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Klima Klassifizierung: 525 Die Erde (astronomische Geografie)DDC-Icon , aus dem Griech. und Lat. Clima. Fr. Climat, in der Geographie und Kosmographie, ein Theil der Erdkugel, welcher zwischen zwey mit dem Aequator parallel laufenden Zirkeln enthalten ist; oder ein um den Erdboden laufender Gürtel, welcher zwischen zwey dem Aequator parallelen Kreisen liegt, in deren entfernterem der längste Tag um eine bestimmte Zeit, z. B. um eine halbe Stunde, länger ist, als in dem nähern. Der Erdstrich, Erd=<40, 443>Gürtel, Himmelsstrich, und mit einem andern griech. Worte die Zone. Es wird nähmlich durch jeden Grad der Breite, wo der längste Tag im Jahre merklich zunimmt, und folglich Kälte oder Wärme sich merklich ändern, ein Parallel=Zirkel gezogen. Die Neuern haben 25 Klimata angenommen, bis unter die Breite von 66 Grad 41 Minuten, wo der längste Tag 24 Stunden ist. Unter der Pol=Höhe von 67 Grad 30 Min. ist der längste Tag schon ein Monath, und nimmt immer bey ganzen Monathen zu, bis er unter dem Pole ein halbes Jahr wird. Die Geographen unserer Zeit rechnen jedoch nicht nach den Climatibus, sondern nach den Graden der Breite.

Die alten griechischen Weltbeschreiber zählen nur 7 Klimata, von dem Aequator an bis zum Nord=Pol, und benennen sie von einigen bekannten Plätzen, durch welche der mittelste Parallel=Kreis des Klima ging; die neuern aber zählen 25. Der Anfang des Klima ist der Parallel=Zirkel, in welchem der Tag am kürzesten ist. Das Ende des Klima ist derjenige, in welchem der Tag am längsten ist. Die Klimata werden also von dem Aequator an, bis zu dem Pol gezählet, und sind so viel Striche oder Zonen, die durch Linien, welche mit dem Aequator parallel laufen, begränzet sind, wiewohl, wenn man die Sache genau nimmt, innerhalb der Breite einer Zone etliche Klimata sind. Ein jedes Klima ist von dem nächst daran stoßenden nur darin unterschieden, daß der längste Tag im Sommer um 1/2 Stunde in diesem Platze länger oder kürzer ist, als in dem andern.

Da die Klimata bey dem Aequator anfangen, so ist im Anfange des ersten Klima, der längste Tag gerade 12 Stunden lang, und in dem Ende desselben 12 1/2. Das zweyte, welches da, wo das erste aufhört, anfängt, nähmlich bey 12 1/2 Stunde, endigt sich bey 13 Stunden, und so geht es mit den übrigen.

Hierher gehört die Redensart der Weltbeschreiber: die Stunden=Klimata endigen, und die Monaths=Klimata fangen an. Gleich wie ein Stunden=Klima ein Raum ist, den zwey Parallel=Zirkel des Aequators in sich schließen, in deren ersten der längste Tag, den längsten Tag im letzten <40, 444> um eine halbe Stunde übertrifft: so ist ein Monath=Klima ein Raum zwischen zwey, mit den Polar=Zirkeln parallel laufenden Zirkeln, dessen längster Tag um einen Monath, oder 30 Tage länger oder kürzer ist, als in dem daran stoßenden.

Die Alten, welche die Klimata auf der Erde nicht weiter gehen liessen, als so weit sie ihrer Einbildung nach bewohnet war, setzten deren nur 7, wie ich bereits gesagt habe. Das erste liessen sie durch Meroe gehen; das zweyte, durch Sienna; das dritte, durch Alexandria; das vierte, durch Rhodus; das fünfte, durch Rom; das sechste, durch Pontus; und das siebente, durch den Mund des Borysthenes. Die Neuern, welche weiter an die Pole hin gesegelt sind, setzen zu jeder Seite 30 Klimata; und weil die Schräge einer Sphäre einen kleinen Unterschied in der Länge des längsten Tages macht, so geben Einige zum Unterschied der Klimatum nur eine Viertel=Stunde, statt einer halben, an.

