DDC Layer

Vorheriger Abschnitt Laden der vorherigen Artikel

Verwandt Klassifizierung: 400 Sprache DDC-Icon Klassifizierung: 306.8 Ehe und FamilieDDC-Icon , 1) ein Adjectivum, welches bezeichnet, daß Jemand durch die Abstammung von einer Familie mit einem Andern in näherer oder entfernterer Linie in Verbindung steht; s. Pfeil-IconVerwandtschaft. Aus demselben Grunde werden auch Sprachen verwandt gennnnt, wenn sie sich auf eine und dieselbe Ursprache zurückführen lassen. So sind das Chaldäische, Jü<219, 189>dische, Phönizische mit einander verwandt, so die Sprachen germanischen Ursprungs: das Deutsche, Holländische, Dänische, Schwedische und Englische, so auch das Polnische, Wendische, Böhmische, Serbische u. s. w. Wie die Sprachen, so sind auch in dieser Weise und aus demselben Gruode die Völker selbst untereinander verwandt. Im bildlichen Sinne spricht man auch von verwandten Begriffen, von Ideenverwandtschaft, von Wahlverwandtschaft. -- 2) Bedeutet verwandt auch so viel, wie verwendet, z. B.: Ich habe viel Fleiß und Mühe auf die Erforschung einer Wahrheit, auf eine Entdeckung verwandt oder verwendet.

Verwandtenmord Klassifizierung: 364.6 StrafvollzugswissenschaftDDC-Icon Klassifizierung: 364.1 StraftatenDDC-Icon , im Lateinischen Parricidium. Man unterscheidet bei diesem Verbrechen das Parricidium in sensu stricto, d. h. die Tödtung eines Verwandten ohne Rücksicht auf die Grade der Verwandtschaft, so daß darunter auch verschwägerte Personen mit einbegriffen sein können. Es würde darunter also auch eigentlich der Kindermord mit einbegriffen sein können (Infanticidium). Weil aber die peinliche Gerichtsordnung und das Criminalrecht, welche den Verwandtenmord besonders schwer bestraft wissen wollen, von nahen gesippten Freunden spricht, auch die Ursache dieser größeren Strafbarkeit nur durch die nahe Abstammung begründet, und weil sie in dem nahen Zusammenleben der Menschen, in der engen Verbindung durch die Familie eine Veranlassung findet, bei dem vorkommenden Morde eine hervorstechende Grausamkeit und sittliche Verdorbenheit vorauszusetzen, so versteht man eigentlich unter Verwandtenmord den Mord eines Blutsverwandten oder eines Ehegatten, mit Ausschluß des von der Mutter am neugeborenen Kinde verübten Mordes. Die peinliche Gerichtsordnung sagt nicht, was sie unter dem Ausdruck nahe gesippte Freunde versteht; man <219, 190> muß also zur Definition das römische Recht zu Hülfe nehmen, wonach Blutsverwandte in auf= und absteigender Linie, Seitenverwandte bis in den vierten Grad römischer Berechnung (s. Pfeil-IconVerwandtschaft) und solche Personen dazu zu rechnen sind, welche mit dem Mörder in dem Verhältniß der Ehrfurcht, wie man sie den Eltern schuldig ist, stehen. Ob dazu auch verschwägerte Personen gehören, ist eine streitige Rechtsfrage. Unter Verwandtenmord wird also gerechnet Elternmord (Vatermord), wobei es gleichgültig ist, ob die Kinder legitim, ehelich, oder nicht sind. Zwischen Adoptiv= und Stiefkindern findet dies Verhältniß nicht statt. Zum Thatbestande dies Verwandtenmordes gehört, daß die Tödtung eine That des Vorsatzes, der Ueberlegung ist; wenn dies nicht der Fall ist, so gehört der Mord unter den Begriff Todtschlag, auch muß dem Mörder die Verwandtschaft bekannt sein, weil sonst seine That nicht als Verwandtenmord geahndet werden kann. In den meisten Strafgesetzen ist auf den Verwandtenmord die Strafe des Rades, die Reißung mit glühenden Zangen und die Schleifung zur Richtstätte gesetzt, auch lautet das Erkenntniß gewöhnlich noch dahin, doch wird das Urtheil meistentheils auf dem Wege der Gnade gemildert und mit dem Beil vollstreckt (in Preußen) und dann der Körper aufs Rad geflochten (in Sachsen).

Verwandter, s. Pfeil-IconVerwandtschaft.

Verwandtschaft Klassifizierung: 346.015 Verwandtschaftsbeziehungen (Familienrecht)DDC-Icon (lat. cognatio, consanguinitas im Rechtswesen), 1) im weitesten Sinne das durch Beischlaf unter gewissen Personen entstandene Verhältniß. Wird dieses in Beziehung auf die bloß durch den Beischlaf ohne weitere Folgen stattgehabte Verbindung betrachtet, so entsteht daraus das Verhältniß der Schwägerschaft (adfinitas); nimmt man aber auf die durch den Beischlaf entstehende Zeugung, auf die Einheit des Blutes (jus sanguinis) Rücksicht, so <219, 191> tritt das Verhältniß 2) der Verwandtschaft im engern Sinne (consanguinitas, cognatio stricte sic dicta) hervor, d. h. die durch Erzeugung zwischen gewissen Personen entstandene Verbindung, wonach die eine von der andern, oder beide zusammen von Einer dritten Person abstammen. Schwägerschaft und Verwandtschaft, oder diese allein im weitesten Sinne, heißen zusammen im altdeutschen Rechte Sippe, Sippschaft, im canonischen parentela. Diejenige Verwandtschaft ist eine wahre, natürliche Verwandtschaft, eine Blutsfreundschaft, Blutsverwandtschaft (cognatio naturalis s. vera), welche wirklich durch Zeugung entstanden ist; die hingegen bloß von den Gesetzen angenommene, in der That aber nicht durch Zeugung entstandene, ist eine rechtlich singirte, nachgebildete Verwandtschaft (cognatio ficta), welche entweder von den bürgerlichen Gesetzen für bürgerliche Zwecke, namentlich in Bezug auf Adoption angenommen ist, bürgerliche Verwandtschaft (cognatio civilis s. legitima s. legalis), oder von dem canonischen Rechte, namentlich in Bezug auf Taufe und Firmung, geistige oder geistliche Verwandtschaft (cognatio spiritualis). Die wahre oder natürliche Verwandtschaft im weitern Sinne ist eine gesetzmäßige natürliche Verwandtschaft (cognatio legitima), wenn sie aus einer legalen Ehe entstand, und diese wird im Zweifelsfalle vermuthet; und sie ist, mit wenigen Ausnahmen, bei dem Vater von Einfluß. Sie wird auch vermischte Verwandtschaft (cognatio mixta) genannt, weil sie sich theils auf die natürliche Zeugung, theils auf die gesetzliche Genehmigung der Ehe gründet. Ist sie aber die Folge eines ungesetzlichen Beischlafs, so heißt sie ungesetzliche oder, im engsten Sinne, natürliche Verwandtschaft (cognatio illegitima s. naturalis stricte sic dicta). Diese <219, 192> ist bei der Mutter von gleichem Einflusse, wie die gesetzmäßige Verwandtschaft. Der Grund der Blutsverwandtschaft ist also in der Hauptsache Abstammung von einem gemeinschaftlichen Stammvater (stirps communis). Um sich dies zu versinnlichen, pflegt daher auch das Verhältniß nach einem Stamme, nach einem Baume, auf einen Stammbaum (stemma genealogicum) gezeichnet zu werden. Die Römer hatten dabei bloß Linien und Abstufungen, das canonische Recht einen Baum mit Blättern, die altdeutschen Rechte den menschlichen Körper, in dessen Haupte Mann und Frau ihren Sitz haben, wovon die Abstammung in die übrigen Glieder geht. Vom Stamme gehen Linien aus, woran die verschiedenen Abstufungen der Erzeugung, Grade, bemerkt sind. Geht von demjenigen, um dessen Verwandtschaft es sich handelt, die Verwandtschaftslinie gerade in die Höhe, in aufsteigender Linie (linea ascendens), Ascendenten, im römischen Rechte im Allgemeinen parentes genannt, nach altdeutscher Sprache Obersippschaft (cognatio superior), oder gerade abwärts, in absteigender Linie (linea descendens), auf bloße Descendenten, altdeutsch Busen, im römischen Rechte im Allgemeinen liberi genannt, altdeutsch Untersippschaft (cognatio inferior), so daß die Verwandten von einander selbst abstammen, so heißt dies Verwandtschaft in gerader Linie (cognatio in linea recta). Ist dies aber nicht der Fall, die Linie geht sonach zur Seite, aber Alle stammen doch von einem gemeinschaftlichen Stammvater ab, so ist dies Seitenverwandtschaft, Collateralverwandtschaft (cognatio in linea transversa, obliqua, collaterali, ex transverso, a latere). Die so verwandten Personen sind Seitenverwandte. (Die in gerader Linie mit einander verwandten Ururgroßvater, Ururgroßmutter und Urur<219, 193>enkel [abavus, abavia, abnepos] heißen auch Dritturaltvater, Dritturaltmutter, Dritturenkel.) Blutsverwandte, von denselben Eltern erzeugt, sind vollbürtige, leibliche Geschwister (bilaterales), die, welche nur Eines von beiden Eltern gemeinschaftlich haben, sind halbbürtige, Halb= oder Stiefgeschwister (unilaterales); haben sie den Vater gemeinschaftlich, so sind sie Consanguinei, im entgegengesetzten Falle Uterini, so wie männliche Verwandte durch Männer Agnati (in der altdeutschen Sprache Schwertmagen), Verwandte durch Weiber Cognati (altdeutsch Niftel, Spillmagen) heißen, und unter allen diesen theils Erstgeborene (primogeniti), diejenigen, vor welchen die Eltern noch keine Kinder gehabt haben, welches selbst bei Zwillingen berücksichtigt wird, theils Nachgeborene (secundogeniti). Entferntere Verwandte, nach dem Sachsenspiegel von den Geschwisterkindern an, hießen im altdeutschen Rechte Magen. Die Seitenlinien sind entweder gleiche (linea collateralis aequalis), wenn jede der Linien, welche zur Sprache kommen, gleich viele Abstufungen hat, z. B. Geschwisterkinder sind mit einander in gleicher Linie verwandt, oder ungleiche (linea collateralis inaequalis), z. B. Neffe und Oheim sind in ungleicher Linie verwandt. Gewöhnlich werden hierbei die Verwandten männlichen Geschlechts mit einem Kreis Zeichen für kreis, die weiblichen mit einem Viereck Zeichen für viereck bezeichnet. Die Nähe der Verwandtschaft bestimmt sich nach der Zahl der Grade, die zwischen den beiden Personen sind, von deren Verwandtschaft die Rede ist. Häufiger kommt es auch vor, daß Personen von verschiedenen Seiten mit einander verwandt sind, mehrfache Verwandtschaft (duplicitas cognationis). Der Einfluß der Verwandtschaft äußert sich theils in civilrechtlichen, theils in kirchenrechtlichen, theils in staatsrechtlichen, <219, 194> theils in criminalrechtlichen Verhältnissen. A. Im Civilrechte ist die Berechnung der Verwandtschaftsgrade (computatio graduum legalis) ganz einfach. So viel Zeugungen zwischen den beiden Personen, von deren Verwandtschaft die Rede ist, stattgefunden haben, in so vielen Graden sind sie mit einander verwandt. Also sind Vater und Sohn im ersten, Großvater und Enkel im zweiten Grade gerader Linie, Bruder und Schwester im zweiten, Oheim und Neffe im dritten Grade der Seitenlinie mit einander verwandt. Hier zeigt sich jener Einfluß der Verwandtschaft vorzüglich a) bei der Intestaterbfolge nach der Rechtsregel, daß der, welcher dem Grade nach der nächste ist, am ersten zu einer Erbschaft gelangt (proximior gradu potior jure). Den Beweis der Verwandtschaft, wozu in Ermangelung von Urkunden nach römischem Rechte 5 Zeugen erforderlich sind, muß derjenige dabei führen, der den Grund seiner Klage (haereditatis petitio) darein setzt, er behaupte sie für sich, oder bestreite sie einem Andern. Ist der Besitzer der Erbschaft, welche der Kläger verlangt, ein Fremder, so hat der Kläger nur seine Verwandtschaft zu beweisen; ist der Besitzer aber auch ein Verwandter, so muß der Kläger nicht nur den Grad seiner Verwandtschaft, sondern auch, daß er ein näherer Verwandter als der Besitzer sei, darthun. Nur solche Verwandte, welchen, als solchen, ein Pflichttheil gebührt, und welche, wenn sie dennoch von der Erbschaft durch ein Testament ansgeschlossen sind, dieses als lieblos anfechten können, sind Notherben. Ist die Legitimation eines unehelichen Kindes durch Rescript des Landesherrn (legitimatio per rescriptum principis) geschehen, so erhält, nach römischem Rechte, der Legitimirte dadurch alle Verwandtschaftsrechte so, daß er auch Erbrecht in den Nachlaß der väterlichen Verwandten bekommt. Ob nun gleich kein gemein<219, 195>rechtliches Gesetz diese Wirkung der Legitimation aufgehoben hat, so wird letztere doch häufig als ein Privilegium, und daher jene Wirkung, wegen der gesetzlich einschränkenden Erklärung aller Privilegien, als nicht darin liegend angesehen, wenn jene Verwandten nicht in die Erlangung der fraglichen Successionsrechte gewilligt haben. Bei Verschollenen ist hier die Frage sehr wichtig, nach welchem Zeitpunkte zu berechnen sei, welches der nächste Verwandte des Verschollenen ist. Aber weniger streitig ist es, daß der Zeitpunkt, nach welchem die Verwandtschaft bei der Succession in Folge eines correspectiven Testaments bestimmt werden muß, der Todestag des zuletzt Verstorbenen ist. b) In Bezug auf Kontrakte ist der Einfluß der Verwandtschaft minder wichtig. Von leiblichen Eltern wird, wenn sie für ihre Kinder etwas aufgewendet haben, die Absicht zu schenken (animus donandi) so lange vermuthet, bis das Gegentheil erwiesen ist, und bei dem Kaufe begründet Verwandtschaft ein Verkaufs= oder Einstandsrecht, Erblosung, Erbfreundrecht (retractus gentilitius). c) In die Lehre von der Vormundschaft greifen die verwandtschaftlichen Verhältnisse bedeutend ein. Die Verwandtschaft ist der Grund der gesetzlichen Vormundschaft (tutela legitima). Will die Mutter die Vormundschaft übernehmen, so wird sie allen übrigen Verwandten vorgezogen. Unter diesen entscheidet die Nähe des Grades, jedoch nur unter der Voraussetzung gehöriger Fähigkeit zur Vormundschaftsführung, so daß der nächste Intestaterbe des Pupillen zur Vormundschaft kommt. Unter mehreren von gleichem Grade erhalten die Vormundschaft die von diesen, auf ihre gemeinschaftliche Gefahr, unter Zustimmung der Obrigkeit dazu erwählten, wenn sie nicht alle zugleich die Vormundschaft führen wollen. Zur Erbittung der Vormundschaft für Unmündige sind die Mutter und Groß<219, 196>eltern, bei Strafe des Verlustes der Intestaterbfolge und der Pupillarsubstitution, verpflichtet, alle übrigen Verwandten, wenn auch nicht verpflichtet, doch berechtigt. Rücksichtlich der Vormundschaft für den wahnsinnigen Sohn erstreckt sich diese Pflicht nur auf die Mutter, das Recht, so wie rücksichtlich der Prodigalitätserklärung, auf alle Verwandten. Bei Bestimmung über Erziehung des Mündels müssen in der Regel die nächsten Verwandten zu Rathe gezogen, auch können Blutsverwandte zur Uebernahme der Erziehung eines Mündels gezwungen werden. d) Im Civilprozesse hat die Verwandtschaft vorzüglich aa) auf die Zeugenlehre Einfluß, indem Einige, namentlich Eltern und Kinder, Großeltern und Enkel, gar nicht gültig für einander zeugen können; Geschwister, deren Kinder und andere nahe Verwandte sind mindestens nicht ganz glaubwürdige Zeugen. Der Grad ihrer Glaubwürdigkeit hängt nicht bloß von der Nähe des Verwandtschafts= oder Schwägerschaftsgrades, sondern vorzüglich auch von den häuslichen und anderen Verbindungen mit einander ab. Uebrigens werden bei dem Beweise des weiblichen Einbringens die mehrsten Blutsverwandten als Zeugen, sogar zuweilen mit voller Glaubwürdigkeit, zugelassen. Ueber den Grad der Letzteren müssen die Umstände entscheiden. Gezwungen kann Niemand werden, gegen Schwiegereltern und Schwiegerkinder, Stiefeltern und Stiefkinder, Vettern, Basen, Geschwisterkinder Zeugniß abzulegen. bb) In der Vollmachtsmaterie ist es wichtig, daß wahre, natürliche und rechtmäßige Verwandte, und zwar in gerader Linie ohne Unterschied des Grades, in der Seitenlinie nur bis zum zweiten Grade der Civilcomputation, als präsumtive Sachwalter zugelassen werden. cc) Niemand darf Richter in Sachen seiner nahen Verwandten sein. -- B. Die kirchenrechtliche, aus dem canonischen Rechte sich <219, 197> herschreibende Verwandtschafts=Berechnung (computatio graduum canonica) fällt mit der altdeutschen in Eines zusammen. Die Berechnung der Grade geschah hier, wegen der ganz eigenthümlichen deutschen Successionsordnung, nach der Entfernung des Erben, nicht vom Erblasser, sondern vom gemeinschaftlichen Stammvater (Sipp), nach der altdeutschen Rechtsregel: Je näher dem Sipp, je näher dem Erbe. Das canonische Recht zählt zwar in gerader Linie eben so, wie das römische, aber in der Seitenlinie zählt es alle Mal 2 Grade (gradus legales) für Einen canonischen (gradus canonicus), so daß bloß die in der einen Linie vorhandenen Generationen bis zum gemeinschaftlichen Stamm gezählt und die Zahl dieser Grade als die Verwandtschaftsgrade angenommen, und zwar so, daß bei ungleichen Seitenlinien die Grade der längsten Linie gezählt werden. Daher sind Bruder und Schwester canonisch im ersten, römisch im zweiten, Oheim und Neffe canonisch im zweiten, römisch im dritten Grade verwandt. Der Haupt=, beinahe einzige Gegenstand dieser Verwandtschaftsberechnung sind die Ehedispensationen. Bei den Katholiken wird in der Regel in gerader Linie der Verwandtschaft, auch im ersten Grade der Seitenverwandtschaft und da, wo respectus parentelae stattfindet, Dispensation gar nicht, hingegen bei einer erst zu vollziehenden Ehe nur bis zu und mit dem dritten Grade der Verwandtschaft die Erlaubniß zur Verheirathung ertheilt. Bei den Protestanten wird gewöhnlich bis in den zweiten Grad gleicher und bis zum dritten ungleicher Seitenlinie, nicht in auf= und absteigender Linie, wenn auch bloß stief= oder schwiegerelterliche Verhältnisse stattfinden, auch nicht gegen die ausdrücklichen mosaischen Verbote dispensirt. Ein häufiger Streit ist darüber, ob diese Verbote, welche bloß einzelne Fälle aufzählen, aber nicht <219, 198> die verbotenen Grade im Allgemeinen bezeichnen, wörtlich zu nehmen sind, wobei denn freilich Personen desselben Grades, worin Anderen die Heirath erlaubt ist, sich nicht heirathen dürfen. Bei den Katholiken ist, außer der Blutsverwandtschaft, auch die oben erwähnte geistliche Verwandtschaft ein Ehehinderniß. Sie besteht zwischen dem Taufenden, dem Täuflinge und dessen Eltern (inter baptizantem, baptizatum baptizatique parentes), dann zwischen dem Taufpathen, dem Täuflinge und dessen Eltern (inter levantem, levatum levatique parentes), endlich zwischen dem Firmenden, dem Gefirmten und dessen Eltern (inter ligantem, ligatum ligatique parentes), und zwischen dem Firmpathen, dem Firmling und dessen Eltern (inter patrinum, confirmandum confirmandique parentes). Dies geht so weit, daß, wenn ein Vater, außer einem Nothfalle, sein eigenes Kind tauft, oder aus der Taufe hebt, oder zur Firmung führt, dadurch zwischen ihm und seiner Ehefrau eine geistliche Verwandtschaft entsteht, so daß er bis zur erlangten Dispensation das Recht, die Leistung der ehelichen Pflichten von seiner Ehegattin zu begehren, verliert. Allein vom Manne auf die Frau und umgekehrt geht die geistliche Verwandtschaft, in die Eines von Beiden gekommen ist, nicht über. Beinahe in jedem deutschen Lande existiren besondere Gesetze über die verbotenen Grade der Verwandtschaft. Für Oesterreich, Preußen, Würtemberg, Baden, Sachsen, Kurhessen, Nassau sind sie ausgezogen in Andreas Müllers Lexikon des Kirchenrechts, Würzburg 1830, 1. Bd., unter dem Artikel Blutsverwandtschaft. Wir geben sie nach Pierer' s Universal=Lexikon.

Verwandtschaft, chemische Klassifizierung: 540 Chemie und zugeordnete WissenschaftenDDC-Icon . Keine Wissenschaft hat in kurzer Zeit so ungeheure Fortschritte gemacht, als die Chemie; die früheren, meist der Empirie entlehnten Systeme sind fast alle nicht mehr gültig, weil <219, 199> die neueren rein wissenschaftlichen Forschungen zur Entdeckung ganz neuer Naturkräfte geführt haben und aus ihnen dte chemischen Erscheinungen erklärt worden sind. Zu diesen gehört namentlich auch die Lehre von der chemischen Verwandtschaft.

Wir werden zunächst klar zu machen suchen, auf welchem Wege die Wissenschaft einen neuen Standpunkt und eine neue Erklärungsweise gefunden hat.

Die große Verwandtschaft der chemischen Kraft mit dem elektrischen Kraft hat die Wissenschaft erst in neuester Zeit nachgewiesen. Das Verbinden zweier Stoffe, das man eine chemische Verbindung nennt, ist ein geheimer Vorgang in der Natur, dessen Grund man nicht mit Sicherheit angeben kann; es spricht aber die größte Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine geheime Anziehungskraft mit im Spiele ist, die so wunderbare Dinge verrichtet.

Man nennt diese Anziehungskraft, die hierbei thätig ist, die chemische Verwandtschaft; allein das Wort Verwandtschaft ist in vollem Sinne des Wortes unpassend, denn wir werden später sehen, daß es gerade umgekehrt mit dieser Anziehung ist, daß nämlich wirklich verwandte Stoffe sich nicht gegenseitig chemisch anziehen, während gerade die sich unähnlichsten Stoffe, die gar nichts Verwandtes an sich haben, sich am eifrigsten anziehen.

Wenn wir uns genau überlegen wollen, von welch anderer Art die geheime Natur ist, die in der Chemie zum Vorschein kommt, so wird uns dies am besten gelingen, wenn wir es uns klar machen, wie bei all diesen Kräften eine geheime Anziehungskraft thätig ist, und wie gleichwohl diese Anziehungskraft in jeder eine ganz andere ist.

In allen festen Massen herrscht eine Anziehungskraft, welche je ein Atom an das andere fesselt, und die es verhindert, daß die Atome auseinander fallen. <219, 200> Ein Stück Eisen, ein Stück Blei oder sonst ein Stück eines festen Körpers ist nur darum weniger oder mehr unzerbrechlich und zertrennbar, weil alle kleinen Eisentheilchen oder Bleitheilchen oder sonst die Theilchen eines Körpers sich gegenseitig mit einer gewissen Kraft festhalten. Trotzdem aber wissen wir, daß diese einzelnen Theilchen nicht unverrückbar dicht an einander liegen, denn man kann Eisen, Blei oder andere feste Körper durch Druck noch mehr an einander pressen. Demnach muß man annehmen, daß sich die theilchen in einer gewissen Entfernung festhalten, also gegenseitig eine Anziehung auf einander ausüben. Neben dieser Anziehung jedoch existirt in denselben Körpern auch zugleich eine Abstoßungskraft. Denn hat man Eisen zusammengepreßt und es gewaltsam kleiner gemacht, so dehnt es sich sofort wieder aus, wenn man den Druck aufhören. Man muß also hieraus schließen, daß die Anziehungskraft zwischen einem Atdm und dem andern nur bis zu einer gewissen Grenze geht, und wenn man zwei Atome gewaltsam weiter einander nähert, wieder eine Abstoßung zwischen den Atomen thätig ist, die sich bestrebt, die Atome von einander in gewisser Weite entfernt zu halten. Dies ist die eine Art der Anziehungskraft, die zugleich mit einer eben so geheimen Abstoßungskraft gepaart ist.

Die chemische Kraft beruht auch auf einer Anziehungskraft; aber diese ist so eigenthümlich und hat so bestimmte eigene Gesetze, daß sie für den ersten Augenblick als eine ganz neue, mit den andern Kräften, der Electricität, des Magnetismus und Galvanismus, nicht in Verbindung stehende Kraft erscheint.

Vor Allem zeigt sich die geheimnißvolle Anziehungskraft in der Chemie schon in so fern auffallend verschieden von den anderen Kräften, als sie diesen Kräften gewissermaßen entgegen arbeitet. Wir wissen z. B., daß Eisen sich mit Sauerstoff verbindet, <219, 201> daß also zwischen Eisen und Sauerstoff eine Art Anziehungskraft obwaltet, welche es macht, daß die festen Atome des Eisens sich loslassen, und jedes Eisen=Atom für sich eine Portion Sauerstoff wählt, mit welcher es jetzt einen Körper bildet. Ein Stück Eisen, das wir mit aller Kraft nicht aus einander zu reißen vermögen, und von dem wir annehmen müssen, daß seine Atome sich mit einer großen Gewalt an einander festhalten, zerfällt ohne alle Kraftanstrengung in Rost, das heißt nichts Anderes: es dringt, sobald die Umstände es gestatten, Sauerstoff hinein und trennt die Atome von einander.

Hieraus sollte man den Schluß ziehen, daß Eisen eine so starke chemische Anziehung auf Sauerstoff ausübt, daß die Anziehungskraft seiner eigenen Atome sich dagegen verliert; aber wunderbar genug äußert sich diese so große chemische Anziehung auch nicht im mindesten, sobald man nur das Eisen mit der feinsten Schicht von Talg z. B. oder von sonst irgend einem treffenden Stoffe überzieht, der keinen Sauerstoff enthält. Hieraus nimmt man wahr, daß die chemische Anziehung nicht nur anderer Natur ist, als die Anziehung der Atome fester Körper, sondern sie muß auch eine ganz andere als die Massenanziehung sein, von der wir wissen, daß sie auf Entfernungen wirksam ist.

Wir haben des leichtern Verständnisses halber das Rosten des Eisens als Beispiel für chemische Anziehung gewählt, weil wohl Jedermann schon das Rosten beobachtet hat. Es giebt aber noch viele andere Stoffe, an welchen wir diese Erscheinungen hätten zeigen können; namentlich existirt ein Metall, das den Namen Kalium führt und silberähnlich aussieht, und dieses Metall hat eine so gewaltige Neigung, sich mit Sauerstoff zu verbinden, daß man gar kein anderes Mittel besitzt, es davor zu schützen, als daß man es in Steinöl aufbewahrt, das keinen Sauerstoff enthält. <219, 202> Trotz dem aber, daß die Anziehung zwischen Kalium und Sauerstoff ungeheuer groß ist, würde man doch vergebliche Versuche anstellen, um nachzuweisen, daß sie sich gegenseitig einander nähern, wenn man sie um ein Haar weit von einander entfernt hat. Füllte man z. B. eine Glaskugel mit Kalium und eine zweite mit Sauerstoff, und legte sie im luftleeren Raume neben einander, so würden sich die Kugeln trotz der Anziehungskraft ihrer Stoffe durchaus nicht zu einander bewegen, denn die chemische Anziehung ist selbst für die kleinste Entfernung unwirksam. Wir sehen demnach, daß die chemische Anziehung durchaus von anderer Beschaffenheit sein muß, als die Anziehung der Massen.

