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Umfrage Klassifizierung: 352.75 Datenerhebungen und UmfragenDDC-Icon . Ein Ausdruck, der hauptsächlich in der Staatswissenschaft gebräuchlich ist. Dem Sinne nach ist er verschieden von Anfrage, die entweden an einen Einzelnen oder an ein ganzes Collegium, an eine Versammlung, z. B. an einen Verein von Naturforschern, an ein Regierungscollegium u. dgl. gerichtet ist, indeß Umfrage so viel bedeutet, als der Reihe nach herumfragen, an jedes einzelne Mitglied eines Collegiums eine Frage zur Beantwortung, eine Sache zur Beurtheilung stellen, zur Erledigung vorlegen, zur Entscheidung vortragen. Bei allen Entschließungen eines Collegiums, welche dadurch gefaßt werden, daß das ganze Collegium in Gemeinschaft darüber und zwar per acclamationem entscheidet, oder diese Entschließung faßt, in der Voraussetzung, daß sie alle oder doch die zu einer Beschlußnahme nothwendige Anzahl von Mitgliedern vorhanden ist, geschieht eine Anfrage und keine Umfrage. Diese letztere wird in der Regel von dem Vorsitzenden, dem Präsidenten des Collegiums, zuweilen auch wohl von einem Mitgliede desselben veranstaltet, wenn es darum zu thun ist, die Meinung jedes Einzelnen kennen zu lernen. Wir begegnen in der Geschichte unseres deutschen Vaterlandes zuerst solchen Umfragen in den Reichsversammlungen, namentlich im Collegium der Churfürsten, wo die wichtigen Rechts= und Reichsfragen, z. B. bei Eingehung eines Bündnisses, bei Kriegserklärungen und Friedensschlüssen, bei Religionsfragen und Competenzconflicten, zuerst an die sieben und später die neun Churfürsten zur speciellen Beantwortung und Begutachtung herumgesandt wurden. Spätcr übertrug man dieses Verfahren auch auf andere Collegien, vorzüglich auf richterliche Collegien, bei wichtigen Rechtsstreitigkeiten, Terrainan<194, 125>sprüchen, Ehescheidungsprozessen hechgestellter fürstlicher Personen u. s. w. In der Regel hat der Präsident allein das Recht eine Umfrage zu veranlassen, besonders in dem Falle, wenn die gemeinsamen Sitzungen gerade nicht abgehalten werden, die Dringlichkeit der Sache aber eine baldige Erledigung fordert. Dies könnte z. B. während der Ferien der deutschen Bundesversammlung bei Ereignissen geschehen, die das Wohl des gesammten deutschen Landes angehen. Mit dem Recht, die Umfrage zu veranlassen steht zugleich das Recht in Verbindung, die Frage der Form noch abzufassen. Manchmal gehen aber auch dieser Abfassung Conferenzen und Berathungen vorauf, in welchen über dieselbe Beschlüsse gefaßt werden.

Vorschrift ist in der Regel dabei, daß diese Fragen kurz und einfach abgefaßt sein müssen, so daß als Antwort darauf nichts weiter nöthig ist als ein einfaches Ja oder Nein, Einverstanden oder Nichteinverstanden. Ehe jedoch solche definitive Fragen vorgelegt werden können, muß über die Hauptsache selbst schon eine erschöpfende Discussion vorangegangen sein, in welcher jeder, welcher das Wort darüber ergreifen will, seine Ansicht und Meinung mit ausführlichen Gründen dafür oder dawider darzulegen im Stande gewesen ist, gerade wie dies in der Deputirten oder Pairskammer in Frankreich oder im englischen Parlamente oder in den übrigen constitutionellen Versammlungen anderer Länder zu geschehen pflegt. Aus der Entscheidung über die Umfrage wird gewöhnlich ein Ultimatum, ein letzter Spruch gezogen. Wie der Präsident die Fassung der Frage zu redigiren hat, so steht ihm auch die Bestimmung zu, in welcher Reihenfolge abgestimmt werden soll, das heißt, in welcher Ordnung die Umfrage an die Mitglieder des Collegiums zu senden ist. Dies kann entweder von Oben nach Unten, von dem <194, 126> Vornehmsten oder Aeltesten bis zum Geringsten oder Jüngsten der Mitglieder, aus denen das Collegium besteht, oder umgekehrt geschehen; in manchen Fällen auch nach der Sitzordnung oder nach der Reihenfolge der Plätze, welche die Mitglieder bei Plenarversammlungen einzunehmen pflegen. Die Antworten werden nach derselben Ordnung registrirt und gezählt. Auch wird es zuweilen beliebt, wenn die Umfrage nicht schriftlich, sondern nur mündlich durch den Präsidenten oder Secretair der Versammlung abgefaßt wird, die Umfrage in der Folge, wie die Mitglieder des Collegiums am Tage der Abstimmung in den Sitzungssaal treten, zu richten und sie in dieser Anordnung anfzuschreiben. In den landschaftlichen Versammlungen, wie sie in neuerer Zeit in mehreren Ländern in' s Leben gerufen wurden, gilt die Regel, daß nicht nach Ständen, also nicht etwa zuerst der Herren=, der Adels=, der Bürger= und Bauernstand, auch nicht nach Kreisen und Bezirken, sondern Mann für Mann abgestimmt und die Umfrage beantwortet wird.

In den Staaten aber, wo das sogenannte Zweikammersystem gilt, und es also ein Ober= und Unterhaus im weiteren Sinne des Wortes giebt -- auf die Benennung dieser Kammern kommt es hierbei nicht an -- stimmt jedes Haus für sich allein ab, nur in ganz neuester Zeit macht Preußen nach dem ständischen Verfassungsedict vom 3. Februar 1847 eine Ausnahme, da in manchen Fällen dort in dem vereinigten Landtag in Pleno berathen und abgestimmt wird, so daß also die Herren=Curie mit der Curie der drei Stände: der Ritter, Städte und Landgemeinden vereinigt ist. --

Klassifizierung: 338.632 ZunftwesenDDC-Icon In den neueren Gewerb= und Innungsordnungen, wie sie nach der Gesetzgebung von 1808 in Preußen entstanden sind, werden Umfragen gehalten. Dort <194, 127> haben sie dieselbe Bedeutung wie Umschau. Wenn nehmlich ein fremder Gesell in einer Stadt angereist kommt, so läßt er durch den dazu bestellten Umweis=, Umsag= oder Zuschickmeister oder Gesellen; denn nicht bei allen Innungen ist dies Sache eines Meisters, sondern eines Gesellen -- bei den übrigen Meistern der Reihe nach umfragen, ob er in Arbeit treten kann. In der Regel geschieht dies jedoch nicht auf die besondere Veranlassung eines Angereisten, sondern überhaupt von Zeit zu Zeit, so daß also die Fremden sich bloß bei dem Zuschickmeister zu erkundigen haben, an wen sie sich, um Arbeit zu erhalten, wenden sollen.

Umfrage nennt man auch bei den Zusammenkünften der Handwerksgesellen in ihrer Herberge die Aufforderung des Altgesellen an seine Cameraden zur Entrichtung des Auflagegeldes und sonstiger Beiträge zu den Kranken= oder Sterbekassen, welche sie unter sich gebildet haben; ebenfo auch die Aufforderung, diejenigen Anliegen vorzubringen, welche bei der Brüderschaft berathen und genehmigt werden sollen. Das Wort Umfrage wird endlich auch dann gebraucht, wenn ein Geistlicher bei einer Gemeinde zur Anstellung vorgeschlagen worden ist und nun vom Superintendenten des Bezirks an die einzelnen Gemeindeglieder die Anfrage geschieht, ob sie gegen Lehre, Leben und Wandel des Candidaten nichts einzuwenden haben.

Umfriedigen Klassifizierung: 631.27 Zäune, Hecken, MauernDDC-Icon , etwas mit einem Zaun oder einer Mauer umgeben, einschließen, eigentlich die Grenze ziehen innerhalb deren der Friede herrscht, wo kein Streit entstehen kann. Man braucht umfriedigen und Umfriedigung besonders von Friedhöfen.

Umführen Klassifizierung: 430 Germanische Sprachen; DeutschDDC-Icon , ein transttives Zeitwort, dessen nächste natürliche Bedeutung etwas um einen Gegenstand herumführen bekannt ist. Ich führe mein Pferd um das <194, 128> Haus, ich führe eine Mauer um den Garten u. s. w. Daraus ist denn auch der Begriff umführen für: auf einem Umweg führen entstanden. Ein Reisender kann zum Beispiel von einem gedungenen Wegweiser im Gebirge sagen: er hat mich umgeführt, das heißt, er hat mich nicht den nächsten Weg zu meinem Ziele, sondern einen Umweg geführt. In ähnlicher Bedeutung braucht man auch das Wort umgehen für einen Umweg machen. Letzteres ist dann reciprok: er ist sich weit umgegangen. Doch findet man diese Sprechweise nur im Munde des Volkes.

Umfüllen Klassifizierung: 663.2 WeinDDC-Icon , ein transitives Zeitwort: eine Flüssigkeit und dergleichen, welche schon auf ein Gefäß gefüllt war, von diesem wieder ablassen und in ein anderes Gefäß füllen. Dies muß namentlich beim Wein und Bier und allen Getränken geschehen, welche längere oder kürzere Zeit liegen müssen, ehe sie reif oder trinkbar werden. Das Umfüllen des Weines hat also in den meisten Fällen dieselbe Bedeutung, wie das Abziehen desselben von einem Faß in das andere. Ueber die Zeit, wann dies geschehen, und die Art, wie es am zweckmäßigsten geschehen muß, lassen wir zwei bewährte Kenner der Weinbereitung und Pflege sprechen. Der erstere ist Heintl, ein Oesterreicher. Sein schätzenswerthes Werk, auf das wir jedenfalls bei dem Artikel Pfeil-IconWein zurückkommen werden, führt den Titel: „Der Weinbau des österreichischen Kaiserthums, zugleich Anleitung zur Bereitung, Wartung und Pflege der Weine.” 2 Bände. (Wien, 1821 -- 1835); der andere ist von Babo, dessen Schrift den Titel führt: „Kurze Belehrung über die zweckmäßige Behandlung der eingekellerten Weine. (Heidelberg, 1837). --Heintl sagt:

„Der Weinbesitzer muß die Natur seiner Weine kennen. Die fetten Weine, die aus zu süßen überreifen Trauben erzeugt wurden, und ihre rasche Gäh<194, 129>rung dennoch übereilt haben, können das baldige Abziehen fordern, während andere Weine Jahre lang ohne Abziehen auf ihrem ersten Lager liegen bleiben, damit haushalten, und sich veredeln. Indem die ersteren durch das Abziehen verbessert werden, würden die letzteren an Geist und Lebenskraft verlieren. Unsere öfterreichischen Gebirgsweine bleiben 10 und mehrere Jahre im nämlichen Fasse auf dem Lager liegen: sie werden eher nur abgezogen. wenn der Eigenthümer sie zum Verkaufe oder zum Trunke bestimmt; indem das Abziehen sie milder, eher trinkbar, aber auch älter macht. So lange der Wein rein und klar erscheint, indem er noch auf dem Lager liegt, so lange mag er darauf liegen bleiben. Erscheint er aber im reinen Glase wie benebelt, so wird das Abziehen rathsam; es wird um so nothwendiger, wenn sich der Wein mehr trübt. Die beste Zeit zum Weinabziehen sind die Wintermonate bei windstillem, trockenem kaltem Wetter,; indem jetzt die von der Kälte verdichtete Luft weniger begierig ist, den Weingeist sich anzueignen. Es sollen aber die Weine in der Regel nicht eher abgezogen werden, bis sie sich geklärt haben; weil ihnen bis dahin die Hefen nöthig sind, und es die Erfahrung lehrt, daß der zu früh abgezogene Wein geistlos und unhaltbar geworden ist. Nur wo die krankhafte Beschaffenheit des Weines das Abziehen zur dringenden Nothwendigkeit macht, kann man die Zeit dazu beliebig nicht wählen.”

Von Babo andererseits spricht sich folgendermaßen über diesen Gegenstand aus: „In manchen Gegenben, besonders wo die Weinberge viele Rieslinge und dergleichen harte Traubenarten enthalten, findet sich die Sitte, den Wein bis in das kommende Spätjahr auf der Hefe liegen zu lassen. Dies kommt wohl mit von dem Glauben, welchen man hie und da an<194, 130>trifft, daß die Hefe dem Weine Geist gebe und ihn haltbar mache. Beides ist falsch, und wenn vielleicht schon bei schwerem, zähem Wein ein Zusatz von anderer Hefe denselben curirt hat, so kommt dieses lediglich davon, daß sie wohl etwas mehr Gehalt an Gerbstoff oder Weinstein hatte, welcher den Schleim zu Boden warf, nicht aber von einer besondern Kraft der Hefe als Hefe. Dagegen ist aus der Betrachtung des Gährungsprocesses zu ersehen, daß die Weinhefe theils aus Schleim und dem Wein fremden Theilen, theils aus dem eigentlichen Hefestoffe besteht, welches alles während der Gährung niedergeschlagen ward. Der Gährungsstoff aber behält immer die Eigenschaft, sich in geringer Menge schwebend zu erhalten, so daß, wenn auch der scheinbar ganz helle Wein in Verhältnisse kommt, welche der Gährung günstig sind, wie z. B. in warme Keller oder in die Sommerhitze, er immer wieder zur neuen Bewegung aufgereizt wird. Daher ist ein mehrmaliger und baldiger Ablaß, besonders bei weichen, schleimigen Weinen sehr anzurathen. Der erste Ablaß geschieht, wenn der Wein ganz hell ist, am besten im Februar oder Anfang März. Manche halten für gut, schon am Ende des Decembers oder im Anfange des Januars zum ersten Male abzulassen. Zwei Dinge sind dabei zu beobachten, nämlich daß man die Arbeit bei hellem, ruhigem Wetter vornehme, und daß man darauf sehe, daß der Wein in ganz reine, gut vorbereitete Fässer komme. Jetzt darf kein Faß mehr genommen werden, welches nicht durchaus weingrün ist; Fässer, die von Schimmel gereinigt, noch so gut vorbereitet wurden, sind schon gefährlich und geben dem Weine leicht einen Beigeschmack, ebenso Fässer, in denen Branntwein lagerte, welche man übrigens zur Noth gebrauchen kann, um, wenn sie gut gereinigt sind, süßen Most zur Gährung einzufüllen. Die <194, 131> Fässer müssen auf das beste mit kaltem Wasser ausgeschwenkt sein. Brühwasser mit aromatischen Substanzen dürfen nicht genommen werden; eben so wenig ist es jetzt rathsam, die Fässer mit Weingeist auszufpülen oder auszubrennen, da der Wein leicht einen Geschmack darnach annimmt. Man muß übrigens Sorge tragen, daß die Fässer recht fest liegen und nicht mit den Lagern selbst schwanken, was die Ablagerung des Weines hindert. In diesem Falle ist es rathsam, die Lager unmittelbar unter den Fässern noch einmal zu unterschlagen. Gewöhnlich wird der Wein übergestützt. Bei weitem sicherer ist es aber, denselben durch Schläuche mit dem Blasebalg überzufüllen, denn abgesehen davon, daß so viel weniger Geist verfliegt, kommt bei dem Ueberstützen der Wein in eine zu häufige Berührung mit der Luft wodurch sich Zuckerstoff und Extractivstoff mit dem Sauerstoff derselben verbindet und der Wein eine dunkelbraune Farbe annimmt. Bei schleimigen Weinen ist es ausnahmsweise besser, den Wein überzustützen, um ihn mehr durcheinander zu schlagen. Vor dem Einfüllen muß das zu füllende Faß mit Schwefel eingebrannt werden. Gewöhnlich nehmen die Küfer es beim Ablaß mit dem Trubwein nicht so genau, und geben solchen dem hellen Wein zu. Dies Verfahren ist aber gerade gegen den Zweck des Ablasses. Viel besser ist es, wenn das übergefüllte Faß noch etwas leer ist, dasselbe lieber auf einige Tage mit Schwefel aufzubrennen, den Trubwein aber in ein besonderes, stark geschwefeltes Faß zu bringen, wo er sich bald absetzt, und hell zum Auffüllen des abgelassenen Weines dienen kann. Nach dem ersten Ablaß im Februar bleibt der Wein ruhig liegen, bis in den Mai. Man hat ihn nur alle 14 Tage mit reinem Wasser aufzufüllen. Gegen die Mitte des Mai wird die Operation des <194, 132> Abfüllens noch einmal wiederholt und der Wein von der Ablagerung getrennt, welche er zeither machte. Diejenigen, welche zum ersten Mal im December oder Januar ablassen, nehmen den zweiten Ablaß am besten im März vor. Dabei ist nichts besonderes zu bemerken, außer der Reinlichkeit, dem Schwefeln der Fässer und der Achtsamkeit, daß kein Trubwein mit übergefüllt werde. Tritt der Wein zur Zeit der Traubenblüte in die zweite Gährung, und zwar so stark, daß man fürchten muß, daß er alle Süßigkeiten verliere, so kann man ihn in dieser Periode noch einmal in ein so stark geschwefeltes Faß abfüllen, um die Gährung zu unterdrücken; ja man kann aus der nämlichen Ursache dieses Abfüllen noch einige Male im Sommer wiederholen, wenn der Wein eine vorherrschende Süßigkeit behalten soll. Im Frühjahre darauf wird er noch einmal abgelassen, dann kann er aber, wenn kein Grund zu einer weitern Operation vorhanden ist, ruhig liegen bleiben.”

Umgekehrtes Glacis Klassifizierung: 725.18 Militärgebäude und PolizeigebäudeDDC-Icon (Glacis contrepente). Der berühmte Lehrer der Fortificationskunst, Carnot, hat mit diesem Namen eine eigenthümliche Einrichtung bezeichnet. Nach seiner Vorschrift wird nehmlich der äußere Rand des Grabens vor der Contregarde, 144 Fuß lang abgeflacht und dagegen der bedeckte Weg mit seiner Brustwehr, welche den Namen Glacis führt, ganz weggelassen. Diese Weglassung des bedeckten Ganges erklärte aber schon Herbort für unzweckmäßig und gefährlich. Er hat nehmlich zu Begünstigung der Ausfälle diese Gestalt der Contrescarpe zwar an seinen Hauptgraben ebenfalls zugelassen und für zweckmäßig befunden, aber außerdem noch einen besonderen bedeckten Weg davor gelegt, damit die Mannschaften, welche einen Ausfall aus der Festung nicht mit Glück ausgeführt haben, sondern gezwungen werden, sich vor den Belagerern zurück zu ziehen, <194, 133> darin Schutz und Aufnahme finden können. Bei dem umgekehrten Glacis nach Angabe Carnots entbehren sie dieser Sicherheit gewährenden Retraite, die ihnen nun die Contregarde gewähren würde.

Umfunkeln, ein transitives in der Regel nur bei Dichtern gebräuchliches Wort, welches bedeutet mit funkelndem Glanze umgeben.

Umfurchen, ebenfalls ein transitives Zeitwort: mit Furchen umziehen. So umzog Romulus die von ihm gegründete Stadt Rom mit einer Furche, um ihren Umfang zu bestimmen.

Umgackern, ein transitives Zeitwort, von den Hühnern gebraucht, die den Futter Streuenden gackernd umgeben, oder gackernd um ihr Nest herumgehen.

Umgaffen, ein intransitives Zeitwort, sich gaffend mit offenem Munde und ohne eigentlichen nützlichen Zweck umher sehen, auch sich umgaffen, sich gaffend umsehen.

Umgang Klassifizierung: 331 ArbeitsökonomieDDC-Icon Klassifizierung: 265 Sakramente, andere Riten und HandlungenDDC-Icon Klassifizierung: 394.26 FeiertageDDC-Icon . Dieses Hauptwort ist von dem Zeitwort umgehen abgeleitet; es bezeichnet den Zustand, in welchem etwas umgeht, oder umdreht, z. B. der Umgang des Rades, soviel als die Umdrehung des Rades, oder auch die Handlung, in dem man um etwas geht, hauptsächlich von dem feierlichen Umgang zur Besichtigung der Flurgrenzen, welchen man auch Grenzenzug heißt. Ein anderer feierlicher Umgang ist in katholischen Ländern die Prozession, sowohl in der Kirche selbst von einem Altar zum andern, als auch außerhalb auf der Straße von einer Kirche zur andern oder nach einem bestimmten heiligen Bilde und dgl. Auch heißt Umgang an manchen Orten, namentlich in den sächsischen Städten, die Sitte, nach welcher der Schullehrer oder der Kantor mit den Schülern vor den Häusern der Reihe nach weltliche und geistliche Lieder singt. Dies geschieht in der Regel zu bestimmten Zeiten, z. B. vor den hohen <194, 134> Festen, zu Neujahr, am Palmsonntage. Es giebt auch in manchen Städten namentlich in kleinern und in Dörfern alte Herkommen und Privilegien, in Folge deren Küster, Gemeindebeamten, Stadtpfeifer an gewissen Zeiten ihren Umgang bei den Einwohnern des Ortes, auch wohl nur einzelner Bezirke und Reviere halten, um ein ihnen zugestandenes Geschenk einzusammeln. Auf diese Geschenke sind dieselben zum Theil sogar durch ein sehr niedrig gestelltes Gehalt angewiesen. Jedenfalls können wir dies als eine Unsitte betrachten; denn trotz der Berechtigung hat ein solcher Umgang doch immer den Schein einer Bettetei und verträgt sich nicht mit der Stellung und Achtung, die ein, wenn auch nur niedrig bediensteter Beamter genießen soll. Daher ist es denn gekommen, daß man nach und nach diese Privilegien abschafft, und den Ausfall an Einkommen, der dadurch bewirkt wird, durch Gehaltverbesserungen zu decken sucht. Von Seiten derer, die solche Geschenke geben, betrachtet, hat dieser Umgang immer etwas Gehässiges, denn diese Gaben sind doch im Grunde nichts, als eine außerordentliche Besteuerung zu Gunsten der Gemeinde= oder Regierungskassen, aus denen die Beamten rechtmäßig ihr Gehalt, ohne sich vor ihren Mitbürgern erniedrigen zu müssen, beziehen sollen und fordern dürfen. Nur wenige genießen, z. B. in Berlin noch ein solches Privilegium, unter andern die Nachtwächter die Brunnenmacher, die Schornsteinfeger etc., die sich natürlich weit eher, als ein gebildeter Mann, wie ein Schullehrer oder Musiker doch sein soll darin finden.

Klassifizierung: 155 Differentielle Psychologie und EntwicklungspsychologieDDC-Icon Klassifizierung: 126 Das SelbstDDC-Icon Umgang wird auch in der Bedeutung von Umweg gebraucht, er hat einen großen Umgang gemacht. Dieser Ausdruck ist übrigens nur prorinziell. Umgang haben sagt man anstatt Gelegenheit haben, eine Sache zu umgehen, zu vermeiden, wie das Wort umgehen, wovon es abgeleitet ist, ebenfalls in <194, 135> diesem Sinne gebraucht wird. Wie man mit dem Ausdrucke mit etwas umgehen, die Beschäftigung mit einer Sache, mit einem Handwerk oder irgend einer Handthierung bezeichnet, so auch mit dem Ausdrucke Umgang mit etwas: das öftere Beschäftigsein mit etwas, das beständige Denken an etwas; z. B. er hält oft Umgang mit sich selbst, er denkt über sich über seinen sittlichen Zustand nach, er hält Einkehr bei sich selbst. Dies geschieht bei tiefdenkenden und tiefsinnigen Menschen, denen es am Herzen liegt, der Weisung des griechischen Philosophen: erkenne dich selbst, nachzuleben. Wir wissen alle, daß die Selbsterkenntniß eine der schwierigsten Aufgaben, welche dem Menschen gestellt sind, und in mancher Beziehung auch eine der gefährlichsten ist. Denn dies Hineinschauen in sich selbst, dies Erforschen des geheimsten innersten Wesens all seines Denkens, Thuns und Trachtens, diese Vertiefung des Geistes in die Offenbarung des eigensten inneren Seins erfordert einen starken, sich selber nie verlierenden Verstand, eine zu voller Klarheit und Sicherheit herangebildete Partheilosigkeit, die sich durch die Spitzfindigkeit, durch den Jesuitismus der Eigenliebe nicht blenden läßt, die die Willfährigkeit des Gewissens in Bemäntelung und Beschönigung der eigenen Schwachheiten und Irrthümer nicht zu falschen Schlüssen und Urtheilen verleiten läßt, Mit allem Ernste der Selbstbeschauung muß auch die geistige Kraft, dies thun zu können, verbunden sein; sonst ist wenig Hoffnung vorhanden, einen günstigen Erfolg zu erzielen. Wenn in den Evangelien erzählt wird, daß der Pharisäer ausruft: Ich danke Dir Gott, daß ich nicht bin wie diese hier! so scheint er in dieser stolzen Ueberhebung auch einen Schluß aus seinem Umgang mit sich selbst aus der Erforschung seines sittlichen Wesens gezogen zu haben; allein wie sehr dieser Schluß ein falscher, illuso<194, 136>rischer, nichtiger war, ergiebt sich aus der Form seines Ausrufs, der die Selbstüberschätzung an der Stirn trägt, ganz von selbst. Gerade seinen größten Fehler, den prahlerischen Egoismus hat jener Pharisäer am wenigsten erkannt und ist nicht über die Schätzung des Scheins der Achtung, die er vor der Welt genießt zur tiefern Betrachtung des Wesens und wahren Verdienstes gekommen; er vergleicht sich nur äußerlich mit den Zöllnern und Sündern, und findet sich also unendlich höher gestellt; er bedenkt nicht, daß er mit diesem Ausruf ein unfreiwilliges Bekenntniß seiner eigenen Thorheit und Nichtsnutzigkeit abgelegt hat; er vergißt, daß wir vor Gott allzumahl Sünder sind und des Ruhmes mangeln, den wir vor ihm haben sollen. Zur Selbstbeschauung, zum Umgang mit sich selbst gehört vor allen Dingen Wahrheit gegen sich selbst, und dies ist die am schwierigsten zu überde Tugend. Wer Umgang mit sich selbst pflegen will, der darf nicht im Gewühl der Welt, in den Zerstreuungen, Vergnügungen und sinnlichen Genüssen so ganz versunken und befangen sein, daß ihm keine Stunde einsamer stiller Betrachtung übrig bleibt. Es ist immer noch Zeit dazu, denken viele Menschen; aber es wird zu spät sein, wenn sie einmal doch von ihrer innern Stimme gemahnt werden, Rechnung abzulegen. Diese Stimme wird durch die laute Lockung des Genusses übertönt. Sie sind des Umganges mit sich selber entwöhnt, die Gesellschaft ist ihnen nicht laut, vielleicht nicht einmal interessant genug; sie sehnen sich aus der Stille der Betrachtung wieder und immer wieder hinaus in das betäubende Geräusch der Welt, in welchem sie sich vor sich selber geborgen wähnen. Ein erhabenes Beispiel der Selbstbeschauung giebt uns der Stifter der christlichen Religion. Ehe er den wichtigen Schritt that, seine Lehre öffentlich allem Volk zu verkünden, ging er 40 Tage lang in die Wüste und lebte <194, 137> dort den ernstesten Betrachtungen über seinen Beruf zur Erlösung der Menschheit aus der Tyranney des Irrthums und der Sünde. Der letzte schöne Akt dieser Selbstprüfung, und des Umgangs mit sich selbst, wird uns in der dichterischen Parabel von der Versuchung durch den Satan erzählt. Christus war schon zu der Erkenntniß dessen, was Noth thut, gelangt, er wußte seinen Beruf die frohe Botschaft der Erlösung der Menschheit zu bringen, er hatte die göttliche Sendung aus dem zum Heldenmuth erstarkten Selbstbewußtsein der ihm innewohnenden geistigen und sittlichen Macht erkannt; aber noch stellte sich ihm eine Versuchung, die letzte, entgegen, und hielt ihm den Spiegel weltlicher Macht und Herrlichkeit vor Augen; aber die Wahrheit, die göttliche Wahrheit trug einen herrlichen Sieg davon. In diesem und nicht im wörtlichen Sinne ist jene Parabel zu verstehen; denn wir brauchen leider zu einer Versuchung keines leibhaftigen Teufels, sie wäre dann weniger gefährlich; das böse Prinzip als Negation des guten lebt in jedem Menschen und so ist denn diese Erzählung ein schöner Beweis der reinsten verklärtesten Menschlichkeit in Christus. Doch wenden wir uns nicht von unserm Thema ab. Wir sagten oben, daß außer dem ernsten Willen zum Umgang mit sich selbst auch geistige Kraft gehöre. Menschen von schwachem Gemüth wird eine änhaltende Beschäftigung mit sich selbst, die sich in die innersten Geheimnisse des sittlichen Lebens vertiefen will, leicht gefährlich und führt auf Abwege der Schwärmerei, des Tiefsinns, ja sogar des Wahnsinns. Der sittliche Rigorismus gegen sich wirkt oft zerstörend auf die materiellen Lebenskräfte, namentlich, wenn er wie der Stoicismus jeden Genuß verwerfen will. -- Die Geschichte weist viele solcher sittlichen Schwärmer nach. Die meisten derselben finden wir im Orient, wo das still vor sich Hinleben und Denken, <194, 138> dieses Versenken in ein thatloses Grübeln zuletzt den Menschen von der ihn umgebenden Welt entfremdet. Beispiele solcher äußerlich erstarrten Selbstbeschauer bietet uns die Religionsgeschichte der Indier in großer Menge. Das Selbstbeschauen endet zuletzt mit einer gänzlichen Apathie, mit einer Gedankenerstarrung, die jede geistige Thätigkeit unmöglich macht. Das aber ist die Aufgabe jedes Umgangs mit sich selbst: die Welt mit allem Leben und Werden in seiner eigenen Brust sich wiederspiegeln zu lassen, den Makrokosmus der Welt im Mikrokosmus des eigenen Ichs wiederzuerkennen. Wir erkennen weder die Welt wie sie an sich ist, noch unser Ich, wie es an sich ist, sondern wir erkennen die Welt im Spiegel unseres Geistes und unsern Geist im Spiegel der Welt. So steht das Draußen und Drinnen in beständiger nothwendiger Wechselwirkung und wir dürfen das eine nicht aufgeben und verlieren um des andern willen, wenn wir nicht beides, die Welt und uns selbst verlieren wollen.

Der Umgang mit sich selbst wird sich immer nach dem Maaße und der Art richten, wie man es versteht mit seinen Nebenmenschen umzugehen; wer diese nicht so weit kennen lernen, wer auf ihren Character und ihre Eigenthümlichkeiten aus ihren Handlungen nicht so richtig schließen kann, daß er sie ihrem inneren Wesen nach zu beurtheilen vermag, der wird sich vergebliche Mühe geben, einen Blick in das eigene Innere zu thun; er wird sich selber ewig ein Fremdling bleiben.

Klassifizierung: 001.96 Fehler, Irreführungen, AberglaubeDDC-Icon Klassifizierung: 297 Islam, Babismus, BahaismusDDC-Icon Klassifizierung: 616.8 Krankheiten des Nervensystems und psychische StörungenDDC-Icon Klassifizierung: 248 Christliche Erfahrung, christliche Praxis, christliches LebenDDC-Icon Es giebt aber auch Menschen, die sich rühmen, einen näheren Umgang mit Gott zu haben. Sie sind entweder Schwärmer oder Betrüger. Der Umgang des Menschen mit Gott kann kein anderer sein, als das Denken an Gott. Es wird hier von keiner gegenseitigen Annäherung von einer unmittelbaren Zu<194, 139>sammenkunft mit dem höchsten Wesen die Rede sein, denn das Wesen Gottes ist die Unendlichkeit, für welche der Mensch kein Maaß und keine Form hat, das nicht erscheinen kann, weil es ist, hier, dort, überall; das sich nur offenbart, aber nicht schauen läßt, das nur der Gedanke ist, aber nicht die thatsächliche Existenz; denn für jede Existenz ist die Gottheit die Bedingung, sie ist so zu sagen die Seele der Existenz und nicht sie selbst. Es liegt etwas Pantheistisches in dieser Anschauung des göttlichen Wesens, gewiß ist sie aber würdiger, als die von der Persönlichkeit Gottes, die dem Begriff der Gottheit geradezn widerspricht. Es sind demnach Betrüger oder Betrogene, welche meinen, Umgang mit Gott zu haben. Der einzig denkbare Umgang mit Gott ist nach den christlichen Begriffen das Gebet, eine Erhebung der Seele, des Gemüths, der ganzen inneren Menschen zu dem Unbegreiflichen. Das rechte Gebet ist die Sprache der unendlichen Sehnsucht nach der Vollkommenheit, welche in jedem Menschen lebt oder leben sollte. Sie findet darin ihren Ausdruck, und wenn es wahr und innig ist, auch ihre scheinbare Befriedigung. Die Folge davon ist eine Entzückung der Seele, welche in ihrem Uebermaaß leicht Verzückung also Täuschung wird. Eine Ueberreizung des menschlichen Sinnens und Denkens, die zu der Illusion führen kann, in die unmittelbare Nähe und Gegenwart Gottes versetzt zu sein. Nur sehr wenige Menschen und in der Regel nur krankhaft überreizte Naturen, deren Nervensystem eine große geistige Anspannung nicht zu ertragen vermag, können Augenblicke solcher Verzückung, solcher illusorischen Enthebung aus dem Irdischen haben. Unablässige Studien, unvernünftiges Vertiefen in die Geheimnisse der Religion bei weniger Verstandeskraft können dergleichen Zustände in der That herbeiführen. Sie grenzen aber in der <194, 140> Regel schon an den Wahnsinn und arten auch gewöhnlich in vollständige geistige Verwirrung aus. Unter den Frommen, welche wir mit dem Namen Mystiker belegen, kommen solche krankhafte Einbildungen öfters vor. Sie werden genährt durch die Heuchelei und durch den Betrug der religiösen Fanatiker, die zwar selbst weit entfernt sind von dem Glauben an die Wahrheit ihrer Lehren, die aber aus ihnen fast immer andere materielle Vortheile erzielen und sich die Herrschaft über die schwachen Gemüther dadurch sichern wollen. Manche sogenannte Heiligen sind wenigstens nur so weit gegangen zu behaupten: sie verkehrten mit Gott im Traume, das läßt man sich dann auch eher gefallen. Visionen im Traume sind bei einer lebendigen Phantasie sehr möglich und sehr erklärlich; denn der im Schlaf rastlos thätige Geist schafft sich ein Bild von Gott, weil die Sehnsucht in ihm lebt Gott zu schauen. Von solchen Gesichten lesen wir auch in der Bibel, im alten sowohl als im neuen Testamente. Noah, Abraham Isaak, Jakob, die Propheten und Christus selbst sahen Gott.