Klassifizierung: 551.6 Klimatologie und WetterDDC-Icon Die Erfahrung lehrt, daß die Wärme und Kälte in demselben Klima, und noch mehr in zwey übereinstimmenden aufbeyden Hälften der Erdkugel nicht überall einerley ist. Die hohe oder niedere Lage, die flache oder bergige Gegend, die Beschaffenheit des Erdbodens, die Nähe großer Ströhme oder gar des Meeres, und viele andere Ursachen, sind im Stande, hier die Wärme oder Kälte zu vermehren, dort zu vermindern.

Der Naturforscher und der Arzt verstehen unter Klima nicht nur die vorhin angezeigten mathematisch abgetheilten Erdstriche, sondern überhaupt die verschiedene Temperatur von Wärme, Kälte, Trockenheit oder Nässe der Atmosphäre eines Landes oder eines Erdstriches, auch sogar zuweilen die Beschaffenheit des Erdbodens selbst. Daß dieses alles ein wichtiges Augenmerk für beyde Wissenschaften sey, erhellet gar deutlich, wenn man den großen Einfluß, den die Verschiedenheit der Klimaten auf den Menschen, auf die Thiere und die Pflanzen hat, überlegt.

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Länder, die einerley mathematisches Klima, oder einerley Pol=Höhe, oder einerley Unterschied zwischen Tag und Nacht von einem Sonnenstanden zum andern, mit einander haben, weichen oft in dem physischen sehr von einander ab; denn die Erfahrung lehrt, daß bey einerley Sonnen=Höhe und Länge des Tages die Kälte und Wärme sehr unterschieden seyn könne. Man findet an einerley Orten kühle und heiße Sommer, heftige und gelinde Winter; und an verschiedenen Orten, die gleich weit vom Aequator abstehen, und folglich einerley Wärme haben sollten, ist darin eine große Mannichfaltigkeit. So haben z. B. Savoyen und die Schweitz, einerley geographisches Klima mit Frankreichs südlichen Provinzen, aber ein sehr unterschiedenes physisches. So betrug die Kälte, die man seit etlichen 60 Jahren in Paris bemerkt hat, im J. 1709 kaum 20 Grad, da sie in Astracan, welches noch etwas südlicher, als Paris, liegt, im J. 1746, 30 1/2 Grad betrug. So betrug sie in der Haupt=Stadt von Canada, Quebec, im J. 1743, 41 Grad, obgleich diese Stadt fast 2 Grad näher beym Aequator liegt, als Paris, u. s. w.