Noch weniger gleicht die chemische Anziehung irgendwie der magnetischen Anziehung. Von der magnetischen Anziehung wissen wir vor Allem, daß sie, wie die Massenanziehung, auf Entfernungen wirksam ist, was bei der chemischen Anziehung nicht stattfindet. Ferner zeigt die chemische Anziehung nichts von Polarität, das heißt, sie theilt den Körper nicht in zwei Pole, wie es der Magnet thut. Endlich findet sich in der chemischen Anziehungskraft keine Erscheinung, welche sich in einem Stoffe gewissermaßen vertheilt, während dies im Magnete vollkommen der Fall ist. Eine Eisenstange, die man an einem Punkte magnetisch macht, wird durch die ganze Länge magnetisch; während das eine Ende einer Eisenstange ganz und gar einer chemischen Verbindung ausgesetzt werden kann, ohne daß das andere Ende irgendwie davon betroffen wird.

In noch größerem Maaße verschieden ist die chemische Anziehungskraft von der, welche sich an der Electricität zeigt. Während die Electricität fortgeleitet werden kann von Ort zu Ort, und sie im vollen Sinne des Wortes das bewegteste Element des Welt<219, 203>raumes zu sein scheint, ist die chemische Thätigkeit nur an den Ort gebannt, wo sie vorgeht. Man vermag sie durch nichts überzuleiten von einem Orte, wo sie stattfindet, auf einen andern. Man würde vergeblich von einem Gefäß, wo eine chemische Verbindung vor sich geht, Drähte oder sonst irgend etwas nach einem zweiten Gefäße leiten, um auch hier eine gleiche oder ähnliche Wirkung hervorzurufen. --

Freilich findet ein inniges Verwandtschaftsverhältniß zwischen all diesen Kräften statt, wie wir das noch später sehen werden; für jetzt jedoch ist es zur Kenntniß der Thatsachen nothwendig, daß wir die besondere Art von geheimer Naturkraft, die in der Chemie zum Vorschein kommt, in ihrer besonderen Eigenthümlichkeit kennen lernen, und indem wir sofort zu den Hauptgesetzen der Chemie kommen werden, wollen wir hier noch folgende Bemerkungen vorausschicken.

Fast bei allen Naturkraften, die wir hier vorgeführt haben, existirt neben einer Anziehungskraft auch eine Kraft der Abstoßung; bei der Chemie ist dies nicht der Fall. Die Kraft, mit welcher ein Stoff einen andern, mit dem er sich verbinden will, anzieht, muß sehr groß sein. Wir kennen diese Größe der Kraft zwar nicht direkt, aber sie zeigt sich ganz unverkennbar darin, daß die chemische Kraft Metalle aus ihrem festesten Zusammenhange zu reißen, und sie in Atome aufzulösen im Stande ist, um sie zu einer chemischen Verbindung zu bringen. Die Vernichtung des festen Zusammenhanges im Eisen, welche beim Rosten desselben stattfindet, diese Vernichtung geht nur langsam vor sich; aber man lege nur etwas Eisen, z. B. eine Handvoll kleiner Nägel, in ein Glas Wasser, worein man eine Portion Schwefelsäure gegossen, und man wird eine chemische Auflösung des Eisens wahrnehmen, die sehr schnell vor sich geht. Auch hier beruht diese Auflösung auf einer chemischen Anziehung, und <219, 204> diese Kraft der Anziehung muß sehr bedeutend sein, da sie die Nägel, die wir mit den Fingern kaum zerbrechen können, mit Leichtigkeit und Schnelligkeit auflöst. Gleichwohl jedoch ist neben dieser so starken Anziehungskraft noch irgend eine chemische Abstoßungskraft herausgefunden worden. Während sich allenthalben in der Natur Kraft und Gegenkraft findet, scheint dies in der Chemie nicht der Fall zu sein, wenigstens sind alle ihre Erscheinungen aus der einen Anziehungskraft zu erklären, ohne daß sie irgendwie eine Gegenkraft verrathen.

Wenn man sich dns Eigenthümliche der chemischen Anziehung recht deutlich machen will, so hat man hauptsächlich Folgendes zu beachten:

1) Die chemische Anziehung ist eine Kraft, die allen Stoffen eigen ist.

2) Jeder einzelne Stoff hat zwar eine Neigung, sich mit anderen Stoffen zu verbinden, aber diese Neigung bleibt sich nicht gleich, sondern ist je nach den Stoffen verschieden.

3) Die ursprüngliche Anziehung hört ganz und gar auf, sobald die chemische Verbindung vollendet und aus den früheren Stoffen ein bestimmter neuer Stoff geworden ist.

4) Man findet bei einer näheren Untersuchung höchst merkwürdige Verbindungsverhältnisse heraus, welche darauf hinführen, daß alle chemischen Verbindungen der verschiedensten Stoffe auf einem und demselben Grunde beruhen müssen.

Alle Dinge, die wir in der Welt sehen, Holz, Steine, Erze, Sand, Kalk, Erde, Salze, Wasser, Luft, Pflanzen, Thiere, mit einem Worte Alles, was uns nur irgendwie vor Augen kommt, ist chemisch untersucht worden, und man hat herausgefunden, daß all die tausend und abertausend Dinge sammt und sonders nur aus etwa sechzig einfachen Stoffen zusam<219, 205>mengesetzt sind, die man die chemischen Urstoffe oder chemischen Elemente nennt. Die ganze Natur ist aus diesen sechzig Urstoffen aufgebaut. Diese Urstoffe sind gewissermaßen die Bausteine der ganzen Schöpfung, und die geheime chemische Kraft ist so zu sagen der Baumeister, der aus diesen Bausteinen die Welt zusammenstellt.

Wenn man diesen Gedanken einmal durch ein recht kühnes Bild ausdrücken will, so kann man sagen: Der liebe Gott hat nur nöthig gehabt, einige sechzig einfache Stoffe durch sein Schöpferwort zu schaffen, und ihnen die in denselben liegende chemische Kraft zu geben; alles Uebrige, also die ganze Welt, wie sie jetzt gestaltet ist, konnte sich durch die Chemie schon von selber machen.

Diese sechzig einfachen Urstoffe, die man in jedem chemischen Werke verzeichnet findet, diese sind es, deren gegenseitige chemische Anziehungskraft man untersucht hat. Die gewöhnlichsten der sechzig Stoffe sind Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor, Kiesel und die ganze Reihe von Metallen, die wir im gewöhnlichen Leben alltäglich sehen, wie Zinn, Eisen, Zink, Blei, Kupfer, Gold etc.

Wenn wir nun sagen, es exisirt eine chemische Anziehungskraft zwischen diesen Stoffen, so heißt dies so viel, wie Folgendes. Jeder dieser Stoffe, z. B. Sauerstoff, verbindet sich unter Umständen mit jedem der andern Stoffe. Also Sauerstoff verbindet sich mit Stickstoff und bildet so Salpetersäure. Er verbindet sich auch mit Wasserstoff und bildet Wasser. Er verbindet sich mit Kohlenstoff und bildet sodann Kohlensäure. Er verbindet sich mit Schwefel und bildet Schwefelsäure, und so geht es fort, das heißt, er kann sich unter Umständen mit all den andern genannten Stoffen verbinden, und bildet dann immer ganz etwas Anderes.

<219, 206>

Offenbar liegt diese Verbindungskraft des Sauerstoffes nicht in ihm allein, sondern sie liegt auch in jedem der anderen Stoffe, die sich mit ihm chemisch verbinden. Wir können also in Wahrheit nicht sagen, daß die geheime Kraft der Anziehung, durch welche die chemische Verbindung hergestellt wird, nur in dem Sauerstoff allein, oder in dem anderen Stoffe allein vorhanden sei, sondern die Anziehungskraft ist nur das Verhältniß, daß zwischen dem Sauerstoff und jedem andern Stoffe obwaltet. Die geheime Kraft liegt in beiden, oder, noch richtiger, in dem Verhalten der beiden Stoffe zu einander. Da dies nun bei allen sechzig Urstoffen der Fall ist, so kann man mit Recht sagen, daß in jedem der Stoffe eine Kraft thätig ist, welche die chemische Anziehung bewirkt, sobald man ihm einen zweiten Stoff in gehöriger Weise darbietet. Da aber alle Dinge der Welt aus diesen sechzig Urstoffen zusammengesetzt sind, so folgt daraus, daß die eigentliche geheime chemische Kraft in allen Dingen der Welt liegt und in allen zur Erscheinung kommen kann und auch wirklich kommt.

Diese chemische Kraft ist es, die alle Dinge der Welt gestaltet und veraltet. Sie baut Alles in der Welt auf und legt Alles wieder auseinander. Alles, was man im gewöhnlichen Leben verwittern, rosten, zerfressen, verbrennen, zerfallen, faulen, morsch werden, absterben, verwesen, auslösen nennt, ist nur eine Folge eines chemischen Vorganges, oder richtiger: eine Folge der chemischen Anziehung, die sich geltend macht und gestaltete Dinge umgestaltet. Aber nicht minder ist Alles, was man im gewöhnlichen Leben entstehen, sich bilden, keimen, wachsen u. s. w. nennt, auch nur eine Folge der chemischen Kraft, die immerfort und immerfort in allen Dingen der Welt in ununterbrochener Thätigkeit ist.

Man wird hiernach einsehen, daß die geheime che<219, 207>mische Kraft eine Hauptrolle in der Welt spielt, ja daß sie die Weltgestaltung in sich trägt, und daß sie wohl verdient, daß man einiges Nachdenken über sie und ihre Gesetze verwendet.

Es giebt auch nicht einen einzigen Stoff in der Welt, der nicht mit einem andern eine Verbindung einzugehen bereit ist, wenn eben der andere nur der für ihn passende ist. Zwischen je zwei chemischen Urstoffen findet immer eine chemische Anziehung statt; aber die Stärke dieser Anziehungskraft ist außerordentlich verschieden. Eisen z. B. hat eine große Neigung, sich mit Sauerstoff zu verbinden und Rost zu bilden. Es waltet also zwischen Eisen und Sauerstoff eine Art Liebe ob, die sie zwingt, eine eigenthümliche Ehe zu schließen und etwas ganz Anderes zu werden, als sie ursprünglich waren. Allein es giebt Stoffe, deren Neigung zum Sauerstoffe noch weit größer ist, als die des Eisens, oder, um uns wieder bildlich auszudrücken, die noch begieriger sind, eine Ehe mit dem Sauerstoff einzugehen, und diese Begierde ist oft so groß, daß gewisse Stoffe unter gewissen Umständen den Sauerstoff aus dem Rost herausholen, um sich mit ihm zu verbinden und das Eisen gewissermaßen aus der Ehe zu treiben, was in einem Hoh=Ofen geschieht.

Hieraus ersieht man, daß die chemische Anziehung zwischen Kohle und Sauerstoff unter Umständen z. B. beim Glühen größer ist, als zwischen Eisen und Sauerstoff. In der That kann man Eisen vor dem Rosten schützen, wenn man es in trockener fein gepulverter Kohle verwahrt. Eine noch stärkere Verwandtschaft besteht zwischen Sauerstoff und dem Metall Kalium, das wir bereits erwähnt haben. Sie ist so groß, daß man ein Stückchen Kalium gar nicht an die Luft bringen darf, denn ehe man sich' s versieht, ist dies blanke silberhelle Metall durch Verbindung mit dem Sauer<219, 208>stoff der Lust in eine weiße krümlige Masse, die man Kali nennt, verwandelt, und läßt man dieses noch länger in der Luft, so wird sogar das Kali feucht und zerfließt endlich wie naß gewordener Zucker.

Wenn man sich also eine richtige Vorstellung von der Anziehungskraft, die zwischen zwei chemischen Stoffen waltet, machen will, muß man sagen: Die Anziehungskraft ist zwar immer vorhanden zwischen je zwei chemischen Urstoffen. Wenn die Umstände diese Anziehungskroft begünstigen, entsteht aus diesen zwei Urstoffen ein ganz anderes Ding, das oft nicht die mindeste Aehnlichkeit mit den Urstoffen hat. Aber diese Anziehungskraft ist nicht immer gleich bei allen Urstoffen, sondern es waltet zwischen je zwei Urstoffen bald eine größere, bald eine schwächere Anziehung ob.

Wir haben schon erwähnt, daß aus einer chemischen Verbindung von Sauerstoff und Stickstoff die Salpetersäure entsteht; ferner wissen wir bereits, daß aus einer Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff Wasser hervorgeht. Was Wasser ist, weiß jeder Mensch. Alles Wasser der Welt, unser Trink=, Brunnen=, Fluß= und Regenwasser, ist nichts Anderes, als eine chemische Verbindung von zwei Luftarten, von Sauerstoff und Wasserstoff. -- Viele werden auch wohl wissen, was die Salpetersäure für eine eigene Flüssigkeit ist. Sie ist eine äußerst beizende Flüssigkeit von höchst saurem Geschmack, so daß ein paar Tropfen hinreichen, als Glas Wasser sauer schmeckend zu machen. Sie ist so ätzend, daß man fast alle Metalle in derselben auflösen kann. Taucht man ein wenig Baumwolle in ganz reine Salpetersäure, und läßt sie auch nur eine einzige Secunde darin, so wird sie die bekannte Schießbaumwolle. Man kann sie stundenlang auswässern und mit Wasser auswaschen, die Baumwolle wird, wenn sie trocken ist, noch heftiger wie Schießpulver abbrennen, sobald man nur ein <219, 209> Fünkchen daran bringt. Man sieht also, die Salpetersäure ist ein ganz ander Ding als Wasser.

Nun aber wissen wir, daß in beiden, sowohl im Wasser, wie in der Salpetersäure, ein Stoff ganz derselbe ist, nämlich der Sauerstoff. Sie unterscheiden sich nur darin, daß in dem einen, im Wasser, Wasserstoff, während in der Salpetersäure Stickstoff vorhanden ist. Wenn man nun sieht, wie das Wasser so milde, und die Salpetersäure so brennend und ätzend ist, so könnte man auf den Gedanken kommen, daß diese Eigenthümlichkeiten nur von den Eigenschaften des Wasserstoffs und des Stickstoffs herrühren müssen. Man sollte meinen, der Wasserstoff mache das Wasser so milde, so unschuldig, während der Stickstoff daran Schuld haben muß, daß die Salpetersäure so gefährlich und heftig wirkend ist. Das ist aber nicht der Fall. Wer sich hiervon überzeugen will, der denke sich nur einmal, was wohl entstehen müßte aus einer Verbindung von Wasserstoff und Stickstoff. Gewiß glaubt der Unkundige, daß hieraus so eine Art wässerige Salpetersäure oder dergleichen halb unschuldiges Ding entsteht; aber er kaufe sich nur zum Spaß aus der Apotheke für einen Sechser Ammoniak und rieche daran, und er wird merken, daß aus den zwei Stoffen, die er schon im Wasser und in der Salpetersäure kennen lernte, etwas ganz Anderes als diese Dinge geworden ist. Eine weitere Betrachtung wird uns aus diesem leicht faßlichen Beispiel manchen interessanten Blick in die Geheimnisse der Stoffe und ihrer Verbindungen thun lassen.

Wenn man sieht, wie man aus den drei genannten chemischen Urstoffen, aus Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, so ganz besondere drei Flüssigkeiten machen kann, die mit einander nicht die mindeste Aehnlichkeit haben, so kann man so recht bemerken, was es mit der chemischen Kraft für eine ganz eigene Bewandtniß hat, <219, 210> und daß hier ein Geheimniß ganz eigenthümlicher Art dahinter stecken muß. Sauerstoff und Wasserstoff in chemischer Verbindung geben Wasser. Aber weder der Sauerstoff allein, noch der Wasserstoff allein hat die mindeste Aehnlichkeit vom Wasser. Beide sind Luftarten, von denen die eine, der Sauerstoff, von uns mit jedem Athemzuge eingeathmet wird; die andere, der Wasserstoff, ist eine Luftart, die, wenn sie angezündit wird, mit großer Hitze brennt. Hat man in einer Schweinsblase Sauerstoff, in einer zweiten Wasserstoff, und läßt man beide Gase durch feine Röhrchen ausströmen, so daß der Wasserstoff durch den Strom von Sauerstoff strömt, so braucht man nur den Wasserstoff mit einem Zündhölzchen anzustecken, um den höchsten Grad von Hitze zu erhalten, der bisher erzeugt werden konnte. Man nennt diese Mischung Knallgas, und in der schwachen wenig leuchtenden Flamme des Knallgases schmilzt nicht nur Glas, als ob es Wachs wäre, sondern der härteste Stahl brennt darin so lebhaft, daß die Funken von allen Seiten herumspritzen. Und doch ist die chemische Verbindung dieser beiden Luftarten nichts als Wasser, ganz gewöhnliches Wasser, das nicht brennt und die Verbrennung nicht befördert, sondern gerade gebraucht wird, um Feuer zu löschen.

Hier kann man so recht sehen, welch ein Unterschied es ist, ob zwei Urstoffe nur mit einander vermischt sind, wie es mit dem Sauerstoff und Stickstoff in der Luft der Fall ist, oder ob sie chemisch verbunden sind, wie es in der Salpetersäure stattfindet. Ohne Zweifel ist es eine eigene wunderbare Kraft, welche zwei so unschädliche, ja für das Leben so wichtige Stoffe derart in der Salpetersäure verbindet, daß sie eine Flüssigkeit bilden, die an sich gar keine Aehnlichkeit mehr mit den Urstoffen hat. Nimmt man aber den einen Bestandtheil des Wassers, den Wasserstoff, und den <219, 211> einen Bestandtheil der Salpetersäure, den Stickstoff, und bringt eine chemische Verbindung zwischen ihnen zu Wege, so bilden sie Ammoniak. Die Eigenschaften des Ammoniaks sind gerade die entschieden entgegengesetzten der Salpetersäure. So verschafft also die Kraft der Chemie in der Verbindung der Urstoffe Dinge, die gar nichts mehr mit den Urstoffen gemein haben; wie denn der Versuch gezeigt, daß man Wasserstoff und Stickstoff gemischt ohne die geringste Beschwerde einathmen kann, und daß sie im reinen Zustande einzeln und auch in Mischung ganz geruchlos sind.

Will man nun einen Blick hinter das Geheimniß der Chemie thun, so muß man nicht nur auf das achten, was wir bereits angeführt haben, nämlich auf die größere und schwächere Neigung, die zwischen zwei Stoffen besteht, um sich zu einem neuen Ding zu verbinden, sondern man hat auch auf die Umstände Rücksicht zu nehmen, unter welchen die Verbindung möglich wird; denn von diesen Umständen hängt oft der hauptsächliche Vorgang der Verbindung ab.

Wir wissen, daß die geheime Kraft der chemischen Anziehung zwar in allen Stoffen vorhanden ist, daß sie aber nicht in jeden beliebigen zwei Stoffen gleich stark waltet, daß z. B. zwischen Kalium und Sauerstoff eine ungeheuer starke chemische Anziehungskraft thätig, daß sie zwischen Eisen und Sauerstoff schon schwächer ist, daß sie zwischen Silber und Sauerstoff noch weniger vorwaltet. Es läßt sich je nach dieser größeren Verwandtschaft eine förmliche Skala bilden.

Wenn man der geheimen Kraft der chemischen Anziehung nachspüren will, so muß man stets die Erfahrung zu Hülfe rufen, und diese belehrt uns in außerordentlich vielen Fällen, daß immer der Zustand, in welchem sich zwei Stoffe befinden, den wesentlich<219, 212>sten Einfluß hat auf die Kraft der Anziehung, die zwischen zwei Stoffen vorherrscht.

Wir wollen einige dieser Fälle des Beispiels halber hier aufführen; denn wir werden später sehen, daß diese Fälle die Möglichkeit gewähren, einen Blick in die Geheimnisse der Natur zu werfen.

Wir wissen schon, daß Eisen in feuchter Luft schneller rostet, als in trockener, das heißt die Verbindung zwischen dem Sauerstoff der Luft und dem Eisen wird durch die Feuchtigkeit der Luft befördert. Es wirkt also nicht die Anziehung der Stoffe allein, sondern auch der Zustand, in welchem die Stoffe sich befinden, auf die Verbindung derselben.

Wir wissen ferner, daß Kohle zwar Luftarten in sich einsaugt, ohne jedoch eine chemische Verbindung mit der Luftart einzugehen; dahingegen braucht man Kohle nur anzuzünden, das heißt zu erhitzen, und sofort geht sie eine schnelle Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft ein und verwandelt sich mit dieser in Kohlensäure. Also hier sehen wir, daß die Feuchtigkeit der Luft keine Rolle spielt, sondern umgekehrt die Hitze ist die Vermittlerin, die die schnelle Ehe zwischen Kohle und Sauerstoff zu Wege bringt.

In vielen Fällen muß man, um eine chemische Verbindung zu Stande zu bringen, mindestens einen der Stoffe als Flüssigkeit anwenden. In manchen Fällen ist es nöthig, die Wärme zu steigern, um eine chemische Verbindung zu Wege zu bringen, in manchen Fällen dagegen trennen sich zwei Stoffe aus ihrer chemischen Verbindung, wenn man sie erwärmt.

Sehr wunderbar ist die Einwirkung des Sonnenlichtes auf einzelne chemische Verbindungen, namentlich auf solche, in welchen Chlor oder Jod eine Rolle spielt. Das Chlor hat die Eigenschaft, alle Farben zu zerstören, weshalb man es zum Bleichen der Zeuge anwendet, wozu man sich sonst des Sonnenlichtes be<219, 213>diente. Schon dieser Umstand deutet darauf hin, daß das Sonnenlicht die Stoffe chemisch verändert, indem es ähnlich wie ein chemischer Stoff, das Chlor, wirkt. Wenn man nun durch die Forschungen der neuern Zeit ziemlich sicher weiß, daß das Sonnenlicht nicht eine Art Stoff, der von der Sonne durch den ganzen Weltraum ausströmt, sondern nur eine Erscheinung ist, von der die Sonne die Ursache ist, so kann man sich die Einwirkung des Sonnenlichtes auf chemische Stoffe nur dadurch erklären, daß man annimmt, es versetzt das Sonnenlicht die Stoffe in einen eigenthümlichen Zustand, welcher auf die chemische Verbindung von Einfluß ist. -- Vor wenig Jahren noch wußte man von dieser Einwirkung des Lichtes auf den chemischen Zustand gewisser Stoffe sehr wenig; nur das Bleichen der Wäsche im Sonnenlicht, die Rasenbleiche, war eine bekannte Thatsache; gegenwärtig jedoch, wo man allenthalben, fast in jeder Hütte, schon Lichtbilder, Daguerreotypen, Photographien findet, jetzt hat man Gelegenheit, zu sehen, welche wunderbare Wirkungen das Sonnenlicht auf chemische Stoffe hervorzubringen vermag; denn die ganze Kunst, Lichtbilder anzufertigen, ist eine rein chemische Operation.

Am interessantesten ist noch ein Umstand, der uns gleichfalls lehrt, wie eigenthümlich oft der Zustand der Stoffe sein muß, wenn man sie zu einer chemischen Verbindung bringen will. Es giebt Stoffe, die man nur dann zu einer chemischen Verbindung bewegen kann, wenn man sich gewissermaßen auf die Lauer legt und den Augenblick abwartet, wo sie eben erst aus einer chemischen Verbindung freigelassen worden sind. Bietet man ihnen in diesem Augenblicke an, etne neue Verbindung einzugehen, so geschieht es schnell und leicht; läßt man ihnen aber Zeit, so hört die Lust, eine chemische Verbindung einzugehen, auf.

Einige Beispiele der Art bietet sowohl die Entste<219, 214>hung der Salpetersäure, wie die des Ammoniaks, und auch in vielen Fällen die Entstehung des Wassers. -- Wie wir wissen, besteht die Salpetersäure aus Sauerstoff und Stickstoff. Der Sauerstoff ist seiner Natur nach sehr verbindungslustig; allein der Stickstoff ist außerordentlich träge in dieser Beziehung, und das ist ein Glück, sonst würde sich oft in der Luft, die ja aus Sauerstoff und Stickstoff besteht, Salpetersäure bilden. Braucht man aber Salpetersäure, und das ist eben sehr vielfach in jetziger Zeit der Fall, so muß man den Moment abwarten, wo in irgend einem chemischen Vorgang gerade der Stickstoff aus einer früheren chemischen Verbindung verdrängt wird, und führt man ihm in diesem Augenblick den Sauerstoff zu, so geschieht die chemische Verbindung des Sauerstoffs und Stickstoffs ohne alle Schwierigkeit.

Dieses Ablauern des Stoffes, um ihn sofort wieder einfangen zu können, geschieht bei der Bereitung des Ammoniaks in noch höherem Grade. Der Ammoniak, der aus Wasserstoff und Stickstoff besteht, entsteht nur dann, wenn man einerseits Wasserstoff und andererseits Stickstoff aus ihren alten Verbindungen treibt und die eben erst freiwerdenden Stoffe ohne Zeitverlust zu einander führt. Man muß hier beiden Stoffen auflauern, um den Moment nicht zu verpassen.

Auch Wasser, das aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht, bildet sich nicht, wenn man beide Gase zu einander bringt; dahingegen entsteht es bei unzähligen chemischen Operationen, wenn beide Gase im Entstehungsmoment, wo sie eben anderweitige Verbindungen verlassen haben, an einander gerathen.

Offenbar liegt ein Geheimniß anderer Art all den Zuständen zu Grunde, unter welchen chemische Verbindungen und Lösungen vor sich gehen, und wir ha<219, 215>ben Grund, diese chemischen Geheimnisse mit zu den geheimen Kräften der Natur zu zählen.

Trotz aller Schwierigkeiten hat die Naturforschung es so weit gebracht, mit ziemlicher Sicherheit die Größe der chemischen Anziehung zwischen je zwei Urstoffen bestimmen zu können. Nehmen wir wieder einmal den Sauerstoff als den ersten Stoff an, weil er mit allen anderen Stoffen am leichtesten Verbindungen eingeht, und weil er in der Natur eine so große chemische Rolle spielt, so weiß man es jetzt, daß er so gut wie gar keine Neigung hat, sich mit Chlor zu verbinden. Eine stärkere Neigung besitzt der Sauerstoff schon zu Schwefel, mit dem er die bekannte Schwefelsäure bildet. Noch leichter verbindet er sich mit Phosphor zu Phosphorsäure, und wiederum noch leichter mit Stickstoff zu Salpetersäure. Noch leichter ist seine Verbindung mit Kohlenstoff, um Kohlensäure zu bilden. Die Neigung des Sauerstoffs zum Wasserstoff ist wiederum stärker, als die der bisher genannten Stoffe. Die Neigung wächst nun immer mehr, je mehr wir uns den Metallen nähern. Seine Verbindung mit Gold und Platin ist stärker, als die mit Wasserstoff. Mit Silber verbindet sich der Sauerstoff heftiger. Zum Kupfer hat er noch stärkere Neigung, zum Zink ist die Neigung wiederum bedeutender, zum Eisen ist sie schon sehr stark, zum Natrium ist sie außerordentlich stark, und am allerstärksten ist die Neigung zwischen Sauerstoff und Kalium. Wir sind demnach schon im Stande, eine Reihe aufzuführen, in welcher jeder folgende Stoff eine immer bedeutendere Neigung hat, sich mit Sauerstoff zu verbinden, und diese Reihe von den genannten Stoffen würde demnach folgendermaßen lauten: Chlor, Schwefel, Phosphor, Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, Gold und Platin, Silber, Kupfer, Zink, Eisen, Natrium, Kalium.

