und Lustbarkeiten, wenn z. B. ein Dorf das <34, 108> andere, entweder bey Gelegenheit einer Hochzeit, oder wegen einer einträglichen Jagd und Fischfanges, feyerlich zu Gaste hat. Die Wirthe setzen ihren Gästen mit großen Schalen voll Opanga so lange zu, bis diese den Ueberfluß wieder von sich geben müssen. Zuweilen machen sie auch einen Trank von Fliegenschwamm, und dem Safte von Weiderich (Epil bium), dergleichen auch die Jakuten zur Berauschung gebrauchen, s. Th. XXVIII, Pfeil-IconS. 696. Wenn dieses Getränk mäßig genommen wird, macht es die Geister munter, lebhaft, muthig und fröhlich; begeht man aber die geringsten Ausschweifungen damit, so erregt es zuerst ein Zittern des ganzen Leibes, und hernach eine Verrückung der Sinne, in welcher die Leute, ihrer Leibes=Beschaffenheit nach, rasen, oder in die tiefste Traurigkeit fallen. Einige hüpfen, tanzen und springen, andere hingegen weinen, und sind in der schrecklichsten Beängstigung; ein kleines Loch scheint ihnen ein Abgrund, und ein Löffel voll Wasser ein See zu seyn. Diese Art von Schwamm hat dieselbe Wirkung, wenn er gegessen wird, und der Urin einer Person, die davon genossen hat, behält dieselbe Eigenschaft; daher an solchen Orten, wo dieser Schwamm selten ist, ein solcher glücklich Berauschter seinen Urin sorgfältig aufheben lässet, und ihn begierig hinterschluckt, wenn man so ehrlich mit ihm umgeht, und ihn für ihn verwahret. Die Weibspersonen bedienen sich dieses berauschenden Mittels niemahls, sondern alle ihre Ergetzlichkeiten bestehen in Scherzen, Tanzen und Singen. Wenn zwo Weibspersonen tanzen wollen, breiten sie eine Matte mitten in der Hütte aus, nehmen ein wenig Werg in jede Hand, und knien auf die Matte, einander gegen über, nieder. Anfänglich singen sie sehr sanft bey einer kleinen Bewegung der Schultern und Hände, nach und nach aber erheben sie ihre Stimme, und treiben die Bewegungen des <34, 109> ganzen Leibes so weit, bis sie endlich äusserst ermüdet ganz ausser Athem gerathen. In ihren Liebesliedern erklären sie ihren Geliebten ihren Kummer, Hoffnung, und andere Leidenschaften. Die Weiber machen gemeiniglich die Melodien selbst dazu, und haben eine helle und angenehme Stimme. Ob es ihnen gleich an musikalischem Genie nicht fehlt, so haben sie doch kein anderes Instrument, als eine schlechte Pfeife, auf welcher sie keinen regelmäßigen Ton angeben können. Ein anderer Zeitvertreib der Kamtschadalinnen ist, die Geberden anderer Leute im Reden, Gehen etc. auf eine mimische Art nachzuahmen. Wenn ein Fremder unter sie kommt, geben sie ihm gleich einen neuen Nahmen, und beobachten alles an ihm sorgfältig, welches sie bey ihren Schmausereyen zu großer Belustigung der Zuschauer wieder nachzuäffen wissen. Zuweilen rauchen sie Toback, und erzählen allerley Histörchen. Gemeiniglich werden diese Belustigungen des Nachts angestellet. Sie haben so gar Narren und Possenreisser von Profession; allein ihr Witz ist sehr plump, unanständig und schamlos.