Es klingt freilich sehr gemüthlich patriarchalisch von diesem Herablassen Gottes zu den Menschen zu hören, wir müssen aber bedenken, daß es orientalische Schriftsteller sind, welchen wir diese Parabeln verdanken. Der Inhalt und Kern dieser wunderbaren Facta bleibt doch derselbe. Die Apostelgeschichte spricht auch öfters von dem unmittelbaren Verkehr der Jünger Jesu mit Gott, auch hierauf wird sich das oben Angedeutete anwenden lassen. -- Unmittelbaren Umgang mit dem höchsten Wesen will auch Muhamet, der Gründer des Islamismus gehabt haben, und keiner wird daran Anstoß nehmen, wenn ein Nichtmuhametaner sagt: Er war ein Schwärmer, aber zugleich ein sehr kluger, mit durchdringendem Verstande begabter Mann, der sich und sein Volk, das leicht erreg<194, 141>bare feurige Temperament, die glühende Einbildungskraft der Araber und aller Bewohner des Ostens genau kannte. Auf diese Erkenntniß hin redete er von den unmittelbaren Offenbarungen, die ihm geworden sein und wußte, daß er Glauben finden würde, um so mehr, da seine Lehre den Eigenthümlichkeiten, den geselligen, sittlichen und sinnlichen Zuständen des Orients entsprach.

Um von allen den spätern Schwärmern nur noch ein Beispiel anzuführen, nennen wir Loyala, den Stifter des Jesuitenordens; auch er hatte Umgang mit Gott und mit der Jungfrau Maria, und empfing von letzterer seine irdische Sendung. Die Irrlehre des Mystizismus und Pietismus fordert von ihren Anhängern noch heute den Glauben an die Möglichkeit eines unmittelbaren Verkehrs mit Gott, an ein sinnliches Schauen seiner Majestät und Herrlichkeit. Der Rationalismus will natürlich von allem diesem gar nichts wissen, während der wahre Christ und der wahre Philosoph den Umgang mit Gott aus der Welt der Sinne in die Welt des Geistes gerettet und in ihr die tiefe Bedeutung und Wahrheit eines solchen Verkehrs, aber von einem höheren, rein menschlichen und deswegen vernünftigen Standpunkte gar wohl erklärt haben.

Klassifizierung: 302 Soziale InteraktionDDC-Icon Wichtig für den Menschen ist die Betrachtung des Umgangs mit Seines gleichen; denn dieser liegt ihm so nahe, ist ihm so nothwendig, so folgenreich, daß er ohne denselben ein Leben überhaupt nicht denken kann. Es ist nicht gut sprach Gott nach der mosaischen Mythe der Schöpfung, daß der Mensch allein sei, darum will ich ihm eine Gefährtin geben. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Andern liegt in eines jeden Sterblichen Brust und sie muß sich erfüllen, um den Menschen alle die Bedingungen des Menschenthum erfüllen zu lassen. Das Thier lebt für sich, höchstens <194, 142> nur paarweis ein isolirtes Leben mitten in dem Reichthum der Schöpfung, der Mensch aber nicht bloß für sich, sondern für die Welt, in sofern diese die Summe alles geistigen und sinnlichen Lebens in sich schließt. Der Mensch, jeder in seinem Kreise und in seiner Stellung ist ein Factor der Geschichte, zu deren Werden sein Thun und Lassen, sein Denken und Fühlen, sein Lieben und Hassen, sein Zeugen und Gebären, seine Geburt und sein Tod nothwendig sind. Welche Bedeutung aber könnten alle diese Zustände für die Geschichte haben, stände er allein? Seine Existenz gewinnt nur dadurch Werth und Leben, daß sie auch für andere gilt, daß der Zusammenstoß eigner und fremder Kräfte die Bewegung erzeugt, welche der Urgrund alles Werdens und Vergehens ist. Wie in der W=lt der Materie ein Körper ewig ruhen würde, wenn nicht ein zweiter mit seiner Kraft auf ihn wirkte, sei es nun durch Stoß, oder Fall, oder Attraction, so würde auch in der Geisteswelt, dessen Träger und Mittler der Mensch ist, die Ruhe des Todes herrschen, wenn die Kräfte des geistigen Lebens ewig isolirt bleiben sollten.

Wie schon Jean Paul sehr richtig bemerkt, erscheint die Welt dem Menschen nicht in ihrer ursprünglichen absoluten Gestalt, sondern in dem reflectirten Lichte, das von seiner eigenen Seele ausstrahlt. Dem Traurigen in ganz anderer Gestalt als dem Fröhlichen, dem Philosophen anders als dem Dichter, dem Hungrigen anders als dem Satten, dem Lebensüberdrüssigen anders als dem Genußfreudigen. Der Spötter und Skeptiker sieht sie mit ganz anderm Auge an als der Gläubige und Unbefangene, der Jüngling, der Mann anders als der Greis und das Kind. -- Diese Verschiedenheit des Anschauens und Urtheilens wird sich auch bei dem Umgang mit den Menschen geltend machen müssen. Es kommt nur darauf an, <194, 143> die Eigenthümlichkeit des Ich den andern Eigenthümlichkeiten gegenüber zu bewahren, ohne diese zu verletzen. Jedem sein Recht werden lassen, keinem die Freiheit seines Handelns zu stören, ihn nicht in der selbständigen Entwicklung seines materiellen und geistigen Organismus zu stören, das werden so ziemlich die Grundbedingung für den rechten Umgang mit den Menschen sein. Verschiedene Verhältnisse erfordern eine verschiedene Art des Umgangs. Die Hingebung an Andere darf nicht so weit gehen, das eigne Selbst dadurch zu verlieren und sein eigenes Wesen ganz hinzugeben, denn jedem steht doch die Erhaltung seiner selbst am nächsten und selbst in den Fällen, die ein Opfer erheischen, gewinnt der sich Opfernde sich selber durch eben dieses Opfer wieder. So hat Christus sich hingegeben für die Welt, aber dadurch gerade den Sieg der Verklärung und Unsterblichkeit errungen. Doch wir kommen später noch einmal darauf zurück.

Klassifizierung: 170 Ethik (Moralphilosophie) DDC-Icon So viel im Allgemeinen von dem Begriff des Umgangs mit Menschen. Wir gehen nun zum Besonderen über. Wer mit seinem Nebenmenschen, wie es sich gebührt umgehen will, muß zunächst verstehen, mit sich selber umzugehen. Oben haben wir von dem geistigen Umgang und von der Einkehr in sich selbst gesprochen, wir müssen daher noch die andere Seite des Umgangs mit sich selbst belcuchten. Wir können dies nicht besser thun, als mit den Worten des berühmt gewordenen Buches von Knigge. „Der Umgang mit Menschen.” Dort heißt es:

„Die Pflichten gegen usn selbst sind die wichtigsten und ersten und also ist der Umgang mit unserer eigenen Person gewiß weder der unnützeste, noch der uninteressanteste. Es ist aber nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter anderen Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigene Gesell<194, 144>schaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eigenes Ich nicht selbst zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft und sich von Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eigenen Hause; wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eigenen Herzen, muß im Gedränge müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert endlich alle Zuversicht zu sich selbst und verzagt, wenn er einmal Zerstreuungen entbehren und eine Zeitlang mit sich selbst allein sein muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört oder sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des Lebens hingiebt.

Hüte dich also, deinen nächsten und ersten Freund, dein eigenes Herz zu vernachlässigen, daß du es öde und leer findest, wenn du aus seiner Tiefe Troft und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es kommen Augenblicke, in denen du dich selbst nicht verlassen darfst, wenn dich auch jedermann verläßt. Augenblicke, in welchen der Umgang mit deinem Ich der einzige tröstliche ist. Was wird aber in solchen Augenblicken aus dir werden, wenn du mit deinem eigenen Herzen nicht in Frieden lebst und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe dir versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufft du Gefahr, wenn du ein Fremdling in deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch noch von einer andern; du bringst es nehmlich nie zu einer gründlichen Menschenkenntniß, lernst nie die Menschen behandeln und ihre Schwachheiten ertragen, wenn du dich selbst nicht kennst und nicht dein eigenes Herz zu behandeln weißt.

<194, 145>

Willst du aber im Umgange mit dir Trost, Glück und Ruhe finden; so mußt du ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit dir umgehen, wie mit Andern, also daß du dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückst noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.

Sorge für die Gesundheit deines Leibes und deiner Seele, aber verzärtle beides nicht. Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal zu erheben und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet und jede Anstrengung und Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches nervenloses Austernleben und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kommt, seiner natürlichen Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften Preis giebt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn gerade die beste Jahreszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und Gedächtnisses immer schlummern läßt, wer vor jedem kleinen Kampfe vor jeder Art von Anstrengung zurückbebt, der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da wo es auf Kraft, Muth und Entschlossenheit ankommt.

Hüte dich vor eingebildeten Leiden der Seele und des Leibes, laß dich nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sei getrost! Alles in der Welt geht vorüber; Alles läßt sich überwinden; durch Standhaftigkeit; Alles läßt sich vergessen und verschmerzen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf <194, 146> einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll dir die Gesellschaft die Hand bieten; sie soll deine schmerzlichen Gefühle lindern, deinen Gedanken eine Richtung geben, welche deinem Herzen wohl thut; aber diesen Dienst kann sie dir nur leisten, wenn du sie aufsuchst; sie sucht dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß du ihrer bedarfst. So mußt du denn vor Allem mit dir selbst umzugehen wissen, ehe dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden kann, die Kraft haben, dich in so weit zu ermannen, daß du den Muth hast, mit einem traurigen und verwundeten Herzen unter die Menschen zu treten, ohne deinen Schmerz sichtbar werden zu fassen.

Ehre dich selbst, wenn du willst, daß Andere dich ehren sollen! Thue nichts im Verborgenen, dessen du dich schämen müßtest, wenn es ein Fremder sähe! Handle weniger Andern zu gefallen, als um deine eigene Achtung nicht zu verscherzen, gut und anstängig! Selbst in deinem Aeußern, in deiner Kleidung halte dir keine Nachlässigkeit zu Gute, wenn du allein bist! Gehe nicht zerlumpt, nicht schmutzig, nicht unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren umher, wenn dich niemand beobachtet: Mißkenne deinen eigenen Werth nicht! Verliere nie die Zuversicht zu dir selbst! laß das Bewußtsein deiner Menschenwürde, das Gefühl, wenn nicht ebenso weise und geschickt als manche Andere zu sein, doch weder an Eifer es zu werden, noch an Redlichkeit des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in deinem Herzen ersterben. Begleitet es dich in Gesellschaft, so wirst du nie aus Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den du zur Unterhaltung liefern sollst.

Verzweifle nicht und werde nicht mißmüthig, wenn du nicht die moralische und intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein Anderer steht, und sei nicht unbillig, andere gute Seiten an dir zu übersehen, <194, 147> die du vielleicht vor jenen voraus haben magst! -- Und wäre das auch nicht der Fall; müssen wir denn alle groß werden?

Willst du im Umgange Genuß des Lebens und Freunde finden, so laß dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben und in der Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst du überall Anstoß und Aergniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen; denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie wird hart und ungerecht gegen ihn und zwingt ihn endlich, sie ganz aufzugeben. Ich begreife es wohl: die Sucht ein großer Mann zu sein, ist bei dem innern Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt und sieht, wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die Alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunterblicken -- ja! es ist hart! -- du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht; du willst in deinem Hause groß sein; aber es fehlt dir an Gelde, an dem Beistande deines Weibes; deine Laune wird von häuslichen Sorgen niedergedrückt; und so geht dann Alles den Alltagsgang. -- du empfindest tief, wie so Alles in dir zu Grunde geht.

Du kannst dich durchaus nicht entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und dich auf der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das Alles fühle ich mit dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den Glauben an dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur; verzweifle darum nicht, Menschen auf deinem Lebenswege zu finden, die dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest du sie nicht finden, könntest <194, 148> du nicht eine Höhe erringen, auf welcher du dir selbst genug bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und eines Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn du durch Reinheit, Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtsein deines Werthes und deiner Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung deines Geistes dir eine unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.

Sei dir selber ein angenehmer Gesellschafter und mache dir keine Langeweile; das heißt, sei nie ganz müßig, sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen: Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel seiner eigenen Lieblings=Begriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt. Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreut, wie sehr sich selbst zur Last, ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden, und wie heiter, wie froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht geweihten Tages.

Es ist aber nicht genug, daß du dir selbst durch Heiterkeit und Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter seiest, du sollst dich auch fern von aller Schmeichelei, als deinen eigenen treuesten und aufrichtigsten Freund zeigen, und wenn du eben so viele Gefälligkeit gegen deine Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so strenge gegen dich, wie gegen Andere zu sein. Gewöhnlich erlaubt man sich Alles, verzeiht sich Alles, und Andern <194, 149> nichts, giebt bei eigenen Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.

Hüte dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu dir selbst, denke nicht bei dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute, kein Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser und dergleichen mehr, sondern beurtheile dich nach den Graden deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung und der Gelegenheit, die du gehabt hast, weiser und besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit dir selber, und frage dich, als ein strenger Richter, ob du also diese Winke zu höherer Vervollkommung genützt hast.

Klassifizierung: 302.3 Soziale Interaktion in GruppenDDC-Icon Klassifizierung: 177 Ethik sozialer Beziehungen DDC-Icon Wir wollen erst einige äußere Verschiedenheiten unter den Menschen ins Auge fassen und untersuchen in wie fern der Umgang mit denselben sich hiernach zu modisiziren hat. Am natürlichsten ist der Unterschied der Temperamente deren wir vier Hauptarten haben. Es giebt sanguinische, cholerisch, melancholische und phlegmatische Leute. Doch selten ist ein Temperament ausschließlich und allein das herrschende im Menschen. Auch wäre dies wahrlich nicht gut. Die blos cholerischen Menschen würden in beständiger Aufregung und Hitze sein, die blos sanguinischen unzuverläßige Weichlinge, blos melancholische sich selber und blos phlegmatische, Anderen zur Last. Die Natur hat für eine heilsame Mischung derselben gesorgt. Wir haben cholerisch=sanguinische, kräftige, heftige zum Herrschen geborne Menschen, entweder die bewunderten Helden der Geschichte oder verabscheute Tyrannen und Bösewichter. Die glücklichste Gattung ist wohl die der sanguinisch=phlegmatischen; denn sie sind ruhig, <194, 150> genießen mit wahrem Genuß, weil sie nichts überjagen, sie halten in der Regel die goldene Mittelstraße bringen es aber deshalb auch zu nichts Großem. Ausarten kann aber freilich auch der Sanguinisch=cholerische in einen geschmacklosen dummen Wollüstling. Cholerisch=melancholische Menschen sind vielleicht für die Gesellschaft die gefährlichsten; denn in ihrem Character liegt Blutdurst, Rachsucht und sogar Mordlust. Sie liefern einen großen Theil unserer Verbrecher, doch ist ihr Wesen größtentheils schon in ihren Zügen ausgeprägt und leicht kann man sich vor ihnen hüten. Der Melancholisch=sanguinische ist für sich selber am gefährlichsten und reibt sich durch die Verdüsterung seiner Seele auf der einen und durch ungemäßigte Sinnlichkeit auf der andern Seite auf. Die Mischung der cholerisch=phlegmatischen Menschen, die die beiden natürlichen Extreme vereinigt, findet man nur selten. Wo aber doch ein solcher vorkommt bei dem wechselt Phlegma und Aufregung wie Ebbe und Fluth. Sie sind daher wenig zu Gesellschaften brauchbar, weil sie unzuverläßig sind und Gleichmuth und gesunde Logik ihnen zu mangeln scheint. Die unerträglichsten von allen sind in der Regel melancholisch=phlegmatische Leute, sie sind sich selbst und andern zur Last.

Außer den genannten Arten giebt es noch eine große Menge anderer Mischungen. Wo aber eine vorherrscht, da finden wir in der Regel auch irgend eine Neigung, Leidenschaft, Tugend oder Schwäche vorherrschend. Sanguiniker sind eitel aber wohlwollend und theilnehmend, rasch in ihren Entschließungen und rasch in der Ausführung. Bei dem Cholericus ist der Ehrgeiz, bei der Melancholicus Mißtrauen oder Geiz, bei dem Phlegmatischen, beharrlicher Eigensinn beim Festhalten vorgefaßter Meinungen auf den ersten Blick zu erkennen. Wer mit allen diesen so verschiedenen Naturen umgehen muß, der prüfe sie <194, 151> genau und suche sie zu durchforschen, denn sein Benehmen gegen jeden einzelnen wird sich nach seiner Wahrnehmung zu richten haben. Jedem wird er anders begegnen und anders jeden gewinnen müssen.

Den Einfluß, welchen ich durch den Umgang auf den Nebenmenschen erlangen will, kann ich nur nach der Art seines Entgegenkommens berechnen. Im Umgange erscheint jeder in doppelter Richtung, einmal als Object, das ich bilden und gestalten will, dann aber auch als Subject, das selbstthätig bildend und gestaltend auf mich zurückwirkt. Nie darf man die eine Seite über der andern vergessen, nie jemanden zu seinem bloßen Werkzeug erniedrigen wollen, nie aber auch sich selbst und die Freiheit des eigenen Wesens dem andern opfern.

Mit herrschsüchtigen Menschen, die in größeren und engeren Kreisen immer die erste Rolle spielen wollen, ohne das Talent und die Bildung dazu zu haben, weil meistens leere Eitelkeit Hand in Hand geht mit der Herrschsucht, läßt sich selten friedlich fertig werden. Sie wollen nichts gelten lassen, was sie nicht selbst angeordnet haben und finden eine Lust daran, dem entgegen zu arbeiten, und das zu vereiteln, was Andere ins Werk gesetzt haben. Es kann jedoch einem tüchtigen Menschen nicht schwer fallen, solchen Leuten das geistige Uebergewicht fühlen zu lassen. Man gewähre ihnen nur so lange Spielraum als ihre Herrschsucht unschuldiger Natur ist, und gönne ihnen ihre Selbsttäuschung; jeden Uebergriff weise man entscheiden zurück und suche sie dadurch zur Erkenntniß ihrer eigenen Nichtigkeit zu rühren. Gelingt dies, so werden sie in der Regel für die Gesellschaft gewonnen, und lernen sich mit der Stellung begnügen, zu welcher sie durch Talent und Bildung berechtigt sind; gelingt es nicht, so wird ihre verletzte <194, 152> Eitelkeit sie zwingen sich zurückzuziehen, in welchem Falle dies kein Verlust für die Gesellschaft ist.

Eine ähnliche Erscheinung bieten die Ehrgeizigen und man wird ihnen in der Gesellschaft auf ähnliche Weise begegnen müssen um mit ihnen leben und sie bessern zu können. Der Herrsüchtige ist immer ehrgeizig, der Ehrgeizige aber nicht immer herrschsüchtig es ist also leichter mit ihm fertig zu werden. Minder bedenklich ist der Umgang mit eitlen Menschen. Man kann sie eher und auf unschuldige Weise zufrieden stellen. Hierbei kommt es darauf an, welche Stellung der Eitele in der Gesellschaft einnimmt, ist er vornehm, so entspricht es der Würde eines Mannes um so weniger seiner Eitelkeit Weihrauch zu streuen ist er aber sonst ein unbedeutender und einflußloser Mensch, so kann man sich wohl eher einen Scherz daraus machen, und seiner Schwachheit Eniges zu Gute halten. Der Eitelkeit des Großen schmeicheln, mag manchmal von Nutzen sein, es gehören aber dazu unterwürfige Naturen. Derjenige welcher sich seines Werthes bewußt ist, wird es zu vermeiden suchen, ihm den Hof zu machen, ohne jedoch klugerweise ihn zu beleidigen. Eine eigenthümliche Erscheinung ist es, daß man unter großen Gelehrten namentlich sogenannten Stubengelehrten sehr oft, eine in gewisse Beziehungen maaßlose Eitelkeit trifft. Ihnen kann man sie nun ihrer andern Vorzüge willen, noch am ersten nachsehen, man kann sie dulden, und ihr aus dem Wege gehen. Dasselbe gilt von der Eitelkeit des weiblichen Geschlecht. Sie äußert sich meistentheils nur in der Form der Putz= und Gefallsucht, und rächt in der Regel selbst, da die Wirkung, welche damit erzielt werden soll, nehmlich überall zu gefallen und Eroberungen zu machen, gerade in das Gegentheil umschlägt, und das Weib zum Gegenstand des Gespöttes oder Mißfallens macht.

<194, 153>

Der Hochmüthige unterscheidet sich vom Stolzen dadurch, daß er sich mit Vorzügen brüstet, die er gar nicht besitzt. Er rechnet sich Verdienste an, die nicht die seinigen sind z. B. seine vornehme Geburt, sein ererbtes Vermögen, seine erschlichenen Würden und Aemter, während der im wahren Sinne des Wortes stolze Mensch sich nach dem Werthe seines Selbstbewußtseins schätzt. Dieser wird zu edlen, jener zu unwürdigen Thaten verleitet. Hochmuth ist immer mit Dummheit gepaart. Stolz mit Verstand. Darnach richtet sich der Umgang mit beiden. Einen hochmüthigen Menschen muß man durchaus ignoriren; wer sich von ihnen imponiren läßt, der ist verloren, der wird ihr Sclave. Gänzliches Nichtachten ihrer Ansprüche heilt sie am besten. Die Empfindlichkeit oder Reizbarkeit kann in einer Krankhaftigkeit des Organismus, vorzüglich des Nervensystems liegen, alsdann muß man sie möglichst schonen; sie kann auch aus einer Reihe verfehlter Bestrebungen, bitterer Täuschungen und Erfahrungen herrühren; dann versuche man durch liebevolles Entgegenkommen, diese reizbaren Menschen aufzurichten, ohne daß sie es merken, man bemitleide sie. Denn auch Mitleid kann jemanden wehe thun. Man stelle sich möglichst unbefangen, heiter, als wisse man nichts, man suchen ihren Glauben an die Menschheit zu heben, ihr Vertrauen aufzurichten und ihnen Hoffnung auf künftiges Glück und Gelingen einzuflößen. Ein Eigensinniger ist schwieriger zu behandeln, ihm nachgeben ist oft ebenso schädlich als Eigensinn gegen Eigensinn zu setzen. Man wird hier oft zum Schein des augenblicklichen Nachgebens seine Zuflucht nehmen müssen um später doch das für recht Erkannte durchzusetzen. Wo Eigensinn und Starrköpfigkeit im Verein mit Dummheit erscheint, da ist der Umgang sehr schwierig. Am besten thut man, solche <194, 154> Menschen laufen zu lassen und mit ihnen in keinen Disput einzugehen. Am Ende verwickeln sie sich doch so sehr, daß sie sich selbst nach Hülfe umsehen. Diese müssen durch eignen Schaden klug werden. Man hüte sich aber gegen solche Menschen Schwachheiten zu zeigen, sie wollen dann immer auch in den verkehrtesten Dingen, Recht gegen uns haben. Stehen solche Leute in einem höheren Grade, so daß ein Anderer Befehle von ihnen annehmen muß, so thut er klug, wenn er ohne Widerrede sich den Anschein giebt, als eile er sie zu befolgen, die Ausführung aber möglichst hinausschiebt bis jener sich eines besseren besonnen hat, oder sie nach eigenen Gutdünken einrichtet, was in der Regel nachher stillschweigend gebilligt wird. Dem Zanksüchtigen gehe man möglichst aus dem Wege oder suche ihn ein Paarmal recht nachdrücklich zurechtzuweisen. Kaltblütigkeit ist dabei die Hauptsache. Nichtbeachtung ihrer Angriffe hilft auch in vielen Fällen und verwandelt die Zanksüchtigen in die besten Gesellschafter, vorausgesetzt, daß man ihnen die Beschämung, die sie dadurch erfahren nicht vor aller Welt fühlen läßt. Ironie ist auch eine gute Waffe, eine noch wirksamere aber, wenn man plötzlich auf ihre hingestellte Behauptung eingeht und sie noch weiter führt als sie selbst. Sie werden dann stutzig und schweigen in der Regel still. Die Wahl des einen oder andern Mittels muß natürlich jedem nach bester Einsicht und Erfahrung überlassen bleiben. Die Jähzornigen lasse man austoben, sie kommen bald wieder zu sich selber, hüte sich aber der Nichtbeachtung den Schein der Verachtung zu geben.

Ueber mißtrauische, argwöhnische, mürrische und verschlossene Menschen äußert sich Knigge in seinem Buche folgendermaßen: diese Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen, diejenigen, in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten <194, 155> von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schändlichem Verdachte zu geben, wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht, wenn sie keinen frohen Genuß mit uns theilen, wenn sie die Wonne der seltenen heitern Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht durch Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsere Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben, dann gehört wahrlich ein hoher Grad von Rechtschaffenheit dazu, um nicht darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hierbei ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes immer gleich redliches Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn, und um ihr mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmert, sondern muthig den Weg geht, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern, sie leben sich und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen worden. -- Das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die, welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit ih<194, 156>nen umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern, nur so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen und ein ängstlichscheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt giebt. Bei Personen von höherem Alter hingegen, wird in der Regel jeder Versuch ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen und dies Uebel so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihnen Geduld und Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.

Am meisten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis zum Menschenhasse gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels „Menschenhaß und Reue,” läßt in demselben den Major sagen: „ich hätte vergessen Vorschriften, für den Umgang mit dieser Art von Menschen zu geben.” Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regel vorzuschlagen, da es nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen des Uebels bekannt zu sein.

In der Regel wird sichtbare aber von aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme: kräftige Zurückweisung ungerechter Menschenverachtung, durch Hinweisung auf Menschengröße und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte Gelegenheit Menschen aus größerem Elende zu retten, und ihren Dank zu erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser ganz ohne Familien=Verbindung in der Einsamkeit oder Zurückgezogenheit, so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück in eine große Gefahr zu gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu hoffen.”

Wie man neidischen, schadenfrohen, miß<194, 157>günstigen und eifersüchtigen Menschen begegnen muß, das liegt eigentlich offen auf der Hand. Entweder man geht ihnen mit der vollen Wahrheit und Offenheit geradezu entgegen und zeigt ihnen durch Beschämung das Unvernünftige ihrer Handlungsweise, oder man ignorirt sie. Einen Geizigen zu bessern ist nur schwer möglich, mit ihm fertig zu werden aber leicht, wenn er nur nicht zugleich von andern Leidenschaften beherrscht wird. Der Geizige büßt täglich selbst seine entsetzliche Strafe, man bemitleide ihn also, fordere nie etwas von ihm und lasse ihn gewähren. Wo man aber ein Recht zu fordern hat, verfahre man mit unnachsichtiger Strenge.

Den Verschwender meide man und hüte sich ihm Gelegenheit zu thörigten Ausgaben zu bieten, er findet ihrer doch genug und in der Regel auch nur zu früh Zeit zur Reue. Wo man mit ihm zusammenkommt, setze man ihm das entgegengesetzte Beispiel weiser Mäßigung entgegen.

Dem Undankbaren lasse man nie merken, daß sein Undank wehe thut, man sammle feurige Kohlen auf sein Haupt und vergelte Böses mit Guten. So allein wird er zum Bewußtsein seiner Schuld kommen und uns entweder meiden oder seinen Fehler bereuen. Das ist menschlich und christlich.

Ränkeschmieden muß man mit Klugheit und Vorsicht begegnen, möglichst offen und wahr sein; denn die Wahrheit ist die beste Waffe gegen solche Feinde. Unwahrheit aber schlägt ihren eignen Herrn. Einen Ränkeschmieder kann man leicht außer Fassung bringen, wenn man Entschlossenheit gegen List und Geradheit gegen Winkelzüge setzt, so daß sie fühlen, man halte sie für unfähig zu schaden. Wer sie meiden will, geräth zuerst in ihre Schlingen. Wenn man merkt, daß sie Böses im Sinne haben, so lege man ihnen solche Fragen vor, worauf sie nothwendig <194, 158> eine bestimmte unumwundene Antwort geben oder sich verrathen müssen. Man sehe ihnen dabei fest und kräftig ins Gesicht, mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und man wird sie zwingen, sich selbst zu verachten oder über sich selbst zu erschrecken, man wird ihnen wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und Besorgniß einflößen und sie nöthigen ihren Plan aufzugeben. Suchen sie auszuweichen, so breche man entweder ab, um ihnen zu verstehen zu geben, daß man ihnen die Schande eines Betrugs ersparen wolle, dann aber nehme man ein kaltes zurückweisendes Benehmen gegen sie an, oder warne sie mit freundlichen aber ernsthaften Wesen, ihrer nicht unwürdig zu handeln. Haben sie aber doch mit ihren Ränken den Betrug ausgeführt, so nehme man die Sache nicht zu leicht und verschwende keine Schonung an die Unwürdigen, sondern lasse sie das ganze Gewicht des Unwillens und der Verachtung fühlen, man verzeihe nicht so leicht, oder doch stelle man sich so, als sei man unerbittlich. Dann aber suche man sie zu meiden und wo sie sich hinzudrängen, scheuche man sie mit Entschlossenheit fort. Ein Ränkemacher hat keinen Muth gerade aus Widerstaud zu leisten.

Aehnlich wie den Ränkemachern muß man den wirklichen Schurken begegnen, wenn man ihnen nicht ausweichen kann. Denn es herrscht ein ewiges Bündniß zwischen Schurken und Schleichern gegen alle verständigen edlen Menschen, auch sie sind auf eine unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten sie auch durch äußere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt sein, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zurückhaltung, da hilft <194, 159> nicht Unschuld, nicht Geradheit, da hilft nicht Schonung noch Mäßigung; da hilft es nicht seine guten Eigenschaften verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht das Gute, das in dir ist, als der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und arbeitet dagegen mit Händen und Füßen. Jene große Verbindung wird dich ohn Unterlaß necken, deinen Ruf antasten, bald zweideutig, bald übel von dir reden, die unschuldigsten deiner Worte und Thaten auslegen. Aber laß dich daß nicht anfechten, würdest du auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die Rechtschaffenheit und Consequenz deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten können, hole aber Licht herbei, und sie werden auseinander rennen, und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie sich untereinander bei den Ohren zausen, und dich indeß mit deinem Eigenthum ruhig davon wandern lassen. Geh' deinen geraden Gang ruhig fort! Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege um Schleichwegen zu begegnen; nie Ränke um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichtern handle großmüthig. Unedle Behandlung und zu weit getriebenes Mißtrauen können dem, welcher auf halben Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf einige Zeit wenigstens bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. Aber er müsse fühlen, daß du nur aus Huld, nicht aus <194, 160> Furcht also handelst. Er müsse fühlen, daß wenn es auf das Aeußerste kömmt, wenn der Grimm eines unerschrockenen redlichen Mannes losbricht, der kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz Tugend, Klugheit und Muth stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke steht. Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem Augenblicke der äußersten verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan, ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von welchem er immer bedroht wird.