<219, 216>

Wir haben freilich nur die bekanntesten chemischen Urstoffe hier aufgeführt, während wir viele weniger bekannte mit Stillschweigen übergangen haben; allein auch bei diesen bekannten Stoffen dürfen wir nicht vergessen, daß die Umstände, unter welchen sie Verbindungen mit dem Sauerstoff eingehen, sehr verschieden sind, und daß demnach die Sicherheit der genannten Reihe noch nicht ganz fest steht. Aber in dieser Reihe von Stoffen, die wir hier aufgeführt haben, zeigt sich etwas höchst Merkwürdiges, das einen Einblick in das Wesen der Naturgeheimnisse der Chemie gestattet. Die Reihe sollte ja eigentlich nur für Verbindungen jedes dieser Stoffe mit Sauerstoff gelten, sie gilt aber auch für fast jeden anderen dieser Stoffe. Nehmen wir beispielsweise den ersten der genannten Stoffe, den Chlor, so finden wir, daß auch er sich am liebsten mit Kalium verbindet, das der letzte Stoff der Reihe ist. Zunächst leicht verbindet sich Chlor mit Natrium, in welcher Verbindung er unser gewöhnliches Kochsaltz bildet. Gehen wir in dieser Reihe weiter rückwärts, so kommen wir erst auf Eisen, dann auf Kupfer, Silber, Gold, Wasserstoff und Kohlenstoff. Mit all diesen Stoffen verbindet sich Chlor; aber wenn ihm die Wahl gelassen wird, verbindet es sich immer mit einem Stoffe, der in der genannten Reihe weiter von ihm absteht, als mit einem, der ihm nahe steht. Also Chlor verbindet sich lieber mit Eisen, als mit Zink, lieber mit Zink, als mit Kupfer, lieber mit Kupfer, als mit Silber etc., so daß es sich mit Kohlenstoff schon sehr schwer verbindet, und zu dieser Verbindung, die in der Medizin gebraucht wird, schon das Einwirken des Sonnenlichtes zu Hülfe gerufen werden muß, weil sie ohne dessen Einwirkung nicht zu Stande kommt. -- Mit dem neben dem Chlor stehenden Schwefel, Phosphor und Stickstoff kann man keine Verbindung mit Chlor zu Wege bringen, so daß<219, 217> wir hier sehen, wie diese Reihe nicht nur für den Sauerstoff, für welchen sie ja ursprünglich aufgestellt worden ist, Bedeutung hat, sondern auch für Chlor. -- Das Merkwürdige geht aber noch weiter. Auch der zweite Stoff in der genannten Reihe, der Schwefel, verbindet sich nicht mit dem neben ihm stehenden Phosphor, auch nicht mit dem darauf folgenden Stickstoff und Kohlenstoff; wohl aber mit dem Wasserstoff, wo er das bekannte übelriechende Gas „Schwefelwasserstoff” bildet, das man in faulen Eiern riecht. Mit den folgenden Stoffen aber, die noch entfernter in der Reihe von ihm abstehen, verbindet er sich nun immer leichter und inniger, je weiter man in der Reihe kommt, so daß die Neigung zur Verbindung der Reihe nach zunimmt, bis endlich wieder Schwefel=Kalium die stärkste Schwefelverbindung ist, die man mit Schwefel hervorrufen kann.

Aehnlich verhält es sich mit dem dritten Stoff der angeführten Reihe, dem Phosphor. Er verbindet sich gar nicht oder nur äußerst schwer mit Stoffen, die in der Reihe neben ihm stehen, wohl aber stärker und immer stärker mit Stoffen, die ihm der Reihe nach entfernt und entfernter aufgeführt sind. Da die Reihe von uns nur sehr lückenhaft aufgeführt worden ist, so können wir auch hier die weiteren Merkwürdigkeiten derselben nicht näher ausführen.

Diese merkwürdige Eigenthümlichkeit kann unmöglich zufällig sein, und sie ist es auch nicht, sondern man hat hier Grund zu vermuthen, daß ein allgemeines Naturgesetz hier geheim waltet, das mit dem Geheimniß der chemischen Verbindungskraft in genauem Zusammenhange steht.

Die neben einander stehenden Stoffe haben eine gewisse Aehnlichkeit mit einander, während die am weitesten auseinanderstehenden sich am unähnlichsten sind. Theilen wir nun die Reihe etwa so, daß wir <219, 218> den Wasserstoff als die Mitte derselben betrachten, so sehen wir auf der einen Seite lauter Metalle, auf der andern Seite fast lauter Stoffe, die am wenigsten Aehnlichkeit mit Metallen haben, wie z. B. Sauerstoff, Chlor, Schwefel, Phosphor u. s. w. Da aber gerade die Stoffe der einen Seite am leichtesten und schnellsten chemische Verbindungen eingehen mit Stoffen der andern Seite, so ergiebt schon der flüchtige Blick, daß die chemische Verbindung etwas ganz Eigenthümliches hat; denn es geht daraus hervor, daß nicht etwa die ähnlichen Stoffe auf einander eine Anziehung ausüben, um sich chemisch zu verbinden, sondern im Gegentheil, es verbinden sich diejenigen Stoffe am leichtesten, die sich am unähnlichsten sind.

Die stärkste und heftigste chemische Verbindung findet zwischen Sauerstoff und Kalium statt. Diese beiden Stoffe haben weder äußerlich in ihrer Erscheinung, noch innerlich in ihrer Natur die mindeste Aehnlichkeit. Sauerstoff ist eine Luftart und das reine Kalium ist ein dem Silber ähnliches Metall, und gerade weil sie sich so unähnlich sind, verbinden sie sich so leicht und schnell mit einander, daß man das Kalium nicht eine Minute an der Luft liegen lassen darf, ohne daß es mit großer Begierde den Sauerstoff anzieht und sich in Verbindung mit diesem verwandelt. Zink hat nicht die mindeste Aehnlichkeit mit Sauerstoff, und doch weiß Jeder, daß es sich in der Luft sehr schnell mit einer weißgrauen Schicht überzieht, die eben nichts ist, als eine Art Rost, welcher aus einer Verbindung des Zinks mit dem Sauerstoff der Luft entsteht. Wie dasselbe mit dem Eisen der Fall ist, ist gleichfalls bekannt, während z. B. Schwefel oder Kohle nicht ohne Weiteres aus der Luft den Sauerstoff anzieht.

Hieraus schon wird man auf den Schluß geführt, daß in der Chemie wohl eine eigenthümliche Kraft thätig ist, welche gerade den am wenigsten sich ähnli<219, 219>chen Stoffen eine Anziehungskraft und Verbindungslust verleiht, um mit einander sich zu begatten und einen neuen verbundenen Stoff zu bilden. Und wirklich ist dieser Schluß ganz richtig; denn eine genauere und tiefer eindringende Forschung bestätigt diesen Schluß vollkommen, und es steht als eine Grundregel der chemischen Anziehung fest, daß sie gerade zwischen solchen Stoffen am leichtesten vor sich geht, die ihrer Natur nach ganz entgegengesetzt sind.

Wer sich auch nur ein wenig Einblick in die Chemie verschaffen kann, der erstaunt über die Erscheinung, daß die Natur gerade in das Unähnlichste die stärkste Neigung gelegt hat, sich zu verbinden. Aehnlich wie der Nordpol des einen Magneten gerade den Südpol des andern Magneten, also den ungleichartigen Magnetismus, aufsucht und anzieht, so zieht in der Chemie jeder Stoff den ungleichartigsten andern Stoff an, während er den gleichartigen Stoff gleichgültig und unangezogen läßt. Ganz so wie in der Elektricität die positive und die negative Elektricität sich anziehen, eben weil sie ganz entgegengesetzter Natur sind, eben so geschieht es in der Natur, wo die ihrer Natur nach entgegengesetzten Stoffe die stärkste Neigung zur Verbindung besitzen.

Schon dies führt auf den Gedanken, daß wohl ein und dieselbe Ursache all' diesen geheimen Kräften der Natur zu Grunde liegen müsse. Unmöglich kann es zufällig sein, daß allenthalben, wo eine Kraft in der Natur wirksam ist, eine Gegenkraft zugleich in Thätigkeit tritt, die mit ihr zusammen den Grund der Erscheinung ausmacht. In den festen Körpern herrscht eine Anziehungskraft zwischen einem Atom und dem andern, die sie zusammenpreßt, und zugleich ist eine Abstoßungskraft thätig, die sie doch wiederum von einander fern hält. In dem großem Weltraum be<219, 220>sitzen sämmtliche Himmelskörper eine Fliehkraft, die sie in die Unendlichkeit der Fernen treiben würde, und dieser Fliehkraft entgegen wirkt eine Anziehungskraft, die, wenn sie allein herrschte, alle Himmelskörper in einem einzigen Punkt vereinigen müßte. Und gerade diese zwei Kräfte, die entgegengesetzte Resultate in ihren Wirkungen haben würden, bringen den geordneten Lauf der Himmelskörper hervor, den wir anstaunen.

Im Magnetismus und in der Elektricität ist die Trennung der Kräfte in zwei verschiedene Arten noch deutlicher ausgesprochen. Nordpol und Südpol, positive und negative Elektricität treten hier auf, und es zeigt sich die auffallende Erscheinung, daß die entgegengesetzten Arten, die scheinbar einander feindlich sein sollten, sich gegenseitig suchen, sich einander anziehen. Finden wir nun in der Chemie ein ähnliches Verhältniß, zeigt sich auch hier, daß die entgegengesetzten Dinge die größere Neigung zu einander haben, so drängt sich unwillkührlich der Schluß auf, daß alle die geheimen Kräfte, die in so verschiedener Weise zur Erscheinung kommen, von einer uns noch unbekannten großen gemeinsamen Naturkraft, die das All durchdringt, herstammen müssen, und daß sie alle wohl nur verschiedene Erscheinungen der gemeinsamen noch unentdeckten Kraft sein mögen.

Wir haben es schon erwähnt, daß es einige sechzig chemische Urstoffe giebt, und daß sich je zwei und zwei dieser Stoffe chemisch verbinden können. Wenn dies der Fall ist, so nennt man die Verbindung eine einfache. Sauerstoff und Schwefel sind zwei chemische Urstoffe; wenn sie sich verbinden, bilden sie Schwefelsäure, und weil die Schwefelsäure eben nur aus zwei Stoffen besteht, nennt man sie eine einfache Verbindung. Es läßt sich denken, daß es außerordentlich viele einfache Verbindungen geben kann; denn wie <219, 221> sich der Sauerstoff mit den übrigen sechzig Stoffen verbinden kann, verbindet sich auch Chlor mit den übrigen Stoffen, und eben so Jod, Brom, Schwefel, Phosphor etc. mit den meisten übrigen Urstoffen, so daß deren Zahl außerordentlich groß ist.

Nennen wir nun Verbindungen dieser Art, wo nur zwet Urstoffe zu einander getreten sind, Verbindungen erster Ordnung, so zeigt es sich, daß aus diesen Verbindungen hervorgegangene Dinge meisthin eine besondere Neigung haben, sich wieder mit einander zu verbinden.

Wir haben schon des Rostes öfter erwähnt, daß er gebildet wird von Eisen und Sauerstoff; also Rost oder richtiger Eisenoxyd ist ebenfalls eine Verbindung erster Ordnung. Bringt man nun zum Eisenoxyd etwas Schwefelsäure, so verbinden sich diese beiden Dinge zu einem neuen Dinge, das schwefelsaures Eisenoxyd heißt und wie grünes Salz aussieht, das gewiß Vielen unter dem Namen Eisenvitriol bekannt ist. Solch eine Verbindung ist eine Verbindung zweiter Ordnung.

Da die meisten Dinge, die aus Verbindungen zweiter Ordnung entstehen, die Form und Gestalt des Salzes haben, so nennt man sie Salze. Nun aber verbinden sich oft auch noch zwei solche Salze mit einander und bilden Doppelsalze, und diese werden Verbindungen dritter Ordnung genannt. Alle diese Verbindungen aber stehen unter ganz genauen und von der Natur mit großer Pünktlichkeit befolgten Gesetzen.

Man bringe nur einem Chemiker irgend einen chemischen Körper, sei es ein Körper erster oder zweiter oder dritter Ordnung, und er wird sofort im Stande sein, nicht nur zu sagen, was für einfache Urstoffe darin stecken, sondern er wird mit der schärfsten Genauigkeit zugleich angeben können, wie viel <219, 222> Gewichttheile von jedem einzelnen Urstoff darin enthalten sind. Denn nichts in der Welt ist so pünktlich, wie die Natur, und hat man auch nur einmal ihre Gesetze belauscht, so hat man für alle Zeiten den ewig sichern Faden, um ihr Verfahren zu erkennen. Dies aber ist in der Chemie bereits geschehen, und die Gesetze, nach welchen die Natur ihre chemischen Kunststücke treibt, sind jetzt schon jedem Chemiker geläufig und bekannt.

Das erste dieser Gesetze lautet folgendermaßen: „Wenn sich zwei Urstoffe mit einander chemisch verbinden, so geschieht dies nur nach genauen Gewichten.

Wir wissen es schon, daß Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht; aber man bilde sich nicht ein, daß es ein Wasser geben kann, worin etwas mehr Sauerstoff ist, als in einem andern, sondern es steht unerschütterlich fest, daß in jeder Art von Wasser, mag man es hernehmen aus dem Meere, oder aus einer Quelle, oder aus Eis oder aus Schnee bereiten, oder in Thau oder Regen ansammeln, immer und zu aller Zeit werden in einem Pfund Wasser stets genau so und so viel Loth Sauerstoff und so und so viel Loth Wasserstoff vorhanden sein. Kein Chemiker in der Welt und auch die Natur vermag nicht ein Wasser herzustellen, worin ein Atom Sauerstoff oder Wasserstoff mehr ist, als in allen Wassern der Welt. Das heißt aber nichts Anderes, als daß in jedem Pfund Wasser stets das Gewicht des Sauerstoffs und des Wasserstoffs genau und unumstößlich fest gegeben ist.

Hundert Loth Sauerstoff verbinden sich ganz genau mit zwölf und ein halb Loth Wasserstoff zu 112 1/2 Loth Wasser; will man 100 Pfund Sauerstoff zur Bildung von Wasser verwenden, so muß man 12 1/2 Pfund Wasserstoff dazu bringen, und es darf auch nicht das kleinste Theilchen daran fehlen. Nimmt man mehr <219, 223> Sauerstoff oder mehr Wasserstoff, so bleibt er übrig und verbindet sich nicht, das heißt, er läßt sich auf keinen chemischen Prozeß weiter ein.

Und wie dies mit dem Wasser ist, so ist es mit allen Dingen, die aus zwei Urstoffen entstehen. Die Schwefelsäure z. B. besteht immer aus 100 Gewichtstheilen Schwefel und 150 Gewichtstheilen Sauerstoff, man mag die Schwefelsäure fabriziren, wie und wo man will. Unser gewöhnlicher gebrannter Kalk besteht aus einem Metall, das den Namen Calcium hat, und aus einer Portion Sauerstoff, und zwar sind immer im Kalk 250 Gewichtstheile Calcium und 100 Gewichtstheile Sauerstoff, gleichviel, ob man den Kalk aus Marmor oder aus Kalkstein, aus Kreide oder aus Knochen oder Eierschalen brennen will. Es geht ein für allemal nicht anders, es werden immer in 350 Loth Kalk 250 Loth Calcium und 100 Loth Sauerstoff enthalten sein.

Offenbar rührt dies von der chemischen Anziehungskraft her, die zwischen je zwei Stoffen herrscht. Diese ist gewissermaßen wie der Appetit, aber ein so geregelter und genau zugemessener Appetit, daß er nur eine bestimmte genau gewogene Portion aufnimmt, und nicht ein Krümelchen mehr.

Der Grund, weshalb ein gewisses Gewicht eines Urstoffes nur ein ganz genau bestimmtes Gewicht eines andern Stoffes anzuziehen vermag, und sich nicht ein Bischen abdringen oder ein Bischen mehr aufdringen läßt, ist ein tiefer und sehr bedeutsamer. Gerade die Erscheinung dieses Grundes hat die geistesschärfsten Denker dahin geführt, einen Blick in das Wesen aller körperlichen Dinge zu thun und den Beweis zu führen, daß Alles, was wir in der Welt sehen, Alles, was wir in, um und an uns haben, zusammengesetzt ist aus einzelnen kleinen Atomen, die so klein sind, daß wir ein einzelnes davon nicht sehen können, selbst mit <219, 224> den schärfsten Vergrößerungsgläsern nicht, und daß aus der Zusammenstellung dieser Atome sämmtliche Dinge der Welt erst entstanden sind.

Wir werden über diese wichtige Lehre noch weiterhin ein Näheres sprechen; für jetzt haben wir ein höchst merkwürdiges chemisches Gesetz zu betrachten, dessen Erforschung ebenfalls für die Wissenschaft von der wichtigsten Bedeutung geworden ist.

Wir wissen, daß ein jeder chemischer Urstoff einen gewissen Appetit hat, sich mit einem andern chemischen Urstoff zu verbinden, daß aber der Appetit des Stoffes durchaus mit einer ganz genau bestimmten Portion des zweiten Stoffes gesättigt werden muß, von der er sich nichts abhandeln und zu der er sich nichts zulegen läßt. Es findet nun aber ein ganz wunderbares Verhältniß in diesem Appetit sowohl, wie in der Portionen statt. Um dies einleuchtend zu machen, müssen wir einmal diesen Appetit und die Portionen bei einigen Stoffen etwas näher kennen lernen.

Wir wollen nun wieder mit dem Sauerstoff anfangen und uns denken, wir haben 100 Loth Sauerstoff vor uns und dazu eine ganze Masse von einzelnen Urstoffen, die wir beliebig mit dieser Portion Sauerstoff chemisch verbinden können. Es fragt sich nun z. B.: wie viel Wasserstoff werden die 100 Loth Sauerstoff aufnehmen? Die Antwort hierauf lehrt die Erfahrung, und die genaueste Prüfung ergiebt, daß netto 12 1/2 Loth Wasserstoff den Appetit von 100 Loth Sauerstoff stillen, so daß nun aus beiden Stoffen 112 1/2 Loth Wasser entstehen.

Da wir nun wissen, wie groß der Appetit von 100 Loth Sauerstoff ist, wenn wir ihn mit Wasserstoff speisen, so wollen wir einmal sehen, ob sein Appetit zum Stickstoff größer oder kleiner ist. Macht man nun den Versuch und bringt die einfachste Verbindung von Sauerstoff und Stickstoff zu Stande, woraus eine <219, 225> Art salpetersaures Gas entsteht, so findet man, daß er von Stickstoff eine ganz gewaltige Portion zu sich nehmen kann; denn die 100 Loth Sauerstoff nehmen 175 Loth Stickstoff auf.

Da nun dieselben 100 Loth Sauerstoff schon satt wurden durch 12 1/2 Loth Wasserstoff, dagegen 175 Loth Stickstoff brauchen, um gesättigt zu werden, so muß man schon annehmen, daß 12 1/2 Loth Wasserstoff gerade so viel Sättigungsstoff in sich haben, als 175 Loth Stickstoff, daß man also beliebig statt des einen den andern wählen kann.

So weit wäre die Sache nun nicht wunderbar; denn wir haben viel Dinge in der Welt, wo ein wenig von dem einen Stoff so viel zu bedeuten hat, als sehr viel vom andern Stoff. Aber das Wunderbare kommt erst, wenn man probirt, wie sich denn Wasserstoff mit Stickstoff verbindet.

Versucht man es, Wasserstoff mit Stickstoff in chemische Verbindung zu bringen, so zeigt es sich, daß gerade die 12 1/2 Loth Wasserstoff, die wir schon kennen, netto die 175 Loth Stickstoff aufnehmen, um eine Verbindung einzugehen. Also die 12 1/2 Loth Wasserstoff sind nicht für den Appetit des Sauerstoffs so gut wie 175 Loth Stickstoff, sondern die 12 1/2 Loth Wasserstoff haben netto auch solch großen Appetit, wie die 100 Loth Sauerstoff; denn sie sind gleich diesen fähig, sich nur durch 175 Loth Stickstoff sättigen zu lassen.

Hieraus aber ergiebt sich ein ganz eigenthümlicher wunderbarer Einblick in das geheime Wesen der chemischen Verbindungen. Wir haben uns gewundert, daß 100 Loth Sauerstoff schon satt werden durch 12 1/2 Loth Wasserstoff, während sie 175 Loth Stickstoff zur Sättigung brauchen; jetzt aber sehen wir die erstaunliche Thatsache, daß die bescheidene Portion von 12 1/2 Loth Wasserstoff auch einen sehr gesegneten Appetit hat nach Stickstoff und ebenfalls erst satt wird, <219, 226> wenn sie 175 Loth davon verzehrt hat. Wir finden also, daß der Appetit von 12 1/2 Loth Wasserstoff netto so groß ist, wie der von 100 Loth Sauerstoff, und kommen nun endlich dahinter, daß gerade darum 12 1/2 Loth Wasserstoff mit 100 Loth Sauerstoff sich verbinden, weil ihr chemischer Appetit gleich groß ist. Der chemische Appetit ist aber nichts Anderes, als die chemische Anziehungskraft, und wir kommen so hinter ein Geheimniß, das uns Folgendes lehrt:

Da 100 Loth Sauerstoff sich nur mit 12 1/2 Loth Wasserstoff verbinden, so müssen wir schließen, daß die chemische Anziehungskraft der 100 Loth Sauerstoff gerade so groß ist, wie die der 12 1/2 Loth Wasserstoff.

Das Eigenthümliche und Wunderbare, das wir hier von den drei Stoffen: Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff, angeführt haben, findet aber bei allen übrigen sechzig Stoffen statt, und hieraus ergiebt sich ein so richtiges Naturgesetz der chemischen Verbindungen, daß man wohl sagen darf, daß dessen Erkenntniß erst die Chemie zu begründen vermochte.

Vom Stickstoff muß man schon 175 Loth nehmen, um seine chemische Anziehungskraft gleich groß zu machen den 12 1/2 Loth Wasserstoff oder den 100 Loth Sauerstoff. -- Will man Kohlenstoff nehmen, so ergiebt der Versuch, daß 75 Loth desselben sich mit 200 Loth Sauerstoff verbinden, und diese beisammen bilden das so gefährliche Kohlenoxyd oder den Kohlendampf. Also 75 Loth Kohlenstoff oder reine Kohle hat so viel chemische Anziehungskraft, wie 100 Loth Sauerstoff oder 12 1/2 Loth Wasserstoff oder 175 Loth Stickstoff.

Macht man denselben Versuch mit Schwefel, so ergiebt sich, daß er circa einen halb mal so schwachen Appetit hat, als Sauerstoff, denn von Schwefel muß man schon an 200 Loth dazu nehmen. Phosphor ist nahe viermal so schwach, denn man muß schon 400 <219, 227> Loth nehmen, um seine Anziehung der von 100 Loth Sauerstoff gleich zu machen. Von Chlor muß man gar 440 Loth dazu thun, um durch ihn eine eben so starke Anziehung zu haben. Für Natrium braucht man wieder nur 290 Loth hierzu. Hieraus aber folgt, daß 290 Loth Natrium so stark sind in der Anziehung, als 440 Loth Chlor, denn jeder dieser Stoffe ist in solcher angegebenen Menge ja so stark in seiner Anziehung, als 100 Loth Sauerstoff. Da nun Chlor und Natrium wirklich in der Natur eine sehr gewöhnliche Verbindung eingehen, und als solche unser gewöhnliches Kochsalz bilden, so weiß man mit vollster Sicherheit, daß man zu 440 Loth Chlor netto 290 Loth Natrium nehmen muß, um aus beiden 730 Loth Kochsalz zu bilden.

Daher rührt es auch, daß, wenn man einem Chemiker eine Hand voll Kochsalz bringt, er dies nur genau zu wiegen braucht, um gleich sagen zu können, wie viel Chlor und wie viel Natrium darin steckt.

Die Versuche haben gelehrt, daß man von Eisen 352 Loth nehmen muß, von Zink 407 Loth, von Zinn 735 Loth, von Blei 1295 Loth, von Kupfer 396 Loth, von Quecksilber 1250 Loth, von Silber 1350 Loth und von Gold gar 2458 Loth, um die Anziehung so stark zu machen, wie die von 100 Loth Sauerstoff. Das Wichtige und Merkwürdige in diesen Zahlen ist nun, daß sie ursprünglich eigentlich doch nur in einer Beziehung zum Sauerstoff zu stehen scheinen, aber daß sie zugleich auch für alle übrigen Verbindungen der Stoffe unter einander gelten. Gesetzt, es wollte Jemand Zinnober machen, die bekannte vorzügliche rothe Farbe, die von den Malern so sehr geschätzt wird, und welche eine chemische Verbindung von Schwefel und Quecksilber ist, so fragt es sich, wie viel Schwefel und wie viel Quecksilber muß man dazu haben. Hierüber geben obige Zahlen genauen Aufschluß. <219, 228> Zweihundert Theile Schwefel sind, wie gezeigt worden, so stark in der Anziehung, wie hundert Theile Sauerstoff, und 1250 Theile Quecksilber sind auch in ihrer Anziehung so stark, wie 100 Theile Sauerstoff, folglich müssen sich 200 Gewichtstheile Schwefel mit 1250 Gewichtstheilen=Quecksilber verbinden und zusammen Zinnober bilden. So aber geht es mit allen genannten, und eben so mit den übrigen Urstoffen, die wir hier nicht aufgeführt haben. Die Gewichtstheile, in welchen sie sich mit irgend einem Stoffe verbinden, passen auch zu allen anderen Stoffen. Es ergiebt sich also hieraus, daß alle chemischen Urstoffe in einem gewissen Verhältniß zu einander stehen, so daß man, um eine gewisse chemische Wirkung hervorzubringen, den einen statt des andern nehmen kann, wenn man nur das richtige oben angegebene Gewicht dazu verwendet. Das aber kann unmöglich zufällig sein, sondern deutet auf ein ganz bestimmtes Naturgesetz hin, das in der Chemie waltet. Gewiß muß es seinen Grund haben, warum man 1250 Loth Quecksilber braucht, um eine so starke Anziehung hervorzubringen, wie sie 100 Loth Sauerstoff ausüben. Zweihundert Loth Schwefel, haben wir gesehen, sind so stark in ihrer Anziehung, wie 100 Loth Sauerstoff; kann es wohl Zufall sein, daß man gerade 200 Loth Schwefel braucht, um 1250 Loth Quecksilber chemisch zu verbiuden? Muß nicht hier eine Kraft schlummern, die den chemischen Vorgängen zu Grunde liegt, und die es macht, daß sämmtliche chemische Verbindungen nur dann vollständig geschehen, wenn man gerade so viel von zwei Stoffen zu einander bringt, daß ihre chemische Anziehungskraft ganz gleich ist? So ganz und gar ist man freilich hinter das Geheimniß der Chemie noch nicht gekommen, aber man ist ganz sicher auf dem Wege dahin.

Nehmen wir zum Beispiel eine Verbindung von <219, 229> 100 Loth Sauerstoff mit 12 1/2 Loth Wasserstoff, so wissen wir, daß dies netto 112 1/2 Loth Wasser giebt, und wir müssen nach dem früher Gesagten annehmen, daß die 12 1/2 Loth Wasserstoff in ihrer chemischen Anziehungskraft eben so groß sind, wie die der 100 Loth Sauerstoff. Nun aber wissen wir durch Versuche, daß 489 Loth eines Metalls, das Kalium heißt, sich auch mit 100 Loth Sauerstoff verbinden, und also dem Appetit von 12 1/2 Loth Wasserstoff ganz gleich kommen. Wenn dem aber so ist, woher kommt es, daß das Kalium in Wasser geworfen das Wasser zersetzt, den Wasserstoff vertreibt und sich mit dem Sauerstoff verbindet?