Klassifizierung: 394.2 Besondere AnlässeDDC-Icon Klassifizierung: 395 Etikette (Manieren)DDC-Icon Zuweilen bewirthen sie einander, wenn eine Person der andern Freundschaft insonderheit sucht. Alsdann wird der Gast von dem Wirthe in seine Hütte eingeladen, welche dermaßen scharf geheitzt ist, daß sie sich beyde ganz nacket ausziehen müssen. Der Wirth setzt dem Gaste Speisen im Ueberflusse vor, und indem dieser mit Essen beschäftigt ist, gießt jener immer Wasser auf heiße Steine, wodurch die Hitze der Hütte ganz unerträglich wird. Der Gast gibt sich alle Mühe, diese Hitze, und alles, was ihm zu essen vorgesetzt wird, zu ertragen; der Wirth hingegen sucht alles hervor, seinen Gast dahin zu bringen, daß er sich über die schreckliche Hitze beschwere, und sich wegen des fernern Essens entschuldige. Man rechnet es aber dem Wirthe zu einer Schande und als ein <34, 110> Zeichen der Kargheit an, wenn er es so weit treiben könnte, daß dieses geschähe. Er selbst ißt in der ganzen Zeit nichts, und kann aus der Hütte gehen; der Gast aber darf nicht aufstehen, bis er bekannt hat, daß er überwunden sey. Bey solcher Gelegenheit überfressen sie sich dermaßen, daß sie in drey Tagen den Anblick der Speisen nicht ertragen, und wegen der gewaltigen Ueberladung sich kaum regen können. Wenn der Gast nun fast ersticken will, erkauft er die Erlaubniß, Abschied zu nehmen, mit einem Geschenke von Hunden, Kleidungsstücken und andern Geräthe, die seinem Wirthe angenehm seyn können, und empfängt dafür nichts weiter, als lahme unnütze Hunde, und einige alte Lumpen; dieses wird aber nicht als eine Beleidigung, sondern vielmehr als ein Zeichen der Freundschaft angenommen, und der Gast erwartet die Zeit, seinem Wirthe und neuen Freunde auf gleiche Art zu begegnen. Wenn nun derjenige, der auf diese höfliche Weise seinen Gast ausgeplündert hat, nicht den Besuch zu rechter Zeit wieder abstattet, so versichert er sich doch dadurch seiner erhaltenen Geschenke nicht völlig, sondern erhält einen neuen Besuch, und muß den Gast mit allem, was in seinem Vermögen steht, beschenken. Sollte aber einer aus Armuth oder Geitz mit diesen Geschenken zurück halten, so wird es als die größte Beleidigung angesehen, und er muß befürchten, daß der andere auf ewig sein Feind seyn werde. Ueder dies ist ein solches Verfahren so schimpflich, daß nachher niemand mehr mit ihm umgehen will.

Ausserdem stellen sie auch Gastmahle an, wozu mehrere Personen eingeladen werden, nur mit dem Unterschiede, daß diese nicht von der übermäßigen Hitze gebraten werden, und ihre Bewirthung mit Geschenken bezahlen müssen. Weil die Erlegung eines Bären eine Heldenthat ist, so tractiert der Wirth bey <34, 111> dieser Gelegenheit mit Bärenspeck, welcher erst in lange schmahle Streifen zerschnitten wird. Der Wirth kniet darauf, mit einem solchen Streifen Speck in der einen, und mit einem Messer in der andern Hand vor seinen Gästen nieder, steckt jedem nach der Reihe den Streifen in den Mund, und nachdem dieser so viel eingeschluckt hat, als ihm möglich ist, schreyet er mit einem stolzen Tone: Ta na! schneidet dasjenige, was unverschluckt geblieben ist, dicht an dem Munde ab, und erzeigt darauf diese Ehre auch den übrigen Gästen nach der Reihe. Bey dieser Gelegenheit kann ein jeder Wirth alles erhalten, was ihm fehlt; denn man rechnet es sich für eine Schande, seinem edelmüthigen Wirthe etwas abzuschlagen.