Es ist unmöglich sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann und es wird nicht schaden, wenn uns diese wenigstens fürchten. Es giebt Leute die uns zu Vertraulichkeiten zu gewissen Eröffnungen zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben, womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Huth zu sein. Man erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich uns nähern und unser Vertrauen zu erschleichen suchen. -- Ermuntre und ehre äußerlich Menschen, an denen du irgend eine Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es giebt Leute, die viel Gutes sagen, im Handeln aber heimliche Schalke sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft: entlarve diese nicht, insofern es nicht der Folgen wegen sein muß. Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute Zwecke zu befördern allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen, um sich nicht zu verrathen und durch <194, 161> ihr Beispiel nicht die Wirkung ihrer Lehren zu vernichten. Bei Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene Bescheidenheit und Schüchternheit sich selbst um die ihnen eigentlich gebührende Achtung bringen, stiftet man ein gutes Werk, wenn man ihnen Zuversicht zu sich selbst einflößt und ihnen Gelegenheit giebt, sich geltend zu machen. Zu weit getriebene Schüchternheit ist ein ebenso großer Fehler als allzugroße Unbescheidenheit und Dünkel, und nur hierauf bezieht sich der viel angefochtene Göthesche Spruch: Nur die Lumpe sind bescheiden. Jeder soll seines Werthes sich bewußt sein, denn er würde dann in den Fehler verfallen, gegen sich selbst ungerecht zu sein. Unvorsichtigen, plauderhaften Leuten darf man natürlich kein Geheimniß verrathen, die Vorwitzigen und Neugierigen, suche man durch Scherz oder Ernst zu kuriren und den sogenannten wunderlichen, launenhaften Menschen, denen man nichts recht machen kann, zeige man sich in gleichgültigen Dingen gefällig, oder man kümmere sich nicht viel um sie.

Einfältige Menschen, die ihre Schwäche fühlen und sich willig leiten lassen, dabei gutmüthig und sanft sind, unterstütze man auf jede Weise, sie sind als Unmündige zu betrachten, man schütze sie möglichst von den sogenannten guten Freunden, denen sie in die Hände fallen und von denen sie gemißbraucht werden könnten, zumal dann, wenn sie Vermögen haben.

Am leichtesten geht es sich mit den muntern, aufgeweckten Leuten von gutem Humor um. Doch muß dieser Humor ein echter, kein forcirter sein. Herz und Geist müssen die Quellen desselben sein, nicht bloß das leere und nichtige Geschick Witze zu machen. Ausschweifende Menschen fliehe man, so viel, als möglich und wenn ihre Gesellschaft unausweichlich ist, <194, 162> wappne man sich mit dem festesten Willen gegen ihre Ansteckung. Excentrische Leute kann man am besten heilen und von der Ueberspannung ihrer Ansichten heilen, wenn man Anfangs scheinbar auf ihre Ideen und in ihren Ton eingeht um zunächst Einfluß auf sie zu erhalten und dann der gesunden Vernunft Eingang bei ihnen zu verschaffen sucht. Andächtler, Frömmler und Heuchler muß man größtentheils ihrem Geschick überlassen. Die ersteren sind aus Verstandesschwäche zu bedauern, die letzteren zu verachten; denn sie wissen, daß ihr Wesen Lüge ist, behalten es aber größtentheils um eines äußeren Vortheils willen mit großer Consequenz bei. Man lasse sie einsam ihre Wege ziehen. Spott hilft bei ihnen ebensowenig als vernunftgemäße Ueberzeugung. Die Frömmler aus Mangel an Verstandesbildung sind fast immer ungefährliche Menschen, mit denen sich im gewöhnlichen Verkehr wohl fertig werden läßt. Man spare die Mühe, sie von ihrem Irrthum zu überzeugen; denn sie fühlen sich darin beruhigt und glücklich; warum ihnen ihre Illusionen rauben? Es könnte der Fall eintreten, daß sie dann gar keinen sittlichen Halt fänden und rettungslos verloren gingen, weil sie keine Basis zu einer andern vernunftgemäßen Anschauung finden. Auch sind sie in der Regel nur Werkzeuge in fremden Händen, Creaturen ausgemachter Heuchler und Gotteslästerer; denn eine solche Verführung zur Frömmelei und Pietisterei gegen die eigene bessere Ueberzeugung ist ebenso schlimm, ja noch schlimmer als dreiste Gotteslästerung.

Mögen die Menschen, mit welchen uns die Gesellschaft zusammen führt, nun eine Gemüthsart haben, welche sie wollen, da wo man sich ihnen nicht entziehen kann, muß man sich wenigstens immer als ein Mann von Welt zeigen. Das Bild eines solchen entwirft Wilmsen in folgender Weise:

<194, 163>

Eine angenehme Persönlichkeit verlangt die Welt vor allem von dem, welchem sie ihre Gunst schenken soll. Darum scheint es, als ob alle diejenigen auf diese Gunst Verzicht leisten müßten, welche die Natur nicht mit einer hübschen Gesichtsbildung, sprechenden Augen, schlanken Gestalt, wohlklingenden Stimme, und einem angenehmen Mienenspiel ausgestattet, oder doch nur einzeln diese Gaben verliehen hat. Diese Sache steht um so schlimmer, da die Männer hier vor den Richterstuhl der Damen treten müssen, und diese bekanntlich unbarmherzig richten, wenn man nicht das Glück hat, einen angenehmen sinnlichen Eindruck auf sie zu machen. Ja es scheint sogar, als ob die freigebigsten Geschenke der Natur in dieser Hinsicht nicht hinreichen, den Männern ein günstiges Schicksal in der großen Welt zu bereiten, da jene Vorzüge der Person so leicht durch Vernachlässigung verloren gehen können, und üble Angewohnheiten selbst die angenehmste natürliche Persönlichkeit oft so sehr entstellen, daß sie nur sehr geringe Wirkung thut, und fast übersehen wird.

Diese üblen Angewohnheiten sind das Grimassiren, eine krumme Haltung des Körpers, ein finsterer Blick, statt des ernsthaften, eine gellende oder leise lispelnde Sprache, das Stehen mit verschränkten Armen und Beinen, eine gewisse Bequemlichkeit in der Art zu stehen und zu sitzen, welche das Gegentheil von Selbstständigkeit, das Wort im buchstäblichen Sinne genommen, und zwar bei einer gewissen Klasse von Männern hergebracht, aber nichts weniger als lieblich und empfehlend ist. Haben diejenigen wohl ein Recht, sich zu beklagen, die in der feinen Welt darum nicht wohl gelitten sind, weil sie den Eigensinn haben, diesen bösen Gewohnheiten nicht entsagen zu wollen, und es wohl gar vertheidigen, wenn sie dadurch vorsätzlich Anstoß und Aergerniß geben, in der <194, 164> Meinung, daß es sich für Männer nicht schicke, in dergleichen Dingen sich nach dem herrschenden Ton zu bequemen, und ein feines Betragen anzunehmen. Daß dieses „sich bequemeu” anfangs ein wenig drückend ist, weil es einen Zwang auflegt; daß es behaglicher sein mag, sich hierin seinen Launen zu überlassen; daß dies erzwungene Wesen anfangs auch wohl ein wenig Steifigkeit zur Folge hat, und den Schein der Affectation giebt, darf nicht zu sehr beachtet werden; die Lehrlinge nehmen sich freilich neben den Meistern nicht sonderlich aus, aber wenn man ihren guten Willen sieht, so wird kein Billiger sie darum verachten, weil sie Lehrlinge sind.

Wie gelange ich aber zu dieser Art von Selbstkenntniß? Wie werde ich inne, was an meinem äußern Menschen zu verbessern, abzuglätten, zu verfeinern und zu veredeln ist? Soll ich mich selbst vor dem Spiegel beobachten? Ich zweifle, daß ich mich vor diesem ganz so zeigen werde, wie ich bin, und manche Flecken sind gar nicht an dem Bilde zu entdecken, welches er mir zeigt. Soll ich mich in Demuth bei meinen Freunden erkundigen, was sie an meinem äußern Menschen auszusetzen finden? Wer weiß, ob sie offenherzig, oder auch, ob sie scharfsichtig genug sind. Diese Zweifel müssen als völlig gegründet erkannt werden, und so ist denn der Mensch auf seine Selbstbeobachtung und Selbstbelauschung, vor den Spiegel seines Bewußtseins, verwiesen, und auf die Vorbilder eines feinen und anständigen Betragens, und einer angenehmen Persönlichkeit, welche die Welt ihm vor die Augen bringt.

Das Bewußtsein ist aber hierbei die Hauptsache. Wie ich in Ansehung des Richtigsprechens mir bewußt sein muß, daß ich die Regel befolge, und die stete Befolgung endlich in mir zum Gefühl wird, gleichsam zur Natur, so daß ich nicht mehr fehlen kann, so ist' s <194, 165> auch mit einer richtigen und gefälligen Haltung des Körpers, mit guten äußerlichen Manieren, mit dem ganzen äußern Betragen. Das Rechte erkennen, ist nicht schwer, aber es befolgen, und unausgesetzt befolgen, das ist der schwierige Punkt.

Ich soll eine anständige und gefällige Haltung des Körpers annehmen. In Reih und Glied stehend, vor dem gestrengen Exerciermeister, der keine Umstände macht, der die Schultern mit einem kräftigen Handgriffe zurechtrückt, der jede Bewegung auf' s Genaueste vorschreibt, würde ich es wahrscheinlich am besten lernen; aber am Ende ist diese mustermäßiggerade Haltung, wobei der Körper ein wenig auf Drath gezogen ist, auch nicht die rechte, und möchte sich im Gesellschaftszimmer nicht sonderlich gut ausnehmen, obgleich dort auch eine Art von Parade statt findet, die mit der militärischen allerlei Aehnlichkeit hat. Am Ende bleibt es bei dem alten Satz: wer kann es aller Welt recht machen, und die Natur läßt sich nicht zwingen.

Aber ich frage dich, ob es dir gefällt, wenn ein Mensch, von dem du mit vollem Rechte fordern kannst, daß er dich mit Achtung behandle, in der nachlässigsten Stellung, mit übereinander geschlagenen Armen, als ob er dich zur Rede setzen, oder sich recht trotzig dir gegenüber stellen wollte, vor dich hintritt, und dir wohl gar dabei ein finsteres Gesicht macht? Ob es dich nicht reizt, wenn Untergeordnete in deiner Gegenwart Stellungen annehmen, die sich höchstens der, welcher zu gebieten hat, erlauben darf? Ob es einen angenehmen Eindruck auf dich macht, wenn ein Mann, der seiner Kenntnisse und Einsichten, oder wegen seines Talents ausgezeichnet wird, in einem vernachlässigten Anzuge, und in einer Haltung, die gleichsam allen guten Sitten Hohn spricht, und in welcher auch nicht die leiseste Spur von Achtung und Werthschäz<194, 166>zung seiner Umgebungen zu finden ist, in eine achtungswürdige, oder wenigstens durch Rang und Stand bedeutende Gesellschaft tritt?

Wir wollen so billig sein, das zu leisten, was wir von Andern fordern, wollen anerkennen, daß die Bildung des Geistes auch in dem äußern Menschen sichtbar werden müsse. Sind wir doch nun einmal, als Sinnenwesen, von sinnlichen Eindrücken abhängig, und versuchen es vergebens, uns diese Abhängigkeit abzuleugnen, oder sie ganz abzuwerfen. Nie sollten wir vergessen, wie manchen Lebensgenuß, und wie viel angenehme Empfindungen wir diesen sinnlichen Eindrücken verdanken, und daß das Bestreben, durch unsere Persönlichkeit auf die Gesellschaft angenehm einzuwirken, und die Aufmerksamkeit, die wir deswegen unserm äußern Menschen widmen, den wohlthätigsten Einfluß auf unsere geistige Ausbildung habe. Jede Art der Selbstbeobachtung, des Wachens über sich selbst, der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung, belohnt sich durch die schönere Entfaltung unserer sittlichen Kräfte, und so wird Alles, was wir für unsern äußern Menschen thun, zugleich ein Gewinn für den innern, ein Zuwachs geistiger Kräfte, geistiger Selbstständigkeit und Freiheit. Der äußere Mensch soll das Gepräge der innern Bildung, der geistigen Harmonie, des Sittenadels an sich tragen, und daran soll die Gesellschaft erkennen, was für einen Werth er habe, und welche Ansprüche auf Achtung und Theilnahme. Darum soll Niemand das Urtheil der Gesellschaft durch Vernachlässigung des Aeußern irre führen, so wie Keiner es bestechen soll, durch ein heuchlerisches Wesen und durch die Künste der Verstellung.

Ist auch dieses Bild, welches uns Wilmsen von einem Manne von Welt entwirft, nicht ein in allen Theilen fein ausgeführtes, so wird man dieses auch von einem pädagogischen Schriftsteller, wie er ist, nicht for<194, 167>dern können. Eine lebensgetreue Schilderung wäre immer Sache eines Dichters, und auch er würde uns immer nur eine bestimmte Individualität geben können, die um so lebenswahrer sein wird, je mehr charakteristische Züge sie hat. Ein Mann von Welt ist eine Proteusnatur, die unter verschieden gegebenen Verhältnissen immer in einer andern Gestalt erscheinen muß. Der Grundtypus seines Wesens ist in jeder besondern Persönlichkeit in anderer Form ausgedrückt, wie man etwa eine Melodie in unendlich vielen Variationen zu Gehör bringen kann. Leute von Welt finden wir z. B. in den Romanen von Bulwer, in Schriften der Gräfin Ida Hahn=Hahn und in dem zwar genialen aber gefährlichen Buche des Barons von Vaerst (die Cavalier=Perspective) in mehr oder weniger glänzenden und lebensfrischen Farben gezeichnet. Ein Mann von Welt ist der Carlos in der Göthe' schen Tragödie „Clavigo,” der Lord Bolingbroke in dem Scribe' schen Lustspiel „das Glas Wasser,” und wie verschieden sind doch diese einzelne Persönlichkeiten! Im Grunde genommen kommt es hier nur auf die Erscheinung und das Benehmen an, der sittliche Gehalt aber tritt gewissermaßen in den Hintergrund zurück, so daß der Mann von Welt eben so gut der gefährlichste Bösewicht wie der gefeiertste Tugendheld sein kann. Nur selten, und nur einem geübten Menschenkenner ist es vergönnt, einen Blick in das Geheimniß seines Innern zu thun. Die äußere Glätte seines Wesens und Thuns ist einem Spiegel vergleichbar, der alle Strahlen zurückwirft, und keinen in das Innere durchdringen läßt. Ausbrüche von Leidenschaften werden bei ihm zu den größten Seltenheiten gehören und Liebe oder Haß fast nie den wahren und ungeschminkten Ausdruck des freien Affects erhalten, so daß man sich auch hierbei immer hüten muß, den Schein für Wahrheit zu nehmen. Es soll damit <194, 168> nicht gesagt sein, daß Wahrheit und Offenheit des Charakters mit den Manieren eines feinen Weltmannes unerträglich wären; wer beides in sich vereinigt, giebt uns aber ein Bild höchster männlicher Vollkommenheit. Ein Beispiel solcher seltenen Menschen ist unter den Lebenden Alexander von Humboldt, bei welchem noch der Schmuck der gründlichsten Wissenschaftlichkeit den Reichthum der übrigen Vorzüge erhöht. Es ist nicht immer nöthig, daß man in hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft diese Bildung des Weltmannes erhalte, sondern es liegt in jedem Menschen ein gewisser Instinkt, eine natürliche Anlage, welche ihn befähigt, diese Stufe geselliger Vollkommenheit zu erreichen, vorausgesetzt, daß Erziehung, Umgang und Beispiel der Ausbildung dieser natürlichen Begabung nicht entgegen gearbeitet haben.

Klassifizierung: 395 Etikette (Manieren)DDC-Icon Wie erkennt man an Aeußerlichkeiten einen Mann von Welt? Wenn er in eine Gesellschaft tritt, so ist sein Schritt weder plump, noch schleichend, aber doch fest und zwanglos, seine Bewegungen sind ruhig, nicht in wilder Hast schreitet er auf den zu, der ihn erwartet, er geht nicht, den Nachdenkenden oder Blasirten spielend, mit heftigen Schritten auf und ab, wenn sich gerade kein Gespräch für ihn findet. Er blickt nicht mit stolz übergeworfenem Haupte gebieterisch im Zimmer umher, spielt auch nicht ein lebendes unbewegliches Bild, sondern zeigt durch Bewegung, daß er Theil nehme an dem, was um ihn vorgeht. Ein behagliches Hinlehnen an irgend einen Gegenstand wird er eben so sehr vermeiden, als alle überflüssigen Gestikulationen beim Gespräch oder unnütze Spielereien mit den Händen. Es versteht sich von selbst, daß er des Tanzens nicht unkundig sein darf, so lange er noch in den Jahren ist, wo man auf ihn bei einem Balle rechnen darf und daß er auch gewisse Modespiele der Gesellschaft wenigstens kennt, um bei einer Parthie <194, 169> den fehlenden dritten oder vierten Mann zu machen. Verursacht ihm dies und jenes Langeweile, so wird er es nie zeigen, er wird vielmehr irgend einen Gegenstand in' s Gespräch bringen, an welchem sich das Interesse belebt. Es ist seine Schuld, wenn die Gäste sich stumm ansehen, denn man verlangt von ihm, daß er um passende Themata nie in Verlegenheit sei. Diese äußere Geschliffenheit muß natürlich in der innern harmonischen Ausbildung der geistigen Kräfte ihren festen Grund finden, sonst hilft die ausgesuchteste Toilette, die gewandteste Art sich zu benehmen auf die Länge der Zeit doch wenig. Ein solcher hohler Mensch kann höchstens den Damen von gewöhnlicher Bildung ein Paar Wochen gefallen. Aber auch Bildung des Geistes nicht allein, sondern auch Bildung des Herzens gehört zu den Requisiten eines Mannes von Welt. Die Miene ist in der Regel die Verrätherin des Herzens, nicht weniger der Klang der Stimme. Ein offenes klares Auge, eine freie herzliche Sprache können nur selten einem Menschen angehören, dessen Herz verfinstert, dessen Gemüth menschenfeindlich gesinnt ist. Ein solcher wird sich durch Blick und Ton doch einmal verrathen, auch wenn es ihm gelungen ist, sehr lange sich zu bewachen. Ist aber der Schleier einmal gefallen, so wird es ihm schwer werden, die erste Rolle wieder mit voller Wahrheit und Glaubwürdigkeit zu spielen, und um das Vertrauen, das Menschen dieser Gattung ganz vorzüglich brauchen, um sich zu halten, ist es vielleicht für immer geschehen.

Ein Mann von Welt wird alle seine Sinne in der Gewalt haben. Er wird seine Augen und Ohren verständig gebrauchen, nur sehen, was er sehen, und hören, was er hören will. Ein spähender, unruhiger, stechender oder lüsterner Blick wäre Verstoß gegen die Schicklichkeit. Zur Beherrschung seiner Sinne gehört <194, 170> aber vor Allem Selbstbeherrschung, denn sie sind Verräther des Herzens mit seinen Leidenschaften; man sei daher beständig auf der Wacht vor sich selbst. Nil admirare! lehrt Horaz, der seine Kenner des guten Tons, das heißt: laß dich nicht aus der Fassung bringen, selbst da nicht, wo du vor Unmuth und Ungeduld außer dir kommen möchtest, in keinem Falle aber überhaupt da, wo du kein Recht hast, heftig aufzutreten. Auf die Bildung der Stimme und die angemessene Redeweise wird ein Mann von Welt besonders sein Augenmerk richten. Eine klangvolle, zum Herzen redende Sprache ist ein großer Vorzug des feingebildeten Gesellschafters. Alle Affectation ist lächerlich, alles Vorlaute störend, alles Flüstern widrig und anstößig. Triviale Redensarten gebrauchen heißt darthun, daß man keinen Geist besitzt; die gebräuchlichsten Redeformeln der Höflichkeit gebrauche man so, daß sie nicht wie Ironie und Lüge klingen, obschon sie es in der That nur zu oft sind. Man suche hier eine vernünftige Grenze zu ziehen, um nicht vor sich selbee erröthen zu müssen.

Da in der Gesellschaft das Ansehen der Person gilt, so soll Niemand, der an ihren Gütern und Freuden Theil nimmt, persönliche Vorzüge gering achten, aber auch Keiner von jenen Glücklichen, welche Mutter Natur reichlich ausgestattet hat, darauf trotzen und meinen, daß es damit allein gethan sei und pharisäerisch herabsehen auf die, welche die Natur in diesem Punkte stiefmütterlich behandelt hat, in dem übermüthigen Gefühl: ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute; wohl aber in der dankbaren Anerkennung einer solchen Wohlthat und in der edelmüthigen Theilnahme, welche Ungestaltete und Gebrechliche fordern, diesen auch selbst in dem schlimmen Falle, daß sie selbst diese Theilnahme durch Anmaßung und Bitterkeit verscherzen. Nichts kann eines <194, 171> gebildeten Menschen unwürdiger sein, als spöttische und höhnische Kränkung solcher Unglücklichen. Wie könnte doch in irgend einem Falle der Körper den Maßstab geben für die Schätzung eines Menschen, oder die Beschaffenheit des Körpers einen Grund, ihn mit Achtung oder Verachtung zu behandeln. Männer sollten sich vorzüglich dadurch über das schwächere Geschlecht erheben, daß sie sich unabhängig machen von dem sinnlichen Eindrucke, so daß er niemals Einfluß hätte auf ihr Urtheil über Menschenwerth, auf ihr Betragen gegen die Mitglieder der Gesellschaft, und auf ihre theilnehmenden Gefühle.

Hier mögen noch einige Bemerkungen für diejenigen stehen, welche in demuthsvoller Bescheidenheit zur Erkenntniß gekommen sind, daß ihnen von der Mutter Natur keine angenehme Persönlichkeit zur Theil geworden sei, und die daher Alles aufbieten möchten, um diesen Mangel zu bedecken und zu ersetzen. Zuvörderst möchte es nicht unrecht sein anzunehmen, daß, mit seltenen Ausnahmen, Alle in dem Falle sind, Eines oder das Andere, was zu einer solchen Persönlichkeit gehört, entweder von Natur oder durch Selbstverschulden zu entbehren; dem Einen das angenehme Organ der Stimme, dem Andern ein angenehmes Mienenspiel, ein heiterer Blick, ein hübsches Auge, dem Dritten eine gute ebenmäßige Figur und eine leichte gefällige Haltung des Körpers, dem Vierten ein hübscher Mund und eine Doppelreihe gesunder Zähne, dem Fünften eine reine, weiße und gesunde Haut etc. Was ist nun hierbei vernünftiger Weise zu thun? Der Mann soll es nicht als ein großes Unglück ansehen, daß seinem äußern Menschen Manches fehlt, was in der Gesellschaft gilt, und mehr gilt, als wesentliche Vorzüge, und daß er daher kein Günstling der feinen Welt, besonders der weiblichen, werden kann, obgleich wunderlicher Weise selbst die Damen <194, 172> sich zuweilen mit der Häßlichkeit befreunden und aussöhnen, daß sie bei der Wahl zwischen einem hübschen und einem häßlichen Manne, diesem den Vorzug geben. Der Mann soll nicht gleichgültig gegen äußere Annehmlichkeit und Gewandtheit sein, nicht vergessen, daß bei der Welt, wie sie einmal ist, die Kleider Leute machen, und daß es natürlich ist, bei Unbekannten von dem Aeußeren auf das Innere zu schließen und nicht der herrschenden Mode allen Gehorsam aufkündigen. Der Mann soll es aber unter seiner Würde halten, durch Außendinge Aufmerksamkeit zu erregen, sich auszuzeichnen und zu glänzen, Eitelkeit und Affectation zu zeigen, den Stutzer zu machen, und statt einer würdevollen Haltung Geziertheit zu zeigen. Er soll sich einen solchen Grad von Unbefangenheit anzueignen suchen, daß jede Art von Schüchternheit und Verlegenheit ihm fremd sei, und sich schon in der Leichtigkeit und in dem Anstande seiner Bewegungen die Bildung verrathe, welche er sich erworben hat, so wie in seiner bescheidenen Theilnahme an dem Gespräch die Achtung, welche Jeder der Gesellschaft schuldig ist, aber auch in seiner gehaltenen Freimüthigkeit, durch welche er die Reinheit seiner Gesinnungen offenbart und für sich selbst die Achtung der Gesellschaft in Anspruch nimmt.

Die beste Anweisung giebt freilich am Ende ein gewisser feiner Takt, eine Art von leisem, zarten und lebendigen Gefühl für das Schöne und Anständige, und die verständige Nachahmung der Musterbilder, die uns in der Gesellschaft erscheinen. Aber ein solcher Takt und ein solches Gefühl entspringen vor Allem aus der ganzen harmonischen Bildung aller Seelenkräfte und aus dem unbestochenen Bewußtsein des eigenen sittlichen Werthes, verbunden mit herzlichem Wohlwollen und reiner Güte.

Im Allgemeinen läßt sich über das Betragen des <194, 173> Weltmannes in der Gesellschaft und überhaupt über das gesellige Zusammensein in den höhern Ständen eine Reihe von Bemerkungen und Warnungen aufstellen, welche Vorsicht und Besonnenheit zur ersten Regel beim Umgange mit ihnen machen. Wilmsen faßt diese in folgende Bemerkungen zusammen:

Die erste ist die, daß die Menschen, namentlich aus den höheren Ständen, niemals so gut sind, wie sie in der Gesellschaft erscheinen, daß man also bei der Beurtheilung immer gehörig abziehen, und nicht Alles, was glänzt, für Geld halten müsse, also z. B. den nicht für wohlwollend und theilnehmend halten dürfe, der die Sprache des Wohlwollens und der Theilnahme geläufig zu reden weiß, oder den für liberal und anspruchslos, der im Tone der Liberalität und Anspruchslosigkeit sich vernehmen läßt, oder den für dienstfertig und gefällig, der in den verbindlichsten Ausdrücken und mit der höchsten Freundlichkeit seine Dienste anbietet; oder den für arglos und des Vertrauens würdig, der mit vertraulicher Rede dem Fragenden entgegen kommt, und allerlei scheinbar theilnehmende Fragen an ihn richtet, sich seiner besonders annimmt und ihn zu unterhalten sucht. Diejenigen sind vielmehr verdächtig, die am meisten entgegenkommen, am unbefangendsten sich darstellen, am wohlwollendsten sich dir nähern.

Die zweite: daß sehr häufig Menschen, die durch ihr äußeres Wesen, durch Finsterkeit, Kälte, Einsylbigkeit und Trockenheit zurückschrecken, am meisten Vertrauen verdienen, weil sie echt sind, von Abgeschliffenheit und Verstellungskunst weit entfernt.

Die dritte: daß der Mensch in manchen Gemüthszuständen ganz anders erscheint, als er wirklich ist, und daß es daher bedenklich ist, bei sich selbst ein Urtheil über Menschen zu fällen, die man nur in ei<194, 174>nem einzigen Lebensverhältnisse gesehen und beobachtet hat.

Die vierte: die mit sichtbarer Neugierde den Fremden mit Fragen Bestürmenden, sind in der Regel Menschen, welche kein Vertrauen verdienen, und Zurückhaltung nöthig machen.

Die fünfte: Es ist eine Regel der Klugheit und Vorsicht, bei dem Eintritt in eine zahlreiche Gesellschaft von Personen, deren Namen und Stand man höchstens kennt, aber nichts weiter, erst das Terrain zu recognosciren, und daher anfangs mehr zu hören, als zu reden, mehr zu beobachten, als mitzusprechen, um vor Allem den herrschenden Gesellschaftston und die Stimmung der Gesellschaft kennen zu lernen. Daher ist es ein großer Verstoß gegen die Klugheit, gleich ein Gespräch anzuknüpfen, mit seinen Urtheilen über Begebenheiten, Ereignisse und Personen rasch hervorzutreten, oder mit einem kräftigen Widerspruche gleichsam drein zu schlagen, unbekümmert, wen es treffe. Auf den Wirth und die Wirthin sei des eintretenden Fremden Aufmerksamkeit vorzüglich gerichtet, auf den Ton, den sie angeben, die Gegenstände, welche sie zur Sprache bringen, das Verhältniß, in welches sie sich zu ihrer Gesellschaft setzen, die Personen, welche sie auszeichnen.

Die sechste: Der Fremde hüte sich, durch ein peinliches Gefühl der Verlegenheit in seinen Beobachtungen sich stören zu lassen, oder dadurch gedrängt und beunruhigt, sich ohne Veranlassung solchen Personen zu nähern, welche in einer Unterredung begriffen sind, denn es giebt Menschen -- und sie kommen nur zu häufig vor -- welche eine Freude daran haben, Fremde in Verlegenheit zu setzen, ihnen zu imponiren, sie gleichsam zu demüthigen, besonders wenn sie Ansprüche zu machen scheinen, und sie recht geflis<194, 175>sentlich zu isoliren. Diese muß man nicht reizen. Im Ganzen aber ist es Regel, sobald als möglich ein Gespräch anzuknüpfen, denn der, welcher verlegen dasteht, oder auch aus seinem Winkel, in den er sich zurückgezogen hat, mit vornehmer Miene die Gesellschaft betrachtet, als ließe er sie die Revüe passiren, hat keine gute Aufnahme zu erwarten.

Noch eine Bemerkung verdient hier beachtet zu werden, nehmlich die, daß die meisten Menschen weder so gut, noch so böse sind, wie ihre Worte und Redensarten. Wie sich Mancher, obgleich er im Herzen Egoist, doch eine gewisse Milde und einen Anstrich von Wohlwollen zu eigen gemacht hat, so auch Mancher, der wörtlich wohlwollend und theilnehmend ist, eine gewisse äußere Rauhheit und Kälte, welche abstoßend wirkt, und nur in seinen Worten, nicht in seiner Gesinnung liegt. Diese Bemerkung ist für die richtige Beurtheilung der Menschen von großer Wichtigkeit und giebt oft erfreuliche und beruhigende Aufschlüsse.

Bei solchen Besuchen, welche man Anstandsbesuche nennt, und die eigentlich keinen andern Zweck haben, als sich vorzustellen, kann man nach Knigge etwa folgende 10 Regeln aufstellen:

1) Der Besuchende erhält durch seinen Besuch kein Recht, die Zeit dessen, den er besucht, in unbedingten Anspruch zu nehmen, sondern muß die Pflicht anerkennen, sich hierin so viel als möglich zu beschränken, und nur Minuten zu verlangen.

2) Der Gönner, welcher den Besuch annimmt, hat das Recht, zu fordern, daß der Besuchende sich den conventionalen Formen unterwerfe, und genau daran binde.

3) Der Besuchende läßt sich das Warten im Vorzimmer als ein nothwendiges Uebel gefallen, und eben so die Audienzstunde, welche der Gönner bestimmt hat, <194, 176> und beklagt sich nicht, wenn er in einer jeden andern Stunde abgewiesen wird.

4) Er wiederholt seine Versuche nur bei gegebener Veranlassung und auf ausdrückliche Einladung.

5) Er tritt in das Besuchzimmer ohne Ueberrock und Stock, in einem anständigen Anzuge, folglich nicht in Stiefeln, wenn es eine eigentliche Respektsperson ist, die er besucht, aber den Hut in der Hand, und die Hände beschuht.

6) Er enthält sich während des Besuchs alles Räusperns, Auswerfens, und wo möglich des Gebrauchs seines Taschentuches.

7) Beim Sitzen hütet er sich vor dem bequemen Anlehnen und Vorstrecken oder Ueberschlagen der Beine.

8) Beim Sprechen beobachtet er Mäßigung seiner Stimme und Vernehmlichkeit derselben.

9) In seiner Art zu reden bedient er sich der conventionellen Nedeformen, und empfiehlt sich also z. B. an seinem Orte unterthänigst, bittet um Befehle, versichert, daß der Wunsch des Gönners ihm Befehl fein werde etc.

10) Der Rückzug aus dem Besuchzimmer geschieht ohne Poltern, nach weggesetztem Stuhle, in guter Ordnung und mit dem gehörigen Anstande, folglich in der Art, daß der Gönner nichts von dem Rücken des Abgehenden gewahr werde, und mit mehreren Verbeugungen, wenn die Thüre etwas entfernt ist, unter welchen die letzte an der Thür die respectvollste ist.