Man werfe nur einmal ein Stückchen Kaliummetall in einen Teller Wasser, und man wird ein herrliches Schauspiel vor sich sehen. Das Metall sprudelt in dem Wasser umher, wird im Wasser glühend; aus dem Wasser steigt ein Gas auf, das bald zu brennen anfängt, bis endlich das Kalium ganz und gar schwindet, das Wasser am Gewicht ein wenig zugenommen hat, und der ganze Vorgang zu Ende ist. Nun weiß man, daß diese sonderbaren Erscheinungen daher rühren, daß das Kalium größere Neigung hat, sich mit dem Sauerstoff des Wassers zu verbinden, als das bisher mit dem Sauerstoff verbundene Wasserstoffgas. Das Kalium zieht nun den Sauerstoff an und verbindet sich mit diesem so heftig, daß das Kalium dabei in Gluth geräth. Gleichzeitig muß der Wasserstoff, der früher mit dem Sauerstoff verbunden war, entweichen, und da Wasserstoff ein brennbares Gas ist, so zündet er sich an dem glühend gewordenen Kalium an und brennt, während das mit Sauerstoff verbundene Kalium eine Art Salz wird, das sich im übrigen Wasser auflöst. -- Wir sehen demnach, daß das Kalium durchaus stärker sein muß in seiner chemischen Kraft, als das Wasserstoffgas, und doch <219, 230> haben wir behauptet, daß sie eigentlich gleichen Appetits sind? Die Antwort auf diese Frage ist folgende:

Je zwei chemische Urstoffe sind im Stande, sich in einem bestimmten Verhältniß chemisch zu verbinden, und wenn sie dies thun, so geschieht es immer in solchen Gewichtsmengen, daß ihre Anziehung aufeinander gleich groß ist. Allein wenn auch die Anziehung gleich ist, so ist doch die Energie, mit welcher sie sich verbinden, nicht gleich groß bei jeden beliebigen zwei Stoffen, und daher ist auch nicht immer jede Verbindung zweier Stoffe gleich stark, gleich haltbar und unerschütterlich.

Woher aber rührt diese Verschiedenheit? Warum können 12 1/2 Loth Wasserstoff so viel Sauerstoff chemisch binden, als 489 Loth Kalium, trotzdem das Kalium so stark ist, den Wasserstoff aus dem gebildeten Wasser hinauszuwerfen? Offenbar steckt hier wieder ein Naturgeheimniß dahinter, das man zu erforschen hat; ein Naturgeheimniß, das bewirkt, daß einerseits ein kleiner Theil eines Stoffes so viel vom andern Stoff aufnehmen kann, als ein dritter Stoff nur in einer größern Summe von Gewichtsmenge es vermag, und andererseits bewirkt, daß dieser dritte Stoff dennoch energisch genug ist, den ersteren Stoff aus seiner bereits eingegangenen Verbindung zu treiben.

Wir wissen, daß wenn man Schwefel mit Sauerstoff zu einer chemischen Verbindung bringen will, so muß man 200 Gewichtstheile Schwefel und hundert Gewichtstheile Sauerstoff, dazu verwenden. Man sollte nun glauben, daß es gar nicht möglich sei, aus Schwefel und Sauerstoff etwas Anderes chemisch zu Stande zu bringen, als eben das, was aus den gegebenen Gewichtsmengen wird. Allein die Erfahrung lehrt, daß dem nicht so ist.

Schon in äleerer Zeit wußte man aus Schwefel und Sauerstoff vier verschiedene Dinge zu fahriciren; <219, 231> jetzt ist es sogar gelungen, sieben verschiedene chemische Verbindungen aus diesen beiden Stoffen herzustellen, und zwar entstehen diese sieben verschiedenen Verbindungen dadurch, daß man die Gewichtsmenge des Schwefels und Sauerstoffs verschieden anwendet. Für den ersten Augenblick scheint dies nun freilich im Widerspruch zu stehen mit dem bisher ausgesprochenen Grundsatz, daß in jeder chemischen Verbindung zweier Stoffe stets ein festes unverrückbares Gewichtsverhältniß der Stoffe angewendet werden müsse; allein, wenn man sich die Sache genauer ansieht, so bemerkt man, wie man Ursache hat, in jenem Grundsatz sich nur noch mehr bestärkt zu fühlen; ja man gelangt bei einigem Nachdenken erst recht hinter ein großes Naturgeheimniß der Chemie.

Wir wollen einmal die Gewichte angeben, welche man anwenden muß, um jede der hauptsächlichsten vier Verbindungen von Schwefel und Sauerstoff herzustellen; wir werden sogleich sehen, daß es mit den Gewichtsmengen doch nicht so willkürlich geht, sondern daß sie in einem ganz bestimmten Verhältnisse bleiben müssen.

Man kann 200 Loth Schwefel und 100 Loth Sauerstoff verbinden, und daraus entsteht ein Ding, das man zwar allein noch nicht hat darstellen können; aber man kennt es doch, weil man ihm nachzuspüren vermochte, wo es sich mit anderen chemischen Körpern verbunden hat. Dies Ding, von dem man vermuthet, daß es ein Gas ist, heißt „unterschwefelige Säure”. Man kann ferner 200 Loth Schwefel mit 200 Loth Sauerstoff verbinden, und daraus entsteht „schwefelige Säure”, das bekannte stechend riechende Gas, das schon Jedem in die Nase gestiegen ist, der diese über der blau brennenden Flamme eines noch nicht ganz angebrannten Schwefelhölzchens gehalten hat. -- Sodann kann man mit einiger Schwierigkeit <219, 232> eine Verbindung von 400 Gewichtstheilen Schwefel und 500 Gewichtstheilen Sauerstoff herstellen, die man „Unterschwefelsäure” nennt. Endlich stellt man „Schwefelsäure” dar, und die besteht aus 200 Gewichtstheilen Schwefel und 300 Gewichtstheilen Sauerstoff.

Betrachtet man diese Zahlen näher, so sieht man zwar, daß Sauerstoff und Schwefel nicht so strenge an dem Gesetz festhalten, daß sie sich nur in einem einzigen bestimmten Gewichtsverhältniß verbunden. Man hat sogar, wie gesagt, sieben verschiedene Verhältnisse herausgefunden, in welchen diese zwei Stoffe Verbindungen eingehen; allein wenn man hieraus schließen wollte, daß überhaupt in der Chemie jenes strenge Verbindungsgesetz nicht feststehe, so würde man sehr irren. Im Gegentheil, aus den Zahlen geht gerade hervor, daß die Gewichtsverhältnisse bei mehrfachen Verbindungen in gewisser Weise sehr strenge inne gehalten werden. Wir sehen, daß zweihundert Gewichtstheile Schwefel sich nicht willkürlich mit einer beliebigen Gewichtsmenge von Sauerstoff verbinden, sondern es müssen gerade hundert oder zweihundert oder dreihundert oder auf 400 Gewichtstheile Schwefel 500 Gewichtstheile Sauerstoff sein, die eine chemische Verbingung eingehen. Mit einem Worte, man sieht den Sauerstoff zwar verschiedene Stufen der Verbindungen darstellen; aber jede Stufe rückt immer um ein volles Hundert. -- Dies auffallende Verhältniß muß sicherlich zu dem Schluß führen, daß es bei einer chemischen Verbindung wohl möglich ist, einen Stoff doppelt, dreifach und vierfach mit einem andern zusammenzubringen, aber nicht in sonst beliebiger Menge.

Diese verschiedenen Stufen der Verbindungen bei den chemischen Dingen stellen sich bei den aus Stickstoff und Sauerstoff entstehenden noch auffälliger heraus. Vom Stickstoff wissen wir, daß 175 <219, 233> Loth desselben sich mit 100 Loth Sauerstoff verbinden. Wir wollen der Einfachheit halber 175 Gewichtstheile Stickstoff eine Portion Stickstoff nennen, und eben so 100 Gewichtstheile Sauerstoff mit einer Portion Sauerstoff bezeichnen. Nun giebt es fünf verschiedene Stufen der Verbindungen des Stickstoffs mit dem Sauerstoff; aber auch bei diesen zeigt sich, daß nur dann eine neue Verbindung zu Wege gebracht wird, wenn man gerade doppelt, dreifach, vierfach oder fünffach vom Sauerstoff dazu nimmt; nicht aber, wenn man die Sauerstoffmenge in beliebigem Verhältniß dazu verwenden will.

Es lehrt die Erfahrung, daß eine Portion Stickstoff und eine Portion Sauerstoff das Stickstoff=Oxydul giebt. Eine Portion Stickstoff und zwei Portionen Sauerstoff geben das Stickstoff=Oxyd. Eine Portion Stickstoff und drei Portionen Sauerstoff geben die salpetrige Säure. Eine Portion Stickstoff und vier Portionen Sauerstoff geben die Unter=Salpetersäure, und eine Portion Stickstoff und fünf Portionen Sauerstoff geben die Salpetersäure. -- Hier also sehen wir, daß man zu 175 Gewichtstheilen Stickstoff immer nur ein volles Hundert Gewichtstheile Sauerstoff anwenden kann; nimmt man nicht das volle Hundert, oder richtiger die volle richtige Portion, so wird nichts Chemisches daraus.

Das Nachdenken der scharfsinnigsten Naturforscher über all die erwähnten Räthsel, die sich im Bereiche der chemischen Verbindungen aufdrängen, hat dahin geführt, daß man jetzt im Stande ist, sich ein deutliches Bild zu machen von dem, was in der geheimen Werkstatt der Natur vorgeht, und daß man so gewissermaßen Dinge zu sehen vermag, für welche uns die Natur selber den Sinn versagt zu haben scheint.

Nach den Lehren der neueren Naturforschung be<219, 234>steht jedes Ding in der Welt aus einer Sammlung einzelner Atome. Ein Stückchen Schwefel, ein wenig Gold, Eisen, Kupfer, Phosphor, mit einem Worte, jeder chemische Urstoff, den wir sehen, ist nichts Anderes, als eine Anhäufung außerordentlich kleiner Theile dieses Stoffes. Ein einziges Atom Schwefel oder sonst eines Stoffes ist für unser Auge wegen seiner Kleinheit nicht sichtbar; selbst wenn man die schärfsten Mikroskope anwendet, kann man immer noch nicht ein so kleines Ding sehen, wie ein Atom ist. Jedes Stück oder jeder Theil eines Stoffes, der schon gesehen werden kann, ist ohne Zweifel bereits eine ganze große Sammlung solcher einzelnen Atome. Wir sehen also an einem solchen Dinge nur die Sammlung, nicht den einzelnen Theil, aus dem es besteht. Es geht uns hierbei, wie es unseren Vorfahren ging, die die rothe Farbe des Blutes oder die grüne Farbe der Blätter als etwas, das dem Blute und dem Blatte selber eigen ist, ansahen, während wir, durch die verbesserten Mikroskope belehrt, wissen, daß die Röthe des Blutes nicht der Flüssigkeit angehört, sondern nur herrührt von den Blutkörperchen, die darin herumschwimmen, und die grüne Farbe der Pflanzen nicht an der Pflanze selber, sondern an einzelnen Tröpfchen haftet, welche in dem Gewebe der Pflanzen weit getrennt von einander wie Inseln daliegen und erst gebildet werden durch die Einwirkung des Sonnenlichtes. -- Nur weil unser Auge nicht feinsichtig genug ist, erscheint uns das mit Blutkörperchen oder Blutkügelchen versehene Blut als eine durchweg rothe Flüssigkeit, und das Pflanzenblatt als eine durchweg grüne Masse; in Wahrheit aber kann man jetzt Jeden durch ein Mikroskop überzeugen, daß das, was er mit bloßem Auge als eine einzige ungetheilte rothe Masse ansah, nur aus einer Sammlung sehr weit von einander getrennter rother Körperchen besteht, und was <219, 235> er als ungetheiltes einziges grünes Blatt betrachtete, nichts ist als eine Sammlung kleiner grüner Tröpfchen, welche sehr weit getrennt von einander in gesonderten Maschen des Blattgewebes sich befinden.

Es geht uns, wie gesagt, jetzt eben so, wie es unseren Voreltern ging, die das Mikroskop nicht kannten. Für unser Auge ist ein Stückchen Schwefel ein ungetheilter zusammengehöriger Körper, ist ein Stückchen Gold, Silber, Blei oder sonst irgend ein Stoff ein ungetheiltes Ding, das ganz und gar zusammen zu hängen scheint; und in der That ist es noch nicht gelungen, mit Mikroskopen nachzuweisen, daß dem nicht so ist. Allein durch die Chemie gerade ist man dahinter gekommen, und hat es durch die schlagendsten Thatsachen bestätigt gefunden, daß Alles in der Welt, das uns wie ungetheilt und zusammenhängend als eine ungetheilte Masse erscheint, doch nichts als eine Sammlung von einzelnen unendlich kleinen Atomen ist, die sich in festen Körpern nicht verschieben lassen, weil sie sich gegenwärtig mit einer gewissen Kraft anziehen.

Nach der angegebenen Lehre der Naturforscher, daß Alles in der Welt aus Atomen besteht, hat man sich zu denken, daß z. B. ein Stück Eisen oder Gold oder sonst ein harter Körper derart entsteht, daß sich in der Nähe eines Atoms ein zweites befindet, ohne das erste zu berühren; hierzu kommt noch ein drittes, viertes Atom, immer sehr nahe dem andern, ohne daß sie sich gegenseitig berühren, und wenn eine große, sehr große Anzahl solcher Atome sich irgendwo und wie gesammelt hat, erst dann werden sie unserm Auge sichtbar, und zwar als eine ungetheilte zusammenhängende Masse. In Wahrheit, so besteht ein jeder Körper aus vereinzelten Atomen und leeren Zwischenräumen, die jedes Atom umgeben; und es ist sehr leicht möglich, ja sogar oft wahrscheinlich, daß die Zwischen<219, 236>räume zwischen einem Atom und dem andern größer sind, als jedes einzelne Atom.

Wem dies sonderbar oder gar unmöglich vorkommt, der lasse sich nur einmal von einem Naturforscher ein grünes Blatt im Mikroskop zeigen, und er wird sehen, daß das, was er mit bloßem Auge als eine einzige grüne Masse ansieht, nur eine Sammlung von einzelnen grünen Tröpfchen ist, die so weit von einander liegen, daß zwischen einem und dem andern oft noch ein halbes Dutzend Tröpfchen Platz hat! --

Die Lehre von den Atomen mag für den ersten Augenblick sonderbar klingen; aber daß sie wahr ist, das beweist erst, wie wir zeigen werden, die Chemie mit ihren Verbindungsgesetzen.

Sind die Atome so nahe an einander gelagert, daß sie einander stark anziehen, so lassen sie sich nicht leicht verschieben und trennen, und wir nennen solche Massen feste Massen. Ist die Anziehungskraft in den Atomen so schwach, daß sie sich zwar nicht trennen lassen, aber doch durch leichte Erschütterung verschoben werden können, so nennen wir die Massen, die sie bilden: Flüssigkeiten. Ist aber die Anziehungskraft der Atome ganz und gar nicht vorhanden, sondern es herrscht in ihnen die Abstoßungskraft vor, so nennt man die von ihnen gebildeten Massen gasförmige Massen.

Blicken wir nun auf das hin, was bei einer chemischen Verbindung vor sich geht, so kann man sich Alles am leichtesten erklären, wenn man sich lebhaft vorstellt, daß selbst in den festesten Massen, z. B. im Eisen, die Atome noch sehr weit von einander getrennt liegen, so daß immer weite Zwischenräume zwischen einem Atom und dem andern vorhanden sind. Bringt man nun zu dem Eisen unter günstigen Umständen etwas Sauerstoff, so findet die bereits besprochene chemische Anziehung zwischen jedem einzelnen Eisen=<219, 237>Atom und jedem einzelnen Sauerstoff=Atom statt, und es lagert sich vorerst stets ein Atom Sauerstoff neben einem Atom Eisen hin, und das ist die chemische Verbindung des Eisens mit Sauerstoff.

Ist das aber der Fall, so hört das Eisen auf, Eisen zu sein; es wird vielmehr eine Art Sauerstoff=Eisen, das ganz andere Eigenschaften hat, als vorher, und auch in jeder Beziehung anders wirkt, als vorher, und wir sagen mit Recht, es ist aus beiden Stoffen ein ganz neues Ding geworden, obgleich wir sehr wohl wissen, daß man durch gewisse Vorrichtungen den Sauerstoff aus der Verbindung treiben und das Eisen wieder ohne den dazwischen gelagerten Sauerstoff herausbekommen kann.

Wenn man Eisenerz durch Zusammenglühen mit Kohle wieder in Eisen verwandelt, so kann man sich den Vorgang derart denken, daß während des Glühens die Eisenatome sich von dem Sauerstoff durch die ausdehnende Kraft der Wärme etwas trennen. Es schwächt sich hierdurch aber zugleich die Anziehungskraft jedes Eisenatoms auf das Sauerstoffatom. Nun aber hat die Kohle gerade beim Glühen eine erhöhete Neigung, sich mit Sauerstoff zu verbinden. Jedes Atom Kohle also zieht nun Sauerstoffatome an, und es lagert sich so eine Sammlung von Kohle und Sauerstoff aneinander, daß sie Kohlensäure bilden und das Eisen rein zurückbleibt.

Ein anderes Beispiel ist die Bildung von Zinnober. Man erhitzt einerseits eine Portion Schwefel und andererseits eine Portion Quecksilber in geeigneten Apparaten. Durch die Erhitzung verliert der harte Schwefel derart seinen Zusammenhang, daß er flüssig wird, das heißt, seine Atome werden verschiebbar; durch weitere Erhitzung verwandelt sich der Schwefel sogar in Dampf, das heißt, die Schwefelatome treten noch weiter auseinander. Diesen Dampf, aus sehr weit<219, 238>getrennten Schwefelatomen bestehend, leitet man nun in einen Raum, in welchen von der andern Seite Dämpfe von erhitztem Quecksilber einströmen. Diese Quecksilberdämpfe sind ebenfalls nichts als sehr weit von einander getrennte Quecksilberatome. Nun aber zieht immer ein Atom Quecksilber und ein Atom Schwefel sich gegenseitig an, und lagern sich an einander, und es entsteht aus dieser Paarung der Atome ein neues Ding, eine Art Schwefel=Quecksilber, welches, sobald es sich in reichlicher Masse gebildet hat, unserm Auge als ein rothes feines Pulver erscheint, das wir Zinnober nennen.

Da man aber durch die schärfsten Mikroskope nicht am Zinnober sehen kann, daß er aus zwei verschiedenen Dingen zusammengesetzt ist, so muß man annehmen, daß selbst im feinsten Stäubchen Zinnober eine sehr große Zahl von Schwefelatomen und Quecksilberatomen vorhanden ist, so daß sie einzeln gar nicht gesehen werden können, und unserm Auge erst sichtbar werden, wenn sich eine bedeutende Menge solch kleiner Dinger gebildet hat.

In gleicher Weise, wie diese Verbindung, hat man sich nun alle chemischen Verbindungen zu denken, und man wird gestehen, daß diese Erklärungsweise höchst einfach ist, und da sie vortrefflich für alle Erscheinungen der Chemie paßt, auch gewiß die richtige genannt zu werden verdient.

Die wichtigen Folgerungen aus der chemischen Atomlehre sind kurz folgende: Wenn sich wirklich in einer chemischen Verbindung immer ein Atom des einen Stoffes an das Atom eines andern Stoffes anlegt, so folgt hieraus, daß bei einfachen Verbindungen die Zahl der Atome gleich sein muß. Nehmen wir wiederum die Bildung von Zinnober aus Schwefel und Quecksilber als Beispiel für viele andere Verbindungen an, so wissen wir, daß eigentlich ein Atom <219, 239> Zinnober eine Art Doppelatom ist, weil es aus der Verbindung der zwei Atome entstanden ist, von denen das eine Schwefel, das andere Quecksilber ist. -- Wenn wir nun ein wenig Zinnober vor uns haben, so wissen wir zwar nicht, wie viele Atome Zinnober darin sind, wir kennen also auch nicht die Zahl der Schwefel= und der Quecksilberatome, die darin enthalten sind. Es ist möglich, daß ein wenig Zinnober, das der Maler auf seinem feinsten Pinsel zerreibt, viele Millionen oder gar Billionen Atome enthält. Aber wir wissen wenigstens das Eine, daß im Zinnober immer die Zahl der Schwefelatome eben so groß ist, wie die Zahl der Quecksilberatome. Denn da Zinnober nur entsteht, wenn sich die zwei verschiedenen Atome paaren, so würde jedes Atom Schwefel, das nicht ein Atom Quecksilber findet, um sich mit ihm zu paaren, als Schwefel übrig bleiben; dasselbe wäre mit jedem Atom Quecksilber der Fall, das nicht ein Atom Schwefel vorfindet; es würde übrig bleiben und nichts zur Bildung des Zinnobers beitragen können. Hiernach also steht es fest, daß immer im Zinnober der Zahl nach netto so viel Atome Schwefel vorhanden sind, als Atome Quecksilber, und daß es keinen Zinnober geben kann, der ein bischen mehr Quecksilber oder ein bischen mehr Schwefel enthält, als irgend welcher Zinnober in der Welt. Kein Chemiker in der Welt vermag einen Zinnober herzustellen, worin ein anderes Verhältniß des Quecksilbers zum Schwefel stattfindet; und wie es mit dem Zinnober der Fall ist, so ist es mit allen chemischen Dingen der Fall. Sie können durch fremde Beimischungen mehr oder weniger verunreinigt werden, reinigt man sie aber, so bleiben sie sich in Bezug auf ihre Bestandtheile ganz gleich.

Nun aber wissen wir, daß man immer zu 200 Loth Schwefel netto 1250 Loth Quecksilber nehmen muß, <219, 240> um aus ihnen 1450 Loth Zinnober zu machen. Wie groß die Zahl der Atome in dieser Portion Zinnober ist, das weiß man freilich nicht anzugeben, jedoch aus der chemischen Verbindung weiß man mit vollster Sicherheit zu bestimmen, daß sich das Gewicht eines jeden Atoms Schwefel zu jedem Atom Quecksilber verhalten muß, wie 200 zu 1250, oder daß ein Atom Schwefel 6 1/4mal leichter wiegt, als ein Atom Quecksilber.

Ganz so, wie es hier mit dem Schwefel und dem Zinnober der Fall ist, so ist es auch ein Gleiches mit den anderen chemischen Verbindungen. So wissen wir z. B., daß Chlor und Natrium das gewöhnliche Kochsalz bilden. Hieraus zieht man den Schluß, daß auch hier bei der Bildung des Kochsalzes stets ein Atom Chlor sich an ein Atom Natrium anlegt, und wenn sich eine ganze Menge solcher Doppelaltome gebildet hat, so erscheinen sie unseren Augen als Salz. Nun aber hat die Erfahrung gelehrt, daß man stets 443 Gewichtstheile Chlor mit 290 Gewichtstheilen Natrium zusammenbringen muß, um Kochsalz zu bilden. Da nun die Zahl der Chlor=Atome im Salz ganz gleich groß ist der Natrium=Atome, so ist der Schluß vollkommen sicher, daß ein Atom Chlor dem Gewichte nach mehr als anderthalb mal schwerer ist, als ein Atom Natrium.

Auf diesem Wege ist die Naturforschung dahinter gekommen, nicht nur die Gewichtsmengen anzugeben, in welchen sich zwei Urstoffe mit einander chemisch verbinden, sondern auch den Schluß zu ziehen, daß diese Zahlen zugleich das Gewicht der Atome jedes einzelnen Urstoffes darstellen. Bedenkt man hierbei, daß noch kein Menschenauge jemals ein einzelnes Atom irgend eines Stoffes gesehen hat, daß man es wie einen Wahnsinn betrachten würde, wenn Jemand behauptete, er wolle ein Atom auf die Wagschale legen, <219, 241> um dessen Gewicht zu bestimmen, daß aber dennoch durch die Chemie aufs allerbestimmteste festgestellt ist, wie sich die Atomgewichte sämmtlicher Urstoffe zu einander verhalten, so hat man Ursache, dem Geiste der Wissenschaft die höchste Achtung zu zollen, der in jene Tiefen der Natur einzudringen vermag, welche nicht nur dem menschlichen Auge, sondern selbst der Hülfe der Mikroskope noch verschlossen sind, die sonst so viele Geheimnisse der geschaffenen Welt enthüllen.

Jetzt erst wird es klar, warum nur 100 Gewichtstheile Sauerstoff mit 12 1/2 Gewichtstheilen Wasserstoff im Stande sind, Wasser zu bilden, weshalb weder mehr Sauerstoff, noch mehr Wasserstoff dazu genommen werden kann. Es geschieht dies deshalb, weil in hundert Gewichtstheilen Sauerstoff netto so viel Atome vorhanden sind, wie in 12 1/2 Gewichtstheilen Wasserstoff, wodurch die vollständige Paarung möglich ist, ohne daß ein Atom des einen oder andern Stoffes übrig bleibt (ein Atom des Wasserstoffs ist eigentlich ein Doppelatom).

Bei der Bildung des Wassers hat man so recht den Beweis, daß wirklich eine solche Paarung der Atome vor sich geht, und zwar, daß sich immer ein Atom Sauerstoff etwa in den Zwischenraum hineinbettet, der zwischen einem Atom Wasserstoff und dem andern sich befindet. Bringt man nämlich ein Maaß Sauerstoff und zwei Maaß Wasserstoff zu einander, und versucht man eine chemische Verbindung dieser Gase, so entstehen nicht, wie man meinen sollte, drei Maaß Wassergas, sondern nur zwei Maaß. Es haben sich also die Gase verdichtet; das aber kann eben nicht anders geschehen, als wenn die Zwischenräume, welche die Atome früher getrennt haben, sich verkleinerten, so daß die Atome nunmehr näher an einander gerückt sind.

<219, 242>

Ganz in derselben Weise, wie wir gesehen haben, daß aus zwei Maaß Wasserstoffgas und einem Maaß Sauerstoffgas nicht drei, sondern nur zwei Maaß Wasserdampf werden, daß also hier die chemische Verbindung zugleich eine Verdichtung der Gase hervorgerufen hat, ganz so ist es in vielen anderen Verbindungen der Fall. So wissen wir z. B., daß aus drei Maaß Wasserstoffgas und einem Maaß Stickstoffgas nicht vier Maaß Ammoniakgas entstehen, sondern nur zwei Maaß Ammoniak. Es haben sich also die Gase bei ihrer chemischen Verbindung sofort verdichtet. Dies aber kann auf keine andere Weise geschehen, als daß sich die Zwischenräume der Atome verkleinert und die Atome sich näher an einander gerückt haben.

Viele andere Fälle zeigen dieselbe Erscheinung; am leichtesten jedoch kann man sich von dem Vorhandensein der Zwischenräume zwischen einem Atom und dem andern überzeugen, wenn man mit Flüssigkeiten Versuche anstellt.

Nimmt man ein Glas Wasser und ein Glas Schwefelsäure und mischt sie mit einander, so geben sie beide nicht zwei Gläser Mischung, wie man vermuthen sollte, sondern bedeutend weniger. Ein Gleiches ist bei vielen anderen Flüssigkeiten der Fall. Wie aber soll man sich dies anders erklären, als daß die beiden Flüssigkeiten sich nicht nur mischen, sondern daß sie zugleich ihre Atome nach der Mischung näher an einander rücken, so daß sie dichter gelagert sind, als sie bei einer bloßen Mischung gewesen wären!

Wir dürfen versichern, daß viele tausendfältige Versuche gemacht worden sind, ehe sich die Wissenschaft dazu entschlossen hat, die Existenz von Atomen anzunehmen, daß unendliche weitere Untersuchungen immer mehr und mehr die Bestätigung geliefert haben, daß in Wahrheit alle Dinge in der Welt, sowohl feste, wie flüssige und gasförmige, immer nur Ansammlungen <219, 243> von einzelnen Atomen sind, welche bei chemischen Verbindungen zweier Stoffe sich paaren und so einen neuen chemisch hervorgebrachten Stoff bilden.