Klassifizierung: 392.6 Bräuche bei sexuellen BeziehungenDDC-Icon Die Heurath= und Hochzeit=Gebräuche der Einwohner in Kamtschatka, habe ich im XXIII Th. Pfeil-IconS. 347--350, erzählt. Ein Kamtschadal hat zwey oder drey Weiber, denen er nach der Reihe beywohnt. Zuweilen hält er sie alle in Einer Hütte, zuweilen hat auch jede ihre besondere Wohnung. Ob sie gleich sehr verliebt in das weibliche Geschlecht sind, sind sie doch nicht so eifersüchtig als die Koräken. Bey dem ersten Beyschlafe bekümmert sich keiner um die Zeichen der Jungfrauschaft. Auch die Weiber sind eben so wenig eifersüchtig; denn zwey oder drey leben mit Einem Manne in aller Einigkeit, wenn er auch gleich noch etliche Beyschläferinnen dazu hält. Ein Ehe=Mann hat noch weniger Ursache zur Eifersucht, denn die Weiber sind sehr zurückhaltend gegen alle Manns=Personen, ausser gegen sie. Wenn sie ausgehen, bedecken sie ihre Gesichter mit einer Art von Schleyer; und wenn ihnen eine Mannsperson begegnet, der sie nicht ausweichen können, so kehren sie ihm den Rücken zu, und bleiben stehen, bis er vorbey ist. In der Hütte sitzen sie hinter einem Vorhange von Matten oder Nesseltuch, damit sie, wenn ein Fremder herein <34, 112> kommt, nicht gesehen werden; wenn sie aber dergleichen nicht haben, wenden sie, wenn ein Fremder kommt, ihr Gesicht gegen die Wand, und arbeiten ungestört fort.

Klassifizierung: 398.4 Paranatürliche und legendäre Phänomene als Themen der FolkloreDDC-Icon Klassifizierung: 363.46 SchwangerschaftsabbruchDDC-Icon Klassifizierung: 391.3 Kleidung für KinderDDC-Icon Klassifizierung: 392.12 GeburtsritenDDC-Icon Die Weiber sind eben nicht sehr fruchtbar, gebären aber leicht. Steller war bey der Niederkunft einer derselben gegenwärtig. Sie stieg aus der Hütte, als wenn sie ihren gewöhnlichen Geschäften nachginge, und kam in einer Viertelstunde, mit ihrem neugebornen Kinde im Arme, zurück, ohne ihre Gesichtsfarbe im geringsten verändert zu haben. Gewöhnlich gebären die Weiber auf den Knien liegend, in Gegenwart aller Leute aus dem ganzen Dorfe, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes. Sie reinigen die neugebornen Kinder mit Werg, und binden die Nabelschnur mit Zwirn von Nesselgarn, welche hernach mit einem steinernen Messer abgeschnitten wird. Die Nachgeburt wird den Hunden vorgeworfen, und der Nabel durch Auflegen des gekäueten Weiderichkrautes geheilet, das Kind aber in Werg gewickelt. Alsdann liebkoset es ein jeder, nimmt es in die Arme, küsset es, und freuet sich mit den Aeltern über seine Geburt. Sie haben keine eigene Wehmütter von Profession unter sich, sondern die Mutter oder die nächste Anverwandtinn vertritt diese Stelle. Weiber, die gern Kinder gebären wollen, essen in dieser Absicht, wie ich bereits erzählt habe, Spinnen. Einige Kindbetterinnen, die gern bald wieder an die Reihe kommen und schwanger werden wollen, verschlucken die Nabelschnur ihres neugebornen Kindes; hingegen gibt es andere, die einen rechten Abscheu vor der Niederkunft haben, und, wenn sie sich schwanger fühlen, die Frucht durch allerley Mittel abzutreiben suchen. Andere ermorden ihre Kinder sogleich nach der Geburt, und werfen sie so gar lebendig den Hunden vor. Sie bedienen sich auch gewisser Beschwör<34, 113>ungen und einiger Kräuter, um die Empfängniß zu hindern. Ihr Aberglaube ist großen Theils an dieser Grausamkeit Schuld. Denn wenn eine Frau Zwillinge gebiert, so muß wenigstens eines davon sterben; eben so geht es einem armen Kinde, welches in stürmischem Wetter zur Welt kommt, doch kann dieses durch gewisse Beschwörungen abgewendet werden. Nach der Geburt genießt eine Kindbetterinn, zu Erhohlung ihrer Kräfte, Fischbrühe, mit einem Kraute, Hale genannt, abgekocht; nach einigen Tagen aber schreitet sie wieder zu ihrer vorigen Lebensart.