Der Umgang mit gleichaltrigen Menschen scheint der natürlichste, angenehmste und leichteste zu sein, denn gleiches Alter bedingt auch eine gewisse Gleichheit der Bildung und Lebensansichten. Doch finden wir eine solche Gleichheit oder Aehnlichkeit nur im jugendlichen Alter, ehe noch die verschiedenen Eigen<194, 177>thümlichkeiten, aus deren Verein der Charakter entsteht, sich zur vollen Reife entwickelt haben. Mit dem Eintritt in die zwanziger Jahre beginnt die Divergenz der Ansichten, der Leidenschaften, der geistigen und materiellen Richtungen. Der gereifte Mann wird vom Jüngling selten mehr verstanden und für die Hoffnungen und Träume, für die Lust und Irrthümer der Jugend hat wiederum jener kein Herz und keine Nachsicht mehr. Das Verhältniß des Umganges wird daher ein ganz anderes werden und anstatt der gemeinschaftlichen Verständigung, wird mehr eine freiwillige oder gezwungene Unterordnung den Jüngling an den Mann fesseln. Die Progression der Bildung geht aber bei den verschiedenen Menschen je nach Talent, Erziehung und Temperament nach sehr abweichenden Normen vor sich. Der Eine bleibt fast immer ein Kind oder doch wenigstens kindlich, während der andere früh reift und seine menschliche Bildung gewissermaßen als abgeschlossen betrachten kann. Es stellt sich daher oft weit früher, als man den Jahren nach vermuthen sollte, eine trennende Kluft zwischen gleichalterige Personen. Der jugendliche Lüstling der Residenz wird die Gesellschaft unverdorbener, kräftiger Landbewohner, die mit ihm in gleichem Alter stehen, in der Regel langweilig und lästig finden, weil er sein Unvermögen zu frischem, elastischem, naivem Genuß nur zu bald fühlt. Der in der kleinen Stadt Erzogene, der nie über den bescheidenen Kreis der Familie und gleichgebildeten Jugendgenossen hinausgekommen ist, tritt ebenfalls in eine neue Welt, wenn er plötzlich in die Residenz und mitten unter die verfeinerten Genüsse, in das Raffinement des geselligen Lebens hineintritt. Die Luft, die er nun athmet, beengt und ängstigt ihn gewiß anfänglich, es ist eine fremde Welt, in welcher er erst heimisch werden soll. <194, 178> Einen solchen einzuführen, ihm die ersten Schritte auf dem glatten Parquetboden des Salons leicht zu machen, ist nun die Aufgabe der Gesellschaft, in die er tritt. Dies kannn nun durch Entgegenkommen, durch Nachsicht gegen seine Unbeholfenheit, durch feinen Weltton geschehen. Spott würde hier gerade das Gegentheil wirken, er würde den Neuling einschüchtern statt aufzumuntern und ihn vielleicht für immer untauglich machen; denn er könnte ihn veranlassen, die Gesellschaft ganz zu meiden, um sich den Spöttereien zu entziehen. So bietet also der verschiedene Grad gesellschaftlicher Bildung dieselbe Erscheinung wie die Verschiedenheit des Alters, welche auch durch geschickten Umgang ausgeglichen werden muß, wenn daraus ein friedliches und freundliches Zusammenleben gewonnen werden soll. Das höhere Alter begeht meistens den großen Fehler, die Ansprüche der Jugend an den Genuß und an das Recht des Genusses nicht anerkennen zu wollen. Es verbittert daher durch Unduldsamkeit jener das Leben, anstatt sich zu erinnern, daß es auch einmal Jugend gewesen ist. --

Ein Hauptzweck bei dem Umgang älterer Personen mit Jüngeren ist immer der, auf sie bildend, belehrend bessernd und fördernd zu wirken, nur geschehe dies so, daß es die Jugend nicht merkt; denn jede absichtliche Hofmeisterei findet nie willige Jünger. Die Lehre muß dem Zufall anheimgestellt und jedes abstracte Regelngeben vermieden werden. Ein gutes Beispiel ist die beste Lehre. Aeltere Leute haben natürlich mehr Erfahrung, doch muß diese sich nicht breit machen und die Rolle einer Herrscherin spielen wollen. Was das Alter durch Erfahrung mehr gewonnen, das ersetzt bei der Jugend die größere Elastizität des Geistes und die Unbefangenheit des Genusses. Ein erfahrener Mann ist in dem Grade bescheidener als er eben reicher an Wissen und stärker an Willen ist. -- <194, 179> Die alte Regel: vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und das Alter ehren, darf daher auch ihrerseits die Jugend nie vergessen; denn es giebt keinen abschreckenderen Anblick als einen alten Mann als Gegenstand des Gespöttes der Jugend zu sehen und wäre ein solcher sogar ein Geck oder Thor, so wird man sich eines widrigen Eindrucks doch niemals erwehren können.

Den Umgang mit Kindern zu beleuchten gehört nicht hierher, sondern in das Kapitel der Erziehung. Der Umgang, von dem wir hier sprechen, ist der gesellige auf Gegenseitigkeit beruhende. Das Kind wird seinerseits freilich auch ein gewisses Betragen gegen die Erwachsenen beobachten, bei ihm ist es jedoch noch keine Fnlge der freien Geistesthätigkeit und muß daher von einem ganz andern Gesichtspunkt betrachtet werden. Fast möchten wir die Besprechung des Umgangs unter Eheleuten hier ebenfalls ausschließen; denn hier tritt die heilige Pflicht der Liebe und Treue als einzig geltende Gesetzgeberin ein. Es lassen sich aber auch Fälle denken, wo Ehegatten nicht durch so enge Bande einander gesellt sind. Wo nicht die Liebe, sondern die Convenienz, die Speculation, der Gehorsam, oder nur gegenseitige Achtung das Ja am Altare gesprochen hat, und wo sich niemals ein ganz inniges Verhältniß gestalten wird. Wo die wahre Liebe zwei Herzen verband, da ist es nicht nöthig Regeln zu geben; dann findet jeder Theil das Rechte von selbst. Da geht einer in dem andern freudig und willig auf, um in diesem Aufgeben seiner selbst nur desto reicher und glücklicher zu werden. Jede gemeinsame Sorge, wie jede gemeinsame Freude erhöht nur das Glück des Zusammenlebens und es giebt nichts in der Welt, das einen oder den andern Theil so aus aller Fassung brächte, daß er nicht in der <194, 180> Liebe die willkommene Führerin zum Frieden und Gedeihen wiederfände.

Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie sich tägkich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen, daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden. Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde hier das unglücklichste und strafbarste Mittel sein; aber einer gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von seiner Erziehung bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden, sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften besucht, und <194, 181> nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden Langeweile zu entgehen, die sie einander verursachen, wenn gerade keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen. Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufs=Arbeiten hat, die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch fesseln, oder außer Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten, Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben. Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber und man wird sich einander nie überdrüssig. Es giebt eine feine bescheidene Art sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach uns sehne; diese soll man studiren. -- Auch im Aeußern soll man alles entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten, seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen, sich zu Hause nicht zu viele Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem Lande lebt, nicht verbauern, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige, plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und <194, 182> Unanständigkeiten wahrnimmt, von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt, denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten sich als ein schweres Gewicht auf uns legen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der Zufriedenheit sein.

Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun dürfe in dem Herzen auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine Freunde und Freundinnen todt sein, dürfe für kein Geschöpf auf der Welt; als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden, und es sei Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit und Theilnahme von und mit andern Personen zureden. Diese Forderungen werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern, neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener Freunde eilt: so sollte der andere Theil ihm dafür danken, und jeden kränkenden Vorwurf unterdrücken.

Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert. Unerträgliche Sclaverei <194, 183> wäre es daher, sich seine Erheiterungen aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhalbene Gedanken, feinere Eindrücke, welche seelen=erhebende Schriften, Kunstwerke und Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß am wenigsten der Mann eine solche Beschränkung und Sklaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu sein, und Gründe haben kann, warum er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der Manchem auffallend sein kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen eintritt, sei es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem verständigen, gebildeten und fein fühlenden Geschöpfe, noch eben so unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher war.

Mit Vorsicht wähle man den Umgang solcher Bekannten und Freünde, welche täglich das Haus besuchen, und mache es sich zur ersten Vorschrift, seine Pflichten so sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen Grundsätzen zu erfüllen, daß <194, 184> man, wo möglich, darin alle seine Bekannten übertreffe; dann kann die wärmste Hochachtung des Ehegatten nicht ausbleiben und diejenigen, welche augenblicklichen vortheilhaften Eindruck durch einzelne glänzende Eigenschaften gemacht haben, werden bald wieder verdunkelt werden. Es ist aber thörigt, und zeigt von wenig Menschenkenntniß, wenn der Man deshalb auf die unverbrüchliche Treue seiner Gattin schwören zu dürfen glaubt, weil sie ihm dieselbe am Altare versprochen hat. Er muß sich fortwährend bemühen, Liebe und Achtung sich täglich auf' s Neue zu erwerben und zu sichern. Er muß immer besser sein wollen, als Andere, nicht indem er es mit Worten versichert, sondern indem er es mit Thaten beweist. Die Liebe durch kleine an sich unschuldige Künste mit Hülfe einer erregten Eifersucht wieder beleben wollen, ist nicht rathsam; denn aus Scherz kann Ernst werden. Wirkliche kleine Herzensverirrungen werden, sobald der leidende Theil nun fortwährend seine Pflichten mit hingebender Liebe zu vollbringen strebt, nicht von langer Dauer sein. Bei wirklichen Vergehungen ist es die Sache eines Jeden selbst zuzusehen, wie da zu retten und zu helfen ist. Es ist freilich das größte Glück, wenn es nie dahin kommt, und das Unheil fern bleibt. Man gewöhne sich selbst und einer den Andern nicht an Ueppigkeit, Wollust und Schwelgerei lasse die körperlichen Bedürfnisse und Begierden nie zu heftig werden, man sei selbst in der Ehe schamhaft, keusch, zart und sparsam in den Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit zu entfernen. Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr und nichts weniger als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird des Weibes eigene Schuld sein, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er von treuen reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause erlangen könnte, von einer Fremden holt.

<194, 185>

Großen Einfluß auf das eheliche Zusammenleben übt die Anlage und Bildung der Frau zur Wirthschaft, in ihrer Hand liegt größtentheils die Erhaltung des Friedens. Findet der Mann, nachdem er die Arbeiten des Tages vollendet hat, Ordnung, Bequemlichkeit, Behaglichkeit zu Hause, empfängt ihn ein freundliches Gesicht, eine wohlschmeckende Kost, überall Gastlichkeit und Comfort, so wird er sich nicht veranlaßt sehen, alles dieses außerhalb in fremden Gesellschaften, in öffentlichen Lokalen zu suchen. Er wird sich daran gewöhnen, im Kreise seiner Familie zu leben, er wird sich heimisch in seinen vier Pfählen finden und kein Bedürfniß fühlen täglich eine andere Gesellschaft um sich zu sehen, als die, welche ihm die natürlichen Bande der Liebe gegeben hat. Mit der Wirthschaftlichkeit der Frau hängt auch die Wirthlichkeit zusammen. Sie kann viel erhalten, viel ersparen; der Mann hat dazu in der Regel weniger Talent. Er ist vielleicht als Kaufmann ein sehr guter Rechner, in seinem Hause aber vergißt er die ersten vier Species; es ist ihm zu kleinlich mit Groschen und Pfennigen umzugehen; Groschen und Pfennige aber werden zu Thalern, und diese Verwandlung hervorzubringen ist Sache der Hausfrau. Ein Vermögen von vielen Tausenden ist oft weniger werth, als ein solcher Sinn der Wirthlichkeit, sie ist ein wahrer Schatz für einen Mann. Doch hüte sich die Gattin, ihm täglich ihre Ersparnisse vorzurechnen oder etwa gar einen Vergleich zwischen ihrer Sparsamkeit und der Leichtigkeit, mit welcher er Geld verausgabt anzustellen, und ihm vorzuhalten. Schweigend und unverdrossen muß hier das Rechte und Gute geschehen, um so größer ist dann die Freude und Anerkennung von Seiten des Mannes. Er sieht dem stillen Wirken und Schaffen mit Wohlgefallen zu, selbst wenn er sich nichts merken läßt, und nimmt sich sehr oft, ohne daß er mit Worten <194, 186> gehofmeistert wird, ein Beispiel an seiner Ehehälfte, auch er lernt sich beschränken, wenn er erst sieht, daß dadurch wirklich die Wirthschaft gefördert und seine Vermögensumstände gebessert werden. Wir setzen hierbei voraus, daß kein Geiz, keine Aengstlichkeit, welche sich jeden erlaubten und auch durch die Vermögens= oder Einkommensverhältnisse gestatteten Genuß versagt, walte. Eine solche Handlungsweise verkümmert unnöthig das Leben, anstatt es zu beglücken.

Eine Hauptbedingung für eine glückliche Ehe ist eine richtige Behandlung der Kinder, über welche die Ehegatten sich vorher verständigt haben müssen. Am besten ist es, wenn sie einen gemeinschaftlichen Plan zur Erziehung nach reiflicher Ueberlegung gefaßt haben, doch läßt sich vorher eigentlich nicht feststellen oder beschließen, ehe man nicht die Natur und Anlage des Kindes in ihren ersten Anfängen wenigstens entwickelt sieht. Die wohl durchdachtesten Pläne werden sehr oft für die Ausführung ganz unmöglich, wenn die Voraussetzungen, auf denen sie gegründet waren, nicht eintreffen. Es ist thörigt, ein Kind in der Wiege schon für einen Beruf bestimmen zu wollen. Erst nach dem zehnten Jahre, vielleicht noch später, entwickeln sich Neigung und Anlage mit ziemlich sicherer Bestimmtheit. In der Regel lernen dies die Mütter weit schwerer einsehen, als die Väter und geben oft ihrer Eitelkeit mehr Gehör als der Vernunft, weil jene ihnen vorspiegelt, daß ein Kind nur eben in dem von ihnen gewählten Berufe einst ihre Freude und ihr Stolz sein werde. Hat nun der Mann eine abweichende Ansicht, so entstehen daraus nicht selten eheliche Zwistigkeiten, die sich nur durch einsichtsvolles Nachgeben ausgleichen lassen Es ist Sache des Mannes, die überzeugende Sprache der Vernunft zu <194, 187> führen, und wenn dies nicht hilft, mit Energie durchzugreifen.

Bei dem Eingehen einer zweiten oder dritten Ehe prüfe man wohl, wie sich das Verhältniß zu den Stiefkindern gestalten wird. Es ist eine traurige Erfahrung, daß es fast nur als eine Ausnahme gelten kann, wenn Stiefkinder nie eine Zurücksetzung, sondern gleiche Liebe mit den rechten Kindern erfahren. Die Verhaltungsregeln und Pflichten lassen sich nicht vorschreiben, diese muß das eigene bessere Gefühl dictiren.

Ist es nöthig, frägt Knigge, daß der Mann klüger sei als die Frau? -- Der Begriff von Klugheit, von Vernunft mit allen seinen Beziehungen und Modificationen nicht immer auf einerlei Art verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer Art sein als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun vollends Klugheit mit Welterfahrung oder gar mit Gelehrsamkeit verwechselt wird, so wäre es Unsinn von diesen bei dem einen Geschlechte so viel wie bei dem andern voraussetzen oder verlangen zu wollen. Ich fordere daher von einem Frauenzimmer einen verständigen Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit, Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld, Alles dieses gehört ebenfalls zur Klugheit. -- Vom Manne aber kann man Umsicht, leichte Fassung und Geistesgegenwart bei allen Vorkommnissen des Lebens, Festigkeit, Freiheit von Vorurtheilen, Ausdauer, und mehr geistige Bildung als vom Weibe erwarten. Wo die Frau in allen Punkten dem Manne überlegen ist, da wird nie das wahre Glück wohnen. Die Herrschaft über das Herz des Mannes mag sie allerdings behaupten; aber im Hauswesen muß der Mann das Oberhaupt sein. Der Mann ist der natürliche Schützer und Regierer seiner Familie <194, 188> und es ist nichts thörigter, als wenn er selbst so schwach ist, daß er bei der Frau diesen Schutz sucht, und das Regiment in ihre Hände legt. Männer, die so unmündig am Geiste sind, thun besser Hagestolze zu bleiben. Wer möchte mit einem solchen Geschäfte treiben, dessen Willen, Freundschaft und dessen Art die Dinge anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweifungen seiner Frau abhängen, der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht vorlegen und über die wichtigsten Dinge erst Instructionen bei seiner Ehehälfte einholen muß?

Zwistigkeiten unter Eheleuten sollen nie anders, als unter vier Augen abgemacht werden, alle Mittelspersonen taugen nichts, und Friedensstifter machen in der Regel die Sache nur ärger.

Man hat dabei dreierlei Rücksichten zu nehmen, zuerst solche, die auf unsere eigene Ruhe abzielen, sodann Rücksichten, auf Kinder und Hausgenossen und endlich auf das Publicum. In ersterer Hinsicht laß deine Klugheit und dein Gewissen allein sprechen; in letzterer laß dein Unglück nicht ruchbar werden. Uneinigkeit unter Eheleuten erzieht immer schlechte Kinder oder doch in der Regel. Es ist besser, wo sie nicht zu vermeiden ist, die Kinder fremder Pflege und Leitung zu übergeben, damit sie kein schlechtes Beispiel vor Augen haben. Mit Dienstleuten wird man in solchem unglücklichen Falle ohnehin schon genug Aerger haben. Denn es entstehen Partheien und Klatscheeeien ohne Ende. Fremde Cinmischungen von Verwandten und Bekannten weise man entschieden ab, sie machen das Uebel noch ärger. Die Herrschaft im Hause gebührt dem Manne. Diese muß er in jeder Beziehung zu behaupten wissen, selbst da, wo ihm das Herz blutet. Besser Freunde und Verwandte verlieren, die Unfriede im Hause säen, als den Ehehimmel sich zu einer Ehehölle umschaffen lassen. Alle <194, 189> diese Vorschriften sind nur beziehungsweise anzuwenden, auch gelten sie in der Regel nur für den Mittelstand. Die vornehme Welt hat andere Sitten und Gebräuche, ein eheliches Zusammenleben im bürgerlichen Sinne finden wir selten. Jedes geht meist seinen eignen Weg, die Verhältnisse sind ungebundener, es herrscht weniger Zwang, in der Regel aber auch weniger Glück und -- weniger Leid. Die Gesetze des großen Weltlebens herrschen bei ihnen über die Gesetze der Liebe und Treue, der Zärtlichkeit und des Gehorsams. Für sie ist also dieses Kapitel eigentlich nicht geschrieben, obschon auch hier Ausnahmen stattfinden, und man auch in diesen Kreisen wahres eheliches Zusammenleben nach dem Begriff der Heiligkeit der Familie findet.

Wenn wir vom Umgang mit Verliebten sprechen, so können wir eigentlich nur zwei Personen im Auge haben, denn ein dritter findet jeden einzelnen von ihnen eben so wenig zugänglich als vielleicht einen Berauschten. Die Regeln, welche man den beiden Liebenden aber geben könnte, würden in den meisten Fällen doch nicht befolgt werden und auch nur unter der Voraussetzung, daß sie der ruhigen Ueberlegung fähig und der Vernunft zugänglich sind. Die erste Liebe, sagt Knigge, bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt; wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich jetzt nichts Besseres zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier abschreiben. *

*
Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von Seelberg, Th. 1. S. 108.

<194, 190>

„Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes=Erklärungen. Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint, der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Romanhelden, oder, wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen, ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen, und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcellen, um täglich nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andere Art keine Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen, die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde zurückstellen. Bei allen conventionellen Gaukeleien aber empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.”

„Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum erstenmal vom wohlthätigen <194, 191> Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die Geliebte zärtlich an; sie erröthet: ihr Blick wird unruhig, unstät, wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken, wenn sie einem Andern vertraulich etwas ins Ohr gesagt hat; man fühlt den Vorwurf, giebt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern, erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, was man für einander fühlt. Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu; sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen, drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch guch das nie ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort, ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd entflohen, und mit gebrochenen halberstickten Worten, mit einem bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in keiner Gesellschaft verlegen mit seiner <194, 192> Person, wenn nur der theure Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne; lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig, so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so unüberschwenglich glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!”

Eifersucht bei Liebenden bringt Leben und Mannigfaltigkeit in ihren Umgang; denn die Augenblicke der Versöhnung sind die süßesten. Treue achtet, Liebe freut sich in der Stille des seligen Genusses, aber sie prahlt nie mit den Gunstbezeugungen, indem sie es kaum sie es kaum sich selbst gesteht, wie glücklich sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der Liebe sind die, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt hat und doch jede Miene jeden Blick versteht. Man hüte sich, daß der Verstand nicht mit dem Herzen davon läuft und die Leidenschaft mit Eheversprechungen sich übereilt, welche nachher zu halten außer Macht steht, namentlich zu Zeiten, wo die freie Verfügung über sein Schicksal und seine Zukunft, der Mensch noch nicht in seiner Gewalt hat. Haben Liebe und Vertraulichkeit jemanden an ein Geschöpf gekettet und diese Bande werden getrennt, sei es nun durch Schicksale, Untreue und Leichtfertigkeit des eines Theils oder durch andere Umstände, so sei jedes unedle Betragen ferne. Nie lasse man sich zu unedler <194, 193> Rache verleiten, man mißbrauche nie Briefe noch Zutrauen; der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht hat, verdient Haß und Verachtung und wie mancher sonst nicht sehr liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsich in Angelegenheiten der Liebe zu danken.

Uebrigens ist nichts so geschickt, die Bildung des Jünglings zu vollenden, als der Umgang mit tugendhaften, gesitteten Frauenzimmern. Da erhält sein Betragen die letzte feine Politur, seine Leidenschaftlichkeit, ihre Mäßigung und seine geselligen Tugenden die rechte Rundung und Feinheit. Die Weiber haben einen eigenthümlichen Sinn und Instinkt, diejenigen Männer heraus zu finden, die mit ihnen synpathisiren, sie verstehen und in ihren Ton einzugehen wissen.

Nicht die Schönheit allein macht Eindruck auf die Frauenzimmer, sie bringt oft die entgegengesetzte Wirkung hervor. Auch Klugheit und Witz gewinnt sie nicht immer. Es giebt eine Art mit Frauen umzugehen, die man nur von ihnen selbst lernen kann. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauen zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter anvertraut, die zu allen Tageszeiten bei Damen freien Zutritt und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu sein, denen man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, die aber dadurch oft sehr gefährlich werden, daß man es zu spät bereut, ihnen so viel Freiheit gestattet zu haben. Der Mißbrauch hebt indeß den erlaubten Gebranch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf, Gefälligkeiten, <194, 194> die nicht so groß, nicht so merklich sein dürfen, daß sie Aussehen erregen, oder größere Gegenforderungen veranlassen, aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine feine Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht geben, ohne Anspruch zu sein scheinen, und doch verstanden, doch angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die sehr vom Liebäugeln unterschieden, nur von zarten empfindungsvollen Herzen verstanden wird, ohne daß sie in Worte übersetzt zu werden braucht, das Verbergen gewisser geheimer Gefühle, ein freier treuherziger Umgang, der nie in freche, gemeine Vertraulichkeit ausarten muß, zuweilen sanfte Schwermuth, die nicht Langeweile macht, ein gewisser romanhafter Schwung der weder ins Süßliche noch ins Abenteuerliche fällt; Bescheidenheit ohne Schüchternheit, Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit ohne stürmisches Wesen, körperliche Gewandheit, angenehme Talente, besonders Musik und Dichtkunst, das ist' s was bei Weibern den Mann am leichtesten einführt. Weibische Männer, werden selten von Weibern gern gelitten, weit eher ausschweifende Männer, weil diese einen gewissen sinnlichen Reiz ausüben. Sie sind ihnen anfänglich nur interessant, dann aber gefährlich. Reinlichkeit und Sauberkeit der Kleidung lieben die Frauen an Männern, Nachlässigkeit in diesen Stücken stößt sie ab. Mehreren zugleich den Hof zu machen, wird selten zu gutem Ziele führen. Man hüte sich in Gesellschaft in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend einer Art macht, eine andere wegen gleicher Eigenschaften zu sehr zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit gleichen Aussichten. Es pflegtihnen eigen zu sein, nur ausschließlich allein bewundert sein zu wollen. Man nehme sich daher in Acht von Aehnlichkeiten zu sprechen, die man bei zwei Frauen findet. Frauenzimmer sind grillenhaft, man weiß nicht im<194, 195>mer, wie sie sich selbst im Spiegel erscheinen. Die eine will sanft, die andere naiv, die dritte männlich, die fünfte geistvoll aussehen. Man muß ihnen ihre eigene Meinung über sich selbst ablauschen. Die eine will frisch und gesund, die andere melancholisch und kränklich, jene entschlossen, diese schüchtern sein.

Auf angenehme Unterhaltung machen alle Ansprüche, nur muß die Unterhaltung ja nicht gelehrt, auch nicht zu geistvoll und weise, sondern hübsch oberflächlich, witzig und überhaupt so sein, daß sie recht viel Gutes und Schönes von sich selbst zu hören bekommen oder ihnen Gelegenheit gegeben wird, ihre eigene Weisheit an Mann zu bringen.

Neugier ist eine der Haupttriebfedern des weiblichen Characters. Wer es versteht ihre Neugierde nach dem Nützlichen und Guten zu lenken, der hat Gelegenheit auf ihre Bildung aufs Vortheilhafteste einzuwirken; denn in der Regel ist es ihnen gleichgültig, ob das, was ihre Neugier reizt, fördernden oder nachtheiligen Juhalts ist, ja das Letztere ist ihnen am Ende gar noch lieber. So z. B. alles Romanhafte, Abenteuerliche. Fremde Geheimnisse üben auf ste einen unwiderstehlichen Zauber. Chesterfield sagt daher von den Frauenzimmern: „wenn du dich bei ihnen einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein Geheimniß,” freilich aber kein wichtiges, keines, bei dessen Weiterverbreitung viel auf dem Spiele steht; denn schweigen können die Weiber selten, am ehesten noch gegen ihre Männer, denen sie gerade erst recht vertrauen sollten. Reizbar und launig ist beinahe das ganze weibliche Geschlecht. Dies hat seinen Grund in ihren Gesundheitszuständen, die manchem Wechsel ausgesetzt sind. Man kann ein weibliches Wesen deshalb nicht einen Tag, wie den andern finden wollen. Bei ihnen wechselt Laune und Stim<194, 196>mung, Freundlichkeit und mürrisches Wesen sehr oft wie Aprilwetter. Man muß deshalb Geduld mit ihnen haben und aufmerksam das Zufällige vom Beständigen zu unterscheiden wissen. Sie werden für diese Nachsicht nicht undankbar sein, weil sie in der Regel recht bald einsehen, wo sie gefehlt haben. Zu dieser Launenhaftigkeit kommt noch ihre Lust an Neckereien, womit sie selbst den besten Freund nicht verschonen. Gleichmuth und Geschick ihre Neckereien mit andern in gutmüthiger Weise zu vergelten, muß man ihnen entgegensetzen und ja nicht empfindlich sein. Man lasse ihnen den augenblicklich Triumph und hüte sich sie zu beschämen, das verträgt ihre Eitelkeit nicht und macht sie vielleicht für immer zu Feindinnen.

Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und nicht leicht zu versöhnen sei, das hat man schon oft gesagt, so daß ich es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen, einen ehrlichen Mann von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern, zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist, zu welchen wiedrigen Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Knigge erzählt, daß er leider selbst eine Erfahrung gemacht habe: Ein einziger unbesonnener Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeiz und die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihm gleich früher, als er sie auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück zu suchen, Widerstand und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß heimliche, durch allerlei Wege genommene Verläumder mit bösen Gerüchten vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum <194, 197> Wohl seiner Familie anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste untadelhafteste Betragen, nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne. Die rachgierige Frau hörte nicht auf ihn zu verfolgen, bis er endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht, und sich eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht rauben konnte. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.

Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer grausamer in ihre Rache sind, als Stärkere, vielleicht weil das Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt, und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.

Es ist sehr oft nöthig, sich gegen das Verlieben zu schützen, namentlich dann, wenn die Umstände es nicht gestatten Ernst aus der Liebe zu machen, oder wenn man von vorn herein schon jeder Hoffnung auf die Erfüllung der sehnlichen Wünsche des Herzens aufgeben muß. Hier kann nur die überwiegende Herrschaft des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit die Gefahr abwenden, die aus der Verschmähung der Liebe, oder aus der Unmöglichkeit der Liebe entspringt. Verwerflich ist es durch Künste der Verführung unerfahrene Mädchen zu umgarnen oder durch Eheversprechungen zu täuschen, oder doch hinzuhalten, daß sie andere glücklichere Verbindungen ausschlagen.

Durch leichtfertige Reden oder schlüpfrigen Witz die Sinnlichkeit der jungen Mädchen zu reizen und durch Erweckung romanhafter Begriffe ihre Phantasie zu erhitzen, ist ebenso straffällig; denn nicht selten wird dadurch ihr häuslicher Sinn ertödtet und sie selbst mit ihrer Lage unzufrieden gemacht. O habe doch Mit<194, 198>leid, ruft Knigge bei diesem Kapitel aus, mit diesen Armen und nimm ihnen nicht unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu benutzen um seiner Eitelkeit Nahrung zu bereiten und wie edel dagegen, ein unbefangenes, argloses Herz mit Achtung und Schonung zu behandeln.

Mit Koketten und Buhlerinnen umzugehen, in diese Gefahr sollte eigentlich ein Jüngling nie kommen, sie sind aber leider für ein unerfahrenes Auge nicht leicht zu erkennen. Sie besitzen eine große Feinheit in der Kunst sich zu verstellen, Empfindungen zu heucheln und ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit oder eine andere ihrer Leidenschaften zu befriedigen. Hat man sie auch vielfältig auf die Probe der Uneigennützigkeit gestellt und immer so befunden, wie man wünscht, so ist das etwas, aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht das Silber, um den ganzen Menschen zu gewinnen, oder ihr Temperament will eher sinnlichen Genuß als Gewinn. Hat man sie bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreiz gehabt hätten, heimlich ihren Paladin zu hintergehen, stets treulich befunden, hat sie zärtliche Sorgfalt für den Ruf und die Ehre desselben gezeigt, zieht sie ihr nicht ab von andern natürlichen und eitlen Verbindungen, opfert sie Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz und Eitelkeit auf: -- ei nun die Mischungen und Anlagen und Temperamente sind mannichfaltig, auch eine Buhlerin kann von andren Seiten gute, liebenswürdige Eigenschaften haben, aber deshalb darf man ihnen doch nicht trauen. Ein Weib, das die ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und Sittsamkeit für nichts achtet; wie kann das wahre Ehrfurcht für höhere Pflichten haben? Man setze in diese Klasse nicht alle unglückli<194, 199>chen Gefallenen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend zurückführen. Wer die Gefahr kennt, kann und ist oft sicherer vor ihr als der Unschuldige.

Den besten Schutz gegen den verführerischen Umgang mit leichtfertigen Weibern gewährt die Bekanntschaft mit edlen tugendhaften Mädchen und Frauen. Er allein kann dazu beitragen, dem frevelhaften Mißbrauch, den die Männer von ihrer größeren Freiheit zu machen pflegen und den traurigen Irrthum, als seien ihnen Ausschweifungen jeder Art, wenigstens eine gewisse Libertinage gestattet, zu steuern. Die Männer verzeihen sich sehr geschwind Fehltritte, sie sind aber gegen Mädchen desto strenger und unerbittlicher und nur wenige denken an den schönen Ausspruch des Evangeliums: Wer sich rein fühlt, der hebe den ersten Stein auf. Und sind nicht gerade die Frauen am ersten zu entschuldigen; ihre feineren Sinne, die Stärke der auf sie wirkenden sinnlichen Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament, alles wirkt mächtig auf sie ein; und ihre Verirrungen können sie, die in keinem bürgerlichen Verhältnisse stehen, nicht durch höhere Verdienste und Tugenden, in Vergessenheit bringen und doch giebt es Fälle genug, wo leichtsinnige Mädchen, die achtbarsten Frauen, die treuesten Mütter geworden sind.

Im geistigen Gegensatz zu ihnen stehen meistentheils die sogenannten gelehrten Weiber, die man in England Blaustrümpfe nennt. Nur wenige von ihnen kleidet die Schöngeisterei, denn sie vergessen darüber nur zu oft die nächsten Pflichten ihres Geschlechts und verlieren die schönste Zierde: den Schmuck ächter Weiblichkeit. All ihr Wissen bleibt und muß immer oberflächlich bleiben. Ihre ganze Organisation ist nicht dazu geschaffen, mit philosophischer Tiefe und Gründlichkeit in das Wesen der Dinge einzugehen, <194, 200> sie bleiben also fast immer an der Außenseite, an der Oberfläche, der Kern des Wissens, die vernunftgemäße prinzipielle Erkenntniß bleibt ihnen verschlossen. Und wie wäre dies auch bei der Erziehung, bei dem Unterricht der ihnen zu Theil wird möglich? Mit dem Eintritt in das jungfräuliche Alter ist ihre Bildung in der Regel vollendet. Die Häuslichkeit und der Genuß raubt ihnen die Zeit zu ernsteren Studien; wenn sie dieselben treiben, so geschieht dies entweder auf Kosten der Bildung ihres Herzens, oder doch ohne Plan, ohne System. Sie lesen ohne Wahl und Princip, sie sind Autodidacten und Eklektiker. Der wissenschaftliche Grund, der bei der männlichen Schulbildung voraus gelegt wird, fehlt ihnen und so bekommt all ihr Wissen keinen Halt, keinen Character. Sie können Vieles aber nicht viel. Das ist der Unterschied. Die wenigen Ausnahmen, die uns begegnen, zählen hier nicht mit. Ein Frauenzimmer, die aus ihrem Wissen ein Handwerk macht, die sich wie eine Gelehrte vom Fach gebehrdet, ist meistentheils in der Gesellschaft widerlich oder doch unbequem. Was der Schmuck ihrer Erscheinung sein soll, die Bescheidenheit, die Wißbegier, die Naivität -- ich möchte sagen, die Unschuld ihres Wesens geht darüber verloren. Was sie zur Geltung bringen möchten, was sie an sich gerühmt und bewundert wissen wollen, das lockt uns fast immer nur ein halb mitleidiges Lächeln ab. Wir verehren an ihnen Schärfe des Urtheils, Feinheit des Geschmacks; aber diese Eigenschaften zählen zu der natürlichen Mitgift, wer von ihnen beides durch Studium erwerben will, geräth gewöhnlich auf Abwege der Bizarrerie und unleidlichen Koketterie. Man sieht überall die Eitelkeit hindurchschimmern, denn sie lieben fast alle das abstracte Wissen nicht um seiner selbst willen, sondern wollen <194, 201> nur mit dem Scheine desselben glänzen und imponiren.