Wenn aber wirklich nur eine solche Paarung stattfindet, wie soll man es sich erklären, daß oft ein Urstoff mit einem zweiten in mehreren Stufen Verbindungen eingeht? Z. B. 175 Loth Stickstoff verbinden sich mit 100 Loth Sauerstoff und auch mit 200 Loth, eben so mit 300, mit 400, ja sogar mit 500 Loth Sauerstoff. Woher sollte das wohl rühren, wenn wirklich immer nur eine Paarung der Atome stattfände? -- Sollen wir annehmen, daß in 175 Loth Stickstoff netto so viel Atome vorhanden sind, als in 100 Loth Sauerstoff, so wäre bei dieser Verbindung schon eine Paarung möglich; wohin aber lagern sich bei den weiteren Stufen der Verbindung die noch hinzukommenden Atome Sauerstoff?

Die einfachste chemische Verbindung ist in der That nur eine Paarung, wo sich immer ein Atom des einen Stoffes an ein Atom des andern Stoffes anlegt; allein man kann sich recht gut denken, daß sich auch oft an ein Atom des einen Stoffes zwei, oder drei, ja vier und fünf Atome eines zweiten Stoffes anlegen. Und in der That muß dies in vielen Fällen auch so sein. Wenn wirklich die Atome von Stickstoff unter gewissen Umständen eine Anziehungskraft ausüben auf Atome von Sauerstoff, so ist gar nicht anzunehmen, daß diese Anziehungskraft ganz aufhört, sobald sich zwei Atome von Stickstoff und Sauerstoff nahe gekommen sind. Die Berührung oder die Annäherung dieser zwei Atome kann ja nur an einer Seite stattfinden; weshalb sollte die andere Seite des Stickstoffatoms nicht noch ein zweites Atom Sauerstoff anziehen können? Ein Gleiches kann aber auch von den zwei anderen Seiten und eben so oben und unten der Fall sein. Es läßt sich leicht einsehen, daß ein Stick<219, 244>stoffatom rechts und links, vorn und hinten und eben so oben und unten immer ein Atom Sauerstoff anzieht und festhält, so daß sogar ein Atom Stickstoff sechs Atome Sauerstoff um sich sammeln kann.

Wenn wir nun auch solchen Fall noch nicht kennen, und nur die höchste Stufe der Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff in der Salpetersäure vor uns haben, wo stets 175 Loth Stickstoff mit 500 Loth Sauerstoff verbunden ist, so ist es noch keinesweges ausgemacht, daß man nicht noch einmal eine höhere Stufe der Verbindung wird zu Stande bringen können, wo wirklich 175 Gewichtstheile Stickstoff 600 Gewichtstheile aufnehmen, um eine andere chemische Flüssigkeit, als Salpetersäure, zu bilden. Als Thatsache wollen wir nur anführen, daß es gar nicht lange her ist, daß man eine neue Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff kennen gelernt hat, eine andere, als die, welche Wasser bildet. Diese neue Verbindung heißt Wasserstoff=Superoxyd und besteht aus einem Atom Wasserstoff mit zwei Atomen Sauerstoff.

Gerade aber der Umstand, daß man zu 175 Loth Stickstoff netto hundert Loth Sauerstoff nehmen muß, um Stickstoffoxydul zu erhalten, und wenn man Stickstoffoxyd haben will, durchaus 200 Loth Sauerstoff, wenn man salpetrige Säure haben will, noch ein volles Hundert Loth, also 300 Loth nehmen muß, wenn man Untersalpetersäure machen will, netto wieder ein volles Hundert Loth anwenden, und wenn man endlich Salpetersäure machen will, wiederum noch ein volles Hundert, also 500 Loth Sauerstoff zusetzen muß, gerade dieser Umstand ist der schlagendste Beweis, daß in jedem Hundert Loth Sauerstoff so viel Atome sein müssen, als in 175 Loth Stickstoff, so daß man, wenn man eine höhere Stufe der Verbindung erreichen will, immer für jedes einzelne Atom Stickstoff ein neues Atom Sauerstoff zubringen muß.

<219, 245>

Und so ist denn die Atomlehre gerade durch die Chemie zur vollsten Gewißheit geworden, so daß man es dieser Wissenschaft zu danken hat, daß ein tiefer Blick in den geheimnißvollsten Theil der Natur gethan werden konnte.

Eine höchst interessante Bestätigung erhielt die Lehre von den Atomen in neuerer Zeit auf einem ganz andern Wege, als dem chemischen, und dieser Weg führte zu einem so überraschenden Resultate, daß er wiederum einen Aufschluß abgiebt für ein großes Naturgeheimniß. Die Entdeckung, die wir meinen, beruht auf folgenden sehr interessanten Thatsachen.

Nehmen wir an, es stellt Jemand auf den Tisch seines Zimmers ein Stück Wachs und ein Stück Eisen und ein Stück Holz, ein Stück Leder und ein Glas Wasser. Nun heizt er die Stube so ein, daß sie etwa 12 Grad Wärme hat, so wird nach einiger Zeit all' das, was auf dem Tische liegt, ebenfalls 12 Grad warm sein.

Freilich werden sich die Gegenstände sehr verschieden anfühlen. Berührt man mit der Hand das Wachs und das Eisen, so wird es scheinen, als ob das Eisen kälter sei, als das Wachs; eben so wird man, dem Gefühl nach zu urtheilen, Verschiedenheiten in der Wärme der übrigen Gegenstände wahrzunehmen glauben; aber das ist doch nur eine Täusung. Hiervon kann man sich überzeugen, wenn man die Wärme der Gegenstände mit einem Thermometer untersucht; man wird finden, daß sie sammt und sonders 12 Grad warm sind.

Woher aber kommt es, daß sich das Eisen z. B. kälter anfühlt? Das kommt daher, daß das Eisen die Wärme der Hand schnell fortleitet; denn Eisen hat wie alle Metalle die Eigenschaft, daß es die Wärme schneller leitet, als andere Stoffe es thun. Wenn man ein Schwefelhölzchen auf dem einen Ende an<219, 246>brennt, kann man es am andern Ende in der Hand halten, weil die Wärme nicht von einem Ende des Hölzchens zum andern geleitet wird. Macht man jedoch eine eben so groüe Stopfnadel an der einen Seite heiß, so kann man sie am andern Ende nicht in der Hand halten, weil die Wärme sich im Eisen verbreitet, oder weil Eisen, wie auch jedes andere Metall, die Wärme leitet.

Fühlt man nun ein Stück Eisen von 12 Grad Wärme an, so giebt die wärmere Hand dem Eisen Wärme ab; bliebe nun die Wärme an der Stelle, so würde sich das Eisen so warm anfühlen, wie jeder andere Gegenstand von 12 Grad Wärme; allein das Eisen leitet die Wärme durch das ganze Stück und entzieht so der Hand immer auf' s Neue frische Wärme, und dies erregt in uns die Empfindung, als ob das Eisen kälter wäre, als das Wachs, was in Wahrheit nicht der Fall ist. Es steht vielmehr fest und kann durch die genauesten Versuche bewiesen werden, daß alle in einem Zimmer von gleicher Wärme befindlichen Dinge ganz gleich warm werden.

Ganz anders aber ist es, wenn man die genannten Dinge um einen Grad wärmer machen will. Gesetzt, man will das 12 Grad warme Wachs bis 13 Grad warm machen, so wird man eine gewisse Portion Wärme zuführen müssen, und eben so muß man Wärme hinzuführen, wenn man das Eisen, das Holz, das Leder und das Wasser um einen Grad wärmer zu haben wünscht. Allein die Portion Wärme, die hierzu nöthig ist, wird sehr verschieden sein. Nehmen wir an, alle die Gegenstände wären gleich groß, und nun hätte man ein Nebenzimmer, das gerade 13 Grad Wärme besitzt; wenn man nun den Tisch mit den Gegenständen in die Nebenstube trägt und dort stehen läßt, so wird man bemerken, daß das Stück Eisen in kurzer Zeit schon 13 Grad warm geworden ist. Sehr <219, 247> lange nachher wird erst das Leder 13 Grad warm geworden sein, noch später wird das Wasser die Wärme von 13 Grad angenommen und am spätesten wird das Holz um einen Grad Wärme sich vermehrt haben.

Diese Verschiedenheit aber ist nicht etwa nur in den vier Gegenständen, die wir angeführt haben, der Fall, sondern sie findet bei allen Dingen in der Welt statt, und um die Wache ein bischen strenger wissenschaftlich anzufassen, wollen wir annehmen, man habe statt der genannten vier Dinge vier chemische Urstoffe, also etwa ein Stück Eisen, ein Stück Blei, ein Stück Zinn, ein Stück Schwefel auf den Tisch gelegt und mit diesen die Versuche gemacht. Bei solchem Versuche wird man finden, daß das Blei am allerschnellsten den Grad Wärme in sich aufgenommen hat; nächst ihm wird dann das Zinn den Grad Wärme aufnehmen; fast noch einmal so lange wird es daueru, bevor das Eisen den einen Grad Wärme aufnimmt; wohingegen das Stück Schwefel noch einmal so viel Zeit braucht, als das Stück Eisen, um die gleiche Wärme anzunehmen.

Die scharfsinnigsten Naturforscher der neuern Zeit haben mit der allergrößten Sorgfalt diese Versuche auf alle chemischen Urstoffe ausgedehnt und haben durch genaue Zahlen festgestellt, wie sich jeder Urstoff hierzu verhält, und da hat man die herrliche Entdeckung gemacht, daß diese Erscheinung auf' s genaueste mit den Atomen der Urstoffe und den chemischen Verbindungszahlen in Zusammenhang steht.

Blei nimmt am allerschnellsten den bewußten Grad Wärme an. Genaue Messungen in den verschiedenen Methoden haben ergeben, daß es mehr als sechsmal früher den Grad Wärme in sich aufnimmt, als Schwefel. Die Erklärung ist folgende: Es ist schon erwähnt worden, daß, wenn man eine Verbindung zwischen Blei und Schwefel herstellen will, man immer 1290 Gewichtstheile Blei und 200 Gewichts<219, 248>theile Schwefel dazu nehmen muß, das heißt, man muß mehr als sechsmal so viel Blei nehmen, als Schwefel. Nun aber wissen wir aus der Atomlehre, daß sich bei solchen chemischen Verbindungen immer ein Atom Blei an ein Atom Schwefel legt, so daß sie in der Verbindung Atompaare ausmachen. Hieraus folgt, daß z. B. 1290 Pfund Blei nur so viel einzelne Atome haben, als 200 Pfund Schwefel, oder richtiger, daß in einem Pfund Blei sechsmal weniger Atome sind, als in einem Pfund Schwefel. -- Wollen wir nun ein Pfund Blei und ein Pfund Schwefel um einen Grad wärmer machen, so haben wir im Schwefel mehr als sechsmal so viel Atome zu erwärmen, als im Blei, und deshalb dauert es auch mehr als sechsmal länger, als es beim Blei dauert.

Das heißt einfacher ausgedrückt: Ein Schwefel=Atom nimmt eben so schnell die Wärme auf, als ein Blei Atom. Weshalb aber wird ein Pfund Blei mehr als sechsmal schneller warm, als ein Pfund Schwefel? Weil im Pfund Schwefel mehr als sechsmal so viel Atome vorhanden sind.

Geben wir einmal Acht, wie dies auch bei anderen Stoffen zutrifft. Wollen wir z. B. ein Pfund Zinn um einen Grad wärmer machen, so braucht man nur den vierten Theil dazu, wie um ein Pfund Schwefel um einen Grad zu erwärmen. Also Zinn wird viermal leichter erwärmt, als Schwefel. Versucht man es, Zinn mit Schwefel chemisch zu verbinden, so findet man, daß man von Zinn 730 Gewichtstheile und von Schwefel 200 Gewichtstheile dazu nehmen muß. Man hat also Ursache, zu schließen, daß 730 Pfund Zinn netto so viel Atome enthalten, als 200 Pfund Schwefel; das heißt: ein Pfund Schwefel hat an viermal so viel Atome in sich, als ein Pfund Zinn. Hieraus folgt nun, daß, wenn auch jedes einzelne Atom gleich schnell warm wird, es doch viermal so lange dauern <219, 249> muß, um ein Pfund Schwefel zu erwärmen, als ein Pfund Zinn, weil im Pfund Schwefel wirklich viermal so viel Atome stecken, als im Pfund Zinn.

Vom Eisen wissen wir durch Versuche, daß ein Pfund davon fast noch einmal so schnell die Wärme aufnimmt, als ein Pfünd Schwefel. Sehen wir aber zu, wie sich Eisen mit Schwefel chemisch verbindet, so finden wir, daß 350 Gewichtstheile Eisen sich mit 200 Gewichtstheilen Schwefel verbinden, das heißt, in 350 Pfund Eisen sind eben so viel Atome, als in 200 Pfund Schwefel. Hieraus folgt, daß in einem Pfund Schwefel fast noch einmal so viel Atome vorhanden sind, als in einem Pfund Eisen. Es ist also ganz erklärlich, daß ein Pfund Schwefel noch einmal so lange erwärmt werden muß, um so warm zu werden, als ein Pfund Eisen.

Wenn wir nun die Versicherung geben, daß erstens die Zahlen weit genauer stimmen, als wie wir sie hier der Leichtigkeit wegen angeben, daß zweitens die Uebereinstimmung, die wir hier zwischen Erwärmung und Atomzahl zeigen, nicht nur bei den angegebenen Stoffen, sondern bei allen festen Stoffen stattfindet, daß drittens die kleinen Abweichungen, die sich vorfinden, noch auf Rechnung der schwer zu meidenden Beobachtungsfehler zu setzen sind, so wird man gestehen, daß die Lehre von den Atomen, die die Chemie aufgestellt hat, die glänzendste Bestätigung erhält durch die Beobachtungen, die man beim Gesetz der Erwärmung oder bei der Untersuchung „der specifischen Wärme der Stoffe” -- wie man dies wissenschaftlich nennt -- gemacht hat.

Freilich ist es wahr, daß diese Uebereinstimmung nur auf die festen Stoffe paßt, während die gasförmigen Stoffe sich nicht in demselben Maaße erwärmen, wie die Zahl ihrer chemischen Atome ergeben <219, 250> müßte. Allein man darf hier bei Folgendes nicht außer Acht lassen.

Gasförmige Körper dehnen sich bei der Erwärmung außerordentlich stark aus, und gerade bei jeder Ausdehnung wird wiederum Kälte erzeugt. Es ist demnach eine Beobachtung der wirklichen Erwärmung gasförmiger Stoffe außerordentlich schwierig, weil man nicht weiß, wie die Ausdehnung der Erwärmung entgegen arbeitet. Trotzdem aber zeigen die Versuche, daß alle gasförmigen Urstoffe, also z. B. Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, in gleicher Weise unter einander übereinstimmend, sowohl in der Erwärmung, wie in der chemischen Verbindung, sind, und daß sie auffallender Weise gerade noch einmal so lange erwärmt werden müssen, als die Berechnung ihrer Atome ergiebt. Dieser Umstand führt dahin, gerade die Atomlehre zu stützen und für die Abweichung zwischen festen und gasförmigen Stoffen eine Ursache aufzusuchen, die uns für jetzt noch ein Naturgeheimniß ist.

Ein anderes Naturgeheimniß, das man jetzt zu ergründen trachtet, ist das Gesetz der Diffusion.

In den Kellerräumen des Gebäudes der Akademie der Wissenschaften zu Paris, an einem Orte, wo man sich versichert hatte, daß keine Erschütterung von der Straße her eindringt, stellte man einen großen Ballon auf, gefüllt mit Kohlensäuregas. Ueber diesem Ballon wurde ein zweiter Ballon angebracht, der jedoch den untern nicht berührte, und dieser obere Ballon wurde mit Wasserstoffgas gefüllt. Sodann wurde ein dünnes Glasrohr von dem einen Ballon zum andern geführt. Als man nach einigen Tagen die Gase in beiden Ballons untersuchte, fand es sich, daß sowohl im untern wie im obern Ballon eine ganz gleiche Mischung beider Gase vorhanden war, so daß sich allenthalben ein ganz gleiches Gewicht von Kohlensäure <219, 251> und Wasserstoffgas durch das Glasrohr hergestellt haben muß.

Nun aber weiß man durch Versuche, daß Kohlensäure und Wasserstoffgas sich chemisch nicht so verbinden; also eine chemische Anziehung der Atome findet hier nicht statt. Ferner steht es fest, daß Kohlensäure an funfzehnmal schwerer ist, als Wasserstoffgas, daß also eigentlich das schwere Gas, die Kohlensäure, im untersten Ballon, das leichte Wasserstoffgas im obersten Ballon hätte bleiben müssen. Ja, man hätte sogar schließen sollen, daß, wenn man gleich das Gemisch beider Gase in beide Ballons gebracht hätte, die Leichtigkeit des Wasserstoffgases dieses hätte zum Steigen, die Schwere der Kohlensäure diese hätte zum Sinken veranlassen, so daß sich eigentlich das Wasserstoffgas in den obern Ballon, die Kohlensäure in den untern Ballon hätte hinbegeben müssen. Gleichwohl geschieht dies nicht: es tritt vielmehr das Gegentheil ein. Es stellt sich eine Mischung zweier Gase her ganz gegen das allenthalben gültige Gesetz der Schwere und offenbar nach einem uns noch unbekannten Gesetz.

Für den ersten Augenblick könnte es scheinen, als wäre das Räthsel dieser Mischung, die man eben die „Diffusion” nennt, gar nicht so wichtig, um so viele Versuche damit zu machen; allein die Sache hat ihre tiefere Bedeutung nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch die höchste Wichtigkeit für das Leben; denn nur dieser Diffusionskraft verdanken wir es, daß wir athmen und leben.

Schon vor funfzig Jahren, als man dahinter gekommen war, daß unsere Luft aus einem Gemisch von Sauerstoff und Stickstoff besteht, hat Alexander von Humboldt durch Versuche die interessante und wichtige Thatsache nachge wiesen, daß die beiden Gase Sauerstoff und Stickstoff immer und allenthalben in ganz gleichen Mischungen vorhanden sind. Er unter<219, 252>suchte die Luft in überfüllten Theatern, wo Tausende von Menschen den Sauerstoff einathmen und Kohlensäure ausathmen, und fand, daß auch hier immer auf vier Theile Stickstoff ein Theil Sauerstoff vorhanden ist. Ganz dasselbe Resultat stellte sich heraus bei Untersuchung der Luft auf hohen Gebirgen, ja, der genannte Forscher und Denker untersuchte Luft, welche er durch aufsteigende Luftballons aus den verschiedensten Höhen des Luftmeeres herabholte; immer blieb sich das Resultat gleich. Es fand sich allenthalben, daß in 100 Maaß Luft 79 Maaß Stickstoff und 21 Maaß Sauerstoff vorhanden waren.

Ist schon dies allein für das Leben der Thiere und Menschen von der größten Wichtigkeit, da eine Störung der Mischung unserer Luft wesentlich die Gesundheit gefährden würde, so ist es noch wichtiger, daß die Kohlensäure, die wir ausathmen, nicht zu Boden sinkt, obgleich sie schwerer ist, als die gewöhnliche Luft, sondern daß sie sich selbst bei vollständigster Windstille mit der Luft äußerst regelmäßig mischt und so bis in die höchsten Höhen des Luftkreises dringt. Wäre dies nicht der Fall, so müßten wir im Zimmer oder an windstillen Orten im eigenen Athem ersticken.

Was aber ist dies für eine geheime Kraft, welche diese Mischung der Gasarten veranlaßt? -- Die Naturwissenschaft weiß hierauf noch keine Antwort zu geben; denn sie ist erst daran, die Erscheinung selber durch mannigfache Versuche genauer zu erforschen. Der verdienstvolle englische Gelehrte Thomas Graham ist gegenwärtig mit diesem wichtigen Gegenstande beschäftigt, und die Resultate sind für jetzt noch nicht bekannt; allein aus Allem, was man bisher hierüber schon weiß, läßt sich der Schluß ziehen, daß ähnlich, wie die chemische Kraft Atom zu Atom gleichmäßig lagert, auch eine Kraft vorhanden ist, die gleichmäßige <219, 253> Mischungen hervorbringt, selbst wenn eine wirkliche chemische Verbindung nicht zu Stande kommt.

Möglicherweise ist die Erscheinung der Diffusion, dieses unerklärte gleichmäßige Mischen der Atome verschiedener Gase, die erste Grundlage oder auch nur der Vorläufer der chemischen Anziehungskraft, von der wir eben abgehandelt haben.

Es bleibt hier immer noch die Frage: was ist denn das für eine Kraft, welche in den Atomen sitzen soll? Zeigt sich diese Kraft auch in anderen Fällen, als bei chemischen Verbindungen? Ist diese Kraft eine ganz neue, den Atomen eigene, oder wirkt vielleicht diese Kraft auch anderweitig, als die sogenannte chemische Anziehungskraft? Auf diese Frage hat die Naturwissenschaft ganz besonders ihr Augenmerk gerichtet, und die Antwort hierauf mit ziemlicher Sicherheit aufgefunden.

Seit der Zeit, daß man die Elektricität und die Chemie näher zu untersuchen begonnen hat, stellte sich schon mit einiger Sicherheit heraus, daß jedesmal, wo ein chemischer Vorgang stattfindet, auch zugleich electrische Wirkungen aufgefunden werden können, und eben so, zum theil noch auffallender, zeigen sich chemische Wirkungen allenthalben, wo man elektrische Ströme in Bewegung setzt. Schon dies hat auf den Gedanken geführt, daß Chemie und Elektricität sehr nahe verwandt, obgleich sie in ihren Erscheinungen außerordentlich verschieden sind. Als man jedoch die Entdeckung machte, daß man durch elektrische Ströme die allerbedeutendsten chemischen Wirkungen hervorzubringen vermag, und man andererseits durch Elektrieitäts=Messer den Beweis lieferte, daß es gar nicht möglich ist, einen chemischen Vorgang herzustellen, ohne daß elektrische Ströme dabei thätig sind, da griff die Ansicht um sich, daß chemische und elektrische Kraft eins und dasselbe sein müssen. Auf diesem Wege wei<219, 254>ter gehend, fand man auch wirklich in der Elektricität den Grund der chemischen Erscheinung, und man ist im Stande, die Antwort auf die obigen Fragen dahin zu geben, daß die gesuchte chemische Kraft eigentlich die elektrische Kraft ist, welche außer ihren Erscheinungen auch noch chemische Wirkungen hervorbringt. In der That verdankt man den Wirkungen der elektrischen Ströme die wichtigsten chemischen Entdeckungen. Wir wollen einige dieser Entdeckungen hier aufführen. Vor dem Jahre 1807 hatte man keine Idee davon, daß gewisse Dinge, die wir alltäglich sehen und mit ihnen handtieren, eigentlich Metalle sind, die sich mit Sauerstoff oder Kohlensäure oder sonst einem andern Stoff verbunden haben. Der Kalk z. B. ist gewiß ein sehr bekanntes Material, und ist seit Jahrtausenden von Menschen benutzt worden, ohne daß man selbst in schon wissenschaftlichen Zeitaltern mehr davon zu sagen wußte, als daß er eine Erdart sei. Nicht minder ist Kali, der eigentliche Bestandtheil der Pottasche, und auch Natron, der Hauptbestandtheil der Soda, allgemein bekannt. Daß aber diese Dinge eigentlich ganz etwas Anderes sind, als sie erscheinen, das hat man durch die chemische Wirkung der galvanischen Säule entdeckt. Im Jahre 1807 brachte Davy, einer der verdienstvollsten Naturforscher der neueren Zeit, ein Stückchen Kali zwischen die Pole einer sehr starken galvanischen Säule, und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der elektrische Strom, indem er durch das Kali geht, dieses in zwei Bestandtheile zerlegt, von denen der eine gewöhnliches Sauerstoffgas, und der andere ein silberähnliches, blankes, sehr leichtes Metall ist. Zugleich aber bemerkte er, daß die an dem galvanischen Pole sich bildenden blanken Kügelchen sofort wieder in der Luft beschlagen, weiß und salzartig werden, und daß sie sich wiederum in Kali verwandeln. -- Er verstand diese Erscheinung <219, 255> sehr wohl, und fand mit Leichtigkeit heraus, daß eigentlich Kali nichts ist, als ein bis dahin unbekanntes Metall, das mit großer Begierde Sauerstoff anzieht und sich mit ihm verbindet, so daß man in der Natur nirgends dieses Metall rein auffinden kann. Davy nannte dieses Metall Kalium, und jetzt stellt man dasselbe bereits auf anderem, als galvanischem, Wege her.

Aehnlich ging es mit dem Natron, in welchem man durch Einwirkung des Galvanismus das Metall Natrium entdeckte, und ein Gleiches war mit dem Kalk, Gyps, Marmor und der Kreide der Fall, welche insgesammt nur chemische Verbindungen eines bis zu diesem Jahrhunderte unbekannten Metalls sind, welches man Calcium nennt.

Da man auf diesem Wege merkte, welche wichtigen Aufschlüsse der elektrische Strom über die Chemie giebt, versuchte man weitere Erfolge zu erringen, und gelangte dahin, die eigentliche chemische Wirkung der Elektricität näher kennen zu lernen. Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts hatten die Naturforscher Carlisle und Nicholson die Entdeckung gemacht, daß wenn man die beiden Pole einer starken galvanischen Kette in ein dazu eingerichtetes Gefäß mit Wasser leitet, an dem negativen Pole Bläschen von Wasserstoffgas aufsteigen, während der positive Pol sich mit Sauerstoffgas verbindet. Später kam man auf den Gedanken, einen Silber= und Platindraht statt des positiven Pols zu benutzen, und da diese Metalle nicht leicht Verbindungen mit Sauerstoff eingehen, bemerkte man auch, daß am positiven Pole Bläschen von Sauerstoffgas aufsteigen. Woher aber kamen diese Gase? -- Sie entstanden daher, daß der elektrische Strom das Wasser in seine chemischen Urstoffe zerlegte, die zu Wasser verbundenen Gase, Wasserstoff und Sauerstoff, aus einander riß, so daß beide Gase, <219, 256> die früher zusammen Wasser bildeten, nunmehr sich trennten und als freie Gasbläschen im übrigen Wasser aufstiegen. Da man diesen Versuch weiter fortsetzte und alle möglichen chemischen Stoffe dem elektrischen Strome einer galvanischen Säule aussetzte, so gab es bald keine chemische Verbindung mehr, die nicht durch den galvanischen Strom aufgehoben wurde. Auf diesem Wege wurden ganz neue Urstoffe aus ihren Verbindungen gelöst und bekannt. Wie aber geht das zu? Woher kommt diese Kraft des galvanischen Stromes, die im Stande ist, chemische Wirkungen zu äußern? Was hat die Elektricität mit der chemischen Kraft zu thun, die ihr gar nicht im mindesten ähnlich zu sein scheint? -- Die Antwort auf all diese Fragen hat man erst nach sehr ausführlichen Untersuchungen zu geben gewagt; denn in der Naturwissenschaft herrscht ein ungeheures Mißtrauen gegen schnellfertige Antworten, und wenn es gleich auf ihrem Gebiet nicht an Köpfen fehlt, die nie um Antworten verlegen sind, so verschafft sich doch eine Antwort, und wäre sie auch noch so treffend, nicht früher volle Geltung, bis sie durch Beweise gestützt ist, welche sie unumstößlich, mindestens im höchsten Grade wahrscheinlich machen. Die Antwort, die man auf obige Fragen jetzt mit möglich hinreichender Sicherheit geben kann, lautet kurz gefaßt wie folgt: Man hat sich bisher eingebildet, es gäbe eine chemische Kraft, welche in den Atomen steckt und Verbindungen und Verwandlungen der Stoffe veranlaßt; dies ist ein Irrthum. Das, was man als chemische besondere Kraft ansah, ist nichts als die elektrische Kraft der Atome, und die ganze Chemie ist nur eine Erscheinung der Elektricität, ein Zweig der Wirkung dieser die ganze Welt der Stoffe durchdringenden Kraft.