Diese große Ungleichheit der physischen Klimata kann von verschiedenen Ursachen herrühren. So kann z. B. 1. die verschiedene Lage der Sonne gegen die Erde, Ursache seyn; denn wir wissen sowohl aus den Gesetzen der Bewegung, als auch aus der Erfahrung, daß die Wirkungen der Sonnen=Strahlen desto stärker sind, je gerader sie auffallen, und daß die Hitze desto größer wird, je länger die Wirkung der Sonne dauert, die sie verursachet. 2. Kann auch die Beschaffenheit der Luft, eine Ursache der verschiedenen Wärme und Kälte seyn. Je höher die Luftkugel voll Dünste ist, desto mehr fangen diese Sonnen=Strahlen auf, ehe sie unsere Erde erreichen; und ist die Luft rein und heiter, so hat die Sonne den Tag über größere <40, 446> Wirkungen, die Nächte aber sind kühler. 3. Kann ein Ort, nach dem er hoch, oder in einer Ebene liegt, einen merklichen Unterschied in dem natürlichen Klima verursachen. So ist, nach Ludolf's Bericht, die Hitze in den Ebenen von Abyssinien unerträglich, in den gebirgigen Gegenden hingegen gemäßigter, als in Portugal, welches so viel weiter nach Norden liegt. So hat die Landschaft Quito in Peru ein gemäßigtes Klima, obgleich der Aequator durch dieselbe streicht, weil das Land 1600 Klafter höher liegt, als das Meer, und sich zwischen zwey Gebirgen befindet, die von Süden nach Norden mit einander parallel gehen, fast an den Himmel reichen, und mit beständigem Schnee bedeckt sind. 4. Verursacht auch dieses eine große Veränderung des Klima, ob ein Land an der See, oder tief in dem festen Erdreiche liegt; denn das Meer ist, bekannter Maßen, im Sommer kälter, im Winter aber wärmer, als die Luft ist, und theilt allezeit der Luft, welche über ihm steht, etwas von seiner Beschaffenheit mit. Die Winde führen diese Luft über das Land, und machen daher die Sommer kühler, und die Winter gelinder, als sie sonst seyn würden. Die gelinden Winter in England, rühren offenbar von der Wärme der umliegenden See her. 5. Kann die Verschiedenheit des Erdreiches das natürliche Klima verändern; denn die Erfahrung lehrt, daß nicht alle Materien gleich viel Wärme annehmen, und die angenommene Wärme gleich lange behalten. So wird z. B. die Hitze in Afrika durch den Sand unerträglich. 6. Müfsen auch die Winde in Betrachtung gezogen werden. So ist z. B. die weite Ebene, die in Amerika im 10 bis 15ten Grade südlicher Breite bewohnt wird, ausserordentlich heiß; bisweilen aber erregt der von den mit Schnee bedeckten Gebirgen herkommende Schnee eine ausserordentliche Kälte. 7. Kann sich auch ein und eben dasselbe Klima in Absicht auf seine Wärme <40, 447> und Kälte selbst ändern, wie wir davon ein einleuchtendes Beyspiel an unserm Deutschlande haben. So lange es noch mit Wäldern bewachsen, und mit Sümpfen und Morästen angefüllt war, so lange herrschte in demselben das rauhe Klima, welches die alten Geschichtschreiber uns so fürchterlich schildern. Seit dem es aber von Waldungen entblößt ist, die Sümpfe und Moräste ausgetrocknet sind, und überhaupt dasselbe angebauet worden ist, ist es weit gelinder geworden. Rußland, Sibirien und die große Tatarey, befinden sich noch in dergleichen Umständen, daher ist auch ihr Klima weit kälter, als das Klima der europäischen Länder, die mit ihnen zwischen eben den Parallelen liegen.

Klassifizierung: 599.9 Hominidae; Homo sapiens (Mensch)DDC-Icon Ob gleich der Mensch das einzige lebendige Geschöpf ist, welches in allen Klimaten leben, und sich an alle verschiedene Temperatur der Luft und des Erdbodens gewöhnen kann: so hat doch diese Abwechselung in seiner äusserlichen Bildung, in seinen Temperamenten und in seinem sittlichen Character beträchtlich große Abartungen, und so wie in der ganzen Natur, also auch hier eine Mannichfaltigkeit verursachet, die zur Schönheit und Vollkommenheit der Schöpfung abzielt.

Die Bewohner der heißen Erdstriche z. B. sind von hitzigem Temperament, haben eine braune oder gar schwarze Farbe des Gesichtes und des Leibes, eine lebhafte feurige Einbildungs=Kraft, und sind zu heftigen Affecten geneigt. Die Bewohner der gemäßigten Klimaten sind weiß von Farbe, haben ein gemäßigteres Temperament, und sind in ihren Handlungen bedächtlicher, und in ihrem Character fester. Die Einwohner der kalten Klimaten, sind von trägem Temperament, klein von Statur, blaß von Angesicht, und haben ein geringes Maß von Verstandes=Kräften. Ob nun wohl das Klima die einzige Ursache dieser Verschiedenheit nicht ist, (denn die Nahrungs=Mittel, <40, 448> die Cultur und andere äussere Umstände, tragen ebenfalls das ihrige bey,) so ist es doch gewiß die vornehmste. Ueberdas erfordert es eine sehr lange Zeit und viele Generationen, wenn der Einfluß merklich werden, und eine Abartung wieder in eine andere verwandelt werden soll. Hieraus erhellet, daß der Bau des menschlichen Körpers weit biegsamer, und zu den Verschiedenheiten der Luft und Nahrung weit besser zu gewöhnen ist, als der Körper der Thiere.