Klassifizierung: 571.98 Übertragbare KrankheitenDDC-Icon Klassifizierung: 614.4 Inzidenz von Krankheiten und öffentliche Maßnahmen zu deren VorbeugungDDC-Icon Klassifizierung: 616 Krankheiten DDC-Icon Klassifizierung: 615 Pharmakologie und TherapeutikDDC-Icon Die gemeinsten Krankheiten in diesem Lande, sind: der Scharbock, Geschwüre und Beulen, Gicht, Krebs, gelbe Sucht, und das venerische Uebel. Weil die Einwohner glauben, daß diese Krankheiten ihnen von gewissen Geistern, die in kleinen Büschen wohnen, wenn sie aus Unwissenheit einen niederhauen, zugeschickt würden, so bestehen zwar ihre Hauptarzeneyen in Zaubereyen und Beschwörungen, sie bedienen sich doch aber auch zugleich der Wurzeln und Kräuter. Für den Scharbock gebrauchen sie ein gewisses Kraut, welches sie zwischen den Lippen zerreiben, und die Blätter von Mos= und Schwarz=Beeren. Die Cosaken curiren ihn mit dem abgekochten Wasser von Cederknospen, und mit wildem Knoblauch. Die Beulen sind eine höchst gefährliche Krankheit, woran viele sterben müssen. Diese Geschwüre übersteigen oft die Größe von 2 bis 3 Zoll, und es zeigen sich, wenn sie aufbrechen, wohl 40 bis 50 kleine Höhlen darin. Man hält es für den gefährlichsten Umstand, wenn kein Eiter aus diesen Höhlen kommt; und diejenigen, die davon kommen, müssen doch noch 6, auch wohl 10 Wochen das Bette hüten. Die Kamtschadalen legen rohe Hasenfelle darauf, um sie zum Schwären zu bringen. Die Gicht der Krebs und das venerische Uebel, werden für unheilbar gehal<34, 114>ten; und von dem letztern wird behauptet, daß man vor der Russen Zeit nichts davon gewußt habe. Es gibt hier noch ein Uebel, welches Sutschutsch genannt wird. Es ist eine Art von Grind, welcher den ganzen Unterleib unter den Rippen wie ein Gürtel umgibt. Wenn dieser Grind nicht zur Vereiterung kommt und abfällt, wird er tödlich; und sie versichern, ein jeder Mensch müßte ihn einmahl haben, wie wir die Blattern. Steller meldet, daß sie sich mit Nutzen eines gewissen Schwammes bedienten, den Eiter dieser Geschwüre auszuziehen. Die Cosaken legen auf ihre Geschwüre das zurück gebliebene von dem Bärenklau mit kleinen zackigen Blättern, oder dem so genannten süßen Grase, wenn der Branntwein davon abgezogen ist. Die Weiber gebrauchen See=Himbeeren, ihre Niederkunft zu befördern. Einer Art von Korallen bedienen sie sich, wie Krebsaugen gepülvert, im bösartigen weißen Fluß. Gegen Hartleibigkeit nehmen sie Seewolf=Fett, und gegen das Bauchgrimmen, in Erkältungen und Schnupfen, trinken sie den ausgekochten Saft des fruchttragenden Fünffinger=Krautes. Ueber Wunden legen sie Cedernrinde, und glauben, daß sie so gar Pfeilspitzen, die darin stecken geblieben sind, damit heraus ziehen können. Bey andern Verstopfungen genießen sie die Brühe ihrer stinkenden Fische, und im Blutflusse essen sie Mond=Milch, oder gebrauchen Geißbart= Natterwurz= oder Tormentill=Wurzel. Die bösen Hälse curiren sie mit abgekochtem Wasser von Weiderich, welches auch bey schweren Geburten der Weiber nützlich ist. In Hunds= oder Wolfs: Bissen legt man die zerquetschten Blätter vom Geißbartkraute auf, und trinkt das abgekochte Wasser davon, welches auch im Bauchweh und Scharbock dienlich ist. Die Blätter und Stiele desselben, klein gestoßen, helfen in Verletzungen des Brandes. Das mit Fischen abgekochte Wasser die<34, 115>ses Krautes, ist ein Mittel gegen das Zahnweh; man nimmt es warm in den Mund, und legt ein Stück von der Wurzel auf den schmerzhaften Zahn. Eine Art von Enzian oder der Bitterwurzel, wird im Scharbock und fast in allen Krankheiten gebraucht. In der Venusseuche suchen sie sich mit der Alprose (Chamaerhododendron) zu helfen, aber selten mit Nutzen. Gegen den Durchfall soll die Seeeiche dienlich seyn, und bey dem Scharbocke, wenn die Füße schwellen, trinken sie das von der Dryas abgezogene Wasser. Zur Beförderung des Schlafes, wird der Same von dem Katzenschwanze (Ephedra) gegessen. Die Einwohner auf der untern Landspitze Lopatka, bedienen sich auch der Klystiere. Sie nehmen dazu das von verschiedenen Kräutern abgekochte Wasser, und appliciren es theils mit, theils ohne Fett, vermittelst einer Seehundsblase, woran eine Röhre befestigt ist. Die gelbe Sucht curiren sie mit dem Safte der Wurzel von der Iris syluestris, oder Wan läusekraut, welche sie reinigen, in heißem Wasser zerstoßen, und den Saft davon, wie ein Klystier, zwey Tage nach einander, täglich drey Mahl einsprützen, und dieses, wenn es nöthig ist, nach einigen Tagen wiederhohlen. Bey dem Blutlassen bedienen sie sich weder der Lanzetten, noch der Schröpfköpfe, sondern spannen die Haut mit ein Par hölzernen Klammern an, ritzen die Ader mit einem scharfen Krystalle, und zapfen so viel Blut ab, als sie für nöthig halten. In Gliederschmerzen schneiden sie einen Birkenschwamm pyramidenförmig, zünden die Spitze an, setzen sie auf den schmerzhaften Theil, und lassen sie herunter brennen, bis das Feuer die Haut berührt, die alsdann aufplatzt, wovon eine Wunde zurück bleibt, die sehr stark suppurirt. Die Wunde wird hernach durch die Asche des Schwammes wieder zugeheilet. Vormahls impften sie den Kindern die Pocken ein, indem sie im Gesichte mit Fisch=<34, 116>Gräthen, die in Pockeneiter getaucht waren, Schrammen kratzten. Weil in langer Zeit keine Pocken grassirten, unterblieb es; als sie aber im J. 1768 durch einen von dieser Krankheit längst genesenen Cosaken dahin gebracht wurden, starben an zwey Drittel aller Kamtschadalen an dieser Krankheit.