Diese Antwort klingt für den ersten Augenblick freilich kühn, und sie hat auch wirklich nicht wenig Geg<219, 257>ner gefunden; aber man söhnt sich mit dieser Antwort aus, sobald man erst einsieht, daß in der wirklichen Natur die Kräfte gar nicht so in einzelne Fächer gesondert sind, wie es in Lehrbüchern der Fall ist und sein muß, daß vielmehr in der wirklichen Welt die geheimen Kräfte innig in einander greifen, und wahrscheinlich aus einer einheitlichen Gesammtkraft stammen, die wir uns nur in viele Kräfte zerlegen, weil wir sie in ihrer Einheit noch nicht zu fassen vermögen.

Wie sich der Mensch die Zeit eintheilt in Stunden, Tage, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausen de, Jahrmillionen, obgleich er weiß, daß in Wahrheit diese Eintheilung nicht existirt und nur ein Hülfsmittel für uns ist, um irgend einen Moment aus der Reihe der ewigen Wandelungen in unserer Vorstellung festzuhalten, so theilt die menschliche Wissenschaftlichkeit auch die eine Naturerscheinung in gesonderte Naturerscheinungen, und bringt zu ihrer übersichtlichen Belehrung die Natur in Fächer, von welchen die Natur selber sicherlich nichts weiß.

Ein jedes Steinchen, das wir mit dem Fuße gedankenlos zertreten, gehört im Bereich der Naturwissenschaft in viele gesonderte Fächer. Der Mineraloge kann sein Entstehen, der Chemiker seine Bestandtheile studiren, der Mechaniker kann dessen Schwerpunkt bestimmen; der Physiker kann die specifische Wärme, das specifische Gewicht, die Lichtbrechung, den Zusammenhang, das Gefüge und die elektrische Eigenschaft untersuchen, und bei jeder dieser Untersuchungen setzt man eine gesonderte Kraft voraus, die in diesem Steinchen thätig ist. Die Natur selber aber treibt schwerlich all diese gesonderten wissenschaftlichen Fächer bei der Bildung dieses Steinchens, sondern ist wahrscheinlich in einer Einheit dabei thätig, deren Mannigfaltigkeit nur in der Erscheinung liegt.

Sieht man nun die Sache von diesem Gesichts<219, 258>punkte an, so kann man es nur als einen großen Schritt näher zur Wahrheit bezeichnen, wenn es gelingt nachzuweisen, daß zwei Kräfte, welche die Wissenschaft als gesonderte Kräfte behandelt, wie es mit der Elektricität und Chemie der Fall ist, im Grunde genommen nur eins und dasselbe ist, das sich nur in verschiedener Weise äußert.

Wir wissen es bereits, daß ein Stück Zink und ein Stück Kupfer, die sich berühren, eine elektrische Trennung in beiden Metallen erzeugen. Das Zink wird positiv=elektrisch und das Kupfer wird negativ=elektrisch. Durch geeignete Vorrichtungen ist man sogar, wie wir schon gesehen haben, im Stande, höchst wirksame elektrische Ströme durch die bloße Berührung dieser zwei Metalle hervorzurufen. Mag nun der Grund dieser Erscheinung sein, welcher er wolle, so steht doch so viel fest, daß vor der Berührung des Zinks und Kupfers weder das Zink, noch das Kupfer irgend welche elektrische Eigenschaft zeigt, daß aber die elektrische Kraft nur erst bei dem Aneinanderbringen der Metalle erzeugt wird.

Nun, sagt der Elektro=Chemiker, ist es höchst wahrscheinlich, daß eine ganz ähnliche Trennung der Elektricität in allen sogenannten chemischen Urstoffen stattfindet, sobald sich zwei verschiedene Atome derselben berühren. Das Atom des einen Urstoffes wird negativ=elektrisch, und das Atom des andern Stoffes wird positiv=elektrisch. Da wir aber bereits wissen, daß positive und negative Elektricität sich anziehen, so ist es ganz erklärlich, daß zwei verschiedene Atome sich anziehen, sobald sie sich sehr nahe sind, weil sie entgegengesetzte Elektricität besitzen, und so verbinden sich die beiden Atome, das heißt, sie bilden ein Atompaar und halten sich mit einer gewissen Kraft fest, und zwar ist diese Kraft keine andere, als die elektrische. Haben die beiden Atome das gethan, so sagen wir frei<219, 259>lich, sie hätten sich chemisch verbunden; allein die Bezeichnung ist ungenau, wir müßten eigentlich sagen: sie haben sich elektrisch verbunden; denn was sie an einander bindet, ist eben die in ihrer Berührung in ihnen hervorgerufene verschiedene Elektricität. Zwar liegt die Frage sehr nahe: warum geschieht denn dies nicht bei der Berührung von Zink und Kupfer? Warum trennen sich immer fort die Elektricitäten und senden negative Ströme durch das Kupfer und positive durch das Zink davon, ohne daß zwischen Zink und Kupfer das vorgeht, was wir gewöhnlich chemische Verbindung nennen? -- Allein die Antwort hierauf ist sehr einfach. Wären wir im Stande, ein loses Zinkatom an ein loses Kupferatom zu bringen, so würden sie sich in der That festhalten, und ihre entgegengesetzte Elektricität würde wirklich das bewirken, was man eine chemische Verbindung nennt. Es würde ein Atompärchen entstehen, das Zink=Kupfer bilden würde. Allein wir können kein loses Atom Zink herstellen, und eben so wenig ein loses Atom Kupfer. In einem noch so kleinen Stückchen Zink oder Kupfer hängt das Atom fest zusammen mit dem ganzen Stück und kann sich nicht trennen. Nun kommt noch dazu, daß sie beide Metalle sind, die die Elektricität leiten. Die Trennung der Elektricität, die an der Berührungsstelle eines Stücks Zinks oder Kupfers vor sich geht, leitet sich sogleich fort durch beide Metalle, und löthet man Drähte an die Metalle und bringt deren Enden an einander, so entsteht sogar ein Strom von beiden Seiten her, so daß die getrennten Elektricitäten sich in dieser geschlossenen Kette fortwährend verbinden, wie sie sich an der Berührungsstelle fortwährend trennen. Es findet also das, was man chemische Verbindung der Atome nennt, nicht statt, sondern es stellt sich eine andere Ausgleichung der Elektricitäten her, und zwar durch einen elektrischen <219, 260> Strom. Kommen aber zwei Atome anderer Stoffe mit einander in Berührung, von denen eins oder beide Atome nicht im Zusammenhange mit einem festen Stücke sind, und findet bei ihnen oder bei einem von ihnen nicht der Umstand statt, daß sie die in ihnen entstehende Elektricität fortleiten, so müssen sie zu einander, und sie thun es wegen der entgegengesetzten Elektricität, die in ihnen erweckt ist, und so lagert sich Atom zu Atom, und sie bilden beisammen Atompärchen, von denen wir sagen, sie haben sich chemisch verbunden.

In der That bestätigt die Erfahrung diese Annahme. Zwei trockene feste Stoffe verbinden sich durchaus nicht chemisch. Schwefel und Eisen können Jahrhunderte lang bei einander liegen, es wird kein Schwefel=Eisen entstehen. Will man eine chemische Verbindung zweier Stoffe haben, so muß man mindestens einen in eine Flüssigkeit verwandeln, das heißt, man muß ihn in einen Zustand versetzen, wo seine Atome loser zusammenhängen, und dann gelingt in vielen Fällen die Verbindung. -- Wären wir im Stande, Sauerstoff festzumachen, so könnte man ihn mit einem Stück Kalium zusammenpacken, trotzdem die Neigung zwischen beiden, sich zu verbinden, so unendlich groß ist. Sie würden als trockene feste Körper bei einander liegen, ohne chemische Verbindungen einzugehen. Dagegen wissen wir, daß der gasförmige Sauerstoff, weil er eben ein Gas ist und seine Atome nicht festhält, ein gefährlicher Nachbar für Kalium ist. Die chemische Verbindung beider geschieht mit großer Energie. Aehnlich geht es mit allen Stoffen, die sich chemisch verbinden, und das bestätigt schon wenigstens in dieser Beziehung die eben von uns ausgesprochene Behauptung.

Zwei chemische Urstoffe verbinden sich am heftigsten und schnellsten, wenn sie sich beide höchst unähnlich sind. Die Metalle haben sammt und sonders eine <219, 261> gewisse Aehnlichkeit mit einander. Kupfer, Zink, Silber, Gold, Eisen, Blei sind zwar in ihren Eigenschaften aerschieden, aber in ihrer wesentlichsten Natur sind sie doch sehr nahe verwandt. Gleichwohl haben sie nicht die mindeste Neigung, sich chemisch zu verbinden. Nun giebt es gewiß nichts Unähnlicheres in der Welt, als Sauerstoff und Eisen, und gleichwohl ist ihre Neigung zur Verbindung sehr stark, wie überhaupt die Neigung sämmtlicher Metalle, sich mit Sauerstoff zu verbinden, bedeutend ist. Ganz dasselbe zeigt sich, wenn man diejenigen Stoffe betrachtet, die ihrer Natur nach dem Sauerstoff ähnlich sind, wie zum Beispiel Chlor, Brom, Jod und Fluor; trotzdem haben sie nicht das Bestreben, sich mit Sauerstoff zu verbinden, im Gegentheil, sie ersetzen oft unter gewissen Umständen den Sauerstoff, wenn er sich mit einem Metall verbunden hat, und füllen so seine Stelle aus. -- Hieraus aber und aus einer ganzen Reihe mannigfaltiger Versuche und Betrachtungen geht mit aller Bestimmtheit hervor, daß die chemische Neigung zweier Stoffe zu einander immer stärker ist, je weniger sie sich in ihrer Natur gleich sind.

Vergleicht man dieses aber mit der Elektricität, so findet man hier ein ganz ähnliches Verhältniß. Ein Kügelchen, mit positiver Elektricität geladen, zieht ein zweites Kügelchen, mit negativer Elektricität geladen, an; das Ungleiche hat eine Neigung zu einander und sucht sich auf. Dahingegen stößt die gleiche Elektricität, sowohl positive, wie negative, in zwei Kügelchen sich gegenseitig ab. Das Gleiche flieht sich und verbindet sich nicht mit einander.

Nimmt man nun an, daß alle sechzig Urstoffe, wenn sich zwei und zwei von ihnen berühren, verschiedenartig stark elektrisch werden, so hat man damit die meisten Räthsel der Chemie gelöst. Wenn sich zum Beispiel ein Atom Sauerstoff und ein Atom Kalium nahe <219, 262> kommen, so braucht man sich nur zu denken, daß es ihnen so ergeht, wie wenn Zink zu Kupfer gebracht wird. Das Atom Sauerstoff wird negativ elektrisch und das Atom Kalium wird positiv elektrisch. Sie gleichen hierin zwei Kügelchen, die immerfort entgegengesetzte Elektricität besitzen, und darum ziehen sie sich an und halten sich fest. Sauerstoff und Kalium bringen bei ihrer Berührung die allerstärkste Trennung der Elektricität hervor, und darum ist die Neigung, sich zu verbinden, bei ihnen die allerstärkste, die man in der Chemie vorfindet. Will man nun die stärkste Verbindung hervorbringen, so braucht man nur ein Stückchen reines Kaliummetall an die Luft zu bringen. Es entsteht sofort die heftigste Vereinigung der beiden Stoffe, weil sie bei ihrer gegenseitigen Berührung am stärksten die elektrische Trennung bewerkstelligen.

Sauerstoff mit Natriummetall macht es eben so, aber nicht so heftig. Ein Atom Sauerstoff und ein Atom Natrium bilden nicht einen so starken elektrischen Gegensatz mehr. Das Natrium ist nicht so sehr positiv=elektrisch, wie das Kalium. Sauerstoff und Eisen haben auch bei ihrer Berührung entgegengesetzte Elektricität, aber schon eine bedeutend schwächere; deshalb verbindet sich zwar Sauerstoff mit Eisen, aber nicht so schnell und energisch. Eisen also ist weniger positivelektrisch, als Natrium. -- In dieser Weise nun kann man alle sechzig Urstoffe in eine Stufenreihe bringen, deren erstes Glied Sauerstoff ist, als das negativste, und deren letztes Glied Kalium ist, als das positivste, und man hätte so die Neigung der Stoffe, sich zu verbinden, und der verschiedenen Grade dieser Neigung vollständig erklärt, ohne eine andere Kraft zu Hülfe zu rufen, als die elektrische Kraft, deren Dasein wir gar nicht bestreiten können.

Mit derselben Leichtigkeit, mit welcher sich die ein<219, 263>fache chemische Verbindung zweier Urstoffe erklären läßt, wenn man die Elektricität als geheime Kraft betrachtet, welche diese bewirkt, mit eben so großer Leichtigkeit erklärt sich aber auch jede chemische Zersetzung und jede chemische Verbindung höherer Ordnung. Wir wollen dies wieder an dem bereits bekannten Beispiel zeigen, das wir schon öfter erwähnt haben. Wenn man ein Stückchen Kaliummetall in ein Glas Wasser wirft, so entreißt das Kalium dem Wasser den Sauerstoff, so daß der Wasserstoff des Wassers in Blasen aus dem übrigen Wasser aufsteigt. Dieser Vorgang ist durch die elektrische Kraft sehr leicht zu bewerkstelligen. Nach den bereits oben angegebenen Versuchen hat man gefunden, daß daß Kalium der elektrisch=positivste aller Urstoffe, während Sauerstoff der negativste ist. Wasserstoff steht so ungefähr in der Mitte zwischen beiden. Im Vergleich mit Kalium ist freilich Wasserstoff negativ elektrisch; im Vergleich mit Sauerstoff jedoch ist es positiv elektrisch. Bei der Bildung des Wassers hat sich freilich der negative Sauerstoff mit dem ihm gegenüber positiven Wasserstoff verbunden, so wie aber ein Ding hinzukommt, das so stark positiv ist wie Kalium, verläßt der negative Sauerstoff seinen bisherigen nur schwach positiven Gesellen, und geht eine neue Verbindung mit diesem ein. Gäbe es einen Stoff, der noch negativer elektrisch ist, als Sauerstoff, so würde er, wenn er dazu gebracht würde, das Kalium anziehen und den Sauerstoff verdrängen.

In ähnlicher Weise kann man sich jeden chemischen Vorgang erklären, wo immer ein oder zwei hinzukommende Stoffe zu einer bereits fertigen Verbindung die bestehende chemische Anziehung aufheben und eine neue bewirken. In solchem Falle wirkt immer nur der stärkere elektrische Gegensatz zweier Stoffe gegen den schwächeren.

<219, 264>

Woher aber, könnte man bei oberflächlicher Betrachtung fragen, woher kommt es, daß ein elektrischer Strom gerade oft eine Trennung einer chemischen Verbindung hervorruft? Wir wissen, daß wenn man die Pole einer starken galvanischen Säule in ein Glas Wasser bringt, daß sich das Wasser in seine Urbestandtheile zersetzt, daß die chemische Verbindung des Wassers aufgehoben wird und in geeigneten Apparaten gezeigt werden kann, wie die elektrische Strömung dem Wasser einerseits Sauerstoff und andererseits Wasserstoff entreißt. Wie, könnte der Uneingeweihte fragen, wenn die chemische Verbindung nur auf der Kraft der Elektricität beruht, so müßte ja ein elektrischer Strom, durch das Wasser gehend, dieses nur noch fester verbinden und nicht die Verbindung stören?

Zur Beantwortung dieser Frage braucht man sich nur zu erinnern, daß die Pole einer galvanischen Säule entgegengesetzt elektrisch sind. Der Pol, der am Zink angebracht ist, besitzt positive Elektricität; der Pol, der am Kupfer angebracht ist, besitzt negative. Nun aber besteht Wasser ebenfalls nur aus zwei entgegengesetzt elektrischen Atomen, die sich angezogen haben. Der negative Sauerstoff hat den positiven Wasserstoff angezogen. Bringt man nun beide Pole der Säule hinein, so zieht, wenn die galvanische Säule stark ist, also auch die Pole bedeutende elektrische Kraft besitzen, der positive Pol der Säule das negative Atom des Wassers an sich; während der negative Pol der Säule das positive Atom des Wassers anzieht. Es begiebt sich demnach der negative Sauerstoff zum positiven Pol und der positive Wasserstoff zum negativen Pol der Säule, wodurch die Trennung des Wassers bewirkt wird.

Betrachtet man das, was hierbei vorgegangen ist, aufmerksamer, so sieht man ein, daß die stärkere Elektricität der galvanischen Säule die schwächere Elektri<219, 265>cität, welche das Wasser bildete, aufgelöst hat. Das negative Atom Sauerstoff verließ darum das positive Atom Wasserstoff, mit welchem es verbunden war, weil der Zinkpol der galvanischen Kette noch elektrisch positiver; und eben so verließ das positive Atom Wasserstoff das mit verbundene negative Atom Sauerstoff, weil es einen noch negativern Körper vorfand, zu dem es hingezogen wurde, nämlich den Kupferpol der galvanischen Säule.

Ganz wie es dem Wasser ergeht, so ergeht es allen chemischen Flüssigkeiten. In allen Fällen begiebt sich der positiv=elektrische Theil der Flüssigkeit zum negativen Pol und der negativ=elektrische Theil der Flüssigkeit zum positiven Pol der galvanischen Kette, und wenn diese Pole dazu eingerichtet werden, entsteht sogar eine wirkliche Ablagerung der chemisch aufgelösten Stoffe an die Pole der Säule, so daß man auf galvanischem Wege Gold, Silber, Kupfer oder sonst irgend welche Stoffe, die in Flüssigkeiten aufgelöst sind, an den betreffenden Polen der galvanischen Kette ansammeln kann. --

Hierauf beruht z. B. eine der interessantesten Erfindungen der neuern Zeit, die Galvano=Plastik, deren praktische Anwendung Professor Jacoby in Petersburg lehrte. Ein Zweig der Galvanoplastik ist die galvanische Versilberung und Vergoldung, die jetzt bereits so außerordentlich gebräuchlich ist, daß sie von vielen Tausenden mit Erfolg als Gewerbe betrieben wird.

Die Galvanoplastik wird im Großen schon in so ausgedehntem Maaße betrieben, daß man durch dieselbe riesige metallene Standbilder, die man sonst nur durch den Guß herstellen konnte, anfertigt; man kann sich aber einen Apparat im Kleinen herstellen, welches eine eben so unterhaltende wie belehrende Beschäftigung gewährt.

<219, 266>

Zu diesem Zwecke läßt man sich von einem gewöhnlichen Lampencylinder ein Stück abschneiden von ungefähr 3 Zoll Länge, und bindet über das eine offene Ende ein Stück Kalbsblase, so daß man einen Becher hat, dessen Boden aus Thierblase besteht. Ein paar Drähte, die man um den Becher bindet, richtet man so ein, daß man den Becher in ein gewöhnliches Bierglas hineinstellen kann, ohne daß er den Boden des Glases berührt, und daß er an den Drähten vom Rand des Glases getragen wird. Nun schüttet man in das Bierglas eine Auflösung von Kupfervitriol und in den Cylinder, der im Glase hängt, Wasser, in welches man einige Tropfen Schwefelsäure gegossen hat. Sodann biegt man ein Stück Kupferdraht so, daß ein Ende desselben in das Bierglas taucht und das andere Ende in den Cylinder. Bringt man nun an das Ende, das in den Cylinder getaucht wird, ein Stück Zink an, so entsteht ein elektrischer Strom an der Stelle, wo Zink und Kupfer sich berühren, und dieser Strom, der durch die Flüssigkeit und die Thierblase wie durch den Draht zirkulirt, ist stark genug, um die Auflösung von Kupfervitriol, die im Bierglase ist, zu zersetzen und das in ihr enthaltene metallische Kupfer an den in die Flüssigkeit tauchenden Draht abzulagern.

Läßt man diesen Apparat ein paar Tage so stehen, so setzt sich an den Draht, der in das Bierglas hineinragt, all' das Kupfer an, das in der Auflösung von Kupfervitriol vorhanden ist. Bringt man aber an den Draht irgend eine Form an, z. B. einen Abdruck einer Medaille in Wachs oder Stearin, und überzieht den Abdruck mit einer feinen Schicht Graphit oder Bronzepulver, während man den Kupferdraht, so weit er in die Flüssigkeit taucht, mit Wachs überzieht, so legt sich das Kupfer aus der Auflösung an die Form an, und man erhält nach einigen Tagen einen außerordentlich getreuen Abklatsch der Medaille.

<219, 267>

Die Erklärung davon ist folgende: Kupfervitriol ist eine chemische Verbindung von Schwefelsäure und Kupfer; es führt in der Wissenschaft den Namen: „schwefelsaures Kupferoxyd” und ist bei jedem Droguisten zu haben. Dieses Salz von blauer Farbe kann man in Wasser auflösen, und thut man dies, so hat man in dem blauen Wasser eigentlich Atome von Schwefel, von Sauerstoff und von Kupfer. Durch den Kupferdraht und durch das Zinkstück an dem einen Ende, das man in das schwach angesäuerte Wasser eingetaucht hat, und durch das zweite Ende Kupferdraht, das man in die Auflösung von Kupfervitriol taucht, wird ein elektrischer Strom erregt. Die Quelle dieser erregten elektrischen Strömung ist die Stelle, wo Zink und Kupfer sich berühren. Das Zink wird positiv elektrisch und das Kupfer negativ elektrisch. Da aber sowohl das Zink wie das Kupfer in chemischen Flüssigkeiten sich befinden, so zieht das positive Zink den negatiyen Sauerstoff aus dem Wasser an und bildet Zinkoxyd, das sich in Wasser auflöst. Der Kupferdraht dagegen ist der negative Pol der Kette; da er sich aber in der Flüssigkeit, wo das Kupfer aufgelöst ist, befindet, und diese Kupferatome positiv elektrisch sind, so werden sie von dem negativen Pol angezogen und bilden dort nach und nach metallisches Kupfer, das sich je nach den Formen, die man ihm bietet, ansetzt.

Ganz auf demselben Prinzip, wie die Galvanoplastik, beruht die galvanische Versilberung und Vergoldung, die im Großen so außerordentlich stark getrieben wird, daß andere Arten von Versilberungen und Vergoldungen fast ganz abgekommen sind.

Um auf galvanischem Wege versilbern zu können, ist es nöthig, daß man eine Flüssigkeit herstelle, die hierzu anwendbar ist, und das ist eben nicht leicht. Im Kleinen nimmt man ein Viertelloth Cyansilber; dieses <219, 268> schüttet man in ein Quart destillirtes Wasser, worin es sich auflöst, und man hat somit die gewünschte Flüssigkeit, um ein Dutzend neusilberne Theelöffel recht stark zu versilbern. -- Will man sich diese Flüssigkeit selber bereiten, so nehme man ein halbes Loth altes Silber und klopfe es mit einem Hammer so dünn, daß man es bequem mit einer Scheere zerschneiden kann. Die dünnen zerschnittenen Stückchen Silber thue man in ein Fläschchen und gieße reine Salpetersäure darauf. Je dünner das Silber geklopft ist, desto schneller löst sich dasselbe in der Salpetersäure auf. Wenn das Silber chemisch reines war, so bleibt die Flüssigkeit weiß, war das Silber aber, wie das fast immer der Fall ist, mit Kupfer vermengt, so wird die Flüssigkeit blaugrün aussehen. Sobald das Silber vollständig aufgelöst ist, was oft erst in einigen Tagen der Fall ist, so schütte man die Flüssigkeit in ein Bierglas und gieße ungefähr ein halbes Glas destillirtes Wasser dazu. Sodann schütte man in ein anderes Bierglas eine Hand voll Kochsalz und gieße ein halbes Glas Wasser darauf, und warte, bis das Salz sich aufgelöst hat. Wenn dies geschehen ist, so schütte man die Silberauflösung in das Salzwasser, und man wird ein Schauspiel eigener Art haben.

Es wird sich nämlich jeder Tropfen Silberauflösung, der in' s Salzwasser kommt, in eine Art käsige Flocken verwandeln und auch wie frischer weißer Käse zu Boden sinken. Hat man die ganze Silberauflösung hineingeschüttet, so warte man so lange, bis sich der sogenannte Käse völlig gesetzt hat und das darüber stehende Wasser recht klar ist. Ist dies der Fall, so gieße man vorsichtig das Wasser fort und gebe Acht, daß man nichts von dem Käse fortschüttet; denn in diesem Käse eben steckt, wie wir sehen werden, das kostbare Silber, mit dem folgende chemische Veränderung vorgegangen ist.

<219, 269>

Das Silber hat sich in der Salpetersäure aufgelöst, aber nicht aufgelöst wie Zucker im Wasser, sondern die Auflösung ist eine chemische. Man kann sich hiervon durch folgenden Versuch überzeugen. Stellt man Zuckerwasser über Feuer oder in eine heiße Ofenröhre und läßt das Wasser verdampfen, so erhält man den Zucker wieder, wie er früher war. Thut man dasselbe mit der Salpetersäure, so erhält man nicht etwa das Silber wieder, sondern es zeigen sich Krystalle, die wie Salz aussehen und den Namen „salpetersaures Silberoxyd” führen. Das Silber nämlich hat aus der Salpetersäure Sauerstoff in sich aufgenommen und wurde Silberoxyd, oder wenn man einen bekannteren Namen dafür will, es wurde Silberrost. Dieses Silberoxyd aber hat sich in der übrigen Salpetersäure aufgelöst und wurde nun eine Art Salz. Durch Abdampfen der übrigen Salpetersäure kann man dies Salz, das wir Silbersalz nennen wollen, rein erhalten, und wenn man dieses schmilzt und erkalten läßt, so giebt es den bekannten Höllenstein, den man in der Medizin vielfach braucht.

Zu unserm Zweck ist das Herstellen des Silbersalzes nicht weiter nöthig, wir haben vielmehr das salpetersaure Silberoxyd sammt der überflüssigen Salpetersäure in eine Auflösung von Kochsalz geschüttet und daraus den weißen Käseniederschlag erhalten. -- Hierbei ist Folgendes vorgegangen:

Das Kochsalz ist ein chemisches Produkt; es besteht nämlich aus einem Metall, das den Namen Natrium hat, und aus einer Luftart, die den Namen Chlor führt. Kochsalz heißt deshalb in der Wissenschaft Chlor=Natrium. In dem einen Glase also war Chlor und Natrium in Wasser aufgelöst; sobald man zu denselben salpetersaures Silber geschüttet, so geschieht augenblicklich eine Trennung der alten chemischen Verbindungen, und es tritt eine neue ein. Das Natrium <219, 270> verläßt den Chlor und verbindet sich mit der Salpetersäure; dadurch wird einerseits das Silber und andererseits das Chlor frei, und diese beiden Stoffe, die eben erst ihre Freiheit erlangt haben, besitzen gerade deshalb die heftigste Begierde, sich zu verbinden, und bilden Chlorsilber. Und dies ist eben der weiße käsige Niederschlag, den wir haben entstehen sehen; er heißt Chlorsilber.

Das Chlorsilber muß noch weiter chemisch behandelt werden, um aus demselben die Flüssigkeit herzustellen, die zum Versilbern gebraucht werden kann. Das Wasser, das man abgegossen hat, bestand erstens aus dem Wasser, worin das salpetersaure Silber aufgelöst gewesen, und zweitens aus dem hinzugegossenen Salzwasser. Nun aber enthält der käsige Niederschlag nur Chlorsilber, das heißt nur Chlor, welches im Glas Salzwasser gewesen ist, und Silber, welches im ersten Glase war. Im Salzwasser war aber außer Chlor noch Natrium, denn Kochsalz besteht aus Chlor und Natrium, und im ersten Glase war außer Silber noch Salpetersäure enthalten. Es läßt sich also ohne Weiteres einsehen, daß in dem abgegossenen Wasser Natrium und Salpetersäure gewesen sein muß; da sich diese aber chemisch verbinden, so bilden sie salpetersaures Natron, welches in dem überschüssigen Wasser aufgelöst für unsere Augen unmerklich ist. -- Würde man dieses Wasser nicht fortgießen, sondern in einem Glase auffangen und über Feuer oder einer heißen Ofenröhre verdampfen lassen, so würde man finden, daß wirklich eine Art Salz zurückbleibt, das dem Kochsalz durchaus nicht gleich, sondern von anderen Eigenschaften ist, und weil es würfelartig aussieht, „kubischer Salpeter” genannt wird.