Mit dieser Sucht nach dem Schein der Gelehrsamkeit ist in der Regel auch die Sucht sich von dem sogenannten Joch der Männer zu befreien, die Emancipationssucht verbunden. Sehr häufig ist es aber nicht bloß die Emancipation aus der Unfreiheit, welche aus der Bestimmung des Weibes in manchen Beziehungen hervorgeht, die Emancipation aus dem Gehorsam des Mannes, sondern auch aus der Sitte und Sittsamkeit, welche sie erstreben. Das „freie Weib” nach dem modernen Begriffe will weit mehr noch. Doch dürfen wir dies Kapitel mit gutem Gewissen übergehen. Der Umgang mit solchen Verirrten, bietet so wenig Annehmlichkeit, daß ihn nach kurzem Versuch gewiß jeder gern meiden wird.

Der Umgang mit Frauen bietet fast in allen Verhältnissen unauflösliche Widersprüche und Räthsel und es gehört ein tiefer Kenner des weiblichen Herzens und eine zahllose Menge nicht immer ersreulicher Erfahrungen dazu, wenn einer sich rühmen will, von ihnen nie mehr getäuscht zu werden; denn in keiner Kunst sind sie vollkommner ausgebildet als in der Kunst der Verstellung. Sie ist aber auch in vielen Fällen ihr einziger Schutz; wollten sie jederzeit die wahre Gesinnung ihres Herzens zeigen, so würden gar seltsame Geständnisse und Ueberraschungen herauskommen und oft hätte Einer sehr bald gewonnenes Spiel, den sie mit seinen Bewerbungen um ihre Gunst, sehr geschickt, lange Zeit fern zu halten wissen. Auch unter vier Augen bieten viele ein ganz anderes Bild als in der Gesellschaft und man sagt gewiß nicht mit Unrecht, daß gerade bei den Prüden, Strengen und Betschwestern jemand am leichtesten sein Glück machen kann, wenn er es nur versteht, vor der Welt <194, 202> den Nimbus der Unzugänglichkeit ihnen bewahren zu helfen.

Ehe wir zu dem Kapitel des Umgangs mit Freunden übergehen, wollen wir einige allgemeine Grundsätze, an welche ein freundschaftliches Zusammenleben bedingt ist, nach Knigge' s Autorität vorausschicken.

Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets wahrhaftig zu sein in seinen Reden. Nie kann man Recht und erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen, was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es giebt keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden, die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort zu halten, und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher dein Bekenntniß oder deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird, oder der die Wahrheit, die er von dir begehrt, nicht würde ertragen können, bist du keine Offenherzigkeit schuldig.

Jedermann geht gern mit einem Menschen um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben, zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem <194, 203> Geschäft bestimmt sein. Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet als verderblich, eben so unsittlich als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von der Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen rechtfertigt nicht die unsrige.

Gieb Andern Beweise deiner Theilnahme, um dich der ihrigen zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wer sich nach Beistand sehnt.

Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sei redlich und weihe deine Kraft und dein Leben der Liebe und der Pflicht; führe ein menschliches Leben, das heißt ein Vernunftleben; halte es für den höchsten Ruhm deines Lebens, als ein Vernunftwesen zu leben!

Habe immer ein gutes Gewissen! Bei keinem deiner Schritte müsse dir dein Herz über Absicht und Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt dich auch wohl eine Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige Ueberzeugung von der Unschuld deines Herzens, von der Redlichkeit deiner Absichten, dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; dein kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden, glücklich scheinenden Bösewichts.

Sei, was du bist, immer ganz, und immer derselbe! Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bild<194, 204>säule! Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen, womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle die sie spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so sehr als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und Aeußerungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochenen Sylben, weil man gerade von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehen, und wenn sie nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen, gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen fortschlüpfen.

Rede nicht zu viel von dir selber, außer in dem Kreise deiner vertrautesten Freunde, von welchen du weißt, daß die Sache des Einen unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache dich, daß du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von dir zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch aus Höflichkeit auf deine Person auf deine Unternehmungen oder deine Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten Eigenschaften, und macht um so vortheil<194, 205>haftere Eindrücke, je seltener diese Tugend in unsern Tagen wird.

Sei auch nicht so bereit, jedermann deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten, oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, deine Anlagen zu zeigen und deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch auf seine Art Gelegenheit zu geben, daß man dich darum bitten müsse! Auch drücke niemand durch deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andere verstummen, sich in schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!

Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist heut zu Tage so äußerst trügerisch in Versprechungen, ja in Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise ausbreitet. Andere, die weniger pflichtvergessen, aber höchst leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren eignen Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.

Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsich<194, 206>tige Bewahrung fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung. Es giebt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und die Vernuft lehrt, daß es besser sei, sie zu verschweigen, und andere Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und unterhaltend sein kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre Verplauderung irgend jemand nachtheilig sein möchte. -- Darum gehört eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen, verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.

Wenn man auch mehreren Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß: so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.

Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man die Bedingung voraussetzt. <194, 207> Dies Beiragen ist nicht nachzuahmen; der aufrichtige Mann äußert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als bis er gesagt hat, inwiefern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich machen könne, oder nicht.

Die Grundlage jeder Freundschaft ist gleiche oder doch ähnliche Gesinnung, ein gleiches Streben, wenn auch nicht nach demselben Ziele, doch nach denselben Grundsätzen. Die Liebe fesselt instinktartig, die Freundschaft fesselt mit vollem Bewußtsein. Sie beruht auf die Harmonie der Seelen; man findet sie daher meist unter gleichaltrigen Menschen, von gleicher Bildung und gleichen oder doch nicht zu weit verschiedener bürgerlicher Stellung; die Verschiedenheit derselben müßte denn durch den Adel der Gesinnung und durch die Höhe der Bildung ausgeglichen sein; denn ein allzugroßer Abstand der Fähigkeiten und Kenntnisse läßt eine Freundschaft nicht lange bestehen, schon deshalb, weil der Austausch der Gesinnungen und Ansichten dadurch erschwert wird, worin gerade der edelste Genuß die reine Glückseligkeit der Freundschaft beruht. Man kann den nicht aus der Fülle des Herzens seinen Freund nennen, dem die Empfindungen unserer Seele völlig fremd bleiben, der kalt und gleichgültig ist, wenn wir in Begeisterung für Etwas glühen, der da lächelt, wo wir weinen, der da spottet, wo wir glauben, der da krittelt und mäkelt, wo wir bewundern, kurz der immer unser Gegner ist und uns nirgend versteht. Beide Glieder eines Freundesbundes müssen gleichviel geben und gleichviel empfangen können. Der Reichthum des Einen muß dem des Andern gleichkommen, sie müssen sich beide ergänzen und keiner dem andern mehr schuldig sein. jedes Uebergewicht stört endlich den Frieden und die Freude des Zusammenlebens.

Am dauerhaftesten pflegen die Freundschaften zu sein, die in der Jugend geschlossen wurden. Man <194, 208> schmiegt sich fester und inniger aneinander, verständigt sich leichter, die Gegensätze des Characters und der Bildung treten noch nicht so scharf hervor. Der Weg zum ferneren Fortschritte in Cultur und Erfahrung ist ein gemeinsamer; Gewohnheit und Bedürfniß thun das Ihrige auch hinzu, das Band immer fester und unauflöslicher zu knüpfen. In reifern Jahren hindert schon die größere Vorsicht, mit der man seinen Umgang wählt, vielleicht auch manche Täuschung und bittere Erfahrung an dem rascheren Eingehen inniger Freundesbündnisse.

Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen=Bedürfniß, weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle ertödtet, und sie zu Sklaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freunden nachzurennen, immer zu genießen, geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden, darum ist es ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen werden sie durch Eifersucht, Neid und andere Leidenschaften getrennt. Die Vornehmern suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung eigennütziger oder ehrgeiziger Absichten, bedürfen; die Geringern und Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe seien, und das tödtet dann die Freundschaft.

Allein selbst unter den Menschen, die dir in Stand, Vermögen, Alter und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft derer, die nicht von unedlen, heftigen oder thörigten Leidenschaften beherrscht, noch wie ein Wetterhahn, von Launen und <194, 209> Grillen hin und hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen sich ergiebt, wer wilden Begierden der Weltlust, dem Trunke, oder dem unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre, Gold, oder sein eignes Ich ist, wer wankelmüthig in Grundsätzen und Meinungen, einen Character hat, der sich wie Wachs von Jedem in jede Form drücken läßt, der mag vielleicht ein guter Gesellschafter, aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund sein. Sobald es auf Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt, wird ein solcher dich im Stiche lassen; du wirst allein dastehen und dich hintergangen glauben, da doch du allein dich betrügst, indem du nur unvorsichtig wähltest.

Man sagt, das sicherste Mittel Freunde zu haben, sei -- keiner Freunde zu bedürfen. Dem Sinne der Worte nach ist dies unrichtig, jeder Mensch von Gefühl bedarf Freunde; das Wort Freund ist hier aber in dem Sinne von Helfer, Unterstützer gebraucht. -- Freunde zu finden ist so gar schwer nicht. Freilich wenn wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles eigenen Interesses in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung unserer Parthei gegen eigene bessere Ueberzeugung, sogar Bewunderung unserer Fehler, Billigung unserer Thorheiten, Mitwirkung bei unseren leidenschaftlichen Verirrungen -- mit einem Worte: wenn wir mehr von unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen verlangen können, die wir doch unserer Achtung werth halten sollen, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben; so werden wir nicht leicht unter tausend Wesen eins finden, das sich so gänzlich in unsere Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen, deren Hauptgrundsätze und <194, 210> Gefühle mit den unsrigen harmoniren, wenn auch nicht so gänzlich, daß nicht kleine Differenzen vorkämen, Menschen, die Freude finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert, das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu sein; die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungehenchelter herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, und wo es höchst nöthig ist und wir dessen werth sind, alles aufopfern, was man ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und die Geinigen aufopfern darf, uns die Wahrheit nicht verhehlen und über unsere Mängel wachen uns auf dieselben aufmerksam machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen, uns allen andern Menschen vorziehen, insofern es ohne Unbilligkeit geschehen kann -- suchen wir ernstlich Solche: nun so finden wir deren gewiß. -- Viele wohl kaum, aber doch wohl ein Paar für jeden Biederman; und was braucht man hier mehr in dieser Welt?

Klassifizierung: 398.9 SprichwörterDDC-Icon Einen treuen Freund, den man endlich gefunden hat, halte man in Ehren um ihn sich zu erhalten, auch wenn ein unvermuthetes Glück uns plötzlich über ihn erhebt. Wir dürfen uns dann seiner nicht schämen, wie wir auch von ihm, wenn er höher steht, dasselbe erwarten. Aber hüten muß man sich, ihm nicht lästig zu werden, sich nicht überall hinzudrängen, wo die Zwischenkunft eines dritten und wäre er auch der zuverlässigste Mensch, nicht erwünscht ist. Blind gegen die Tugenden anderer braucht man nicht zu sein, aber des Freundes Parthie muß man überall ergreifen, ohne deswegen die Gelegenheit zu versäumen, auch einem Dritten zu helfen und zu rathen. Fehler als Tugenden, Uebereilungen als besonnene Handlungen zu verfechten, wird Keiner vom Andern verlangen, eben <194, 211> so wenig leichtsinnige Opfer. Einen Freund blindlings vertheidigen, wo er Unrecht hat, heißt ihm mehr schaden, als nützen, man braucht deshalb noch nicht öffentlich gegen ihn aufzutreten, aber man stelle ihm unter vier Augen mit der Sprache des Ernstes und der Wahrheit, die Sache vor und suche ihn von seinem Irrthum zu überzeugen. Vor der Welt entschuldige man ihn wenigstens, wenn er angegriffen wird und wo man seinen Handlungen schlechte Motive unterlegt, suche man sie von einer bessern Seite zu erklären. Von Gefahren, die ihm drohen setze man den Freund mit Vorsicht und Klugheit in Kenntniß, ohne dabei den Verräther an Andern zu spielen und nie ohne triftige Gründe bloß auf einen Verdacht hin. Daß Freunde in der Noth sich selten bewähren, diese traurige Erfahrung hat man in dem Sprichwort ausgedrückt: Freunde in der Noth gehen hundert auf ein Loth. Wenn du Freundschaft geschlossen hast, so sei du einer der seltenen und scheue kein Opfer, natürlich mit der schuldigen Rücksicht auf die eigene Erhaltung deiner selbst und deiner Familie, gegen welche du natürliche Pflichten zu erfüllen hast und die auf dich unveräußerliche Rechte haben. Stelle aber deine Ansprüche nie eben so hoch, denn Täuschung thut zu weh und erbittert zu sehr. Man erwarte also weniger, als man selbst zu thun fähig wäre. Erkaltet dir ein Freund, weil du seiner Hülfe bedarfst, tröste dich darüber, entschuldige ihn so sehr du kannst, laß es ihn nicht merken, sei gleich liebevoll gegen ihn. Der Lohn kann nicht ausbleiben.

Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen du Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest, wenn du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an deine Freunde machen wolltest. Zuweilen ist der Fall da, daß wirk<194, 212>lich unsre Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsere Thorheiten verwickelt waren. Oft werden sie durch unsere widrige Lage so gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt sein sollen, wenn sie ein gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf, uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie werden aus Furcht, uns zu verlieren, thun, so lange wir von jedermann aufgesucht werden und unsere Freunde wählen konnten. Kein Grundsatz scheint mit edelmüthigen Gesinnungen so unvereinbar zu sein, als der, daß es ein Trost sei, Gefährten im Unglück zu haben, es ist wahrlich genug, selbst leiden zu müssen, und die Ueberzeugung zu haben, daß auch andere nicht weniger redliche Menschen, ebenfalls nicht frei sind vom Leiden.

Sollen wir die Summe dieser Unglücklichen noch dadurch vermehren, daß wir noch andere zwingen, auch unsere Last mitzutragen, die dadurch um nichts leichter wird? Man sage ja nicht, daß es Erleichterung gewähre sich von seinem Schmerz unterhalten zu können. Geschwätzigkeit dieser Art kann nur für altersschwache Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann tröstlich sein. Es können sehr oft Fälle eintreten, daß es Pflicht wird, den innigsten Freund mit der Mittheilung unsers Kummers zu verschonen, um ihm vor dem Schmerz der Mitempfindung zu bewahren. Auf der andern Seite erfordert aber das Vertrauen, welches wir ihm schuldig sind, auch in solchen Fällen Offenheit und Wahrheit.

Knigge giebt hier folgende Lehren: Klagt dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie könntest du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest du seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegen setzen, ihm wehe thun durch <194, 213> Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine Noth hätte verhüten können! Nein, bist du ein treuer, gefühlvoller Freund, so wirst du alles aufbieten, deinem Freunde Linderung oder Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichele ihnen nicht mit falschen Hoffnungen mit Erwartungen eines blinden Ungefährs, sondern hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind.

Aus dem Umgange mit Freunden, muß alle Verstellung verbannt sein. Da soll alle falsche Schaam, da soll aller Zwang, den Convenienz, übertriebene Gefälligkeit und Mißtrauen, im gemeinen Leben auflegen, wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter einigen Freunden herrschen. Allein man überlegt dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit sein würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt, oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß wenige Menschen, unter allen Umständen unverbrüchlich ein Geheimniß zu bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser Eigenthum sind, und endlich, daß es auch eigene Geheimnisse geben kann, die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf der Welt anvertrauen darf!

Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit, die das Leben süß macht. Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit in unschuldigen Dingen. Es giebt Menschen, deren Zuneigung man augenblicklich verloren hat, <194, 214> sobald man aufhört, ihnen Weihrauch zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Gewisse Seiten kann man gar nicht berühren, ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen, sind sie blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache, werden sie von Phantasie oder Leidenschaft irre geleitet, haben sie unanständige oder schädliche Gewohnheiten an sich, findet man in ihrer Art zu leben, und zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andere werden hierdurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren faulen Seelenschlummer befördern. -- „Wenn ich dich bitten darf,” sagen sie, „so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders handeln sollte, aber es würde einen schweren Kampf kosten, meine Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht, daß ich ernstlich darüber nachsinne.” -- Pfui! welche eine Feigheit und Verblendung! ein Mensch der einen festen Charaeter besitzt, und ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch dann wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert. Doch das Recht, <194, 215> welches die Freundschaft giebt, freimüthig zu tadeln und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit und liebevoller Schonung ausgeübt sein. Schon die Klugheit verbiet, den fehlendem Freund durch lange Straf=Predigten zu ermüden, und zu erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn seinem Temperamente, oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten steht.

Bleibe immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund deiner Freunde! sonst scheint es, als habest du nur aus Eigennutz, nur um den Genuß des Lebens zu erhöhen, dich an sie geschlossen. Halte die Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst du dich dessen Freund nennen, dem du nicht einmal einige Stunden deines Lebens in jedem Jahre weihen willst, und wie darfst du von demjenigen Freundschaft erwarten, den du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr weiß, ob du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst du in Monaten und Jahren das Bedürfniß nicht, dich schriftlich mit deinem Freunde zu unterhalten, so liegst du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit hindurch gar nicht gestimmt sei, seine Gedanken in Ordnung auf das Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen sein, und nur auf diese Weise kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen erträglich werden.

Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft, wie in der Liebe. Das zeugt <194, 216> mehr von einer selbstüchtigen, als von einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es dich, wenn auch andere Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der dir theuer ist; freuen soll es dich, wenn dein Liebling noch außer dir gute Seelen findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen deine Vorzüge, nicht undankbar gegen dich werden -- und würdest du denn dadurch mehr Werth in seinen Augen bekommen, daß du ihn von liebenswürdigigen Menschen zu entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für dich allein zu behalten?

Alles, was deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld und Bildung seiner Kinder -- das alles sei dir heilig, sei ein Gegenstand deiner Sorgfalt, deiner Theilahme und deiner Schonung! Auch deine heftigste Leidenschaft, deine unmäßigste Begierde müsse diese Unverletzlichkeit ehren!

Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag legen, sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung. Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äußern Freundschafts=Bezeigungen, sondern berurtheile seine Freunde nach der fortgesetzten immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit, welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei, beweisen! Leider <194, 217> aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen ihre Worte Orakelsprüche sind.

Oft weiß man nicht, soll man diejenigen, welche keinen Vertrauten ihres Herzens haben, beklagen oder beneiden. Es läßt sich in vielen Fällen schwer entscheiden, ob es nicht besser ist, nur sogenannte gute Freunde und Bekannte zu suchen, als wahrhaft vertraute Freunde. Klüger ist es wohl, aber doch weniger befriedigend; „es will der Mensch an etwas hangen” sagt schon das alte bekannte Lied. Irrungen können freilich auch unter denen entstehen, deren Herzen verbrüdert sind, ja gerade solche können so feindlich geschieden werden, daß sie sich in Haß gegenüberstehen, wie früher in Liebe, wenn Einer den Andern zu arg hintergangen und in seinen heiligsten Gefühlen verletzt hat. Dies zu verhüten ist Offenheit unter Freunden die erste Bedingung. Man erkläre sich gegenseitig, ehe es zum Aeußersten kommt und wird gewöhnlich noch ein Mittel finden den entstandenen Riß wieder auszufüllen. Wer aber, sei es nun mit oder ohne Verschulden von seiner Seite das traurige Geschick erfährt, seinen Freund aufgeben zu müssen, der handele nicht unedel. Wer einmal geliebt hat und gezwungen wurde dem Gegenstand seiner Neigung zu entsagen, soll ihn nicht hinterher verfolgen und hassen. Kann er dies, so hat er wahre Liebe nicht empfunden, dann war es vielleicht bloß sinnlicher Reiz; so auch bei der Freundschaft. Habe ich aus Seelendrang, aus Verkennung des Werthes und Characters in der Wahl des Freundes einen Irrthum begangen, den ich erst später einsehe und der mich zwingt die Bande, welche mich an ihn gefesselt haben, <194, 218> zu zerreißen, so nehme ich das als eine Lehre hin, ziehe mich still zurück und lasse Niemandem entgelten, wovon ich selber die Schuld trage. Darum spanne man seine Erwartungen lieber nicht zu hoch, man wird durch eine Täuschung dann weniger schmerzlich berührt werden. Man richte nicht zu streng, damit man nicht wieder gerichtet werde. Man mäkle nicht fortwährend am Freunde herum, wenn er auch nicht ganz so handelt, wie man es seinen Grundsätzen nach erwarten zu müssen glaubt.

Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze, womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unserer Freunde, unsrer Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heut mit einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein ärgerliches Märchen aufgehängt hat, denselben zu den verächtlichsten Betrüger herabwürdigen. Leute, die einen vieljährigen geprüften Freund, auf Angabe des niederträchtigen, unwürdigen Pöbels, einer ihm schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige, elenden und feige Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich, man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter edler Mann keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sei, edel und schlecht zugleich zu sein.

Wenn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubi<194, 219>ges Herz sich in einem solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsere Vertraulichkeit gemißbraucht uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so hört er auf unser Freund zu sein; ich meine aber, er behält doch nicht mehr oder nicht weniger Recht auf unsere Duldung, als jeder andere uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich sein zu wollen, ihren Theil hat, wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige, was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke, daß überhaupt das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der Mann uns betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als gegen jeden andern Schelm, der andere Menschen und überhaupt die Tugend betrügt.

Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, mit den Fürsten und hochgestellten Personen, ließe sich ein ganz eigenes Buch schreiben, besonders nach den jetzt allgemeinen zum Bewußtsein gekommenen Ansichten über den Unterschied der Stände, und über die Verschiedenheit der Rechte und Berechtigungen, welche der von Geburt Bevorzugte vor Andern hat. Knigge characterisirt sehr richtig und mit unsern Ansichten übereinstimmend, wenn er sagt: „Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten, alle sehr vornehmen und alle sehr reichen Leute hätten die Fehler mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein <194, 220> man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bei den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch Andere und sich selbst verzärtelt, da ihre Lage sie über Mangel und Bedürfniß mancher Art hinaussetzt; da sie selten in Verlegenheit oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ein Mensch dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein zu tragen -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig, Andere zu schonen, damit man einst zu ihnen seine Zuflucht nehmen kann. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man sie aus Furcht oder Hoffnung die widrigen Eindrücke, welche ihre Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt zu herrschen und zu regieren, die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen und ihren Phantasieen zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen edlen Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung alle Privat=Tugenden verbindet -- und es giebt deren selbst unter Fürsten -- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edlen, Großen und Schönen gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so <194, 221> erbärmlich war. Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen. Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft sein, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen lassen, darf nicht freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so wie die feinen Charaktere das Verhältniß, daher ich alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen und den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage anwendbar ist. Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe dich den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn du nicht von ihnen verachtet werden willst. Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für dich und Andere, wenn sie deiner nicht überdrüssig werden, wenn sie dich nicht fliehen sollen! Laß dich vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache dich selten, doch dies Alles, ohne daß deine Absicht merklich, ohne daß dein Betragen gezwungen scheine. Suche nicht, dir das Ansehen zu geben, als gehörtest du zu der Klasse der Vornehmeren, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster Vertraulichkeit! Rühme dich nicht ihrer Freundschaft, ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch deines Uebergewichts über sie! Wenn eine solche Verbindung dir ein Glück zu sein scheint, so erfreue dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es giebt Menschen, die durchaus dafür angesehen sein wollen, eine größere Figur in der Welt zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu Theil geworden ist. Sie führen auf Kosten ihres Geldbeutels den Luxus der Vornehmen und Reichen <194, 222> in ihre Häuser, oder drängen sich in deren Zirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher laufen müssen und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreicheren und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen und treue Freunde und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei ihnen hat, Alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der Großen und fühle sich nicht durch ein Lächeln auf den Gipfel der Glückseligkeit gehoben, wer weiß, welchen Grund dieses Lächeln hat? Der Gnädige fühlt vielleicht gar nichts bei seiner Freundlichkeit, er wechselt die Mienen wie Andere die Kleider.” Deshalb lasse man sich ja nicht verleiten, ermuthigt durch ein solches Zeichen der Gnade, mehr zu wagen, als die natürlichen Schranken erlauben und nicht immer in gemessener Ferne zu bleiben. Es kommt wohl eine Zeit, wo derselbe alle seine Standesvorrechte und seinen Stolz wieder hervorholt und den Allzukühnen höhnend auf die Stelle zurückwirft, die er früher einnahm. Man hüte sich, wie vor großer Vertraulichkeit, auch mehr noch vor irgend einer Handlung, die mit der wahren Ehre unverträglich ist. Man schmeichle nie den Creaturen der Fürsten, selbst dann nicht, wenn sie den Weg zum Glück anbahnen können. Denn es kommt die Zeit ihres Falles, der dann jedenfalls auch den mit hinabzieht, der sich ihrer Hülfe bedient hatte. Unedle Geschäfte, die dir ein Großer vielleicht ansinnt, weise ehrerbietig aber entschieden zurück und zeige, daß dir Tugend höher steht, <194, 223> als Gunst, sie ist mit dem Opfer eines ruhigen Gewissens zu theuer erkauft. In gefährliche Händel lasse man sich nie von den Großen verwickeln, sie ziehen sich heraus und lassen die Andern stecken und büßen, auf ihre Dankbarkeit ist wenig zu rechnen; sie fühlen kaum den Werth einer That, die nicht ohne Ueberwindung, nicht ohne Mühe, Verlust und Anstrengung geschah, sie nehmen gewöhnlich Alles als schuldigen Tribut hin. Wer ihnen etwas schenkt, ist ein Thor, sie denken, das muß so sein, wer ihnen borgt, wird von ihnen gewöhnlich für einen Wucherer gehalten, und hat Mühe, das Seinige wieder zu erhalten. Wer aber von ihnen borgt, der bleibt dann für immer ihr Sclave.

Ein nur zu treues Beispiel einer falschen, unwürdigen Stellung zu einem Fürsten bietet Lessing' s Trauerspiel „Emilia Galotti” in dem Verhältniß Marinelli' s zum Prinzen. Wer dieses in seiner ganzen Schändlichkeit und Wahrheit erkannt hat, der findet darin Grund genug, vor der Tiefe des sittlichen Abgrundes zurückzuschaudern, an welchen dieses Verhältniß bringen kann.

Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu nichtigen und wollüstigen Freuden. Bestärke die Großen nicht in den Grundsätzen von angeborenen Vorzügen von Herrscher=Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht die Wahrheit! Selbst die bittere Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu erlangen. Sei freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen, und ohne dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm dich der verkannten Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hofränke verschwärzten Ehrenmannes an, doch mit kluger Vorsicht, ohne seine <194, 224> Feinde dadurch noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf seine Lage und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet, die Wünsche, den guten Ruf und billigen Gesuche derer, die zu schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die verkannt, oder von geringem Stande sind, um sich den Palästen zu nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie Alles zum Vortheile ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch diese Wirkungen nicht sichtbar werden.

Diesen Umgangsregeln fügen wir noch einige aus der großen Zahl, welche Knigge über diese Materie gesammelt hat, und die man am besten in seinem ausführlichen Werke selbst nachlesen kann, hinzu. Sie bilden das eilfte bis dreizehnte Kapitel des dritten Bandes:

In den Herzen der mehrsten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten besucht. Es herrschen da immer Par<194, 225>theien und Kabalen, in welche ein wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird. Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.

Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von deinen häuslichen Umständen, von Dingen, die nur persönlich dich und deine Familie angehen! Klage ihnen nicht dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den Kummer deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei, haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen Langeweile; deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln -- und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von Jugend auf glauben sie, Jedermann mache Pläne auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, Anderer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja, man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unseres Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir als Fremde, als unabhängige Menschen, Niemand im Wege stehen, Niemand verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man an, uns zu richten, wenn wir unsere Vorzüge im Staate geltend machen und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worin sich so gern die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie <194, 226> erkennen, daß man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dies zeigt, ohne sich dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsere Hülfe, unsere Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und äußere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsere größere Weisheit, unsere Festigkeit und Geradheit ihnen Ehrerbietung einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- einen solchen Mann schonen sie sorgfältig. --

Hüte dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar in Gegenwart Anderer merken zu lassen, daß du dir bewußt bist, ihn zu übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen, aber er muß es nur allein zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als du. Gern mögen sie dir deine bessern Einsichten, gleichsam als prüften sie dich, abfragen, sich zu eigen machen, dir nach Gelegenheit deine eigene Waare wieder verkaufen; doch wehe dir, wenn du das rügst, wenn du nur einmal thust, als merktest du es; oder gar, wenn du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie werden sie dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von dir fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande sein würden, damit sie Gelegenheit haben, dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.

Der Unterhaltungston in der großen Welt verdient in Hinsicht seiner Eigenthümlichkeit und seines Wesens eine nähere Beachtung. Man kann als richtig annehmen, daß man sich denselben zwar anzueignen, ihn aber nie lieb zu gewinnen vermag. Denn im Allgemeinen findet die Klage, daß er steif, abgemessen, ge<194, 227>zwungen und nicht wahr sei, Statt. Man muß sich erst daran gewöhnen, denselben nicht unausstehlich zu finden, und ihn mit den einmal gegebenen Verhältnissen zu entschuldigen. Es scheint, als ob es diesem großen Tone gänzlich an Wesenhaftigkeit fehle. Er kommt selten auf Kern der Sache, obschon die Unterhaltung in hohen und höchsten Kreisen Alles in ihr Gebiet zieht. Das Neue, Ungewöhnliche, Spannende, Pikante, die Chronik scandaleuse sind Hauptthemata. Man giebt auch dem Unbedeutendsten den Schein der Wichtigkeit, und das Wichtige behandelt man nicht selten mit herablassender, auch wohl satyrischer Geringschätzung. Leider ist das Letztere sehr oft in der Umgebung der Fürsten Mode. Gewandte Hofmänner suchen die Aufmerksamkeit des Herrn von bedeutungsvollen Ereignissen, von folgereichen Begebenheiten, die ihren Ursprung nicht in der Sphäre des Hofes, sondern in der Mitte des Volkes haben, abzulenken, indem sie die Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit derselben zu beweisen streben. Man thut so etwas ab und legt es bei Seite. Wenn aber eine beliebte Tänzerin den Fuß verstaucht, oder ein Sänger heiser wird, das Pferd eines Junkers gestürzt, oder eine Karrikatur auf einen beneideten Günstling des Glücks erschienen ist, da sind sie gleich bei der Hand, da ist es, als ob die Geschicke der Welt davon abhingen. Das Ernsthafte wird selten ernst behandelt, bis sich der Ernst durch gewaltsame Explosionen Luft macht, und die Augen, die ihn zu sehen entwöhnt sind, plötzlich mit Gewalt aufgethan werden. Hoffentlich kommt bald die Zeit, und mir scheint, wir stehen schon an der Schwelle derselben, wo die Großen der Erde ihr Auge, Ohr und Herz den Mahnungen ernster Art nicht mehr verschließen werden.

Es können ernste Augenblicke kommen, in denen es Pflicht wird, den Fürsten mit Freimuth zu sagen und <194, 228> sie zu erinnern, daß sie, was sie sind und was sie haben, auch durch Uebereinkunft und Willen des Volkes sind und haben, nicht bloß durch Erbschaft. Daß man ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon machen, daß Gut und Leben ihrer Unterthanen nicht ihr Eigenthum, sondern vielmehr, daß Alles, was sie besitzen, Eigenthum des Volkes ist, an dessen Spitze sie der Himmel gestellt hat, weil daraus alle ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigt werden, weil Rang, Ehre und Sicherheit des Fürsten und auch ihre Vergnügungen darin ihre Quelle haben, die, wenn sie versiegt, mit einem Male der Herrlichkeit ein Ende machen würde. Man erinnere sie daran, daß in den Zeiten der Aufklärung und der richtigen Begriffe von Menschenrechten und Volksrechten fast Niemand mehr darauf schwört, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen Nation ein angeerbtes Recht haben könnte, nach Willkür über Millionen gute, weise und edle Menschen zu schalten, daß dieser Eine aber ohne Schutz und Trabanten ruhig schlafen könne, wenn er sich die Liebe seines Volkes erworben hat und den hohen Beruf, nur für das Wohl des Vaterlandes zu sorgen, wohl verstanden und treulich geübt hat. -- Augenblicke zu solchen Wahrheiten mögen allerdings sehr selten sein, und wenn sie erscheinen, müssen sie mit Vorsicht und Klugheit benutzt werden; denn nicht immer sind die Ohren der Fürsten bereit, die Wahrheit zu vernehmen und nicht in jeder Form und Ausdrucksweise, wie sich das ja von selbst versteht.

Andere Regeln für den Umgang mit den Herren der Erde sind: Ueber alle Geschäfte, die der von Fürsten aufgetragen werden, führe genaue Rechnung und Controlle, damit du die Rechtmäßigkeit deiner Schritte zu jeder Zeit gegen Verläumder und Ankläger beweisen kannst. Ohne Auftrag übernimm kein Geschäft, <194, 229> was zu deinem Amte nicht gehört. Schon Göthe sagt: der Mensch thut lieber mehr als seine Pflicht, als nur seine Pflicht, und bezeichnet dadurch die Lust Vieler, sich in Dinge zu mischen, welche ihn nichts angehen. Vermeide es, durch langweiligen trocknen Vortrag ihnen die Geschäfte noch unangenehmer zu machen, als sie es ihnen in der Regel schon sind. Wer eines Fürsten Günstling ist, muß um so vorsichtiger und strenger gegen sich selber sein und nichts auf Rechnung dieser Gunst thun. Er spreche nie von Geschäften und Beziehungen zum Fürsten in Anderer Gegenwart, damit es unmöglich werde, ihm in die Karten zu sehen. Sei sparsam und vorsichtig mit Empfehlungen Anderer und vermeide es, sie zu protegiren, und nur in billigen Dingen bevorworte deine Freunde, überhaupt nur da, wo du es von Gott und Rechtswegen verantworten kannst.