Klassifizierung: 393 Sterbe- und BestattungsritenDDC-Icon Die Kamtschadalen, welche in vielen Stücken von allen Völkern in der Welt verschieden sind, haben keine anstößigere Gewohnheit, als ihr Verfahren mit den Todten. Alle bekannte Völker bezeigen ein Mitleiden und eine Ehrerbiethung für ihre Todte; die Kamtschadalen aber wissen nichts von dieser menschlichen Gesinnung. An statt sie den Leichnam entweder verbrennen, oder in irgend eine Höhle beerdigen sollten, binden sie demselben einen Riemen um den Hals, ziehen ihn damit aus der Hütte, und werfen ihn den Hunden zum Futter vor. Von diesem barbarischen Verfahren geben sie zur Ursache an, weil diejenigen, welche hier von Hunden gefressen würden, in der andern Welt mit desto schönern Hunden fahren sollten; und daß sie den Todten nahe bey der Hütte herunter würfen, geschehe deswegen, damit die bösen Geister, denen sie sein Absterben zuschreiben, den Leichnam sehen könnten, und mit dem Unglücke, welches sie angerichtet hätten, sich begnügen möchten. Gar oft geschieht es auch, daß, wenn eine Person in der Hütte gestorben ist, sie ihre Wohnung verändern, und den Leichnam in der alten Hütte liegen lassen. Alle Kleider eines Vorstorbenen werden weggeworfen; denn sie glauben, daß derjenige, der sie trüge, eines frühzeitigen Todes sterben müsse. Dieser Aberglaube herrscht insonderheit unter den Kurilen auf der Insel Lopatka, die nicht einmahl dasjenige anrühren, wozu sie auch die größte Neigung und Begierde haben, wenn sie wissen, daß es einem Todten gehört hat. Wenn der Todte bey Seite geschaffet ist, halten sich alle, die eine <34, 117> Hütte mit dem Verstorbenen bewohnten, für verunreinigt, und reinigen sich auf folgende Weise. Sie gehen in den Wald, hauen verschiedene Wurzeln aus, und flechten einen Ring daraus, durch welchen sie zwey Mahl kriechen, worauf sie ihn wieder in den Wald bringen, und gegen Westen wegschleudern. Diejenigen, welche den Leichnam aus der Hütte gezogen haben, müssen sich noch auf eine andere Art reinigen; sie müssen nähmlich zwey Vögel, von welcher Art es sey, fangen, den einen verbrennen, und den andern mit der Gesellschaft in der Hütte verzehren. Diese Reinigung wird an demselben Tage vollzogen; denn eher dürfen sie in keine andere Hütte kommen, und niemand betritt die ihrige. Zum Gedächtniß des Todten verzehrt endlich die Familie einen Fisch, dessen Floßfedern verbrannt werden.