Klassifizierung: 591.5 VerhaltenDDC-Icon Es gibt in der ganzen Natur kein Thier, welches in allen Klimaten ausdauern und sich daran gewöhnen könnte, ohne daß es seine Gestalt, Farbe und andere Eigenschaften gänzlich verändere, die Fortpflanzungs=Kraft verliere, kränklich werde, oder gar in kurzer Zeit sterbe. Die Beyspiele sind so zahlreich, daß es fast unnöthig ist, einige anzuführen. Die Rennthiere, welche des kältesten Klima gewohnt sind, kommen hier zu Lande gar nicht fort. Die Löwen, Tieger, Affen, und andere Thiere aus den heißen Süd=Ländern, verlieren hier zu Lande ihre Munterkeit, und die Kraftsich fortzupflanzen. Die Canarienvögel pflanzen sich zwar fort, allein sie haben schon durch die Veränderung des Klima eine beträchtliche Abartung erlitten; ihr Gefieder hat allerley Farben bekommen, sie sind zahm geworden, und können nur wenige Tage ausdauern, wenn man sie aus ihrem Gefängnisse in Freyheit lässet. Merkwürdig ist es bey den Vögeln, daß manche ihr Klima aus Instinet verlassen, und zu gewissen Jahrs=Zeiten die weitesten Reisen von Norden nach Süden vornehmen. Einem Jeden werden hierbey sogleich die Störche, die wilden Gänse, und viele andere Zug=Vögel, einfallen.

Endlich sind auch die leblosen Geschöpfe des Erd=Balles, die Pflanzen an besondere Klimate gebunden; und es ist für den Pflanzen=Kenner und den Oekonom gleich wichtig, diesen Umstand zu kennen. Da aber <40, 449> bey den Pflanzen die Verschiedenheit der Luft kaum so großen Einfluß hat, als die Verschiedenheit des Bodens, so kommen bey ihnen beyde in Betrachtung. Hiervon werde ich im Art. Pfeil-IconPflanze ausführlicher handeln. Hier betrachte ich nur das Klima nach der hauptsächlichsten Verschiedenheit.

Man kann alle Klimate füglich in heiß=trockne, in gemäßigte und feuchte, und in kalte und rauhe, eintheilen. Mehrentheils herrscht in jeder Provinz oder in jedem Reiche des Erdbodens eines dieser Klimate; doch gibt es auch Ausnahmen, wo nähmlich alle drey herrschen; und dieses sind die Länder, welche mit sehr hohen Gebirgen besetzt sind. Auf den Gipfeln derselben ist es fast stets Winter, und ein ewiger Schnee versperret allen Geschöpfen den Zutritt und die Wohnung. Die tiefern Gegenden sind gemäßigt, und werden von Thieren und Pflanzen bewohnt; die Thäler endlich prangen in dem mildesten und fruchtbarsten Klima. Allein, solche Reiche und Provinzen sind seltener; gemeiniglich herrscht nur Ein Klima in jeder Gegend, welches mit den daselbst einheimischen Thieren und Pflanzen überein stimmet. Die sudlichen Gegenden in der brennenden Zone haben durchgehends ein hitziges, trocknes Klima. Der Boden ist meistens dürre und trocken; nur zu gewissen Jahrszeiten fällt Regen. Die Schwere der Luft scheint nicht so vielen Abwechselungen unterworfen zu seyn, weil das Barometer sich nur wenige Linien verändert. Das Thermometer steigt bis auf den 40sten, ja 50sten Grad nach Reaumür. Der Boden bringt eben so viele und mannichtfaltige Pflanzen hervor, als andere Länder; allein, sie haben meistens eine verschiedene Natur. Die Bäume sind fast alle mit stets grünendem Laube bekleidet; und durch Einflechtung sehr vieler Gattungen von steigenden oder rankenden Pflanzen formiren sie Wälder, die mit dem dichtesten Dache von Blättern <40, 450> beschützt sind, so, daß Menschen und Thiere gegen die übermäßige Hitze eine kühle Zuflucht haben. Mehrentheils wächst hier eine Menge von saftigen Pflanzen mit dicken, fleischigen Blättern, z. B. viele Gattungen von Aloe, Cactus, Zaserblume (Mesembryanthemum L.), und andere mehr, von welchen bekannt ist, daß sie eine lange Zeit in trocknem Erdreiche ohne Regen bloß von der feuchten Luft frisch bleiben. Uebrigens sind fast alle Gewächse dieses Klima sehr zärtlich, und können in einer temperirten Luft von 10 Grad Wärme kaum noch ausdauern. An lebendigen Bewohnern hat das heiße Klima keinen Mangel. Das zahlreiche Heer von Affen, Meerkatzen und Pavianen; die grimmigen Raub=Thiere, der Löwe und Tieger, welche in ihrer hitzigen Natur und ihrem Feuer mit ihrem Klima überein stimmen; sodann der Elephant, das Nasehorn, das Fluß=Pferd, der Krokodill, und viele andere mehr, sind die vornehmsten und stärksten Einwohner dieser Gegenden. Ausser diesen sind die meisten Schlangen=Arten und unzählig viele Insecten nur in diesen Ländern einheimisch.