Unwandelbare Treue in Glück und Noth gegen den Fürsten ist die erste und heiligste Pflicht. Wenn das Schicksal über ihn hereinbricht, so schlage dich nicht zur Parthei seiner Feinde. Das thun nur Verräther. Auch andere Große verfolge nicht nach ihrem Sturze, wenn du vorher in ihrer Nähe gelebt und Gutes von ihnen genossen hast; aber auch dann, wenn du von ihnen bedrückt und mit Ungerechtigkeiten gekränkt warst, nimm keine unedle Rache an ihnen. Sie sind durch ihren Fall gestraft genug.

Im Umgang der Großen und Reichen unter sich selbst liegt oft die Quelle großer Verderbniß. Die Kleineren beeifern sich, es den Größeren nach= oder gar vorzuthun, und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche wieder von den unter ihnen Stehenden nachgeahmt werden. Unser Autor, dem wir bei dieser Darstellung meist folgen, erzählt davon mehrere Beispiele. Man fange z. B. an, ein Concert, eine Soiree bei sich zu geben, welches dann der Reihe nach in an<194, 230>dern Cirkeln sich wiederholen soll. Der Erste, bei welchem sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und kalte Küche vorsetzen, der Zweite fügt einen Punsch hinzu, und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei ausgeartet. Unter verständigen Leuten sollte man dergleichen nicht vermuthen. Gerade die Vornehmen sollten den Niederen Beispiele geben von Ordnung, Einfachheit, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung etc. Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen an diesen Nebendingen hängen, und keiner besseren, edleren Regung fähig seien, daß sie keine höheren Genüsse kennen, als die sinnlichen.

Der Umgang mit Leuten von geringerem Stande erfordert nicht weniger Klugheit und Umsicht, als der mit den Großen, und führt leicht zu ganz falschen Maaßnahmen.

Wir lassen hier einige von den hauptsächlichsten Regeln, die man im Betragen gegen Niedere zu beobachten hat, folgen: Man sei höflich und freundlich gegen sie und ehre das wahre Verdienst und den ächten Menschenwerth auch in ihnen, und sei nicht blos herablassend gegen sie, wenn man ihrer bedarf, hochmüthig dagegen, wenn man ihrer entbehren kann. In Gegenwart Vornehmer ignorire man nicht diejenigen, mit denen man freundlich umgeht, oder die man sogar unter vier Augen mit Vertraulichkeit behandelt, um sich nicht den Vorwurf zuzuziehen, vor der Welt den zu vernachlässigen, der seines moralischen Werthes wegen Anspruch auf unsere Achtung hat, obgleich er weder Titel, Orden, noch Vermögen aufweisen kann. Leutseligkeit gegen Niedere blos in der Absicht sich den Schein der Liberalität zu geben, ist ein Zeichen von Eigennutz, und läßt vermuthen, daß man es nicht ehrlich meint. Mit Leuten von geringer Bildung blos <194, 231> deswegen umzngehen, um unter ihnen als ein Gegenstand der Bewunderung und des Respekts zu gelten, ist ein Zeugniß von nichtiger Eitelkeit und Eigenliebe. Die Herablassung habe ihre Quelle in reiner, redlicher Absicht und in dem richtigen Begriff vom Adel des Menschenthums überhaupt, welcher sich nicht an Geburt und zufällige Verhältnisse bindet, sondern in dem Gemüth und in der Sittlichkeit seinen Grund und seine Berechtigung hat. Die Höflichkeit sei aber nicht übertrieben und in gemessenen Schranken, weil sonst der Geringere fühlt, daß sie ihren Grund entweder in einem Mangel an Verstand hat, oder daß er verspottet werde, oder auch, daß es ein Beweis von Falschheit ist, und die Absicht dahinter liege, ihn mißbrauchen zu wollen. Es giebt eine Art von Höflichkeit, die für den Geringeren wahrhaft ehrenkränkend ist, weil es ihm klar wird, daß man ihm damit nur ein mildthätiges Almosen darreicht. Noch eine andere Art von Höflichkeit, welche man mit Recht abgeschmackt nennen kann, ist die, welche eine Sprache redet, die ein Mensch von geringer Bildung gar nicht verstehen kann, oder an die er nicht gewöhnt ist; denn das eben ist die große Kunst des Umganges, den Ton der jedesmaligen Gesellschaft, in der man sich befindet, richtig zu treffen. Sei großmüthig und billig, und laß es daher den Geringen in deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er dich, so lange dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht. Denke, daß solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz han<194, 232>deln, den die Geschliffeneren nur künstlich verbergen. -- Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Cultur und Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte zu überspannen und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen. Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes, als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes ist die, welche uns lehrt, mit unserer Lage zufrieden und in unseren Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig zu sein. Alles Uebrige ist Thorheit und führt zum Verderben.

Begegne deinen Untergebenen liebreich, ohne deinem Ansehen bei ihnen etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren Vorgesetzten unentbehrlich machen, und verächtlich wird der Chef eines Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich Alles muß gefallen lassen, was dieser gut findet, vorzunehmen oder zurückzulegen.

Es ist nun einmal der Welt Lauf, daß ein großer Theil der Menschen in einem dienstbaren Verhältniß stehen müssen, und daß oft der Bessere und Edlere dem Minderguten gehorchen muß. Recht und Billigkeit gebieten nun denen das Leben mögkichst leicht zu machen, welche das Schicksal zum Dienen bestimmt hat. Menschenfreundlichkeit ist die erste Pflicht gegen den Untergebenen. Der Grund für die Erscheinung, <194, 233> daß wahrhaft große Gesinnungen und Gefühle das Erbtheil einer verhältnißmäßig nur unbeträchtlichen Anzahl von Menschen zu sein scheinen, ist weniger in den natürlichen Anlagen, als in der Art der Erziehung und in unseren durch Luxus und Ueberfeinerung verderbten geselligen Zuständen zu suchen. Denn durch letzteren wird eine übergroße Menge von Bedürfnissen erzeugt, die einen von dem andern abhängig machen. Das unaufhörliche Haschen nach Erwerb und Verdienst zwingt viele zum Kriechen und Betteln, und bringt sie dadurch um den Genuß ihrer Freiheit und Selbständigkeit. Man glaube aber nicht, daß das Verhältniß der Dienstbarkeit unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung und blind gegen den wahren Menschen werth mache. Man darf also weder auf die Zuneigung noch auf die freiwillige Folgsamkeit der Untergebenen rechnen, sobald diese selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser und geschickter als ihre Dienstherrschaft sind, und daß Letztere sie mehr bedarf, als sie ihrer, oder wenn sie für wesentliche Dienste schlecht belohnt, und die Schmeichler unter ihnen den Geraden und Aufrichtigen vorzieht, wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den jeder haßt oder verachtet. Das Bild eines Herrn, wie er nicht sein soll, vervollständigt uns Knigge, indem er eine Menge Fälle aufzählt, in welchen die Herrschaft weder auf Achtung noch Treue des Dieners zu rechnen hat. Diese treten ein, wenn du mehr von ihnen verlangst, als du selbst in ihrer Stelle würdest leisten können, wenn du dich weder um ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst, ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln oder dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben können; wenn du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand, sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden, <194, 234> wenn du ihnen wenig Ruhe und Schlaf erlaubest, wenn sie, indeß du schwelgst, in rauher Jahreszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter bloßgestellt, auf dich voll tödtender Langeweile warten müssen, wenn dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von dir gewinnen können! -- Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit in unseren Handlungen zu zeigen, das ist so wie überhaupt das sicherste Mittel uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondere geschickt uns der Ehrerbietung derer zu versichern, die von uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen und gegen welche wir uns schwerlich lange verstellen können.

Klassifizierung: 398.9 SprichwörterDDC-Icon Ein Sprüchwort sagt, wie der Herr so der Knecht. Dieses Sprüchwort ist in mehr als einer Beziehung leicht als ein wahres Wort zu erweisen. Ist es nicht erklärlich, daß ein Herr, welcher sich einen Diener wählt, zunächst darauf sehen wird, daß der Gewählte zu ihm passe, daß er in seine Launen einzugehen wisse, seine Eigenheiten, sein Benehmen gegen Fremde oder gegen die Mitglieder der Familie in so weit annehme, als er in vielen Fällen sein Organ sein muß. Ein kluger Diener wird seinerseits sich bald zu accomodiren wissen und bald erkennen, wie der herrschende Ton des Hauses ist. Je länger er bei einer Herrschaft ist, je besser wird das Sprüchwort zutreffen. Ist der Herr ein Windbeutel, so ist fünf gegen eins zu wetten, daß der Diener als ein Prahlhans und Aufschneider erscheinen wird, bescheidene Herrschaften haben in der Regel höfliches Gesinde, hochfahrende dagegen grobe Flegel, die wo möglich ihre Herren noch an Brutalität überbieten. Ist die Herrschaft fromm und gottesfürchtig, so wird auch die Dienerschaft we<194, 235>nigstens den Schein derselben annehmen oder doch nur kurze Zeit aushalten; unmoralische Wirthschaft in der Familie des Hausherrn erzieht ein lüderliches Gesinde. Nirgend wirkt ein gutes Beispiel mächtiger als gerade in diesem Verhältnisse. Freundlichkeit und Herablassung gegen die Dienenden darf aber nie so weit gehen, sie zu Vertrauten von Familiengeheimnissen, oder zu Theilnehmern an Genüssen, die ihnen ihrem Stande nach fremd bleiben würden, oder zu Mitwissern geheimer Fehltritte zu machen. Man darf ihnen nie mehr Gewalt einräumen, als ihnen zukommt, auch ihnen keine lockende Gelegenheit zu leichtem Betrug durch allzugroßes Vertrauen, durch Ueberlassung von Kassen oder Vorräthen bieten. Die Schuld eines Vergeheus fällt dann streng genommen auf die Herrschaft zurück; denn in der Regel ist die Erziehung der Leute nicht von der Art gewesen, daß sie sittlich so gerüstet und gewappnet gegen alle Versuchungen sein könnten.

Unter hundert Menschen findet man kaum einen, der einen gewissen Grad von Vertraulichkeit zu würdigen und zu vertragen weiß, und der nicht Mißbrauch von der Nachsicht macht. Daher paare sich mit der Nachsicht der Ernst, eine ruhige Consequenz, ein gesetztes, wenn auch nicht kaltes Benehmen, strenge Pünktlichkeit, Entschiedenheit in Befehlen oder Aufträgen; theilnehmende Güte, wenn der Dienende etwas erbittet, sei es ein unschuldiges Vergnügen, sei es sonst eine Vergünstigung, weise Ueberlegung im Zutheilen der Arbeit. Man verschone ihn mit unnöthiger und überhäufe ihn nicht mit unmöglichen; deshalb braucht er nicht müßig zu gehen. Laß Arbeit mit nützlicher, nicht anstrengender, sondern wo möglich bildender Beschäftigung abwechseln. Wo sich Gelegenheit bietet, ihnen ein anderweitiges besseres Fortkommen, eine geeignete Stellung zu verschaffen, <194, 236> da sei deinen Dienstuntergebenen mit Rath und That behülflich vorausgesetzt, daß sie eine Verbesserung ihrer Lage verdient haben. Schlechte Dienstboten, in denen man aber noch nicht den Keim alles Guten erstickt weiß, suche man durch ernste und liebevolle Zurechtweisung auf den bessern Weg zu bringen. Eine Herrschaft vermag in dieser Beziehung ungemein viel. Will und kann man einen solchen nicht bei sich behalten, so schneide man ihm nicht jeden Weg zur Umkehr durch Ausstellung eines durchaus tadelnden Zeugnisses ab. Man braucht die Wahrheit nicht zu verschweigen, man spreche aber die Hoffnung aus, daß die gemachte Erfahrung wohl beitragen werde, durch einen neuen Lebenswandel die Fehler der Vergangenheit in Vergessenheit zu bringen. Man stärke sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf seine eigne sittliche Kraft, man lasse keine Gelegenheit, wo er sich brav gehalten hat, vorübergehen, ohne es gebührend anzuerkennen. -- Man erwecke sein Ehrgefühl, man gebe ihm Anlaß zur Dankbarkeit für Nachsicht und man wird oft Wunder an solchen Menschen erleben.

Unsere feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse, dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth, alle Würde genommen. Hausvaters Rechte und Hausvaters Freuden sind größtententheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die man nach Gefallen abschaffen, so wie sie uns verlassen können, sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt, daß wir außer den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen, kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie aus ihren, gewöhnlich sehr <194, 237> schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns hervorkriechen. Diese lose, auf eine ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung, trennt das Interesse beider Theile, daß doch ein gemeinschaftliches sein sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: Der Herr sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; was im Alter aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen Nothpfennig zurückzulegen. Welchen Einfluß dies auf Sittlichkeit, auf Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man in jetzigen Zeiten noch Solche, die als Väter und Lehrer derer, die ihnen dienen, sichs zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen, durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges Schicksal besorgt zu sein? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen und gehörig zu nützen wissen, allein was hindert uns, das Gesinde selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenlang, wie die Kinder unserer Familie, bei uns zu behalten, und ihr Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unseres Vermögens, zu verbessern. Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer solchen Unternehmung, vielfältig mißlingt es, unsere Arbeit belohnt sich nicht, wird nicht erkannt, die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen an, sich zu fühlen, und entziehen sich unserer väterlichen Zucht. Allein oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung <194, 238> daran Schuld, und nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen eine ganz andere Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück zu bauen, oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in der Folge uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter einem Herrn und einem Hausvater erfahren, und richtige Begriffe von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren, die verloren zu sein scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung äußern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß für Andere zu pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die man selbst genießt.

Mit der Pflicht sein Gesinde zur Ordnung anzuhalten, ist zugleich die Rücksicht zu verbinden, sich nicht durch Hitze verleiten zu lassen, und die Dienstboten mit Schimpfworten, wohl gar mit Schlägen zu behandeln. Nie wird ein vernünftiger Mann den mißhandeln, der sich nicht wehren kann. Auch ist es wohl eigentlich nicht zu entschuldigen, wenn nicht grobe Fahrlässigkeit zum Grnnde liegt, ihnen von dem ohnehin kärglichen Lohne Abzüge für etwa angerichten kleinen Schaden zu machen Gegen fremde Bedienten sei man höflich, denn sie sind im Verhältniß zu uns nicht dienstpflichtig und lassen eine Grobheit gegen sie oft <194, 239> durch Anwendung des Einflusses, den sie auf ihre Herrschaft üben, schwer entgelten.

Die Pflichten des Dienenden selbst im Umgang mit seiner Herrschaft sind in folgenden kürzen Regeln etwa zusammen zu fassen. Treue Erfüllung derjenigen Pflichten und Arbeiten, welche er beim Antritt des Dienstes übernommen hat, ist die erste Bedingung; er thue darin lieber zu viel als zu wenig; den Vortheil seines Herrn, sehe er wie seinen eigenen an. Er handle immer so offen und ehrlich und mit solcher Ordnung, daß es ihm nie schwer fallen kann, Rochenschaft abzulegen, er mißbrauche nie das Zutrauen und die Vertraulichkeit seines Herrn; er decke nie die Fehler dessen auf, dessen Brod er ißt, er lasse sich nicht verleiten, weder im Scherze noch im Unwillen, die Grenzen der Ehrerbietung zu überschreiten, die er dem schuldig ist, dem das Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne, ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern daß dieser seinen Werth als den eines Menschen fühle, und wenn er einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende Außenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege, daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn zu dienen, so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen, geduldig ohne Geschwätz und ohne Murren die lieblose Behandlung, so lange er sich dieser Behandlung nicht entziehen kann. Kann er aber, so trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was <194, 240> ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung, aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre eine öffentliche und gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge kühn und fest, voll Zuversicht auf die Gerechtigkeit seiner Sache, auf Gottes und der Menschen Gerechtigkeit hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu reiten, wenn auch der stärkere Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!

Zu unsern nächsten Umgebungen gehören außer unserer Familie auch die Hausgenossen, die Nachbaren. In großen Residenzen kommt es wohl häufiger vor, daß man die Mitbewohner eines Hauses gar nicht kennt. Jeder kümmert sich nur um sich selbst, um seine Familie, um seine Freunde, die ganze übrige Welt ist für ihn nicht vorhanden. Er correspondirt mit den entferntesten Orten der Erde, nur nicht mit seinen Wandnachbarn, mit seinen Hausgenossen. -- Der Reiche sendet große Summen zu wohlthätigen Zwecken meilenweit und neben ihm verhugert und verkümmert eine Familie im Elende. Das ist so der Lauf der Welt, namentlich der großen Welt, und doch sollte er es nicht sein. In kleinern Städten, im Mittelstande und bei geringen Leuten ist es anders. Da kennt man die Verhältnisse aller Familien, da bilden alle zusammen fast eine große Familie, da ist man mit Rath und That zur Hand, wie es sich gebührt und wie es auch natürlich zu sein scheint. Der nachbarliche Umgang gewährt manche Freude, manchen Genuß. Man fühlt sich unter freundlichen friedfertigen Hausgenossen heimischer, sicherer, man ist nicht verlassen, vereinsamt. Aufdrängen wird man sich freilich Niemandem, sobald man sieht, daß er den Umgang nicht wünscht, auch in keines Angelegenheiten <194, 241> sich unaufgefordert mischen, seine Verhältnisse auszukundschaften suchen und sich dazu des Mittels zu bedienen, die Dienstleute, die Kinder etc. auszuhorchen. Wer sich dieses zu Schulden kommen läßt, der ladet mit Recht den Verdacht Unerlaubtes im Schilde zu führen, auf sich und wird gemieden und mit mißtrauischen Blicken angesehen werden. Schlimmer noch ist es Klatschereien zu veranlassen und dadurch den Hausfrieden, das Glück der Familien, den guten Namen oder die Existenz zu gefährden.

Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man denen schuldig ist, mit welchen man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man deswegen nicht versäumen soll. -- Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen, spätes Thür=Zuschlagen im Hause vermeide. Andern nicht in die Fenster gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte etc.

Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden, und es sei bei Bestimmung der Mieths=Summe schon auf die Abnutzung und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dies wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilligerweise etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt, und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünklich im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.

<194, 242>

Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse entstehen, so thut man wohl die Erläuterung zu beschleunigen, denn nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben, gegen die man einen Widerwillen hegt.

Aus den Principien der Dankbarkeit, einer der heiligsten Tugenden, erklärt sich das Verhältuiß zwischen Wohlthätern und Empfängern der Wohlthat. Mit einem schlechthin ausgesprochenen Dank ist es natürlich nicht abgethan; erst der Dank mit Thaten ist der rechte. Wie soll man sich aber verhalten, wenn es nicht möglich ist, dem Wohlthäter durch irgend eine That zu vergelten, wenn er zu hoch steht, als daß man ihn nützlich werden könnte? Dann muß wenigstens im ganzen Benehmen und Betragen dieser Dank ausgesprochen sein. Nicht nach der Größe der Wohlthat und des materiellen Vortheils, welchen man daraus gezogen hat, ist die Dankbarkeit abzumessen, sondern nach dem guten Willen, der dabei gezeigt wurde. Höre auch dann nicht auf dankbar zu sein, wenn Unfälle den Wohlthäter heimgesucht haben und er nun nicht mehr im Stande ist ferner Gutes an dir zu thun oder wenn du seiner nicht mehr bedarfst. Durch Schmeichelei sich Wohlthaten zu erschleichen, ist niederträchtig, sich dafür zum Sclaven machen, unmännlich. Wo Pflicht und Rechtschaffenheit es fordern, da darf man auch gegen Wohlthäter nicht schweigen, denn sonst nimmt die Wohlthat den Schein der Bestechung an. Durch treue Erfüllung der Freundespflichten, von denen wir oben gesprochen haben, bezahlt man die Wohlthat am besten.

Schlimm und schmerzlich ist es, den später von einer schlechten Seite kennen zu lernen, von dem man früher Wohlthaten empfangen hat. Man kann nichts <194, 243> Besseres in diesem Falle thun, als ihn mit möglichster Schonung zu behandeln, so weit sich dies mit Rechtlichkeit und Wahrheitsliebe vertragen will und so weit es sich nicht um wirkliche Verbrechen handelt, gegen welche jede Rücksicht aufhören muß. Die Art, wie man Wohlthaten ausübt, ist in vielen Fällen höher anzurechnen als die Wohltheit selbst, man kann dadurch den Werth der Gabe erhöhen, im Gegentheil aber auch ihr allen Werth nehmen. Es ist eine Kunst, die nicht alle Menschen zu üben fähig sind und die ein edles, gefühlvolles Herz fordert. Derjenige, welcher zur rechten Zeit und mit Freuden giebt, giebt doppelt Geben ist seliger denn Nehmen, heißt es in der Schrift; doch hüte man sich vor Verschwendung der Wohlthaten: zu gut ist liederlich, sagt das Sprüchwort, Dringe niemanden deine Dienste auf, rechne nicht darauf, daß sie belohnt und anerkannt werden. Wem du Gutes erwiesen hast, mit dem gehe doppelt schonend um und laß es ihn nie merken, daß du dich noch deiner That erinnerst. Es ist oft edler gehandelt keinen Gegendienst anzunehmen, wie es unter gewissen Umständen wiedernm hart wäre, ihn zurückweisen und nicht jede Gelegenheit ihm in die Hand zu geben, die Wohlthat wett zu machen. Wer um Rath, Hülfe und Wohlthat bittet, dem schenke man freundlich Gehör, lasse ihn ausreden, seine Sache vorstellen, ohne ihn zu unterbrechen und wenn man kann so helfe man. Laß ihn wenigstens nicht ohne Trost und nicht ohne die Gewißheit gehen, daß er ein theilnehmendes Herz gefunden. Zu den größten Wohlthaten gehört Lehre, Unterricht und Bildung. Wer dazu bei einem anderen Menschen beigetragen hat, der darf gerechte Ansprüche auf dessen Dankbarkeit machen, denn es sind nicht irdische sondern ewige Güter, um welche er ihn bereichert hat.

<194, 244>

Solche Wohlthäter sind nun zunächst unsre Eltern, Erzieher und Lehrer. Die Dankbarkeit gegen sie ist so natürlich, daß jeder Mangel daran als ein unverzeihliches Vergehen betrachtet werden muß. Selbst dann, wenn wir bei späteren Fortschritten, bei reiferen Nachdenken finden sollten, daß die Lehre, die wir erhielten, mangelhaft war, soll das doch nicht das Gefühl der Erkenntlichkeit aus unserm Herzen verdrängen. Wenn man die Schwierigkeit des Erziehungsgeschäfts in' s Auge faßt, wenn man vielleicht selbst einmal die Erfahrung gemacht hat, so wird man erkennen, wie so undankbar es ist, wie so wenig wahre Freude daraus erwächst und mit welcher Mühe es verknüpft ist. Man betrachte nur einmal einen Lehrer auf dem Lande mit seiner kärglichen Besoldung! Mit welchen Sorgen hat er zu kämpfen, welche Demüthigungen zu ertragen, wie wenige freie Stunden sind ihm gegönnt. Er muß wohl gar noch sein Bischen Land selbst bestellen helfen und doch ist er oft wichtiger und nützlicher dem Staate als ein Minister, der in Fülle und Ueppigkeit lebt. Für alle Mühsale muß den Lehrer doch Eines entschädigen und dies ist die allgemeine Achtung, mit der ihm alle Gebildeten entgegen kommen müssen. Es ist eine Schande, daß es immer noch Fälle giebt, wo man den Lehrer aber nicht viel besser als einen Dienstboten behandeln sieht, namentlich die Hauslehrer in vornehmen Familien. Das Theuerste, was eine Famile hat, die Kinder, ihr geistiges Wohl, ihre ganze Zukunft legt ein solcher Großer in die Hände des Mannes und weiß ihn doch selbst so wenig zu schätzen und zu ehren, daß er ihn wie einen Diener nur mit gnädiger Herablassung behandelt. Wer dies thut, zeigt deutlich, daß ihm das Wohl und Gedeihen seiner Kinder wenig am Herzen liegt; denn durch das Beispiel, welches er giebt, nimmt er den Zöglingen selbst den Respect vor ihrem Lehrer, <194, 245> ohne welchen dieser doch unmöglich heilsam auf sie wirken kann. Wie kann ein Kind dem Gehorsam leisten, den es täglich wie einen Knecht behandeln sieht! Daher kommt denn auch die verwahrloseste Erziehung so vieler Kinder aus vornehmen Familien. Sie werden nicht an Ordnung, liebenden Gehorsam und an die Achtung von dem geistigen und moralischen Uebergewicht gewöhnt. Einem anerkannten, bewährten tüchtigen Lehrer muß freie Hand über den Zögling gelassen werden, der Plan der Erziehung darf ihm nicht gestört, er darf nie in Widersprüche verwickelt werden, seine Befehle und Anleitungen dürfen nie zurückgenommen und durchkreuzt werden, nie darf ein Vater, eine zärtliche Mutter in seiner Gegenwart Einsprache thun gegen seine Lehrweise, gegen seine Strafen, gegen seine Ermahnungen; das Kind muß nie einen Rückhalt haben, in den es sich in Fällen des Ungehorsams flüchten kann. Stimmt die Ansicht und Methode nicht mit denen der Eltern überein, so bespreche man dies unter vier Augen, man verständige sich darüber, oder wenn dies nicht möglich scheint, hebe man lieber das Verhältniß ganz auf. Das Kind darf aber nie etwas von diesem Zwiespalt merken, sonst ist jede Lehre fruchtlos und wirkt gerade das Gegentheil. Dem Lehrer ist mit Antritt seines Amtes ein Theil der väterlichen Gewalt übertragen, darf er diese nicht üben, so wird nie ein glücklicher Erfolg seine Bemühungen krönen.

In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem Lande in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen, wo nach und <194, 246> nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu verdrängen anfängt, gehören die, Gesetze der Gastfreundschaft nur zu den Höflichkeits=Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach seinem Gefallen, mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist es wahrlich zu verzeihen, wenn man bei immer zunehmendem Luxus, und dem mannichfaltigen Mißbrauche den man in unsern Zeiten von der Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er ein Vermögen verschwendet, daß er besser anwenden könnte; und Andre, indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da alles auf' s Beste, und Der, welcher giebt, weiß, sowohl wie Der, welcher empfängt, auf welche Rechnung er dies zu schreiben, und wie er sich dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.

Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen; fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundliche Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie Mahlzeit an, sondern daß sie Eingang in guten Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise <194, 247> gehören. Gastfreundschaft gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus Höflichkeit hergiebt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als seine Umstände es leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern giebt, die Frau hingegen den armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den Schüsseln liegt, daß Der welcher vorlegt, unmöglich herumreichen kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint: „Es ist nun einmal angeschafft; also füllet euch den Bauch voll; Werdet recht satt, so habt ihr auf lange Zeit genug, und brauchet sobald nicht wieder zu kommen!” endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung, die im Hanse herrscht, sein muß. Mit Einem Worte: es giebt eine Art, Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen höhern Werth giebt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen Theil nehmen, und sich dabei im vortheilhaftem Lichte zeigen können. Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon <194, 248> er gern redet. Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr sein, ohne daß dies mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln nebeneinander, die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den unrechten Tag gebeten: so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt, uns unwillkommen ist.

Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie zu großen Gesellschaften bittet; Andere muß man, wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in deinem Hause ist, und wäre er dein ärgster Feind, muß daselbst von dir gegen alle Arten von Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an dir ist, geschützt sein! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm nicht in jedem Winkel nach, wenn er vielleicht allein sein will, und verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit und Bewirthung, wenn der Freund sich länger, <194, 249> vielleicht, ein wenig unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge fortsetzen kann!

Klassifizierung: 398.9 SprichwörterDDC-Icon Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu nehmen. Ein altes Sprüchwort sagt: „Ein Fisch und ein Gast halten sich beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.” Diese Vorschrift leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, wie lange unsre Gegenwart in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen. Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir zum Lohne seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleicht man ruhig davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen, als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern, genügsam sein, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.

Es giebt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf die Gastfreundschaft setzen, welche <194, 250> sie uns erweisen, daß sie dafür gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst alles sein wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.

Ehe wir zur Betrachtung des Umganges mit gewissen Ständen und Personen übergehen, stellen wir noch einige allgemein geltende Regeln zusammen.

Gehe von niemand, und laß niemand von dir, ohne ihm etwas Lehrreiches oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben, aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht verloren zu haben glaube, die er bei dir zugebracht hat, und fühle, du nehmest Interesse an seiner Person, es gehe dir von Herzen: du verkaufst nicht bloß deine Höflichkeits=Waare ohne Unterschied Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbanntsehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie etwas zu sagen, wovon der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch wahres Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht eins antworten zu können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen, ver<194, 251>ständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit hindurch, mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein Wort zu reden. Beim Nachtische rrst erinnerte ich mich meiner Unart; und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren vorgegangen war. -- Sie wußte nichts davon. -- „Es ist kein Wunder,” sagte ich, „Sie waren damals noch ein Kind.” Das kleine Wesen freute sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken, und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.

Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So giebt es Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß man sie für gutmüthig halte, und Andere, die sich beleidigt fühlen, wenn man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas so Jugend<194, 252>liches in ihrem Aeußern, daß man ihr wahres Alter unmöglich ahnen könne.

Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben; wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit Lästerungen, Spott Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und, bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Sgötterei und liebloser Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen, da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung giebt; die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft zernagt.

Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten, im weniger vertrauten Umgange, am besten durch einen feinen, nicht beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem <194, 253> Mantel der christlichen Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch das Gute, das sie von den Leuten reden, das Böse vergessen machen, welches sie ihnen zufügen, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu erschleichen.

Je nach dem bürgerlichen Stande und Gewerbe wird sich der Umgang mit seinen Nebenmenschen ebenfalls in mancher Weise zu modificiren haben. Ein Handwerker hat eine andere Manier mit den Leuten zu verkehren, als ein Künstler, ein Gelehrter, ein Jurist, ein Diplomat, ein Kaufmann etc. Für jeden Einzelnen giebt es ein gewisses Herkommen, ein anderes Gebot der Klugheit, ein anderes Maaß der Feinheit. Wir werden einen Mann aus der Zahl der Gewerbetreibenden gewiß schon höflich nennen, wenn wir einen Gelehrten, der sich gerade wie jener benehmen wollte, für unmanierlich halten müßten. Das entscheidende Urtheil hierüber giebt uns der Grad der Bildung, welchen man bei dem Einen oder Andern voraussetzen kann, und der Beruf, in welchem der vor uns erscheint, mit dem wir gerade umgehen. Kommen wir z. B. mit einem Richter vor der Barre des Gerichtshofes zusammen, so wird sein Benehmen eine andere Form haben, als wenn wir uns mit ihm in einer Abendgesellschaft unterhalten, hier kann er uns sehr liebenswürdig, dort sehr abstoßend erscheinen. Es ist aber nicht der Mensch X. oder Y., der uns im ersten Falle gegenübersteht, sondern der Vertreter und Schützer des Rechtes, im zweiten ist er dieser Stellung enthoben, und ist nur, was wir selbst sind, Privatmann. Es ist also nothwendig, diese Unterschiede wohl in' s Auge zu fassen, wenn wir immer gerecht gegen die Menschen sein wollen. Sehet nicht den Menschen, sondern sein Kleid an. Ein Geistlicher, der auf der <194, 254> Kanzel scherzen wollte, würde uns seiner ernsten Pflicht gerade entgegen zu handeln scheinen, in der Gesellschaft aber kann uns seine Heiterkeit, seine Laune auf das Höchste ergötzen. Das Amt bedingt also die Erscheinung und die Art des Umganges eben so sehr, als die ursprünglichen Talente, die Bildung und der Character. In dem Augenblicke der Amtsthätigkeit sehen wir keine bestimmte Individualität vor uns, sondern nur einen Repräsentanten der Gattung.