Mit dem Chlorsilber, das wir benutzen wollen, müssen wir noch eine Operation vornehmen; aber wir rathen Jedem, der im Umgehen mit giftigen Dingen <219, 271> nicht recht Bescheid weiß, lieber in eine Apotheke zu gehen und das, was er zu thun hat, dort bewerkstelligen zu lassen. Man braucht hierzu nämlich einen Stoff, der äußerst giftig ist, da schon ein Krümelchen davon, das an eine wunde Stelle der Haut kommt, im Stande ist, den Tod herbeizuführen. Dieser Stoff heißt Cyan=Kalium.

Was Kalium ist, wissen wir bereits. Es ist ein Metall, welches so ungeheure Neigung hat, sich mit Sauerstoff zu verbinden, daß man es gar nicht davor hüten kann. Dieses Metall geht auch eine Verbindung mit einem eigenthümlichen giftigen Gas ein, welches Cyan heißt und eine Art Räthsel in der Chemie ist. Cyan nämlich besteht aus Kohlenstoff und Stickstoff, ist also ein zusammengesetzter Stoff und spielt ausnahmsweise in der Chemie die Rolle eines einfachen Stoffes und verbindet sich chemisch fast mit allen Metallen. Das Cyan hat große Neigung, sich mit Wasserstoff zu verbinden, und bildet mit diesem die furchtbare Blausäure, deren Geruch schon tödtlich wirkt. Wir haben hier ein Beispiel, wie der unschädliche Kohlenstoff, der eben so unschädliche Stickstoff und der in jedem Glase Wasser massenweis von uns verschluckte Wasserstoff in chemischer Verbindung das furchtbarste Gift erzeugen, das man in der Welt kennt!

Das Cyan aber ist es, was wir brauchen, und zwar nimmt man zu einem halben Loth Silber etwa fünf Loth Cyankalium. Dieses löst man in destillirtem Wasser auf und schüttet das Chlorsilber hinein, und man wird sofort sehen, wie nach einigem Schütteln das käsige Chlorsilber sich auflöst und man bald eine farblose Flüssikeit vor sich hat, die nicht im Entferntesten durch ihr Ansehen verräth, daß hier so viel verschiedene Stoffe darin sind.

In dieser Flüssigkeit sind nicht weniger als zwei <219, 272> Metalle vorhanden und außerdem noch zwei, eigentlich drei Stoffe. Erstens ist, wie wir wissen, Silber da, zweitens steckt auch Kalium darin, drittens befindet sich hier auch Chlor und endlich viertens Cyan, oder eigentlich viertens und fünftens: Kohlenstoff und Stickstoff.

Das Cyan ist, wie wir wissen, früher mit dem Kalium verbunden gewesen. Nun ist Kalium der elektrisch positivste Stoff, den wir kennen, und Chlor ist sehr negativ elektrisch. Schüttet man daher das Chlorsilber in die Lösung von Cyankalium, so verbindrt sich sofort das Chlor mit dem Kalium, während das Silbrr sich mit dem Cyan verbindet.

Wir haben also in dem Wasser erstens Cyan=Silber und zweitens Chlor=Kalium. Da dies aber beides Stoffe sind, welche sich im Wasser auflösen, ohne es zu färben, so kann man es dem Wasser gar nicht anmerken, was in ihm steckt. Und dieses Wasser eben ist die Flüssigkeit, die wir benutzen wollen. Man schütte nun noch etwa ein Quart destillirtes Wasser zu und bereite sich vor, zur Einrichtung des elektrischen Apparats zu gehen.

Die Einrichtung des Apparats zum Versilbern ist, wenn man es sich bequem machen will, höchst einfach. Man braucht nur denselben Apparat anzuwenden, der bereits bei der Galvanoplastik beschrieben ist, und zwar setzt man zu diesem Zweck den mit Thierblase umbundenen Cylinder wieder in ein Glas, das eine Portion Salzwasser enthält, während man in den Cylinder die Cyan=Silber=Flüssigkeit gießt. Will man nun etwas versilbern, zum Beispiel einen neusilbernen Theelöffel, so befestigt man diesen an einen Kupferdraht, der an seinem andern Ende an ein Stück Zink gelöthet ist. Das Stück Zink wird ins Salzwasser gesteckt und der Theelöffel in die Cyan=Silber=Lösung. Die elektrische Strömung beginnt nun sofort zu wir<219, 273>ken; die Cyansilberlösung zersetzt sich chemisch, und es legt sich das Silber in außerordentlich feiner Schicht sofort an das Neusilber, das hier der negative Pol ist, und überzieht so das Löffelchen, daß es nach einigen Stunden schon ganz silberweiß erscheint. Wenn das Salzwasser wenig Salz enthält, so geht die Versilberung sehr langsam vor sich; aber sie ist dafür viel reiner und zarter. Am schönsten ist die Versilberung, wenn sie so langsam geschieht, daß 24 Stunden dazu nöthig sind, um eine gehörige Schicht herzustellen. Der versilberte Gegenstand hat dann ein weißes maltes Ansehen, nimmt aber durch Politur, namentlich durch Bearbeiten mit dem Polierstahl, den schönen Silberglanz an, der diesem Metalle seinen besonderen Werth giebt. Wer mit dem Poliren durch den Polierstahl nicht Bescheid weiß, erreicht auch seinen Zweck durch Putzen mit Schlemmkreide und etwas Pariser Roth, obgleich des nicht jenen tiefen Glanz hervorbringt, der am Silber so gern gesehen wird.

Zur Erklärung des Vorganges brauchen wir nur wenig zu sagen. Durch die Berührungsstelle des Kupferdrahtes und des Zinkes wird Elektricität erzeugt. Der Zink wird positiv=elektrisch und der Kupferdraht negativ=elektrisch. Da nun der Theelöffel an den Kupferdraht befestigt ist, so wird auch dieser zum negativen Pol. Stellt man nun den Zink in das Salzwasser und den Löffel in die Cyansilberlösung, so zieht das positive Zink den negativen Bestandtheil aus dem Salzwasser, also das Chlor, an sich und bildet Chlor=Zink, für das wir uns bei dem Versilbern nicht weiter interessiren. Der Theelöffel dagegen, der negativ=elektrisch ist, zieht aus der Cyansilberlösung den positiven Bestandtheil an, und dies ist das Silber, woher denn die Silberschicht rührt, welche sich auf den Löffel anlegt.

Diese Art zu versilbern ist sehr einfach und gewährt <219, 274> viel Vergnügen; aber der Apparat kann noch eine Erweiterung erfahren, welche sehr viel Interessantes an sich hat und wobei man eine neue Erscheinung kennen lernt. Man fülle den bewußten Cylinder mit Kupfervitriol und stelle ein Stück Kupferblech hinein Das Glas fülle man mit Wasser, worein man drei bis vier Tropfen Schwefelsäure geschüttet, stelle den Cylinder in das Glas, und thue in das Glas ein Stück Zink. An dieses Stück Zink und eben so an das Stück Kupferblech befestige man einen dünnen Kupferdraht von beliebiger Länge, so daß man die Enden beider Drähte, die die Pole eines galvanischen Apparats sind, beliebig in ein geeignetes Gefäß eintauchen kann, worin man die Versilberung vornehmen will.

Nehmen wir an, daß man einen neusilbernen Eßlöffel versilbern will, so schüttet man die Cyansilberlösung in ein Gefäß, worin der Löffel bequem liegen oder hängen kann, ohne aus der Lösung hervorzuragen. Der Löffel wird nun an dem einen Kupferdraht befestigt, der an dem Kupfer des galvanischen Apparats angelöthet ist, also am negativen Pol. An dem pasitiven Pol des Apparats aber befestige man ein beliebiges Stück reines Silber, und nun stecke man beides, den Löffel, der sich versilbern soll, und das Stück Silber, in die Cyansilberflüssigkeit, jedoch so, daß sie sich nicht berühren. Auch hier geht die Versilberung wie bei der obigen Einrichtung vor sich; allein es geschieht noch ein Zweites dabei, das höchst interessant ist. Während bei der obigen Einrichtung die Cyansilberlösung fortwährend schwächer wird, je mehr sich Silber an den Löffel abgelagert hat, ist es bei dieser Einrichtung nicht der Fall. Die Lösung bleibt unendliche Zeiten immer in derselben Stärke, ohne daß sie erneuert wird. In großen Versilberungsanstalten in Berlin erhält man in solcher Weise die Lösung monatelang in gutem Zustande, und die Versilberung <219, 275> geht vor sich, ohne daß man die Lösung zu erneuern braucht. Die Sache ist ganz einfach. Am negativen Pol setzt sich aus dem Cyansilber das Silber ab, weil das Silber positiv=elektrisch ist. Nun ist aber Cyan negativ=elektrisch, und dies wird vom positiven Pol angezogen. Da nun am positiven Pol ein Stück Silber steckt, so kommt hier Cyan zum Silber, und es bildet sich da netto so viel Cyansilber, wie am negativen Pol zerlegt wird. Das Stück Silber am positiven Pol wird auch dadurch aufgezehrt und muß daher ersetzt werden. Thut man dies aber, und nimmt man es nur groß genug, so zehrt sich am positiven Pol netto so viel ab, wie sich am negativen Pol ansetzt. Mit Recht also kann man sagen, daß der elektrische Strom eine Wanderung des Silbers vom positiven zum negativen Pol hervorbringt. Und dies zu beobachten ist eben so interessant, wie lehrreich.

Es könnte sich uns leicht die Frage aufdrängen, wozu stellt man bei der galvanischen Versilberung erst Cyansilber her, weshalb benutzt man nicht die salpetersaure Silberauflösung zu demselben Zweck? Die salpetersaure Silberauflösung läßt sich ja mit Wasser verdünnen, und so hätte man ja bereits eine wässerige Flüssigkeit, worin der eine Stoff, das Silber, positivelektrisch und der andere, die Salpetersäure, negativelektrisch ist, warum steckt man nicht die Pole eines galvanischen Apparats in die Lösung und läßt die Versilberung in dieser vor sich gehen? -- Die Antwort hierauf ist folgende: Die Salpetersäure, welche Silber auflöst und sich dabei mit demselben verbindet, hat noch größere Neigung, sich mit Kupfer zu verbinden, und wollte man die Pole des galvanischen Apparats in die salpetersaure Silberlösung stecken, so würde man statt der Versilberung eine ganz andere Geschichte hervorbringen. -- Wer Gelegenheit dazu hat, der mache sich das Vergnügen einmal, in ein wenig Auf<219, 276>lösung von salpetersaurem Silber ein Streifchen Kupferblech hineinzustellen, und er wird ein Schauspiel eigener Art vor sich sehen, das ihn mehr belehren wird, als viele Worte es vermögen. Vor seinen Augen nämlich wird sich in der hellen klaren Flüssigkeit an dem blanken Kupferstreifen eine Art Pelz anlegen und immerzu wachsen, während die Flüssigkeit blaugrün wird. Schüttelt man den Kupferstreifen, so fällt der Pelz ab, und es legt sich dann ein neuer an, bis endlich eine ziemliche Masse dieses Pelzes sich sammelt und zu Boden fällt, worauf dann die Erscheinung aufhört. Was aber ist hier eigentlich vorgegangen? Kupfer ist zwar, wie wir schon wissen, gegen Zink negativ=elektrisch, allein im Vergleich mit Silber ist es ein wenig positiver=elektrisch, als das Silber. Steckt man nun den Kupferstreifen in die salpetersaure Silberflüssigkeit, so verdrängt das positivere Kupfer das weniger positive Silber. Es verbindet sich daher die Salpetersäure mit dem Kupfer, und wo bleibt das Silber? Es wird verdrängt aus der Verbindung und tritt als feine Stäubchen wieder metallisch auf, und zwar legt es sich als Pelz an den Kupferstreifen. Es wird demnach aus der wasserhellen salpeterfäuren Silberauflösung eine blaugrüne salpetersaure Kupferauflösung, und das Silber fällt in feinen Stäubchen zu Boden. Beiläufig wollen wir nur hier erwähnen, daß man in dieser Weise das Silber sammeln, waschen und reinigen kann, so daß man es nachher zwar nicht in Stücken, aber doch in Pulverform wieder hat, ohne daß dessen Werth irgendwie verloren hätte.

Es wird nun Jeder einsehen, daß man die salpetersaure Silberlösung nicht zum Versilbern anwenden kann, weil die Kupferdrähte des galvanischen Apparats, wenn sie in diese Flüssigkeit eingetaucht werden, das Silber verdrängen und als Pulver zu Boden <219, 277> fallen ließen. Dieserhalb muß man erst das Cyan=Silber herstellen.

Die Vergoldung ist eigentlich noch interessanter, als die Versilberung weil der vergoldete Gegenstand nicht polirt zu werden braucht, sondern durch leises Putzen schon den schönsten Glanz erhält. Auch muß man nicht glauben, daß die Vergoldung theuer ist. Man kann mit für einen Thaler Gold eine Unmasse von Schmucksachen auf' s Schönste vergolden. Zu diesem Zweck wirft man ein Stückchen reines Dukatengold in „Königswasser”, eine in jeder Apotheke zu erhaltende Mischung von Salzsäure und Salpetersäure. In dieser Flüssigkeit löst sich das Gold auf, und wenn man dann die Flüssigkeit abdampft, so bleibt ein Salz von feinen gelben Stäubchen zurück, welche Chlorgold sind; denn Salzsäure besteht aus Chlor und Wasserstoff, und das Gold geht bei der Auflösung eine Verbindung mit dem Chlor ein. Das Chlorgold wird nun in destillirtem Wasser aufgelöst und tropfenweise in eine Cyan=Kalium=Lösung geschüttet, wodurch die eigentlich zu brauchende Flüssigkeit entsteht, nämlich die Cyan=Goldflüssigkeit.

Diese Flüssigkeit, die man auch in einer Apotheke oder von einem Chemiker machen lassen kann, weil es nicht gerathen ist, daß Unerfahrene dies vornehmen, besteht am besten so, daß man auf einen Theil Gold zehn Theile Cyankalium und hundert Theile destillirtes Wasser anwendet. Beim Vergolden verfährt man eben so, wie beim Versilbern, und hängt man an den negativen Pol den zu vergoldenden Gegenstand, und an den positiven Pol ein Stückchen echtes Blattgold, so behält die Flüssigkeit immerfort ihre Kraft, und es wandert auch hier das Gold vom positiven zum negativen Pol hin.

Die Versuche, durch Elektricität chemische Wirkungen hervorzubringen, welche in neuester Zeit in Pa<219, 278>ris angestellt worden sind, haben ein so auffallendes Resultat geliefert, daß sie fast wie eine Fabel klingen, weshalb wir die berühmten Namen der Forscher hier nennen müssen, um nicht in den Verdacht zu verfallen, ein Mährchen zum Besten geben zu wollen. Der englische Naturforscher Davy, dem die Wissenschaft ganz außerordentliche Erfolge verdenkt, hat Versuche angestellt, ob der elektrische Strom im Stande ist, die chemischen Stoffe aus dem eignen Körper des Naturforschers in gleicher Weise zu zersetzen, wie dies in leitenden Flüssigkeiten der Fall ist. Er ging von dem Gedanken aus, daß eben so gut, wie an den zwei Polen eines galvanischen Apparats, die ins Wasser getaucht sind, der positive Theil des Wassers an den negativen Pol hingeht, während der negative Theil des Wassers an den positiven Pol sich hinbegiebt, daß dies eben so gut der Fall sein müsse, wenn er einen galvanischen Apparat auf die chemischen Bestandtheile seines Körpers einwirken lasse. Und wirklich gelang es ihm nach genauen Forschungen nachzuweisen, daß dem so ist. Nach Davy' s Versuchen läßt sich aus dem Körper eines Menschen sowohl Phosphorsäure, wie Schwefelsäure und Salzsäure durch den galvanischen Strom ausscheiden.

Diese Entdeckung führte zu weiteren Versuchen, welche Becquerel, Davy, Fabré=Palaprat in Paris anstellten, und die noch auffallendere Resultate lieferten. Der hauptsächlichste dieser Versuche ist folgender. Es ist nämlich eine allen Chemikern ganz bekannte Thatsache, daß, wenn der chemische Stoff Jod zu irgend einer Art von Stärkemehl gebracht wird, dies sofort eine blaue Farbe annimmt. Diese Eigenschaft ist so auffallend, daß man dadurch die leisesten Spuren von Jod sofort entdecken kann, wenn man nur ein wenig Stärkemehl zur Hand hat. Die genannten Forscher haben nun folgenden Versuch an<219, 279>gestellt. Es wurden beide Arme eines Menschen vollkommen trocken gemacht, damit die Haut nicht die Elektricität leiten solle. Sodann wurde auf den einen Arm ein feuchtes Pflaster gelegt, das mit Jod=Kalium getränkt war, das heißt mit einer Auflösung eines bekannten Salzes, das aus einer chemischen Verbindung von Jod und Kalium besteht. Auf den anderen Arm brachte man ein Pflaster, das in gewöhnlichen Kleister also in eine Stärkemehlauflösung, getaucht war. Nunmehr brachte man an den ersten Arm den negativen Pol eines galvanischen Apparats, während man dessen positiven Pol an das Kleisterpflaster brachte, und schon nach wenigen Minuten wurde das Kleisterpflaster blau! -- Woher kommt dies? Auf keinem anderen Wege, als daß der elektrische Strom das Jod=Kalium in seine Bestandtheile zerlegte. Kalium, das positiv=elektrisch ist, blieb an dem negativen Pol, und Jod, welches negativ=elektrisch ist, ging durch den Körper des Menschen in wenigen Minuten zum positiven Pol und färbte das dort befindliche Kleisterpflaster blau. Dies heißt aber nichts weniger, als daß es gelungen ist, einen Stoff, einen wirklichen Stoff auf dem Wege des elektrischen Stromes durch den Körper eines Menschen hindurch zu transportiren!

Freilich kann uns das nicht Wunder nehmen, da wir gesehen haben, daß bei der Versilberung das Silber am positiven Pol sich abzehrt und sich nach dem negativen Pol hinbegiebt. Und wäre das Gefäß eine Meile lang und die beiden Pole ständen an beiden Enden des Gefäßes, es wäre doch dasselbe; es würde das Silber die Meile weit wandern. Ja, es giebt keine Grenze der Entfernung für diese Kraft; denn es steht fest, daß eine Silberplatte, welche man in Berlin in einem Versilberungsapparat am positiven Pol anhängte, sich auflösen, und daß das Silber nach Paris wandern würde, wenn der Versilberungsapparat <219, 280> so lang wäre und seinen negativen Pol dort hätte. Es ist also das Transportiren, das wirkliche Transportiren auf elektrisch=chemischem Wege, keineswegs neu. Jedoch durch den menschlichen Körper hindurch diesen Transport gehen lassen, das ist eben so neu, wie auffallend, und verdient nach allen Seiten hin die größte Aufmerksamkeit.

In noch höherem Maße interessant ist ein weiterer Versuch Davy' s. Er stellte drei Gläser auf den Tisch. In das eine Glas goß er reines destillirtes Wasser; in das zweite Glas goß er eine schwache Ammoniaklösung, und in das dritte eine Auflösung von schwefelsaurem Natron, das ist das bekannte Glaubersalz. Die drei Gläser wurden durch feine Asbestdochte verbunden, so daß ein elektrischer Strom von Glas zu Glas wandern konnte. Nun brachte er den positiven Pol einer starken voltaischen Säule von 150 Plattenpaaren in das reine Wasser, den negativen Pol tauchte er in das Glaubersalz, und schon nach fünf Minuten entdeckte man, daß in dem Glase, worin früher reines Wasser war, jetzt Schwefelsäure ist. Der elektrische Strom hat das schwefelsaure Natron zersetzt, das positive Natron blieb beim negativen Pol, und die negative Schwefelsäure ging hinüber in das Glas Wasser, wo der positive Pol steckte. Das Wunderbare hierbei ist, das die Schwefelsäure ihren Transport durch das Glas mit Ammoniak nehmen mußte und nehmen konnte obgleich das Ammoniak die Schwefelsäure sonst sehr stark bindet.

Seitdem man die Entdeckung gemacht hat, daß nicht Eisen allein magnetisch ist, sondern daß sich Magnetismus fast in allen gründlich untersuchten Stoffen zeige, muß man auch zugeben, daß in demselben Sandkörnchen noch eine andere geheime Kraft neben den übrigen Kräften Platz hat, welche Magnetismus heißt. Es verräth aber auch solch ein Sandkörnchen elek<219, 281>trische Erscheinungen, und man ist genöthigt anzunehmen, daß sogar noch eine besondere Kraft, die Elektricität, ihren verborgenen Sitz in diesem engen Raum aufgeschlagen hat. Endlich ist jedes Sandkörnchen schon ein chemisch zusammengesetzter Körper, und nothgedrungen müssen wir daraus schließen, daß auch die chemische Kraft noch in dem engen Behälter wohne und ihr eigenthümliches Wesen darin treibe. Und wie es uns mit dem kleinsten Sandkörnchen geht, so geht es uns mit all und jedem Ding, das wir um uns sehen. Alles ist der Sitz einer Reihe von Kräften, deren Wirksamkeit wir nicht leugnen, deren Wesen aber wir doch nicht ergründen können. Wollen wir uns auch nicht in die philosophischen Fragen verlieren, die unendlich scharfsinnige Köpfe vergeblich beschäftigt haben, wollen wir auch nicht fragen: Was ist denn eigentlich Kraft? was ist denn eigentlich Materie, in welcher die Kraft wohnen soll? Existirt die Kraft auch außerhalb der Materie? oder giebt es vielleicht gar keine Materie, sondern nur Kräfte, die auf unsere Sinne den Eindruck der Materie machen? Wollen wir auch solche Fragen ganz von uns weisen, weil wir ernstlich glauben, daß das jetzige Erkenntnißvermögen der Menschen nicht ausreicht, sie zu beantworten, so müssen wir doch die eine Frage in Betracht ziehen, ob diese für unsere Wahrnehmung getrennten Kräfte, welche wir hier vorgeführt haben, wirklich verschiedene getrennte Kräfte sind, oder ob sie alle nur Aeußerungen einer großen allgemeinen Kraft sind, die wir noch nicht erforscht haben? -- Wir können auf diese Frage keinesweges eine zuverlässige Antwort geben; aber es sind Anzeichen vorhanden, daß wirklich die genannten Kräfte alle von einer einzigen Kraft herstammen. Die Anziehungskraft der Atome hat viele Aehnlichkeit mit der Anziehungskraft der Massen. Die Anziehungskraft der <219, 282> Massen äußert sich ganz nach demselben Gesetz, wie die Anziehungskraft des Magneten. Die magnetische Kraft kann durch Elektricität erzeugt werden, und Elektricität ist höchst wahrscheinlich die Quelle aller chemischen Erscheinungen. -- Dieses aber deutet darauf hin, daß eine Einheit der Kräfte irgendwie vorhanden ist, und daß die nächste bedeutende Stufe der Naturwissenschaft die sein wird, wo es dieser gelingt, jene Einheit nachzuweisen.

An Versuchen derart hat es nicht gefehlt; als der sinnreichste derselben erscheint uns eine Arbeit des Professor Pohl in Breslau, der in sehr scharfsinniger Weise den Elektromagnetismus als die Quelle der Bewegungen der Himmelskörper annimmt; allein erschöpfend ist diese Arbeit keineswegs, und wir glauben auch, daß es erst noch vieler bedeutenden neuen Entdeckungen bedarf, ehe man an eine solche Arbeit mit Erfolg wird gehen können.

Nachdem wir nun gesehen haben, wie die Wissenschaft von ihrem heutigen Standpunkte aus das erklärt, was man früher allgemein mit dem Namen der chemischen Verwandtschaft bezeichnete, und daß chemische Verbindungen im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Begriff der Verwandtschaft gerade nur zwischen zwei in Bezug auf die Elektricität von einander mehr oder minder verschiedenen Stoffen stattfinden, und daß diese Verbindungen um so schneller geschehen, je weiter beide Stoffe in der Scala auseinanderliegen, müssen wir uns auch zu den Bezeichnungen wenden, die bisher in der Chemie geltend waren und sich auch jetzt noch hier und da in Geltung erhalten wollen.

Man hat die einfachen Körper je nach ihrem Verhalten zu einander als Minus-(--) und Plus-(+) elektrische bezeichnet und sie je nach dem kräftigeren <219, 283> Hervortreten einer der beiden Polaritäten in folgende Reihen geordnet:

Sauerstoff (--)        Gold
Schwefel Iridium
Stickstoff Rhodium
Chlor Platin
Brom Quecksilber
Jod Palladium
Fluor Silber
Phosphor Kupfer
Selen Uran
Arsen Wismuth
Chrom Zinn
Molybdän Blei
Wolfram Cyrium
Bor Kobalt
Kohlenstoff Nickel
Antimon Eisen
Tellur Kadmium
Tantal Zink
Titan Mangan
Kiesel Zirkonium
Osmium Alumnium
Wasserstoff Yetrium
Berylum
Magnesium
Calcium
Strontium
  Baryum
Lithium
Natrum
Kalium (+).

Hier ist also in dieser Reihe chemischer Stoffe der Sauerstoff der negative und das Kalium der positive Pol der Kette. Die dazwischen liegenden Glieder kann man aber nicht etwa so eintheilen, daß bis zu <219, 284> einem bestimmten, etwa in der Mitte liegenden, die negative Elektricität reicht, und beim darauf folgenden die positive beginnt, oder wie man es auch anders ausdrückt, die Säuren aufhören und die Basen anfangen, sondern ein Stoff, der z. B. zum Kalium sich als Säure verhält, kann in Beziehung auf einen andern die Basis sein. Ein Beispiel wird das am besten zeigen. Nehmen wir Wasserstoff und Natrum, so ist ersterer die Säure, letzteres die Basis, wenn sie sich chemisch verbinden; haben wir aber Wasserstoff und Chlor, so würde bei einer chemischen Verbindung ersterer die Basis und Chlor die Säure sein.