Klassifizierung: 201.44 SchamanismusDDC-Icon Klassifizierung: 299.46 Religion der paläosibirischen VölkerDDC-Icon Ihre alte und eigenthümliche Religion ist die Schamanische, und ihr Götzendienst ist insonderheit dem jakutischen ähnlich. Den höchsten Gott nennen sie Dustaechschitsch, oder auch Kutka; den Satan, Kanna. Götzen, die in den Hütten ihren Platz dem Luft= oder Zugloche gegen über haben, und hölzerne Puppen, sind Nusautsch, auch Kamuli, und Zauber=Priester, Guispahas. Durch die mangelnde Ehrerbiethung gegen ihren eigenen Irrglauben und das höchste Wesen, auch aus Nachahmungssucht, sind nach und nach die meisten zur christl. Lehre gebracht worden. Sie sind aber so leichtsinnige Christen, als sie Heiden waren, lieben und fürchten Gott nicht, scherzen über die Vorsehung, und verlangen alles recht sinnlich. Am allerwenigsten fragen sie nach einem Himmel, der keinem ihrer Wünsche die geringste Befriedigung verspricht.

Rußland unterhält in Kamtschatka, zur Besatzung, 300 Mann theils regulirte Truppen, theils Cosaken, welche insgesammt, wegen des hohen Preises <34, 118> vieler Bedürfnisse, doppelten Sold bekommen. Es empfängt dafür, als Tribut, kostbares Pelzwerk von Zobeln, Füchsen, Seebibern etc. (wofür auch Zucker=Kraut [Heracleum sibiricum L.] zum Branntweinbrennen angenommen wird,) welches, nebst dem Zolle und den Zehenden der Kaufleute, sich an 20,000 Rubel beläuft.