Betrachten wir einmal beispielsweise den Arzt, dessen Lebensaufgabe es ist, die körperlichen Leiden des Menschen zu heilen. Er darf vor dem Anblicke des Elends, Jammers und Schmerzes nicht zurückbeben, er muß seine Gemächlichkeit, die Ruhe seiner Nächte, selbst seine Gesundheit zum Opfer bringen, wenn seine Pflicht ihn ruft. Kein Stand hat so unmittelbaren segenvollen, aber auch bedeutungsvollen Einfluß auf das Schicksal der Familien, keiner darf so wie er auf Vertrauen und Dankbarkeit Anspruch machen. Ein großer Arzt ist nicht denkbar ohne Voraussetzung eines scharfen Verstandes, eines feinen durchdringenden Blickes und ohne die mühseligsten Studien. Diese Studien gelten der Natur des Menschen und der Natur aller Dinge, der Anatomie des Körpers, wie der Anatomie der Seele. Aber nicht alle Aerzte entsprechen diesen Voraussetzungen, und leider giebt es eine Menge, denen die Kranken nur als Objecte zu Experimenten ihrer Unwissenheit dienen. Oder es fehlt ihnen bei den gründlichsten Kenntnissen an Beobachtungsgeist, an Combinationsgabe, an einem feinen Blick bei der Diagnose der Krankheiten; sie sind nicht kaltblütig, besonnen, geistesgegenwärtig genug, oder sie kleben einseitig an einem System, an einer Autorität, an der Mode. Andere berechnen gar nach der Dauer der Krankheit ihren möglichen Gewinn und treiben mit der Gesundheit des Menschen einen schändlichen Wu<194, 255>cher. Hier gehört von Seiten dessen, der einen solchen Arzt zu Hülfe ruft, ein wenig Menschenkenntniß dazu, die Schwächen des Doctors zu durchschauen und den Charlatan von dem wahren Arzte zu unterscheiden. Schwerer ist es, unter den guten und geschicktesten Aerzten den herauszufinden, dem man am sichersten vertrauen kann. Glücklich ist überhaupt der, welcher gar keinen Arzt bedarf.

Fordert aber die Noth, daß du dich an einen Arzt wendest, und du willst dir einen unter dem Haufen aussuchen, so gieb zuerst Acht, ob der Mann gesunde Vernunft hat, ob er über andere Gegenstände mit Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt, ob er bescheiden, verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit einer Menge verschiedener Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt; ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er verbietet, was ihm selbst zuwider ist: nur anräth, wozu er selbst geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart zur andern übergeht; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet, oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und Reichen, als den Niederen und Armen beizustehen? Bist du über diese Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue dich ihm an.

Vertraue dich ihm aber allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung! Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn mit dem Zustande und dem Sitze deines Uebels bekannt zu machen! Doch mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine Grillen, keine Einbildungen hinein, <194, 256> die ihn irre machen könnten! Folge strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe, ob das, was du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel sei! Laß dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel, möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für dich sein; Keinem von Beiden wird deine Genesung am Herzen liegen; sie werden deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, dich gesund zu machen, und dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern, um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.

Den Mann, der Alles anwendet, was in feinen Kräften steht, deine Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach deinem Vermögen! Hast du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig sei, so setze dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu zahlen, du mögest krank oder gesund sein, damit er kein Interesse dabei habe, dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder deine Herstellung aufzuhalten.

In dem Umgange mit Juristen in ihrer Funktion ist es Pflicht, ihnen als den Vertretern des Rechts die Achtung zu zollen, welche man dem Rechte selber schuldig ist, auch liegt es in ihrem Amte, diese Achtung vor dem Gesetz aufrecht zu erhalten. Wären unsere Gesetzbücher so einfach und klar, hätten sie für jeden Fall eine besondere Entscheidung, so daß also dem Ermessen des Richters, der Ansicht, der Interpretation und dem Gewissen desselben gar nichts überlassen bliebe, so wären diese nicht viel mehr als bloße Maschinen. <194, 257> Man könnte recht gut ohne sie fertig werden, indem man ganz einfach die betreffende Stelle des Coder nachschlüge und dort die Sache entschieden fände. Da nun dieses aber nicht der Fall ist, da es sehr oft, fast möchte man behaupten, in fast allen Rechtsfragen auf das Rechtsgefühl des Richters, auf die moralische Ueberzeugung, auf das Urtheil Sachverständiger, auf Zeugenbeweise etc. ankommt, so ist der Gesetzkundige und der Rechtsprechende so äußerst wichtig und nothwendig für unser Staats= und bürgerliches Leben. Er greift in die tiefsten Geheimnisse der gesellschaftlichen Verhältnisse ein. Das Wohl und Wehe ganzer Familien hängt von dem Worte, das von seinem Munde kommt, ab, bei ihm steht es, ein Schuldig oder Nichtschuldig auszusprechen, wodurch ein Mensch entweder aus dem bürgerlichen Verbande und für immer der Verachtung Preis gegeben werden kann, oder von dem Flecke eines Verdachts, einer Beschuldigung vor der Welt freigesprochen wird. Die erste und nächste Voraussetzung, ohne welche es traurig aussehen würde um unsere öffentliche und persönliche Sicherheit, ist die Gewissensreinheit, die Unbestechlichkeit, die Wahrhaftigkeit des Richters; mit dieser Voraussetzung und Ueberzeugung treten wir vor ihn und empfangen aus seinem Munde den Spruch.

Aber auch er ist als Mensch dem Irrthume unterworfen. Die Waage schwankt oft zwischen Recht und Unrecht. Ein Haarbreit und die Schale des Schuldigen steigt, die des Unschuldigen sinkt und Recht wird in Unrecht verkehrt. Sollen wir dem Richter die Schuld beimessen, auf ihn zürnen, ihn mit unserm Zorn überschütten, ihn einen Partheilichen, einen Bestochenen, einen Gewissenlosen nennen? Gewiß nicht. Er hat nach bester Ueberzeugung Recht gesprochen, wer will ihn zwingen, gleiche Ansichten mit uns zu haben? Er kann nur nach den Beweisen und Zeug<194, 258>nissen urtheilen, die ihm vorgelegt werden. Ein falscher Freund, dem ich Geld geliehen habe, und den ich deshalb belange, tritt mit dreister Stirn an die Schranken des Gerichts und schwört, er habe nie in seinem Leben etwas von mir erhalten. Vielleicht liest ihm der Richter die Lüge von der Stirn, er weiß, was in mir vorgeht, während ich seinen Meineid anhöre, -- was aber soll er thun? Er darf nicht anders handeln und urtheilen, und ich will nun deshalb auf ihn den Groll werfen? das wäre thörigt und ungerecht. Die göttliche Strafe ergänzt die Unzulänglichkeit des menschlichen Verfahrens. Oder es liegen gegen einen sonst unbescholtenen Mann die dringendsten Verdachtgründe eines Verbrechens vor, dessen man ihn vielleicht gar nicht für fähig hält; dennoch muß der Richter seine Pflicht thun, er muß sich seiner Person bemächtigen, er muß inquiriren. Es vergeht lange Zeit, ehe es dem Unglücklichen gelingt, sich von jedem Verdacht zu reinigen, oder ehe vielleicht der wirkliche Thäter entdeckt wird. Mit schwerem Herzen hat der Richter sein Amt verwaltet, in ihm lebte die moralische Ueberzeugung von der Unschuld des Mannes, die rechtliche Ueberzeugung aber läßt sich nicht darthun. Er entläßt, nachdem dies endlich geschehen ist, mit Bedauern den so hart Betroffenen; wäre es nicht Thorheit und Unvernunft, wenn dieser nun dem Richter Haß nachtrüge und auf Rache sänne? -- Gewiß! Dank sei es der Oeffentlichkeit der Gerichte, deren Wohlthat nun auch unser Vaterland sich zu erfreuen hat -- der öffentlich vor aller Welt mit dem Schein des Verbrechens Belastete wird nun auch öffentlich wieder zu Ehren gebracht. Er erhält nun eine glänzende Genugthuung, der Jubel, die Glückwünsche der Zuhörer empfangen ihn bei seinem Abtreten von den Schranken, wo es ihm gelungen war, sich zu reinigen von jedem Makel. Sonst war das bei uns nicht der <194, 259> Fall; kaum einmal gelang es unter hundert falsch Angeklagten Einem, als eine Gnade, die öffentliche Bekanntmachung seiner Unschuld zu erlangen, und damals mochte doch wohl Mancher Groll in seinem Herzen nähren. Jetzt bedarf er dieser Genugthuung auch, aber sie wird ihm als sein Recht, nicht als Gnade, das ist der Unterschied. Es giebt einen Richter, der höher steht, als der auf den Bänken des Gerichtshofes, und das ist die öffentliche Meinung, an deren Macht man früher aus manchen Gründen nicht glauben mochte, die aber jetzt fast mit jedem Tage neue, glänzende Siege erkämpft und der sich selbst die Mächtigen der Erde, die unumschränkten Herrscher, beugen müssen.

Die Schattenseite von einem Juristen, die wir hier noch nicht dargestellt haben, schildert Knigge, doch bemerken wir bei der Mittheilung derselben, daß nicht alle Züge auf die heutigen Zeitverhältnisse passen, oder doch für die geordneteren Zustände unsers Vaterlandes nicht mehr Geltung haben.

„Es ist traurig,” sagt er, -- „um auch das Böse nicht zu verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten, so wie die Justiz=Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund und Anlaß zu manchen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der Gesetze keine andere feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf diesen Wust von alten römischen, auf unsere Zeit wenig passenden Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandekten nicht am Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken=Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im <194, 260> gesellschaftlichen Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden, das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste, deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unvollständig zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat, mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen, oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwalt ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streites werth ist, ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen. Da wird die gegründetste Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten, für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich' s gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm <194, 261> sein väterliches Erbe wegreißt, wenn der Anwalt des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?

Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sei, als ein fetter Prozeß. Darum sei es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin, bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!

Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advokaten, -- man wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm, außer seinen Gebühren, noch reichere Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen welcher er die Sache zu Ende bringen wird!

Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, wenn diese einmal in Advocaten= und Administratoren=Hände gerathen sind, <194, 262> besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und Joconsequenz in Geschäften herrschen!

Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher nimmt. Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat.

Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und einfach behandelt werden sollen!

Man sei äußerst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft; juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.”

Der Umgang der Civilpersonen mit dem Militair hat selten die volle Freiheit und Ungezwungenheit, welche man dem Stande der heutigen Bildung angemessen erwarten sollte. In früheren Zeiten, wo es kein Militair im heutigen Sinne des Wortes gab, sondern nur Söldner, welche nicht Söhne des Vaterlandes zu sein brauchten, zu dessen Vertheidigung sie geworben wurden, wo sie Fremdlinge aus aller Herren Länder waren, und nur die Offiziere Einheimische, -- Abkömmlinge der Aristokratie -- ließ sich dieses gespannte Verhältniß eher erklären. Der Bürger stand dem Soldaten argwöhnisch, ja feindlich gegenüber. Die Idee einer gemeinsamen Vertheidigung des Vaterlandes durch die Bürger selbst ging erst der neuern Zeit auf, ja sie wurde ihr gewissermaßen aufgenöthigt, denn die Kämpfe von 1806 und 1807 gegen Napo<194, 263>leon hatten durch ihren unglücklichen Ausgang bewiesen, wie wenig man sich auf ein Heer Söldlinge und auf adliche prahlerische Offiziere verlassen konnte. Um so mehr ist es zu verwundern, daß die Idee der Allgemeinschaft den Verkehr zwischen Bürger und Soldat noch nicht gänzlich umgestaltet und jeden Unterschied ausgeglichen hat. Ein Grund mag wohl darin zu suchen sein, daß das Militär, namentlich die Offiziere als die Träger des Ultraroyalismus in starrer Consequenz der freiern Bewegung des Liberalismus, der sich in dem Bürgerthum weiter ausgebreitet hat, gegenübertritt und in verblendeter Verwechselung der Begriffe sich als den Schirm und Schutz des Thrones, der angestammten, unbeschränkten Gewalt des Absolutismus betrachtet, während nur im Bürgerthum dieser Schutz des Thrones ruht. Daher entstehen denn oft Reibungen, die einen Belag zu der Unvollkommenheit der militärischen Erziehung, welche über das Wesen der wahren Vaterlandsliebe noch nicht im Klaren ist, bietet. Bei uns ist jeder Bürger Soldat, das scheint man aber nur zu leicht zu vergessen. Der lange Friede trägt natürlich dazu bei. So kommt es, daß das Militair, und namentlich der Offizierstand noch etwas vom Kastengeist an sich hat und sich für exclusiv und eximirt ansieht; er dünkt sich in seiner Ritterlichkeit vornehmer und besser und blickt nur mit Herablassung auf den Nichtmilitair. Hoffentlich wird die Zeit auch hier allein die Rolle der Lehrmeisterin übernehmen und dieses gespannte Verhältniß überall ausgleichen, wo es noch besteht. Man wird einsehen, daß im Civil dieselben Gesetze der Ehre gelten, als beim Militair, daß die Pflichten der Liebe zum Vaterlande und Fürsten, der Muth, die Tapferkeit, die Wehrhaftigkeit von jenem so gut gefordert wird als von diesem, und daß es thörigt ist, besser sein zu wollen, als der, der dieselben Rechte und <194, 264> Pflichten als Staatsbürger hat. Wahrlich, Muth und Entschlossenheit kann einer eben so gut in seinem Hause, als auf dem Schlachtfelde bewähren, und nicht der Säbel in der Faust macht einen zum Ritter, sondern das Herz auf dem rechten Flecke; die Treue braucht sich nicht mit dem Blute erschlagener Feinde den Freibrief zu schreiben, sie erweist sich nicht minder edel im friedlichen Verkehr.

Da man aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders, als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen, und bei ihnen: der Mann ist gut, so viel heißt, der Mann ist reich. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten, eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es andern ihres Gleichen da, wo es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äußerst eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geiz und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so indüstriös auch sonst die Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen Kosten einen anständigen Aufwand zu ma<194, 265>chen. Außer Hamburg ist dies wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.

Willst Du bei diesen Leuten geachtet sein, so mußt du wenigstens in dem Rufe stehen, daß deine Vermögensumstände nicht zerrüttet seien: Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sei es durch deine Schuld, oder durch Unglück, so wirst du, auch bei den herrlichsten Vorzügen des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn du Mangel leidest.

Willst du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer großmüthigen Handlung bewegen, so mußt du entweder seine Eitelkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus an Arme giebt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.

Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld. Sie betrachten das wie jeden andern Speculations=Handel; aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!

Laß es dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, deinen Stand oder Rang oder deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn du nicht reich bist! oder du wirst dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.

Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.

Auch der Gelehrte und Künstler wird hier überse<194, 266>hen, oder nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt werde!

Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf Treue und Glauben beruht, so setze dich bei den Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie dich höher achten, als manchen viel reichern Mann.

Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl, einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer verdächtig. Daß man noch außerdem, wenn auch der Erfolg glücklich ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich von selbst.

Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der Ungewißheit, ob und wie bald er bezalt werde, für seine Waare einen übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingiebt, was er hat.

Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man Handlungs=Geschäfte getrieben hat, zufrieden zu sein: so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der Waaren zu erhöhen.

Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm aus einem kleinen Handel mit uns <194, 267> zuwächst, zu viel Mühe, Zeitverlust und Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen, die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach zweistündiger Beäugelung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder gar alles Gesehene zu schlecht und zu theuer zu finden.

Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr viel mehr für ihre Waaren fordern, als wofür sie dieselben hingeben wollen. Andere geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor, daß sie den äußersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller abdingen; und so muß oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig, einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher die Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man kaufen will.

Welch eine große Vorsicht man im Pferdehandel zu beobachten habe, das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren <194, 268> und Diener sich keinen Gewissens=Vorwurf machen zu dürfen glauben, wenn sie einander betrügen.

Mit redlichen, arbeitfamen und geschickten Handwerkern läßt sich am leichtesten umgehen. Sie zeigen sich in der Regel so wie sie sind und nehmen keine Maske vor. Dieser Stand der Handwerker befriedigt unsere ersten und natürlichsten Bedürfnisse, wir sind auf seine Thätigkeit und Geschicklichkeit angewiesen und können uns daher ihrem Umgange unter keiner Bedingung entziehen, selbst wenn wir die reichsten und vornehmsten Lcute wären. Zu einem Stiefel kann nur der Person Maaß genommen werden, die ihn anziehen will, es ist also nothwendig, daß der Schuhmacher mit ihr in Berührung kommt. Die erste Pflicht des Umgangs mit einem Handwerker wird also freundliche Höflichkeit sein. Man glaube nicht, daß mit der Bezahlung Alles abgemacht ist und man sich um des Geldes willen Grobheiten erlauben dürfe. Mit dem Gelde ist erst die Arbeit aufgewogen und außerdem noch Unhöflichkeit als Zugabe zu erhalten, davor wird jeder sich gern bedanken. Wem ein Handwerker die Arbeiten zur Zufriedenheit und pünktlich geliefert hat, der gehe nicht aus bloßer Veränderungslust zu einem Andern; denn jeder Kunde ist für ihn ein kleines Kapital, auf dessen Zinsenertrag er rechnen muß. Auch giebt man durch solche Unbeständigkeit Veranlassung den Neid unter den Collegen zu erregen. Wer den Handwerker bei der Bezahlung auf' s Aeußerste drückt, begeht namentlich in unsern Zeiten und bei den jetzigen Concurrenzverhältnissen eine Sünde. Wir haben es ja gesehen und erlebt, zu welchem Elende der Druck, der auf der arbeitenden Klasse lastet, und zu welchem Unglück, zu welcher Gefährdung der Sicherheit des Eigenthums er führen kann. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth. Baar Geld lacht, sagen die Hartherzigen, indem sie zwei <194, 269> Drittheile des wirklichen Verdienstes auf den Tisch zählen. Ja wohl, baar Geld lacht. Der Arbeiter, der vielleicht schon mehrere Wochen auf Geld zu Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse für seinen und seiner Familie Unterhalt oder zur Anschaffung von Material und Auslagen gewartet hat, wird sich freilich um nur etwas in die Hände zu bekommen, dazu verstehen müssen, die zwei Dritheile zu nehmen, wenn auch mit blutendem Herzen; denn er hat nun vielleicht acht Tage umsonst gearbeitet, und das Geld reicht gerade zur Bezahlung der Zuthaten hin, er nimmt das Geld, obschon er weiß, daß er auf diese Weise zurückkommen muß. Heißt ein solches Drücken nicht eben so viel als Stehlen? Viel besser ist es wenigstens nicht. Und dieses Druckes machen sich meist die Reichen schuldig. Ihnen fehlt es nicht an baarem Gelde und baar Geld lacht. So treiben sie doppelten und zehnfachen Wucher mit dem Schweiß der Armuth, mit ihren durchwachten Nächten, mit ihrer zerrütteten Gesundheit, mit dem Elend ihrer Familien, mit der Verzweiflung, die den letzten Strohalm ergreift und sich zu retten wähnt, während der Untergang schon ganz nahe ist. Ein weniger Bemittelter, der seine Bedürfnisse nicht immer auf einmal ganz bezahlen kann, ist gewiß weniger hart, und einem Handwerker als Kunde, wenn er sonst sicher ist, sehr oft willkommener als der Reiche, der auf die oben angedeutete Weise handelt.

Zu welchen traurigen Folgen die Bedrückung der gewerbetreibenden Klassen geführt hat, lehrte uns gerade die neuere Zeit. Wir erinnern an die Unruhen der schlesischen Weber, an die Arbeiteraufstände in Frankreich, namentlich in den Fabriks=Bezirken. Es ist nicht das Proletariat im strengen Sinne des Wortes, sondern der Handwerker, welchem das traurige Loos wird, seine Arbeit so gering bezahlt zu erhalten, daß an eine sorgenfreie, wenn auch höchst beschränkte Existenz nicht mehr zu denken ist. Der Ertrag aller <194, 270> ihrer Mühe fließt in den Sekel des allmächtigen Fabrikherrn, bei welchem die Reichthümer sich sammeln, während die Arbeitenden selbst sich kaum vor dem Hungertode schützen können Wie hier im Großen und Ganzen, so auch im Kleinen und Einzelnen. Wer auf sich allein und seiner Hände Werk angewiesen ist, kann als rechtlicher Mann nur so lange bestehen, als ihm seine Arbeit einen entsprechenden Lohn, um nicht zu sagen Gewinn, bringt. Collegialität unter den Handwerksgenossen gewährt einigermaßen Schutz gegen Bedrückung durch die Reichen.

Zuweilen liegt natürlich die Schuld auch an den Handwerkern selbst. Es herrscht unter ihnen die unartige Gewohnheit des Lügens, sie versprechen, was sie weder halten können noch halten wollen, und fast sprüchwörtlich ist diese Untugend bei den Schneidern und Schuhmachern geworden. Sie übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu liefern im Stande sind. Manche bleiben auch bei alten Vorurtheilen und Herkommen stehen und lassen sich durch keine Gründe bewegen, Arbeiten so anzufertigen, wie der Kunde sie haben will. Sie gehen nicht mit dem Zeitgeist fort; wie sie es gelernt haben, so wollen sie ihre Arbeit bis an ihr Ende fortmachen, alles Andere, Bessere, Neuere existirt für sie nicht. Mit ihnen ist schwer friedlich auszukommen, zumal wenn sie noch den Handwerks=Herbergston und Tick an sich haben, der sie gewöhnlich schroff und unzugänglich macht.

Mit dem Bauer kommt der Städter wohl seltener in nahe Berührung, höchstens so weit er genöthigt ist, auf dem Markte seine Bedürfnisse zu kaufen. In diesem Handel und Wandel können aber nicht große Umgangsregeln gegeben werden. Seiner Natur und Erziehung nach sollte, der Bauer schlicht, einfach, gerade, vielleicht etwas plump sein; ein ganz eigenthümlicher Zug aber ist an ihm ein gewisser Grad von <194, 271> Schlauheit und Verschmitzheit, so daß der Städter, welcher doch der Klügere sich dünkt, nicht selten von ihm übervortheilt wird. Die Geschichte lehrt uns, daß alle die, welche lange Zeit unter dem Drucke gelebt haben, fast immer diesen Charakter der Verschmitztheit annehmen, ganze Nationen, wie die Juden und Griechen, ebenso gut, wie einzelne Stände. Auch der Bauernstand hat erst in neuer Zeit aufgehört nicht viel besser als der Helot, als der Sklave der Grundeigenthümer zu sein, auch auf ihm lastete der Druck der bevorrechteten Stände und ließ ihn nicht zu dem Genuß einer freien Thätigkeit kommen. Daher obige Erscheinung, die sich wohl noch lange Zeit erhalten wird. Durch Schulbildung, für welche namentlich in Preußen, obschon auch hier noch unter den Aufpicien der Kirche, viel gethan wird, rückt der Bauerstand immer näher auf der Stufe des Mittelstandes und bald wird man auch in Dörfern und Weilern nicht mehr eingerostete Vorurtheile, Aberglauben und Unwissenheit, die Quelle so mancher traurigen Verirrung finden, wenigstens ebenso selten oder häufig als in den Städten. Die Emanzipation des Bauernstandes, die in der französischen Revolution begann, und mit welcher Deutschland bald nachfolgte, ist übrigens noch keinesweges für vollendet zu erachten, so lange er nicht gleiche Rechte in Bezug auf die Vertretung seiner Interessen vor dem Throne mit den übrigen hat, so lange die Patrimonial gerichtsbarkeit noch besteht und er noch immer in dem Glauben stehen muß, als sei er in vielen Stücken der Willkühr seiner Herrschaft ausgesetzt, so lange er noch seine Felder vom edlen Wilde des gnädigen Patron verwüsten lassen muß und nicht im Stande ist seine eigenen Marken zu schützen.

Man schwatzt so viel, sagt Knigge, von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung des Landvolks, allein überlegt man auch wohl immer genau genug, <194, 272> welche ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den von niederem Stande taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr durch Beispiele als durch Abhandlungen zu bewegen sucht, von manchen ererbten Vorurtheilen in der Art des Feldbaues und überhaupt in der Führung des Haushalts zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen Schulunterricht die thörigten Grillen, den dummen Aberglauben, den Glauben an Gespenster, Hexen u. dgl. zu zerstören trachte, -- daß man die Bauern gut schreiben und lesen lehre ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine Ideenwelt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter zu deelamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstich der freien, weltmännischen Höflichkeit, wie wir sie sonst in ihren Kreisen nicht zu finden gewohnt sind, zu geben, -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer solchen Aufklärung vorsätzlich hindern zu wollen.” Mit einem vorurtheilslosen Menschen läßt sich natürlich weit leichter umgehen, er läßt sich belehren, überzeugen, zurechtweisen; ein mit Vorurtheilen vollgepfropfter Mensch aber ist gepanzert gegen alle Logik, er beharrt eigensinnig auf seiner Kopfe, er ist schwerer zu behandeln als ein störrisches Pferd und leider findet man unter dem Bauernstande noch immer dergleichen Starrköpfe, die selbst dann nicht von ihrer Unklugheit überzeugt werden, wenn sie sich, wie das häufig geschieht, in Prozesse verwickeln, die sie gegen alle gesunde Vernunft durchsetzen wollen, und in Folge deren sie sehr häufig um <194, 273> um all das Ihrige kommen. Es ist mit solchen Menschen nichts Besseres anzufangen ats sie ihrem Schicksale zu überlassen. Man trifft aber unter alten Landleuten auch Menschen mit so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heitern Kopfe, und von so festem Charakter an, die manchen hochstudierten Herrn beschämen könnten. Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigkeit und Umsicht zu Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem Verhältnisse gemäß und bleibe sich gleich, und man wird sich seine Achtung, sein Zutrauen erwerben und viel über ihn vermögen.

Mit Männern vom geistlichen Stande umzugehen, erfordert keine große Umsicht oder Klugheit. Sind sie in ihrem Amte, so hat man ihnen diejenige Achtung zu gewähren, welche man dem Verkünder des göttlichen Wortes dem Seelsorger und geistlichen Vormund der Gemeinde schuldig ist. Bei der großen Masse der Menschen, namentlich der weniger gebildeten, die noch nicht gelernt haben, selbst über göttliche Dinge nachzudenken und sich ein System des Glaubens zu bilden, ist der geistliche Zuspruch ein Bedürfniß; er gewährt ihnen Trost und Beruhigung in allen schwierigen Fällen des Lebens; wo ihr Verstand nicht ausreicht, immer das Richtige zu wählen, erholen sie sich Rath bei dem Geistlichen, und seine Worte gelten ihnen als ein Evangelium. Ein solches Verhältniß findet man aber freilich nicht, oder doch nur sehr selten in großen Städten, welche der Sitz geistiger Kultur und Aufklärung sind, sondern meistentheils nur auf dem Lande und überhaupt da, wo noch ein gewisses patriarchalisches Zusammenleben die Glieder der Gemeinde an ihrer Seelenhirten fesselt. In den Städten sehen die Menschen ihre Geistlichen fast nur auf <194, 274> der Kanzel oder bei Kindtaufen und Hochzeiten, und das Amt des Seelsorgers hat eine weit geringere Bedeutung. In den katholischen Ländern, wo die Ohrenbeichte statt findet, ist der Beichtvater der natürliche Mitwisser aller Familien=Geheimnisse, sein Einfluß auf das ganze Leben und Treiben ist also ein außerordentlicher Großer, im Vergleich auf den Einfluß, welchen ein evangelischer Geistlicher ausüben kann, und im Allgemeinen genießt schon deshalb der katholische Priester mehr Achtung, weil er die Macht hat zu binden und zu lösen, die Sünden zu vergeben und Buße aufzulegen. Der evangelische Geistliche trägt mehr den Charakter eines Beamten, welcher vom Staate angestellt ist, um die kirchlichen Functionen zu verrichten. Mit dem Familienleben kommt er nicht in so genaue Berührung man ruft ihn nur dann, wenn man ihn braucht, oder zu brauchen meint, und auch er bekümmert sich um die Glieder seiner Gemeinde in sehr vielen Fällen nur dann, wenn er Stollgebühren von ihnen einzuziehen hat. Wir wollen hier ununtersucht lassen, ob dies lockere Verhältniß, von dessen Existenz in unserer Zeit sich jeder leicht überzeugen kann, gute oder schädliche Folgen nach sich zieht, und ob überhaupt der Protestantismus geeignet ist, die Bande wieder fester zu knüpfen, so viel aber ist gewiß, und läßt sich aus der Geschichte beweisen, daß in katholischen Ländern der Clerus seinen ungemeinen großen Einfluß nicht immer zum Heile der Menschheit ausgeübt hat, und daß die Gegensätze des moralischen Scheins und der wirklichen Unsittlichkeit, welche wir im Leben so vieler Geistlichen zu beklagen haben, im Katholizismus stärker hervortritt, als im Protestantismus, und daß die Regel: richtet euch nicht nach meinen Thaten, sondern nach meinen Worten, häufiger dort als hier angewendet werden muß.

Man vermeide es mit einem Geistlichen in Gesell<194, 275>schaft über religiöse Dogmen zu streiten und ihn in Verlegenheit zu bringen; denn nichts ist leichter als durch Sophismen jemanden in Beziehung auf Lehrsätze und Mysterien der Religion in die Enge zu treiben. Der Glaube an sich muß das unantastbare geheiligte Eigenthum eines jeden bleiben, niemand hat das Recht jemanden irre in seinen Ansichten zu machen und ihm damit vielleicht gar den sittlichen Halt zu rauben. Der Lehrer des Evangeliums bedarf des festen unerschütterlichen Glaubens, des Friedens mit sich selber und eher, als jeder Andere; denn mit welchem Gefühle stände er dann auf der Kanzel, er müßte sich selber als einen Lügner verachten. In der Gesellschaft, im Kreise heiterer Luft und unschuldigen Genusses störe man ihn nicht durch vorwitziges Sticheln auf die geistliche Würde, mit welcher sich die Lustigkeit nicht vertrage. -- Wer klug ist, der wird dem Geistlichen nicht mehr Einfluß auf sich und seine Familie gestatten als jedem andern vernünftigen Manne und Freunde, namentlich nicht einen solchen, der sich zum Pietismus hinneigt. Pietisterei wuchert wie eine Schlingpflanze rasch fort und umstrickt die Gemüther der Schwachen besonders der Weiber. Pietismus ist eine Krankheit, die wahrer Frömmigkeit geradezu entgegengesetzt ist, weil sie entweder auf Heuchelei hinaus läuft, oder in der geistigen Beschränktheit ihre Quelle hat. Manches Opfer ist schon dem Pietismus gefallen, mancher ist über den Lehren desselben tiefsinnig oder wahnsinnig geworden, ein wirklich frommer Sinn führt zur Heiterkeit und Freiheit; die Frömmelei aber zu Trübsinn und Genußunfähigkeit. An ihren Früchten aber sollt ihr sie erkennen. Den Proselytenmachern wehre man den Zutritt in seinem Hause, denn in ihrem Gefolge kommt der Unfriede. Proselytenmacher haben bei dem scheinbar heiligen Eifer für göttliche <194, 276> Dinge in der Regel sehr irdische Zwecke. Sie entzweien die Familien und sind im Stande die innigsten Bande zu zerreißen. Sie gleichen den Wölfen in Schafskleidern. Man erkennt sie übrigens sehr leicht und darf sie nur in unbewachten Augenblicken belauschen um zu erfahren, weß Geistes Kinder sie sind.

Wie man sich gegen Undankbare, gegen Rachsüchtige, gegen Hinterlistige zu verhalten hat, ist schon oben angedeutet worden. Es gehört eine gewisse Lebenspraxis dazu, immer den rechten Wegzu wählen um ihnen entweder auszuweichen oder sie unschädlich zu machen. Klugheit und die Pflicht der Selbsterhaltung müssen die geeignetsten Mittel an die Hand geben, doch darf die Wahl nie auf ein unedles oder gar verbrecherisches fallen.

Man kränke niemand vorsetzlich; man sei wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen, man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern, man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit, man verläumde niemand; man verschweige selbst das wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiedenen Beruf hat, oder das Wohl Andere es bestimmt erfordert, darüber zu reden: so wird man etwa keine Feinde haben? -- Das sage ich nicht, aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben. Es steht nicht immer in unserer Willkühr geliebt, aber es hängt. immer von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob, sind eben so zweideutige als entbehrliche Merkmale des persönlichen Werthes, allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen und Weisen in ihrem Herzen nicht <194, 277> versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu sein.

Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben, so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten, von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr hervorleuchtende edele Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen von der Scheelsucht schwacher und schlechter Menschen manches ertragen zu müssen; und die die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Character oder niedrige Schmeichler oder Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unedle Kunst -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die mein Herz nicht kennen, -- ja die mich nie gesehen haben, durch die Geschwätze irgend eines alten Weibes, gegen mich eingenommen sind, oder nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn du nicht Lust hast, die Anzahl der Letzteren zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth haben, gegen den Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die aber sich augenblicklich an dich wagen, sobald sie dich hülflos, scheu und niedergeschlagen erblicken, und diese, so bedeutend sie dir auch scheinen möchten, können mit ihren Neckereien dir tausendfältigen Kummer machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu dir selber, so wirst du ganze Heere von Schelme im Zaume halten! Zu<194, 278>dem ist des Kämpfens in der Welt so viel, jeder gute Mann hat mit seinen eigenen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigene Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke er nicht einmal, daß man ihm verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: Gottlob mir geht es gut, ich habe „Freunde,” wird für einen mächtigen Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse, dahingegen über den Verlassenen Jeder herfällt.

Willst du dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn du beleidigst wirst, so werde nie hitzig oder grob gegen deine Feinde, weder in Gesprächen noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es mehrentheis geschieht, bei ihnen im Spiele sind, so laß dich auf keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch Verachtung bestraft, und Klatscherei am leichtesten widerlegt, wenn man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen, und die Zeit wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.

Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige immer gleiche gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man, so lange sichs irgend thun läßt, gegen seine Feinde. Sie müssen nicht Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Pnblikums, wenn sie fortfahren einen Mann zu verfolgen, dem Niemand seine Ehrerbietung versagt.