In den temperirten, mittelmäßig warmen Klimaten, welche durchgängig in den mehresten europäischen Reichen herrschen, sind die Pflanzen nicht so zärtlich. Die Bäume werfen ihr Land im Winter ab, und die immer abwechselnde Schwere der Luft, die man an dem Barometer bemerkt, verursachet auch eine verschiedene Wirterung. Die Pflanzen werden weder durch die brennende Sonnen=Hitze versenget, noch durch übermäßige Kälte zum Erstarren gebracht. Jene hitzige in den Süd=Ländern wachsende Gewächse aber halten schon die hiesigen Winter=Fröste nicht unter freyem Himmel aus, und die dort lebenden Thiere kommen nicht fort. Dagegen haben wir indessen andere lebendige Bewohner unserer Wälder und Felder.

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Das kalte, rauhe Klima der Nord=Länder ist am sparsamsten von der Mutter Natur beschenkt worden. Weniger Pflanzen und weniger Thiere, die davon leben können, findet man daselbst. Die Wälder sind nur ein Aufenthalt der Wölfe und Bären; kaum daß man noch Hasen und Rennthiere antrifft, welche aber alle entweder ganz sind, oder doch wenigstens im Winter graue Haare bekommen. Unter den Vögeln sind noch die Wasser=Vögel am häufigsten; die Mewen, Gänse, Aenten, Pelicane, u. a. m. Aber auch diese sind nur im Sommer da, und begeben sich im Herbste nach den südlichen Gegenden. Die Felder sind auch an Pflanzen ziemlich leer, und die Wälder haben fast nichts als Nadel=Holz. Wenige Getreide findet man daselbst. Die öden Heiden sind mit Rennthier=Flechte und andern Mos=Arten bedeckt; hin und wieder raget das Löffelkraut aus dem Schnee hervor. Dennoch hat die Dürftigkeit die Menschen nicht abgeschreckt, sich hier anzubauen, so armselig sie auch leben müssen.

Ausser den drey jetzt beschriebenen Klimaten, gibt es nun freylich mehrere Mittel=Gattungen, so, daß fast kein Reich des Erdbodens mit dem andern ein in allen Stücken gleiches Klima hat. Ueberdies lehrt die Erfahrung, daß ein Klima in der Folge der Zeit sich sehr ändern könne. Deutschland selbst ist das bekannteste Beyspiel. Wie rauh, nebelig und unfruchtbar muß dasselbe zu Tacitus Zeiten gewesen seyn; und wie sehr viel wärmer ist es seit der Zeit geworden! Die Austrocknung der Sümpfe, die niedergehauenen Wälder, und die allenthalben weit ausgebreitete Cultur, haben die Nebel zerstreuet, und den erwärmenden Sonnen=Strahlen Raum gegeben, zu wirken. Eben die Veränderung wird wahrscheinlicher Weise auch das noch kalte rauhe Klima von Nord=Amerika leiden.