Klassifizierung: 382 Internationaler Handel (Außenhandel)DDC-Icon Was endlich den kamtschatkischen Handel betrifft, so kamen zwar anfänglich einige Leute mit den Tribut=Sammlern in das Land, welche allerley Kleinigkeiten an die Einwohner verhandelten, doch kann man dieselben keine Kaufleute nennen, denn sie thaten Dienste wie die Cosaken. Nach und nach liessen sich viele unter diesem Nahmen einschreiben, bezahlten die Kopf=Steuer, und setzten sich mit ihren Familien hier und da; aber erst zur Zeit der zweyten Unternehmung auf Kamtschatka, fingen wahre Kaufleute an, beträchtliche Ladungen an allerley Waaren, erstlich nach Ochotska, und dann auch nach Kamtschatka, zu bringen. Als die Zahl der Einwohner anwuchs, wurde auch das Bedürfniß größer, und der Vortheil von diesem Handel war so groß, daß gemeine Arbeiter in 5 oder 6 Jahren einen Handel von 15000 und mehr Rubeln führen konnten. Allein, gar viele dieser Leute richteten sich durch ihren großen Gewinn zu Grunde, denn sie verfielen auf alle Arten von Wollüsten und Ausschweifungen. Insonderheit aber wagten diejenigen sehr viel, die abwesend waren, und alles ihren Factoren anvertrauen mußten; gleichwohl aber konnten sie sich damit befriedigen, daß sie sahen, wie die Regierung alle Sorgfalt anwendete, ihnen Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Nach der Eroberung von Kamtschatka kam dieser Handel auf einen andern Fuß. Die Officier und andere Bediente, die dabey gebraucht wurden, kauften nun die Waaren von den Kaufleuten für bares Geld, da diese vorher genöthigt waren <34, 119> den Einwohnern zu borgen, bis sie ihnen alles abgenommen hatten, und sie auf ihre Rückreise aus Kamtschatka dachten, da sie denn mit allerley Pelzwerken bezahlet wurden. Kurz, die Umsetzung der kamtschadialischen und chinesischen Waaren ist so einträglich, daß, ungeachtet aller Kosten der sehr weiten Reise, der Kostbarkeit der Fracht und anderer Beschwerlichkeiten, man sicher rechnen kann, daß einer mit 1000 Rubeln 4000 erwerbe, wenn er nicht länger als ein Jahr in Kamtschatka bleibt; will er sich aber länger aufhalten, so läuft er in Gefahr eines großen Verlustes. Die Ursachen davon sind diese, 1. daß viele solche Kaufleute bey ihrer Ankunft sich durch den hohen Preis verleiten lassen, alles, und so gar ihre eigene Kleider und Lebensmittel loszuschlagen, in Hoffnung, das Land bald wieder verlassen zu können, wenn aber dieses fehl schlägt, dergleichen Dinge für doppelten Werth wieder kaufen; 2. weil das Pelzwerk, wenn es lange liegt, viel von seiner Farbe und Werthe verliert; 3. weil in Kamtschatka Wohnungen, Waarenlager, Lebensmittel und andere Dinge überaus theuer sind.

Ausser den natürlichen Producten von Rußland, sind europäische, sibirische, bucharische und kalmückische Waaren in Kamtschatka beliebt. Von den europäischen bringt man ordinäre Tücher von allerley Farben, Leinen, Zeuge, Messer, seidene und baumwollene Schnupftücher, rothen Wein, etwas Zucker, Toback, und allerley Spielwerk, dahin. Aus Sibirien kommen dahin: Eisen, allerley eiserne und kupferne Gefäße und Werkzeuge, als: Messer, Aerte, Sägen, Feuerstahl, Wachs, Hanf, Garn zu Netzen, gegärbte Rennthierhäute, schlechtes russisches Leinen und Tuch. Die Bucharey und das Land der Kalmücken liefern verschiedene Sorten baumwollener Zeuge. China sendet allerley seidene und baumwollene Zeuge, Toback, Korallen und Nadeln, die den russischen <34, 120> weit vorgezogen werden. Von den Koräken bekommt Kamtschatka eine Menge Rennthierhäute, roh und zubereitet. Kaufleute müssen Sorge tragen, von keiner Art Waare einen allzu großen Vorrath zu haben; denn die Russen sowohl als die Kamtschadalen kaufen nichts, was sie nicht unumgänglich nöthig haben, und wenn sie es auch um den halben Preis haben könnten. Im ersten Einkaufe betragen alle Güter, die in einem Jahre nach Kamtschatka gebracht werden, kaum 10 bis 12000 Rubel am Werthe; allein durch den Kauf oder Tausch werden wenigstens 30 bis 40000 Rubel daraus gelöset.

Die Waaren, die aus Kamtschatka geführt werden, bestehen in lauter Pelzwerk. als: Seebiber, Zobel, Füchse, und Otterfelle. Wenn ein Kaufmann diese Dinge an die chinesische Gränze bringt, kann er sie dort um doppelten Preis verkaufen; daher dieser Handel sehr vortheilhaft ist. Da vormahls kein Geld im Lande war, so wurde das Pelzwerk durch Tausch verhandelt; nun aber, da es Geld hat, werden die baren Preise nach Beschaffenheit der Felle bestimmet. Ein guter Fuchsbalg kostet wohl 1 Rubel. Alle von Kamtschatka ausgehende Güter bezahlen durch die Bank 10, die Zobel aber 12 pro Cent.

Seit 1768 ist zwischen Kamtschatka und dem nicht weit entfernten Amerika ein Handel angefangen worden, welcher in der Folge immer ausgebreiteter und wichtiger werden kann.

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