Wenn aber dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker macht, dann zeige einmal, was du thun könntest, wenn du wolltest! Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige dich nie mit andern schlechten Leuten mache keine gemeinschaftliche Sache mit einem Schelm, um den andern zu bekäm<194, 279>pfen, sondern tritt ganz allein, muthig, kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf. Es ist unglaublich, wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.

Sei nur trotzig gegen mächtige siegende Feinde! Des Ueberwundenen, des Unglücklichen schone und verschweige alles Unrecht, daß er dir vormals zugefügt hat, sobald er außer Stande ist, dir ferner zu schaden, oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; das Gefühl seiner eigenen Ungerechtigkeit, wird ein neues Verbrechen für den, welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den Tag und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs. Laß dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergesse dann alle Beleidigungen, solltest du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger bei der ersten Gelegenheit, die Feindseligkeit erneuern wird, sei zwar auf deiner Hut aber zeige kein Mißtrauen.

Es ist besser unschuldigerweise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigesmal dem Manne, dem es mit seiner Rückkehr zu dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und ihm allen Muth nehmen! Aber, man muß auch verzeihen können, ohne darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit die Gemüthsart eines Menschen dann kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? und wie? gleich oder lange nachher? öffentlich oder heimlich? -- und warum nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit, oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns gehen läßt, wohl gar mault und den Gekränkten ver<194, 280>dächtig, verhaßt zu machen sucht. -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? Ob er den Fehler zu beschönigen, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht, um Recht zu behalten! -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus diesen Zügen, auf den künftigen Character schließen.

Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsere Feinde oft, ohne es zu wollen, unsere größten Wohlthäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsere eigene Eitelkeit und die Nachsicht unserer partheiischen Freunde und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Besseren zu verdienen, und wenn sie jedem unsrer Schritte auflauern, so lehren sie uns, auf unserer Hut zu sein, und ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu sein, als die unter entzweieten Freunden. Unsere Eitelkeit kömmt da ins Spiel; wir schämen uns, das Spielwerl eines Bösewichts gewesen zu sein, wir wenden alles an, um diesen nun im schlechtestem Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst edle Menschen, wenn sie gegeneinander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen.

Wenn es sich umgehen läßt, so gebietet es die Klugheit, nicht zu gleicher Zeit mit Personen zu verkehren, welche mit einander in Zwist oder Feindschaft leben, man suche wenigstens in Beziehung auf die Streitsache selbst ganz unpartheiisch sich zu halten und sich nicht hinein zu mischen; man bevorworte sogleich, daß das Gespräch niemals darauf gebracht werden möge. Klagt Einer derselben über den Andern, so <194, 281> gieb, wenn es angeht, gar keine Meinung ab; denn so sehr es den Anschein hat, als verlange er ein Urtheil, so übel nimmt er es hinterher auf. Vor zweizüngigkeit und Achselträgerei wird sich jeder redliche Mann hüten; jedem zum Munde reden ist eine unverzeihliche Falschheit, die in der Regel auch ihre gebührende Strafe findet. Läßt es sich irgend thun, so rathe man zum Frieden und vermittle denselben.

Mit Kranken gehörig umzugehen, ist eine Kunst, deren nicht jeder fähig ist. Ein sorgsamer Krankenpfleger ist gar nicht mit Geld zu bezahlen. Er lindert die Leiden, er hilft über manche Stunden des Schmerzes hinweg, er mißt den Grad der Sorgfalt und den Grad der liebreichen Strenge nach dem Character der Krankheit ab, er spricht dem Leidenden Muth und Hoffnung ein, er macht ihm ein vernunftgemäßes Verhalten leichter und überzeugt ihn von der Nothwendigkeit der Geduld und der Fügsamkeit in die Vorschriften des Arztes. Jeder weiß, wie sehr die Aufheiterung des Gemüthes zur Genesung mit hilft; ein guter Krankenpfleger wird daher keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, durch Unterhaltung, vielleicht durch Vorlefen durch Erzählen lustiger Geschichten dazu beizutragen. Manchen Patienten ist eine ernste geistige Beschäftigung, die gerade nicht anstrengend sein darf, zuträglich, bei manchen wieder Schweigen das Beste. Dies alles zu berücksichtigen und darnach sein Benehmen einzurichten, muß dem verständigen Urtheile überlassen bleiben. Ein Fremder leistet bei Krankheiten gefährlicher Natur oft bessere Dienste, als ein Freund, ein Glied der Familie. Die Liebe und Anhänglichkeit, das tiefe Mitleiden verführen auf einer Seite nicht selten zur schädlichen Nachsicht, auf der andern zu einer übertriebenen Sorgfalt, welche den Kranken ängstigt und belästigt, besonders wenn dieser reizbar, nervös aufgeregt ist, oder sich zur <194, 282> Hypochondrie neigt. Sie machen dadurch das Leiden doppelt schwer, während die Kaltblütigkeit eines Wärters, ihre Uebung in den nöthigen Handgriffen, ihre praktisch geübte Geduld die Genesung beschleunigen oder doch das Ertragen der Schmerzen erleichtern.

Besonders wichtige Regeln sind: Man mache das Leiden einem Kranken von empfindlicher Gemüthsart nicht durch Wehklagen und ängstliches Bezeigen noch schwerer; man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre, unangenehm sein würden, nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom Tode noch von Vergnügungen, an denen er nicht Theil nehmen kann. Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch sie zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn dadurch erreicht, man gerade das Entgegensetzte und macht die Sache schlimmer, aber man bestärke sie auch nicht in ihrer Thorheit, sondern verhalte sich passiv dabei, erwidere auf ihre Klagen nichts, zeige keine Theilnahme und wenn der Sitz des Uebels im Gemüthe ist, versuche man sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andere Gedanken zu bringen. Es giebt Menschen, welche sich interessant machen wollen, indem sie sich leidend stellen. Durch klugen Spott und kräftige Ansprache kann man sie von ihrer Thorheit überführen. Bewunderung zu erregen, ist besser als Mitleid zu erregen. In Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper vermag, wo seelische Leiden dazu beitragen, das Uebel zu vergrößern und die Genesung zu verhindern, da zeige man seine volle geistige Kraft, da entwickele man seine geselligen Talente um Heiterkeit, Hoffnung und Muth in das Herz des Kranken zurückzuführen. Man glaubt nicht, um wie viel das Selbstvertrauen ein besserer Arzt ist, als der geschickteste und gelehrteste Doctor. Selbstvertrauen spannt <194, 283> die Thätigkeit des erschlafften Organismus auf' s Neue an und hilft den Sieg über die Krankheit oft in wunderbarer Weise erringen. Es ist wirklich etwas Wahres daran, wenn man jemanden sagen hört: ich will nicht krank sein; und nicht weniger wahr ist es, daß viele Menschen nicht krank werden, weil sie keine Zeit dazu haben. Man verhüte also so viel, als möglich, jedes ängstliche Wesen, das sich in hinsterbender Schwachheit sogleich dem Leiden ergiebt; nach unbedeutenden Anwandelungen von Unwohlsein das Bett sucht, statt die frische Luft, die Bewegung, die Zerstreuung.

Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit Leuten umgehen, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt, -- mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen.

Nimm dich des Armen an, wenn dir Gott die Mittel in die Hände gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von deiner Thür zurück, so lange du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sei es wenig oder viel, so gieb es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe, als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gieb es mit guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein holdseliger Mensch giebt sie beide, sagt schon Sirach; und was für ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen Theilnahme. -- Sei ferner nicht allzugerecht, wo vom Helfen und Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem du helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sei, oder nicht! Wer in der Welt würde ganz unschuldig an den Leiden, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst <194, 284> du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch deine Bedienten unter allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten aber erlaube dir, etwa zu Rechtfertigung deiner Hartherzigkeit, z. B. Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte du abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürse; sondern sprich den Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum du nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln dein Herz erweiche! Gieb aber nicht wie ein Verschwender, sondern laß deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit gegen dich und Andere bestimmt werden, und verschleudre nicht an den Landläufer, Bettler vom Handwerke und Faullenzer, was du dem hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle Verunglückten, schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath und ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äußerst fein mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen sehr empfindlich zu sein, pflegen leicht zu glauben, man verachte sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide dich von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn du auch seine Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche mißtrauisch, und meinen, jedermann sei gegen sie. Suche ihnen diesen quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe dich, ihr Zutrauen zu gewinnen! Entziehe dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte der Noth und <194, 285> der Dürftigkeit! Man muß vertraut sein mit dem mancherlei Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidene Arme im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst bessere Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- dahin, menschenfreundlicher Wohlthäter! dahin dringe dein Blick! Da kannst du deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank auf Erden zusichern kann.

Wer kein Geld hat der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen, und zeigt sich in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntere einen also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!

Manchen aber drücken schwere Leiden, als die der Armuth und des Mangels: Seelenlelden, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten, mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen, und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art deiner Behandlung vernünftig ein! Es giebt Augenblicke des Schmerzes, wo alle Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl oft das beste Labsal. Es giebt einen Kummer, <194, 286> dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit überlassen muß; es giebt Leidende, die erleichtert werden, wenn man ihnen Gelegenheit giebt, ihr Herz auszuschütten, und von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es giebt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchem ein festes, männliches Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten Tröstungen sind; ja es giebt selbst solche, wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausreißen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander; und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen, den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es giebt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger traurig als mürrisch, zänkisch, ja, sogar hämisch sind, so daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden; aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers wälzen, und dies um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

<194, 287>

Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.

Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dies ist nicht nur Pflicht, wenn von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen, und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung und Härte, mit welcher zuweilen Staabs=Officiere jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird. Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der Pflicht.

Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen selten ehr, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, <194, 288> eine Ehre darin, seine Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da ist, daß er hierdurch wieder empor komme. Man möchte also fast sagen, man wäre nicht ganz verloren, so lange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die Verirrten und Gefallenen am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht durch einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Unglück verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit, schlecht zu handelu, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann: das Bewußtein, nicht muthwilligerweise sich ihr hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht, unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten ist; wie unwiderstehlich in heftigen Leidenschaften, warmen Blute und verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Außenseiten mancher Laster sind, wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt, um als Opfer der feinsten Täuschungen, stufenweise unmerklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden, wenn man bedenken wollte, wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindfeliges Schick<194, 289>sal aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle guten Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören, die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so unvorsichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand zu reichen.

Es ist nicht wohl möglich alle Leute zu classiziren und für jede Species besondere Umgangsregeln aufzustellen, der Augenblick ist hier sehr oft allein entscheidend, die Situation, die Umstände unter denen man mit jemanden zusammenkommt, verändern jeden Augenblick die Art des Verhaltens und auch hier bewährt sich die alte Erfahrung, daß die eigene Vernunft höher steht als jede Regel und Lehre, vorausgesetzt, daß man sie so gebraucht, wie es der Würde des menschlichen Geistes angemessen ist. Wir wollen nur noch auf einige Specialitäten und eigenthümliche Menschengattungen unser Augenmerk richten. Da giebt es Abenteurer, Charlatans, Spieler, Trunkenbolde, Zanksüchtige, Rabulisten, Aufschneider, Speculanten, Verbrecher aller Gattungen, mit denen uns das Treiben der Welt zusammenführen kann, und für welche wir jedesmal ein anderes Verhalten zu beobachten haben werden. Die Abenteurer leben in der Regel ohne festen Plan immer nur für den folgenden Tag, in der frohen Hoffnung, daß sich schon etwas finden werde, wovon sie sich wieder weiter fristen. -- Sie greifen ohne Wahl zu allen, wenn es ihnen nur <194, 290> einigermaßen die Sicherheit gewährt, einen Gewinn für sich daraus zu ziehen. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie durch eine Heirath, ob durch eine erschlichene Anstellung, ob durch einen falschen Namen, durch einen Meineid, durch eine Erbschleicherei oder sonst das Glück erhascht wird. Es giebt kein Fach, in welches sie nicht einzutreten bereit wären, sie spielen heut einen vornehmen Mann, morgen einen Supplicanten, übermorgen einen Künstler, dann vielleicht einen Frommen oder einen Spieler: sie sind Tragiker und Komiker, wie man will; in der Regel verkommene Talente oder Genies, die sich nie an den Ernst des Lebens und der Arbeit gewöhnen konnten, und die es bequemer fanden, auf die Leichtgläubigkeit und ihre Geschicklichkeit zu speculiren, als auf ein consequentes Streben nach einem festen Ziele. Gewöhnlich haben solche Menschen zeitweise ein wunderbares Glück und sehen Wünsche erfüllt, die dem Verständigsten allznkühn erscheinen würden. Ihr Wahlspruch ist ubi bene ibi patria und selten verlieren sie ihren Humor oder gar den Kopf. Sie sind keine üblen Gesellschafter, allein wie man sieht, sehr gefährliche Menschen, die ebenso gut zu schlechten Streichen geneigt sind, als zu Heldenthaten, wenn ihnen letztere nicht zu viel Mühe und Aufopferung kosten. Man hüte sich, mit ihnen einen näheren Umgang zu pflegen oder gar ihnen Vertrauen zu schenken, man wird dies nie ohne Gefahr für seine Ehre und seinen guten Namen, ja für sein Glück wagen dürfen. Sie verstricken leicht in Verwicklungen, aus denen sie sich selbst sehr geschickt herauszuziehen wissen und lachen hinterher des Thoren, der ihnen Glauben geschenkt hat. Die Hauptsache ist, ihnen hinter die Maske zu sehen und sich, wenn auch nur unter vier Augen gegen sie offen auszusprechen, wie wohl man sie durchschaut habe. Vor dem Scharfblick haben sie Respect, sie gehen ihm, wo sie können, <194, 291> gern aus dem Wege. Wenn es Pflicht ist, sie öffentlich zu entlarven, wird jedem der eigene gesunde Sinn sagen. Die unschädlichen lasse man laufen und nehme keine Notiz von ihnen, die gefährlichen warne man zuerst, dann aber trete man ihnen mit den geeignetsten Waffen entgegen. Aber sicher müssen die Waffen, und unumstößlich die Beweise gegen sie sein; denn mit Geschick wissen sie der Schlinge zu entkommen, die man über ihr Haupt wirft.

Ein Wort der Warnung für den Jüngling, in Betracht der Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner Art. Es ist ziemlich bekannt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht sehr vortheilhaft sein könne; allein noch in andern Rücksichten ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, daß der Verfasser selbst ein Verehrer der Kunst ist, so wird man ihm wohl nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn er dem Jünglinge räth, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im Genuß des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu sein. Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei wirken freilich wohlthätig auf das Herz, sie machen es weich und empfänglich für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie, schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, mannigfaltiges Elend veranlaffen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten, eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth, ist wahrlich ein trauriges Geschenk. <194, 292> Ein Herz, das empfänglich für jeden Eindruck, wie ein Rohr von mannigfaltigen Leidenschaften hin und her bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen hingerissen wird; ein Nerven=System auf welchem jeder Betrüger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das Alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf Ausdauer und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu hoch fliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen romanhaften Schwung giebt, und uns in eine Ideen=Welt versetzt, kann uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit Ekel gegen Alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit nachzustreben, und unsere Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt mitten durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bei den glänzenden Außenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährenden Taumel übergehen. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit in übertriebene Geschmeidigkeit, in niedere, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das blos den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist, verleidet uns jede <194, 293> ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles, häusliches, den Familien= und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Dasein -- mit einem Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet, und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der läuft Gefahr, sein wahres, dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtsein jede Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreißen und in den spätern Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles was ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären, wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf eine gefällige und treffende Weise unsere Verirrungen und Thorheiten dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam sein, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen, welche man als Wohlthäter ihres Zeitaltern ansehen müßte.

Man darf aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es sein könnte, sondern nach dem, was es ist. Wenn in unsern Lustspielen die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind, daß Niemand das Bild seiner eigenen Schwachheiten darin erkennt, wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird, wenn junge Phantasten und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten, vernünftigen Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur eyelichen Glückseligkeit ein wenig mehr als eine gebildete Sym<194, 294>pathie und vorübergehenden Liebesrausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der Leichtsinn in gefälligem Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz und Hoheit auftritt, und durch einen Anstrich von Größe und Kraft, Bewunderung erzwingt, wenn im Trauerspiel unser Auge mit dem Anblick der ärgsten Gräuel vertraut, wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt wird, wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen, wenn der elendste Fratzenschneider, die ungeschickteste Dirne, in sofern sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einärnten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsere Theater=Dichter sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet, im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich' s da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen! Und nun was die Schauspieler betrifft: ihr Stand hat sehr viel Lockendes: Freiheit, Unabhängigkeit von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall, Vorliebe des Publikums, Genuß und die schöne Gelegenheit, einem glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer versteckt geblieben wären, Schmeichelei, die Freuden der Tafel bei reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße, Gelegenheit, Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das Alles kann wohl einen Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten Gemüthe, mit übel geord<194, 295>neten Leidenschaften und Begierden kämpft, in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese Theater=Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abenteurer, Menschen aus den niedrigsten Ständen, freche Buhlerinnen; mit diesen lebt man, wenn man sich demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende Elend, und da diese Künstler fast ganz außer dem Staate leben, so fällt bei ihnen ein starker Beweggrund zum Gutsein weg, nämlich die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kommt noch etwa die Verachtung, mit welcher freilich unbilligerweise manche ernsthafte Leute auf sie herabsehen hinzu, so wird das Herz erbittert und verhärtet.

Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit, was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine Gemüthsstimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird des Mannes und seines Spiels überdrüßig; seine Manier gefällt nicht mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht wieder fort, -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler=Lebens.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat, dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen Fuß mit <194, 296> ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankommt, sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sei, daß man einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe, sie an Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung, Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit, Strenge fühlen zu lassen, sie übrigens aber nach Verhältniß der Talente und der sittlichen Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen. Ermuntere durch bescheidenes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht zur Ungebühr den jungen, angehenden Künstler. Durch gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden. Das übertriebene Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich, aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter der Vollkommenheit nachzustreben und hören auf, ein Publikum zu achten, das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der Zustand unserer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn ist, weil in dem Fache der Wissenschaften so selten was unter uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des Verfassers seine volle Reife erlangt hat.

Laß dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre auch dein Herz vor Eifersucht. Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren. Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren Umgang du zum Vortheile deiner Kunst weiser und besser werden kannst, nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten.

So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit Männern, <194, 297> die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines ersten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei dem durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zur Liebe, Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und veredelt sind.

Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und belebend, sein Umgang sühnt mit der Welt und ihren Beschwerden aus, gewährt Erhebung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen Berufsgeschäften, und giebt demjenigen neue Federkraft, der durch lange Anstrengung abgespannt ist, erhöht die mäßigste Kost zu einem Göttermale, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Herd zu einem Altare der Musen.

Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres wohlthätigen Einflußes auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier Alles auseinandersetzen, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden ist, ist auch auf gesellschaftliche Bühnen anwendbar. Welche besondere Vorsicht aber noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen=Vertheilung zu beobachten ist, wenn gesittete, junge Leute Schauspiele aufführen sollten, das fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch außerdem vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart, auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und Bestimmiheit des Charakters, den sie schon erlangt oder nicht erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.

<194, 298>

Aehnlich wie mit Künstlern gestaltet sich der Umgang mit Gelehrten, Dichtern und Schriftstellern. Es sollte, wie überhaupt im Umgange mit Menschen, auch bei diesen mehr auf den Charakter, als auf den Stand Rücksicht genommen werden, auf die Art, wie er sich in der Gesellschaft einführt und benimmt, und auf die Ansprüche, welche er macht. Auch hier wollen wir einige der Regeln, welche Knigge hierüber ertheilt, anführen. Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schriften. Auf dem Papiere steht der Mann oft ganz anders, als in Natur. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann, wenn keine stürmischen Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin= und hertreiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich den Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt, ihm wenigstens dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu vermeiden, und es würde unbillig sein, ihn deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es deswegen eben so unbillig wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten). Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt, als seine eigenen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht, oder Faun, oder Menschenfresser halten, weil seine üppige Phantasie sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend <194, 299> einen boshaften Charakter von einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist darum noch kein schlechter Mann, und so wie man bei hungrigem Magen Götter=Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein und die sinnliche Liebe mit am Feuer besingen, und dennoch die mäßigsten, keuschesten Menschen sind, kenne Schriftsteller, die Gräuel von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen, kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.

Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt antasten. Willst da daher in Frieden leben, so sei vorsichtig in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie dich um deine Meinung darüber fragen, so hast du dies kläglich und demüthiglich so auszulegen, als bäten sie dich um einen Lobspruch und eine Schmeichelei. Der Fall ausgenommen, wenn Freundschaft dich zu völliger Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo du nicht ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.

Wir geben hier der Vollständigkeit wegen noch ei<194, 300>nige allgemeine Regeln, die sich auf die Umgangssprache beziehen, und die man überall, in welche Gesellschaft man auch kommen mag, beherzigen möge.

Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen weiß.

Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu sein, sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht über seine eigenen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein Aeußeres studiren und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel sein; man soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber bescheiden und sanft, ins Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln, Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, Alles was eine feine Erziehung, was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andere verräth, das gehört nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig, sich in solchen Dingen nichts nachzusehn, sondern jede kleine Regel des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel <194, 301> seiner Familie, zu beobachten, um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft giebt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen, doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort führen solle, daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße, wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse, wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf steilen Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist, daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. „Als wir gestern zusammen spazieren gingen.” „Wir haben im gestrigen Spiele gewonnen, und unsere Gegner verloren”) und, daß sie verlaugen, man solle thun, als seien sie allein in der <194, 302> Welt des Nennens werth: „Ihro Excellenz, Ihro Gnaden haben gewonnen;” (höchstens möchte man hinzusetzen: „mit mir”); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sei, immer etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt oder spielend vernichtet, es sei brauchbar oder nicht, gehöre uns oder Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart fremder personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art treiben will; daß es anständig sei, wenn man jemand im Vorbeigehen grüßen will, den Hut auf der Seite abzuziehen, wo der Fremde nicht geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor ihm verberge; daß man jemand etwas darreicht, es, in sofern dies zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse; daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in' s Ohr zu flüstern, bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir, von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sei, in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z. B. wenn er Kartenkünste zeigt, feine Kunst zu enthüllen. Leuten von gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese kleinen Dinge in mancher Leute Augen große Dinge sind, und daß oft unsere zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.

Eine der Hauptregeln beim Umgange mit Menschen ist Gegenwart des Geistes und Kaltblütigkeit zu behaupten, wenn wir selbst oder Andere <194, 303> in Gefahr schweben. Ein rascher Entschluß kann oft allein die Rettung bewirken. Ohne viel zu schwatzen drängt die Zeit zum Handeln, ein weicher verzärtelter Mensch wird zwar ungern zugreifen, wo er sonst zurückschaudert z. B. bei einem Unglücksfall, wobei Blut fließt, aber er bekämpfe sein Gefühl und habe nur die Rettung vor Augen. Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart wird überall erfordert, wo ein unvermutheter Zufall eintritt: ein Naturereigniß, eine Wassernoth, eine Feuersbrunst, der Einsturz eines Hauses, ein nächtlicher Ueberfall durch Feinde oder Räuber. Ein verschlossener kaltblütiger Mann vermag mehr als zehn Furchtsame. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein des Schwimmens ganz Unkundiger einen im Wasser Verunglückten gerettet hat, während mehrere tüchtige Schwimmer rathlos am Ufer standen und verzweifelten. Geistesgegegenwart wird aber sehr oft auch im gewöhnlichen Gespräch erfordert. Eine unerwartete Wendung der der Gedanken, ein plötzliches Anreden, eine Frage, auf welche man nicht vorbereitet war, kann jemanden so aus der Fassung bringen, daß er keine Antwort zu geben vermag; es ist daher nöthig, wo man sich einmal befindet und womit man sich beschäftigt, alle geistigen Kräfte zusammen zu halten und nicht zerstreut seine Gedanken in die Ferne zu senden. Dies gilt namentlich für feinere Gesellschaften, in denen sich die Gespräche um Gegenstände von wichtigem Interesse drehen, oder wo Leute von Kopf und Geist versammelt sind.

Einen gewissen Grad von Geistesgegenwart erfordert auch die erste Rede vor einer großen Versammlung, das erste Erscheinen auf der Bühne, die erste Predigt, die erste Audienz bei einem Fürsten oder Großen. Sehr vielen geht es bei solchen Gelegenheiten schlimm genug. Sie vergessen Alles, worauf sie sich ganz sorgfältig vorbereitet hatten, kein Ge<194, 304>danke ist ihnen gegenwärtig, sie sind einer Ohnmacht nahe, Alles dreht sich im Kreise um sie, sie erkennen keinen von denen, die vor ihnen sitzen und stehen und nicht Alle vermögen es sich nach und nach zu fassen, viele behalten eine Aengstlichkeit für ihr ganzes Leben bei. So kennt Schreiber dieses, Schauspieler, die schon zwanzig Jahre auf der Bühne sind und die jedesmal von einem heftigen Zittern befallen werden, sobald sie hinter der Coulisse hervor auf die Scene treten müssen. Man darf daher den Eltern und Erziehern rathen, den Kindern schon Gelegenheit zu geben, wo sie ihre Geistesgegenwart üben und erproben können. Dies wird in heutiger Zeit um so nöthiger, je mehr unser ganzes Leben, das politische und richterliche eingeschlossen, nach der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit hinstrebt und der Abgeordnete in der Kammer, der Präsident, der Regierungscommissarius, der Richter, der Advokat etc. jeden Augenblick bereit sein muß, auf unvorhergesehene Fragen Rede zu stehen, Auskunft zu geben, seine angefochtene Meinung zu vertheidigen oder die des Interpellanten schlagend zu widerlegen. Hoffentlich wird auf diese zukünftige Bestimmung unserer Staatsmänner auch beim Schulunterricht gebührende Rücksicht genommen werden, damit sie später nicht ganz fremd auf diesem Gebiete sind.

Klassifizierung: 649.6 Unterweisung von KindernDDC-Icon Klassifizierung: 179.3 Behandlung von TierenDDC-Icon Wir kommen nun zum letzten Abschnitt unsrer Abhandlung zu dem Umgange der Menschen mit den Thieren. Es versteht sich von selbst, daß hier das Wort Umgang nicht in der Bedeutung der Geselligkeit gebraucht ist, sondern in der Bedeutung von Behandlung. Es giebt freilich Fälle, wo zwischen Herr und Thier eine Art freundschaftlicher Genossenschaft statt findet und die Anhänglichkeit des Einen an den Andern, die über den Tod hinausreichende Treue an menschliche Verhältnisse erinnert und sich <194, 305> fast zur Liebe, in ihrer Uebertreibung sogar bis zur Zärtlichkeit steigern kann. Im Ganzen sind diese jedoch nur als Ausnahme zu betrachten. Der Mensch geht mit dem Thiere um, indem er es weder zu Arbeiten benutzt, wie z. B. das Pferd, oder zum Vergnügen, oder zur Bewachung, oder zur Nahrung. -- Die Behandlung eines Thieres, eines Geschöpfes, das keine freien vernünftigen Thätigkeit fähig ist und das nur durch Abrichtung einen gewissen Grad von Bildungsfähigkeit entwickelt, richtet sich zunächst nach dem Zwecke zu welchem es uns dienen soll. Die erste Pflicht, das erste Gebot ist in dem Ausspruche enthalten, der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes. Er erspart ihm jede Mißhandlung, jeden Schmerz, jede Qual; denn auch das Thier ist mit Sinnen und mit Organen der Empfindung begabt. Nur leichtsinnige und verwilderte Menschen haben ihre Lust an den Schmerzen eines lebenden Geschöpfes, oder an der Todesangst desselben. Aber die Barbarei früherer Jahrhunderte hat sich in mehreren Beziehungen auch auf unsere so cultivirte und wegen dieser Cultur so gerühmte Gegenwart vererbt. Was sind z. B. die Hetzjagden anders als solche durch die Sitte oder Unsitte der großen Welt sanctionirte Barbareien? Was sind die Parforceritte zur bloßen Lust der Pferdeliebhaber? Die englischen Großen unternehmen sie nicht aus Zwecken der Dressur ihrer Thiere, sondern zu ihrem Plaisir und zu ihrem Gewinn; denn sie veranstalten dabei Wetten um große Summen. Soll ich an die Stiergefechte in Spanien, an die Thierhetzen, die wir manchmal bei uns noch erleben, erinnern? Wenn die gemüthsrohen Römer dergleichen veranstalteten, so gaben sie damit einen Beweis ihrer sittlichen Verwilderung während der Kaiserzeit. Sie schonten ja selbst in ihren Gladiatoren= und Thierkämpfen der Menschen nicht, wie durfte <194, 306> man Schonung für die Thiere von ihnen erwarten! Das Mittelalter hat bereits einen großen Theil dieser Barbareien abgeschafft und in neuerer Zeit haben sogar die Gesetzgebungen sich der wahrlosen Geschöpfe erbarmt und Strafen auf die Thierquälerei gesetzt. Nicht genug! Auch haben sich Gesellschaften zusammengethan, die einen Verein zum Besten der Thiere gebildet haben; denn nicht überall reicht das Gesetz aus, Vergehungen solcher Art gebührend zu bestrafen und die Befolgung seiner Vorschriften überwachen zu lassen. Das Beste hierzu muß die Erziehung der Jugend, die Erweckung des Mitgefühls in den Kinderherzen beitragen. Wer hätte nicht schon gesehen, daß Knaben sich ein Spielwerk daraus machen, Käfern die Beine auszureißen, Vögel anzubinden und sie dann fliegen zu lassen; Hunden den Schwanz einzuklemmen, Katzen Nußschalen an die Pfoten zu kleben und was dergleichen Abscheulichkeiten mehr sind.

Aus solchen grausamen Spielereien läßt sich ein eben nicht erfreulicher Schluß auf das Gemüth des Kindes ziehen und nicht streng genug sollte man gegen diese Zeichen der keimenden Brutalität einschreiten. Denn fast immer entwickelt sich aus solchen Keimen ein der menschlichen Gesellschaft gefährlicher Character. Läßt sich ein Mensch in späteren Jahren solche Grausamkeiten zu Schulden kommen, „wenn dieser, meint Knigge, doch einen Augenblick erwägen wollte, wie tief er sich dadurch herabwürdigt, daß er als das grausamste aller Raubthiere, mit kaltem Blute aus Muthwillen nur ein Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert und wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters sein müsse, der in dem Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des Gebotes vernimmt, das er den Menschen in' s Herz geschrieben hat, wenn er sich doch überzeugen wollte, daß ein Thier eben so schmerzhaft <194, 307> jede Mißhandlung und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt, wie wir und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Dasein auf sinnlichen Empfindungen beruht, daß die Art seines Daseins vielleicht nur die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo wir jetzt stehen und daß die Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleibltch zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe führt.” Es ist schon schwer zu vertheidigen, wenn man Thiere in Kästen und Käfige sperrt und sie dadurch verhindert ihre natürlichen Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, oder wenn man einem Vogel durch Kunst Melodieen beibringt, über denen er seinen Naturgesang vergessen würde.

Man kann auch leicht in das entgegegengesetzte Extrem verfallen. Während wir auf der einen Seite Hunde vor schwere Karren gespannt sehen, auf welchen sich zum Ueberfluß die Besitzer selbst noch bequem hinsetzen und sich von den schwachen Geschöpfen unter beständigen Mißhandlungen im scharfen Trabe fahren lassen, begegnen uns auf der andern Menschen, die einen wahren Abgott aus ihren Hündchen machen und an dasselbe so viel verschwenden, daß davon eine dürftige Familie leben könnte. Man findet solche Zärtlichkeiten besonders bei alten Jungfern, die nicht der Liebe zu Menschen fähig sind, bei Sonderlingen und überhaupt Karrikaturen der menschlichen Gesellschaft. Von ihnen kann hier nicht die Rede sein.

Mit dieser kurzen Betrachtung schließen wir die Betrachtungen über den Umgang in Beziehung auf das gesellige Zusammensein und wenden uns noch zu den übrigen Bedeutungen des Wortes.

Klassifizierung: 685.1 Herstellung von Sattel- und ZaumzeugDDC-Icon Klassifizierung: 677 Textilien DDC-Icon Klassifizierung: 669 MetallurgieDDC-Icon Klassifizierung: 622 Bergbau und verwandte TätigkeitenDDC-Icon Im Bergbau sagt man eine Grube ist oder steht <194, 308> im Umgang, wenn dieselbe regelmäßig bebaut wird und hinlänglich mit Arbeitern versehen ist, so daß sie niemals still zu liegen braucht; im Hüttenwesen, bedeutet Umgang so viel wie Schicht, bei einem Weber so viel wie Schmitze ein solches Stück des Gewebes, fünf bis sechs Ellen lang, welches um den Scheerrahmen geht, (s. den Artikel Pfeil-IconWeber, unter W.): beim Riemer heißt Umgang ein breiter Riemen, dessen beide Enden an den Brustringen befestigt sind und der um das Hintertheil des Pferdes geht. Man bringt ihn deshalb an den Geschirren an, weil er in gebirgigen Gegenden beim bergabwärts fahren das Aufhalten des Wagens erleichtert. In der Bauwissenschaft nennt man Umgang einen Gang oder Corridor, welcher um das Gebäude herumgeführt worden ist.

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