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Ob gleich jedes Klima seine besondere Thiere und Pflanzen nährt, so gibt es doch viele Gattungen, die mehrere Klimate mit einander gemein haben, keine aber, die das äusserst heiße und äusserst kalte aushalten können. Die meisten Gras=Arten z. B. kommen in jedem Klima, ausser dem ganz kalten, fort; und der Schöpfer der Natur hat dafür gesorgt, daß die unentbehrlichsten Pflanzen in den meisten Ländern des Erd=Bodens gut gedeihen. Ja, es gibt eine Menge von Gewächsen, welche anfänglich nur in wärmern Klimaten wohnen, die aber auch in den kältern fast eben so gut ausdauern. Man bedenke nur, daß alle Apfel= und Birn=Bäume, viele Pflaumen, die Wallnüsse, Mandeln und mehrere Gewächse, aus den warmen asiatischen und afrikanischen Ländern stammen, und nachher bis in die mittelmäßig warmen Länder sind verpflanzet und einheimisch gemacht worden. So werden vielleicht noch viele Wanderungen geschehen, da man in der Botanik und Oekonomie immer weitere Progresse macht. Könnte z. B. nicht die Thee=Pflanze aus China leicht hierher gebracht und mit dem besten Erfolge angebauet werden, da sie nach Linné Beschreibung keines warmen milden Klima bedarf? Eben so gibt es auch Beyspiele von manchen Thier=Gattungen, welche sowohl ein ganz heißes Klima, als auch ein gemäßigt kühleres, aushalten. Wir sehen dieses an den Kaninchen und dem indianischen Schweine, welche auch in mittelmäßiger Wärme gut gedeihen. Endlich kommen die Pferde, Ochsen und Schafe, in heißern Klimaten ganz gut fort. Mehrere Beyspiele anzuführen, halte ich für überflüssig.

Ausser den jetzt bemerkten Umständen, hat das Klima insonderheit einen starken Einfluß auf den Menschen. Ich werde zuerst die Wirkungen der Hitze und Kälte überhaupt auf den thierischen und den lebendigen <40, 453> menschlichen Körper erklären, und sodann ins besondre die Wirkungen eines heißen, eines kalten und eines gemäßigten Klima auf Temperament und Gemüths=Art, auf den sittlichen Character der Menschen, auf das äusserliche Betragen, auf die Geistes=Kräfte, auf Gesetzgebung, wie auch auf Gebräuche und Sitten oder Gewohnheiten, betrachten.

Der berühmte Montesquieu, hat die Wirkungen des Klima aus der Verschiedenheit der Wärme und Kälte zu erklären gesucht; da aber die Versuche, welche er in dieser Absicht austellte, mit der Zunge eines todten Schafes, einem in mancher Absicht hierzu ganz unbequemen Körper, gemacht wurden, *

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Esprit des Loix, L. 14, c. 2.

und überdieß seine anatomische und physiologische Kenntnisse sehr eingeschränkt waren, so sind auch seine daher abgeleitete Folgerungen weit weniger treffend und einleuchtend, als man sonst bey diesem Schriftsteller gewohnt ist. Um ähnliche Trugschlüsse zu vermeiden, will ich meine auf den Einfluß der Kälte und Wärme gebaueten Grund=Sätze bloß aus bekannten und allgemein eingestandenen Wirkungen derselben auf den lebendigen thierischen Körper herzuleiten suchen.

Klassifizierung: 612 HumanphysiologieDDC-Icon Die Hitze ist vielleicht der allgemein wirksamste Reitz, den wir in der Natur kennen. Ein hoher Grad derselben erhöhet überhaupt die Thätigkeit der Nerven im menschl. Körper, besonders der Haut=Nerven, welche ihrer Einwirkung am meisten ausgesetzt sind, und dadurch mehr Empfänglichkeit für jeden äusserlichen Eindruck erhalten. Hält die Hitze lange Zeit an, so befördert sie die Ausdunstung. Durch Vermehrung der Ausdunstung, verhindert die Hitze alle übrige Ausleerungen, und selbst die Absonderungen. Der Urin wird in geringer Menge abgesondert, und der Stuhlgang erfolgt sparsam. Doch muß hiervon die Galle <40, 454> ausgenommen werden, die an Menge, und, wie Einige glauben, auch an Schärfe, beträchtlich zunimmt. Auch wird der Hang des Körpers und der Säfte zur Fäulniß sehr erhöhet.

Von dem Grade der Hitze, die der Mensch ertragen kann, s. im XXIV Th. Pfeil-IconS. 12, fgg.

Die Kälte hingegen vermindert die Ausdunstung, wie auch die Abfonderung und Schärfe der Galle. Die Ausleerungen durch die Harnwege und Gedärme erfolgen regelmäßiger, und in einer der Masse der Nahrungs=Mittel gemäßeren Menge. Der Körper ist stärker, sein Umfang größer, und die Säfte werden weniger zur Fäulniß geneigt.