Wir haben schon erwähnt, daß die chemische Verbindung der Stoffe um so inniger wird und um so rascher erfolgt, je weiter die Stoffe in dieser Reihe auseinander liegen: doch hat das Verhalten der Körper hinsichtlich ihrer Einfachheit und Zusammensetzung großen Einfluß bei einer chemischen Verbindung. Nur solche verbinden sich mit einander, die zu derselben Ordnung der Zusammensetzung gehören, also nur einfache mit einfachen u. s. w. Gerade diese Verbindung zwischen einfachen ist die kräftigste und bildet die erste Ordnung, wie Säuren mit Metallen; minder kräftig die vielfach zusammengesetzten, welche außerdem auch geneigt sind, die erste Verbindung beim Hinzutritt eines dritten Stoffes, der in der Scala weiter entfernt liegt, wieder aufzulösen, um sich mit letzterem zu vereinigen, d. h. die gebildeten Verbindungen, welche nach gewissen festen Verhältnissen, die der Chemiker in bestimmten Zahlen anzugeben weiß (durch die Stöchiomatrie, nach der Sättigungscapacität oder dem Sättigungspunkt), zusammentreten, können durch das Hinzutreten solcher Stoffe, die mit einem oder dem andern Antheil in einem stärkern elektrischen Gegensatz und dadurch in näherer Verwandtschaft stehen, getrennt werden, und neue <219, 285> Verbindungen sich gleichzeitig bilden. In der Regel treten die Zeichen chemischer Verwandtschaft nur dann sinnlich wahrnehmbar in' s Leben, wenn beide oder wenigstens einer der beiden auf einander einwirkenden Stoffe im flüssigen Zustande sich befinden, die die Cohäsion starrer Körper überwiegt. Man sagte daher früher: corpora non agunt nisi fluida, d. h. Stoffe oder Körper zeigen keine chemische Kraft bei der Verbindung, wenn sie nicht flüssig sind. Je nachdem sich nun die Körper bei dem Eingehen einer chemischen Verbindung äußerten, unterschied man einfache oder mischende Verwandtschaft (affinitas simplex, affinitas mixtionis), wenn 2 oder mehrere Körper mit einander eine Verbindung eingehen, ohne daß dabei eine bereits bestehende Verbindung getrennt wird, z. B. Aetznatron mit Oel zu Seife; disponirende oder aneignende Verwandtschaft (affinitas producens), wenn zu zwei Körpern, deren Verwandtschaft nicht hinreicht, um ihre Verbindung zu bewirken, ein dritter hinznkommt, der zwar auch zu beiden keine kräftige Verwandtschaft, wohl aber zu dem aus deren Verbindung hervorgehenden Produkt hat und jene disponirt, sich zu verbingen; Schwefelsäure kann sich z. B. mit metallischem Eisen nicht verbinden, kommt aber Wasser hinzu, so vermittelt dieses die Verbindung, indem es mit dem darin enthaltenen Sauerstoff das Eisen oxydirt, so daß nun die Säure mit dem Oxyd sich zu Vitriol verbinden kann; -- einfache Wahlverwandtschaft (affinitas electiva simplex), wenn auf zwei chemisch verbundene Körper ein dritter einwirkt, der, zu einem derselben eine stärkere Verwandtschaft habend, diesen, indem er sich mit ihm verbindet, von seiner früheren Verbindung losreißt und den andern heraustreibt; wenn z. B. Schwefelsäure mit Weinsteingeist (also Kali mit Kohlensäure) in Berüh<219, 286>rung kommt, so verbindet sich erstere mit dem Kali zu schwefelsaurem Kali und die Kohlensäure entweicht als Gas; -- die doppelte Wahlverwandtschaft, wenn zwei Körper auf einander wirken, deren jeder zwei Bestandtheile hat, welche jeder für sich mit einem Bestandtheil des mit ihm in Wechselwirkung tretenden Körpers in näherer Verwandtschaft steht, als mit dem, mit welchem sie verbunden ist, woraus Trennung der bestehenden Verbindungen und Bildung zweier neuen entsteht. So tritt aus der Vermischung der Lösungen von schwefelsaurem Natron und salzsaurem Baryt schwefelsaurer Baryt und salzsaures Natron hervor. Bisweilen treten auch nur zwei Bestandtheile in eine neue Verbindung als ein neues Produkt, während die beiden anderen als Edukte ausgeschieden werden.

Solche Produkte und Edukte einer gegenseitigen Zersetzung zeigen sich entweder als unlösliche Niederschläge, oder sie bleiben in dem Menstruum aufgelöst und müssen durch fernere chemische Operationen in ihrer ursprünglichen Form dargestellt werden, oder sie entweichen auch nicht selten unter Verpuffung in Gasform. Die Wahlverwandtschaften können aber auch in noch complicirterer Gestalt auftreten, wenn mehr als zwei zusammengesetzte Stoffe mit einander in Wechselwirkung treten.

Wir schließen nun diesen Artikel mit der gedrängten Aufzählung der wichtigsten chemischen Stoffe und ihrer Verbindungen, die durch die sogenannte chemische Verwandtschaft hervorgebracht werden. Diese sind der Reihenfolge nach folgende:

1) Der Sauerstoff, Oxygenium, O. 100,000, geht Verbindungen mit allen anderen Grundstoffen ein (das Fluor ausgenommen) und findet sich in solchen als Hauptbestandtheil des Erdkörpers. Durch die Verbindung des Sauerstoffs mit anderen Körpern <219, 287> wird immer Wärme, häufig auch Licht erzeugt; man nennt diesen Vorgang Oxydation; das Produkt derselben ist ein Oxyd.

2) Der Wasserstoff, Hydrogenium, H. 6240. Er verbindet sich mit dem Sauerstoff zu Knallluft und Wasser. Die erstere entsteht aus 1 Atom Sauerstoffgas und 2 Atomen Wasserstoffgas; in letzterem sind 11,1% Wasserstoff und 88,9% Sauerstoff enthalten.

3) Der Stickstoff, Nitrogenium, N. 88,518, ist mit dem Sauerstoff in der atmosphärischen Luft verbunden, welche 79 Raumtheile Stickstoffgas und 21 Raumtheile Sauerstoffgas enthält. Das Stickstoffgas läßt sich nur in Gegenwart heißer Wasserdämpfe mit dem Sauerstoff verbinden und giebt alsdann Salpetersäurehydrat. Aus der Salpetersäure, der höchsten Oxydationsstufe des Stickstoffgases, lassen sich noch 3 andere Oxyde darstellen, nämlich die salpetrige Säure, das Stickstoffoxyd und das Stickstoffoxydul, in welchen 4 Oxyden sich die Sauerstoffmengen zu einander verhalten wie 5 : 3 : 2 : 1.

4) Der Kohlenstoff, Carbonicum, C. 75, kommt in der Natur als Diamant und Graphit vor; künstlich bereitet heißt er Kohle.

Der Kohlenstoff ist stets fest, völlig unschmelzbar, feuerbeständig, verbindet sich zweifach mit dem Sauerstoff. Die erste Verbindung, Kohlensäure, enthält 2 Mischungsgewichte Sauerstoff auf 1 Mischungsgewicht Kohlenstoff. Die zweite Verbindung, Kohlenoxyd, enthält 1 Mischungsgewicht Sauerstoff und 1 Kohlenstoff. -- Mit dem Wasserstoff geht der Kohlenstoff ebenfalls 2 Verbindungen ein, in denen sich die Kohlenstoffmengen verhalten wie 2 : 1. a) Leuchtgas, gebildet von 8 Atomen Wasserstoffgas und 4 desgl. Kohlenstoff; b) Grubengas, be<219, 288>stehend aus 8 Atomen Wasserstoffgas und 2 Atomen Kohlenstoff. -- Mit dem Stickstoff verbunden giebt der Kohlenstoff Cyan.

5) Der Schwefel, Sulphur, S. 201, 165, bildet 4 Oxyde, die Schwefelsäure, Unterschwefelsäure, schweflige Säure und unterschweflige Säure, in denen sich die Sauerstoffmengen verhalten wie 6 : 5 : 4 : 2. -- Die schweflige Säure enthält auf einen Theil Schwefel 2 Theile Sauerstoff; sie ist ein farbloses, unbeständiges Gas. Die Schwefelsäure enthält auf einen Theil Schwefel 3 Theile Sauerstoff, bildet weiße, feine, geruchlose Krystallnadeln. Mit 10%, 18,5%, 31 und 40,2% Wasser verbunden bildet dieser Stoff vier Hydrate, die bekannte flüssige Schwefelsäure. Mit 2 Theilen Wasserstoff verbunden bildet der Schwefel das Schwefelwasserstoffgas. Die Verbindung von 2 Atomen Schwefel und 1 Kohlenstoff bildet den Schwefelkohlenstoff, auch Schwefelalkohol genannt.

6) Das Selen, Selenium, Se. 494,583, ein braunschwarzer, glänzender Stoff, der dem Schwefel sehr ähnlich ist. Da dieser Körper sich wenig findet und fast nirgends anwendbar ist, so übergehen wir hier seine Verbindungen mit anderen Stoffen.

7) Der Phosphor, Phosphorus, P. 196, 143, ein krystallisirender Stoff, der bei gewöhnlicher Luftwärme weich, in der Kälte spröde wird; seine Farbe ist verschieden, unter Wasser gewöhnlich weiß; schon durch Reiben kann er zum Brennen gebracht werden, daher er immer unter Wasser aufbewahrt werden muß. -- Mit Sauerstoff verbunden bildet der Phosphor 4 Oxyde: das Phosphoroxyd, die unterphosphorige Säure, die phosphorige Säure und die Phosphorsäure, in denen sich die Sauerstoffmengen wie 2 : 3 : 9 : 15 verhalten. -- Mit 3 Thei<219, 289>len Wasserstoff verbunden bildet der Phosphor den Phosphorwasserstoff.

8) Das Bor, Bor, B. 136,204, nimmt 3 Theile Sauerstoff auf und bildet dann die Borsäure.

9) Der Kiesel, Silicium, Si. 277,312, verbindet sich ebenfalls in dem Verhältniß wie 1 : 3 in der Kieselsäure. In der Natur kommt diese Verbindung als Bergkrystall, Quarz vor, und wird bei Bereitung der verschiedenartigen Glasmassen und Smalte benutzt.

10) Das Chlor, Chlor, Chl. 221,325, ein Gas, dessen Wirkung sehr zerstörend ist; eingeathmet wirkt er tödtlich auf den Menschen, zerstört organische Farbstoffe, aber auch Krankheits= und Ansteckungsstoffe; daher der mannigfache Gebrauch dieses Stoffes. -- Mit dem Sauerstoff geht das Chlor 4 Verbindungen ein, in denen sich die Sauerstoffmengen verhalten wie 7 : 5 : 4 : 1. Die letzte Verbindung heißt unterchlorige Säure und ist namentlich im Chlorkalk enthalten. -- Aus 2 Theilen Chlor und 2 Theilen Wasserstoff bildet sich das Chlorwasserstoffgas. Das Wasser verschluckt im Gefrierpunkte 464 Atome dieses Gases und bildet damit die Salzsäure, ein in der Chemie überaus wichtiger Körper. 3 Theile Chlor und 1 Theil Stickstoff gehen gleichfalls eine Verbindung ein, welche den Namen Chlorstickstoff führt. Auch mit dem Schwefel verbindet sich das Chlor zu gleichen Theilen und heißt dann Chlorschwefel.

Diesem Stoffe ähnlich, aber ohne Anwendung, ist 11) das Brom, Bromium, Br. 489,153.

Ungleich wichtiger als das Brom ist 12) das Jod, Jodum, J. 789,750, ein Körper von bläulichschwarzer Farbe, der in seiner Siedehitze ein schönes purpurviolettes Gas giebt und vielfach in der Medizin angewendet wird.

<219, 290>

13) Das Fluor, Fluor, F. 116,9, ein Stoff, welcher noch nicht rein hat dargestellt werden können, dessen Verbindungen aber sehr wichtig sind; er bildet nämlich zu gleichen Theilen mit dem Wasserstoff verbunden den Fluorwasserstoff oder Flußsäure, namentlich zum Glasätzen benutzt.

14) Das Cyan, Cyanum, Cy. 164,95, bildet mit Sauerstoff die Cyansäure und die Knallsäure durch 1 Mischungsgewicht Sauerstoff und doppelte Mischungsgewichte Cyan. 2 Theile Cyan aber mit 2 Theilen Wasserstoff verbunden liefert den Cyanwasserstoff oder die Blausäure, eins der stärksten, gefährlichsten Gifte.

Wir wenden uns nun zu den Verbindungen der Metalle, zuvörderst der Leichtmetalle, d. h. solcher, deren specifisches Gewicht geringer als 5 ist.

15) Das Kalium, K. 489,9, ein zinnweißer, geschmeidiger Körper, spec. Gew. 0,86, der sich auf dem Wasser unter heftiger Verbrennung entzündet, daher nur unter Steinöl aufbewahrt werden kann. -- Die vornehmsten Verbindungen dieses Stoffes mit dem Sauerstoff sind: a) Das Kalihydrat oder Aetzkali, bestehend aus 1 Theil Kali mit 1 Theil Sauerstoff, verbunden mit 1 Theil Wasserstoff und 1 Theil Sauerstoff. b) Kohlensaures Kali (auch sal tartari, im unreinen Zustande Pottasche, Lauge), entstehend aus 1 Theil Kalium mit Sauerstoff und 1 Theil Kohlensäure. c) Schwefelsaures Kali, aus gleichen Theilen Kali und Schwefelsäure bestehend. d) Salpetersaures Kali, auch Salpeter, ist die gleiche Verbindung eines Theiles Kali mit einem Theile Salpetersäure. e) Chlorsanres Kali, besteht aus 1 Theil Kali, mit 2 Theilen Chlor und 5 Theilen Sauerstoff verbunden. f) Kieselsaures Kali. g) Chlorkalium, aus einfachem Theile Kalium und doppeltem Theile Chlor <219, 291> gebildet. In derselben Art ist h) das Jodkalium entstanden.

16) Das Natrium, Na. 290,8, ist dem Kalium sehr ähnlich und bildet ganz ähnliche Verbindungen. Mit einem Theile Sauerstoff und einem Theile Wasser verbunden giebt es das Natronhydrat oder Aetznatron. Die übrigen Verbindungen dieses Körpers sind einfach=, anderthalb= und zweifach=kohlensaures Natron; schwefelsaures Natron oder Glaubersalz, enthaltend 1 Theil Natron und 1 Theil Schwefelsäure, verbunden mit 10 Theilen Wasser; salpetersaures Natron; zweifach borsaures Natron oder Borax, 1 Theil Natron, 1 Theil zweifache Borsäure und 10 Theile Wasser enthaltend; kieselsaures Natron, ein Hauptbestandtheil des Glases. In diese Klasse gehört auch das für alle Menschen so unentbehrliche Kochsalz oder Chlornatrium, welches 1 Theil Natrium und 2 Theile Chlor enthält.

17) Das Ammonium, 226,9. Die hauptsächlichste Verbindung desselben ist das Ammoniak, das anderthalb=kohlensaure Ammoniak (Hirschhornsalz), schwefelsaures Ammoniak, salpetersaures Ammoniak, Chlorammonium oder Salmiak, auf 2 Theile Chlor 1 Theil Ammonium aufnehmend.

18) Das Baryum, Ba. 856,8, mit 1 Theil Sauerstoff verbunden, bildet die Baryterde; fügt man hierzu einen gleichen Theil Schwefelsäure, so entsteht der Schwerspath oder schwefelsaure Baryterde. Auf gleiche Weise werden salpetersaure und kohlensaure Baryterde gebildet. Ganz gleich in allen Verbindungen verhält sich

19) das Strontium, Str. 547,2.

20) Das Calcium, Ca. 256,01, liefert mit einer gleichen Gewichtsmenge Sauerstoff die Kalkerde. <219, 292> Durch einen gleichen Zusatz von Kohlensäure erhält man die kohlensaure Kalkerde. Die schwefelsaure Kalkerde, bestehend aus gleichen Mischungsgewichten Kalkerde mit Schwefelsäure, mit 21% Wasser verbunden, bildet den Gyps. Chlorkalk, bestehend aus einem Theile Kalkerde und einem gleichen Theile unterchlorige Säure. Chlorcalcium, ein Theil Calcium und doppelt so viel Chlor. Fluorcalcium und Schwefelcalcium sind die übrigen Verbindungen, welche dieser Stoff eingeht.

21) Das Magnesium, M. 158,3, bildet in starker Glühhitze die Bittererde, Magnesia, indem es eine gleiche Menge Sauerstoff aufnimmt. 7 Mengen Wassers, verbunden mit 1 Menge Magnesia und gleich viel Schwefelsäure, liefern die schwefelsaure Bittererde oder Bittersalz. Kohlensaure Bittererde enthält gleich viel Kohlensäure wie Bittererde. Mit doppelten Theilen Chlor bildet das Magnesium das Chlormagnesium.

22) Das Aluminium, Al. 171,16. 2 Atome dieses Stoffes mit 3 Atome Sauerstoff sind die Bildner der Thonerde, welche sich in der Natur als Saphir, Rubin, Smirgel vorfindet. Eine andere wichtige Verbindung dieses Körpers ist der Alaun oder schwefelsaure Kali=Thonerde, besteht aus 1 Mischungsgewicht schwefelsaurem Kali, 1 Mischungsgewicht doppelt=schwefelsaurer Thonerde und 24 Mischungsgewichten Wasser. Aehnlich zusammengesetzt ist der Ammoniakalaun oder schwefelsaure Ammoniak=Thonerde. Kieselsaure Thonerde ist der Thon.

Die Schwermetalle. Unter diesen nennen wir zuerst wegen der allgemeinsten Verbreitung

23) das Eisen, Ferrum, Fe. 339,3. Die Verbindungen, welche dieser Körper eingeht, sind sehr mannigfach. Mit dem Sauerstoff existiren zwei Verbindungen, in denen sich die Sauerstoffmengen zu ein<219, 293>ander verhalten wie 2 : 3; sie heißen: Eisenoxydul und Eisenoxyd. Die Verbindungen dieser letzten beiden mit andern Stoffen sind ungemein zahlreich; die wichtigsten von ihnen sind: a) Schwefelsaures Eisenoxydul, auch Eisenvitriol, Kupferwasser genannt, besteht aus einer Menge Eisenoxydul, einer gleichen Menge Schwefelsäure und sechs Mengen Wasser. -- b) Schwefelsaures Eisenoxyd, mit dreimal so viel Schwefelsäure, als Eisenoxyd. --c) Schwefelsaures Eisenoxyd, Kali, Eisenalaun. -- d) Salpetersaures Eisenoxyd, drei Theile Salpetersäure auf einen Theil Eisenoxyd enthaltend. -- e) Kohlensaures Eisenoxydul, gebildet aus gleichen Mengen beider Stoffe. -- f) Eisenchlorür, eine Menge Eisen, zwei Mengen Chlor und vier Mengen Wasser enthaltend. -- g) Eisenchlorid. -- h) Kaliumeisencyanür oder Blutlaugensalz, welches zur Darstellung der Blausäure und des Berliner Blaus benutzt wird, besteht aus zwei Theilen Kalium=Cyan, einem Theile Eisen, zwei Theilen Cyan und drei Theilen Wasser. -- i) Kaliumeisencyanid. -- k) Eisencyanürcyanid oder Berliner Blau.

die Verbindungen des Eisens mit Kohlenstoff ist das Roheisen und namentlich der Stahl. Von den Schwefelverbindungen des Eisens kennt man fünf, in denen sich die Schwefelmengen wie 1 : 4 : 8 : 12 : 16 verhalten. Wir erwähnen hiervon nur den Schwefelkies oder das Doppelschwefeleisen mit doppelt so viel Theilen Schwefel als Eisen.

24) Das Zink, Zincum, Zn. 403,2, bildet mit gleicher Gewichtsmenge Sauerstoff das Zinkoxyd. Bemerkenswerthe Zinksalze sind: das schwefelsaure Zindoxyd, ein Mischungsgewicht Zinkoxyd, eins Schwefelsäure und sieben Wasser enthaltend; es führt auch den Namen Zinkvitriol, weißer Vitriol. <219, 294> -- Der Galmei oder kohlensaures Zinkoxyd. -- Chlorzink, der Schwefelzink.

25) Das Blei, Plumbum, Pb. 1294,4, geht mit Sauerstoff vier direkte Verbindungen ein: Bleisuboxyd oder Bleiasche, welche sich schon an der Luft bildet; 2) Bleioxydul, gleiche Mengen Sauerstoff und Blei enthaltend; Bleioxyd, entstanden aus drei Mengen Sauerstoff auf zwei Mengen Blei. -- Aus der Vermischung gleicher Theile dieser letzten beiden Stoffe entsteht die Mennige. Das Bleisuboxyd enthält so viel Sauerstoff wie Blei. Die vorzüglichsten Bleisalze sind: das schwefelsaure Bleioxydul, auch Bleivitriol genannt; salpetersaures Bleioxydul; kohlensaures, und borsaures Bleioxydul. In allen diesen Verbindungen sind die Mengen der Säuren und des Eisenoxyduls gleich. Von anderen vorkommenden Verbindungen sind noch das Bleichlorür, das Bleijodür und das Schwefelblei oder Bleiglanz bemerkbar; letzteres besteht aus gleich viel Blei und Schwefel.

26) Das Zinn, Stannum, Sn. 735,29, hat drei Oxyde, in denen sich die Sauerstoffmengen verhalten wie 2 : 3 : 4. Das Zinnoxydul mit gleich viel und das Zinnoxyd mit doppelt so viel Sauerstoff, als Zinn. Die gewöhnlichsten Zinnsalze sind: das schwefelsaure Zinnoxydul; das Zinnsalz oder Zinnchlorür, dessen Bestandtheile ein Mischungsgewicht Zinn, zwei desgleichen Chlor und ein desgleichen Wasser sind; das Zinnchlorid, vier Theile Chlor auf einen Theil Zinn enthaltend. Mit Schwefel verbindet sich das Zinn gleichfalls zu einfachem und zweifachem Schwefelzinn, letzteres auch Musivgold genannt.

27) Das Kupfer, Cuprum, Cu. 395,69, geht mit der Hälfte seiner Menge eine Verbindung mit Sauerstoff ein, welche Kupferoxydul heißt. Ku<219, 295>pferoxyd enthält eine gleiche Menge von Kupfer und Sauerstoff; es wird zur Darstellung des Bremer Blaus benutzt. Der Kupfervitriol oder schwefelsaures Kupferoxyd besteht aus einem Mischungsgewicht Kupferoxyd, einem Schwefelsäure und fünf Wasser. Salpetersaures und kohlensaures Kupferoxyd; letzteres kommt als Kupferlasur und Malachit vor. Arseniksaures Kupferoxyd, auch Mineralgrünn genannt, enthält doppelte Mischungsgewichte Kupferoxyd und einfache arseniger Säure. Das Schweinfurther oder Pariser Grün besteht aus drei Mengen des vorigen Körpers und der einfachen Menge essigsauren Kupferoxyds. Kupferchlorid und das Schwefelkupfer sind die übrigen wichtigen Verbindungen des Kupfers.

28) Das Silber, Argentum, Ag. 1351,6, geht mit dem Sauerstoff nur eine direkte Verbindung ein, die des Silberoxyds. Schwefel= und salpetersaures Silberoxyd (der bekannte Höllenstein), beide enthalten gleiche Mengen des Oxyds und der Säure. Chlorsilber enthält doppelt so viel Chlor, als Silber. Schwefelsilber entsteht durch Zusammenschmelzen gleicher Mengen Schwefel und Silber.

29) Das Gold, Aurum, Au. 1243,01, liefert drei Sauerstoffverbindungen, in denen sich die Sauerstoffmengen wie 1 : 2 : 3 verhalten; sie heißen: Goldoxydul und Goldoxyd; letzteres enthält auf zwei Mischungsgewichte Gold drei Sauerstoff. Sonst giebt es wenige Verbindungen des Goldes. Erwähnenswerth ist hier nur das Goldchlorid und das Schwefelgold.

30) Das Platin, Platinum, Pl. 1233,4, mit dem Sauerstoff giebt es zwei Verbindungen: Oxydul und Oxyd, von denen das letztere die doppelte Sauerstoffmenge des ersteren enthält. Da die übrigen Verbindungen des Platins bis jetzt weniger <219, 296> benutzt wurden, so mögen hier nur die Namen der bedeutenderen aufgeführt sein: Schwefelsaures Platinoxyd, Platinchlorid, Schwefelplatin.

31) Das Quecksilber, Hydrargium, Hg. 1265,8, geht ebenfalls zwei Sauerstoffverbindungen ein. Das Quecksilberoxydul enthält doppelt so viel Quecksilber, als Sauerstoff; das Quecksilberoxyd gleich viel Quecksilber und Sauerstoff. -- Schwefelsaures Quecksilberoxyd; salpetersaures Quecksilberoxydul. Knallquecksilber, zum Füllen der Zündhütchen benutzt, besteht aus einfachen Mengen Quecksilberoxyds und Cyansäure. Das Kalomel oder Quecksilberchlorür enthält auf zwei Mischungsgewichte Quecksilber zwei desgleichen Chlor. Quecksilberchlorid enthält nur einfache Menge Quecksilber auf doppelt so viel Chlor. Mit gleichen Theilen Schwefels verbunden, liefert das Quecksilber den Zinnober oder Schwefelquecksilber, als Farbe vielfach benutzt.

32) Das Mangan, Mangan, Mn. 345,8. Von diesem Stoffe giebt es fünf Sauerstoffverbindungen, in denen sich die Sauerstoffmengen wie 2 : 3 : 4 : 6 : 7 verhält; die wichtigste derselben ist die Mangansäure, drei Mischungsgewichte Sauerstoff auf eins Mangan enthaltend, wird zur Entfuselung des Branntweins benutzt. Manganvitriol, kohlensaures Manganoxyd, Manganchlorür und Schwefelmangan sind andere weniger wichtige Verbindungen dieses Körpers.

33) Das Uran, Uranium, U. 2711,35, bildet überhaupt nur zwei Sauerstoffverbindungen: das Uranoxydul, ein Theil Uran und gleich viel Sauerstoff, und das Uranoxyd, zwei Theile Uran und drei Theile Sauerstoff.

34) Das Wismuth, Birmuthum, Bi. 886,9, wegen seiner leichten Legirbarkeit mannigfach gebraucht. <219, 297> Mit Sauerstoff bildet es nur das Wismuthoxyd, sonst kommt es auch nur mit Salpetersäure und Chlor verbunden vor.

35) Das Arsenik, Arsenicum, As. 470,04, liefert zwei Sauerstoffverbindungen, die jedoch nur Säuren sind: a) die arsenige Säure, auch weißes Arsenik, oder Rattengift genannt, enthält auf acht Mengen Arsenik drei Mengen Sauerstoff; hierzu noch zwei gleiche Mengen Sauerstoff gefügt, liefert die Arseniksäure. In der Färberei werden noch das Rauschroth und Rauschgelb oder einfach oder anderthalb Schwefelarsenik angewendet, deren Mischungsverhältniß schon durch den Namen angedeutet wird.

36) Das Kobalt, Cobaltum, Co. 368,9, geht wiederum zwei Sauerstoffverbindungen ein: das Kobaltoxydul und Oxyd, ersteres gleich viel Kobalt und Sauerstoff, letzteres zwei Drittel Sauerstoff mehr enthaltend. Schwefelsaures Kobaltoxydul nimmt außer einem gleichen Theile Schwefelsäure noch sechsmal so viel Wasser auf. Die blaue Smalte, ein kieselsaures Kalikobaltoxydul, und das zu sympathetischen Dinten verwendete Kobaltchlorür gehören zu den Verbindungen desselben Stoffes.

37) Das Nickel, Nicolum, N. 369,6, bekannt wegen seiner Anwendung bei Fabriciren des Neusilbers, welches aus 53 1/2 Theilen Kupfer, 29 Theilen Zink und 17 1/2 Theilen Nickel besteht. Mit Sauerstoff geht Nickel ebenfalls die beiden Verbindungen in Nickeloxydul und Nickeloxyd ein, und zwar in denselben Verhältnissen, wie das Kobalt.

38) Das Antimon, Stibium, Sb. 806,45, liefert in Sauerstoffverbindungen das Antimonoxyd (Weißspießglanzerz), und die antimonige Säure (Antimonsäure), in denen sich die Sauerstoffmengen wie 3 : 4 : 5 verhalten. In demselben <219, 298> Verhältnisse geht das Antimon drei Schwefelverbindungen ein, von denen die letzte aus Goldschwefel genannt wird.

39) Das Chrom, Chromium, Cr. 351,8, dessen beide Sauerstoffverbindungen sind: das Chromoxyd, auch Chromgrün genannt, und die Chromsäure. Bei drei gleichen Mengen Sauerstoff enthält das erste zwei Mengen Chrom, während die letztere nur eine Menge Chrom enthält. Die Chromsäure bildet in Verbindung mit gleichen Mischungsgewichten Kali, Bleioxydul und Quecksilberoxydul die chromsauren Stoffe gleichen Namens. Sie werden fast alle als Farben oder Färbemittel vielfach angewendet.

Von den übrigen seltneren, und meist in der neuesten Zeit erst entdeckten, Metallen, von denen hier nur das Cadmium, Tellur, Titan (Titaneisenstein), Tantal, Wolfram u. s. w. erwähnt sein mögen, hat man noch zu wenig Anwendung gemacht, als daß ihre Verbindungen und Verwandtschaften von Interesse wären.

nächster Abschnitt Laden der nächsten Artikel