Klassifizierung: 179.9 TugendenDDC-Icon Klassifizierung: 179.8 Laster, Fehler, MängelDDC-Icon Aus den jetzt beschriebenen Wirkungen der Hitze und Kälte auf den Körper, lässet sich ihr Einfluß auf das Gemüth großen Theils erklären. Die Hitze vermehrt sowohl die Kraft, als auch die Genauigkeit und Feinheit der Empfindung und des Gefühles. Diese Empfindlichkeit des Körpers wird durch Mitleidenschaft der Seele mitgetheilt; daher der hohe Grad geistigen Gefühles, der unter heißen Klimaten so allgemein und wirklich so groß ist, daß diejenigen, welche dergleichen Gefühle nicht selbst empfunden haben, sich keinen Begriff davon machen können. Man kann dieses durch zahlreiche Beyspiele beweisen, und zugleich als die Haupt=Triebfeder der Handlungen und des sittlichen Betragens der Bewohner heißer Erdstriche ansehen.

Klassifizierung: 917.29 Westindien (Antillen) und BermudainselnDDC-Icon Klassifizierung: 305.851 ItalienerDDC-Icon Aus jener Empfindlichkeit entspringt, wie man schon vor Alters bemerkt hat, *

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Hippoerates de aëre, aquis et locis. c. 8. (Opp. ed. Foës. p. 283.)

das leidenschaftliche Temperament dieser Völker, und die in verschiedenen Umständen ihres Betragens sichtbare Ungeduld und Heftigkeit, welche bey Völkern von einer phlegmatischen <40, 455> Gemüthsart nicht bemerkt wird. Besonders fällt dieses in Europa bey den Italiänern, und in Amerika bey den Einwohnern der westindischen Inseln gar sehr in die Augen.

Auf dieser Empfindlichkeit beruhet auch die große Neigung zum andern Geschlecht, welche man bey den Bewohnern heißer Erdstriche wahrnimmt; und eben diese steigert wieder die Empfindlichkeit, von welcher sie herrührt. Sie sowohl als die Eifersucht, jene unzertrennliche Begleiterinn der Liebe, ist jederzeit ein hervorstechender Zug in dem Character dieser Völker gewesen. So mächtig aber auch der Zauber der Liebe in solchen Gegenden seyn mag, so schwingt sich doch daselbst diese Leidenschaft nicht zum Range einer verfeinerten Empfindung empor. Zwar steht Schönheit allezeit in hohem Werthe; Hochachtung aber, und Beständigkeit in der Liebe, sind bey der Vereinigung beyder Geschlechter sehr selten.

Klassifizierung: 305.895 Ost- und südostasiatische Völker; MundaDDC-Icon Dasjenige, was ich von der Empfindlichkeit der Menschen unter heißen Klimaten gesagt habe, könnte uns veranlassen zu glauben, daß ihre Gemüthsart ausserordentlich sanft und zärtlich seyn müsse. Dieses ist aber keinesweges allgemeiner National=Character. Ihre Empfindlichkeit lässet sie zwar allerdings für Andere fühlen, verursachet aber auch eine ungemeine Lebhaftigkeit derjenigen Gefühle, welche Beziehung auf ihr eigenes Selbst haben. So nimmt man z. B. viele Vorfälle, welche unter kalten Himmelsstrichen nicht geachtet werden, in Japan als unverzeihliche Beleidigungen auf, welche nicht anders als mit dem Tode gebüßet werden können. Selbst die Chineser, die doch als ein handelndes Volk ihre Leidenschaften mehr zu bezähmen genöthigt sind, werden, wenn man sie heftig reitzt, gewaltthätig und rachgierig. Eben denselben Unterschied bemerkt man in gewisser Absicht zwischen Spanien, Italien und England. Eben so beweisen die <40, 456> grausamen Arten, sich z. B. mit Dolch und Gift zu rächen, welche in heißen Klimaten so gewöhnlich sind, und die insgemein daselbst obwaltende unmenschliche Behandlung der Gefangenen, *

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Beyspiele hiervon sind, die grausame Behandlung der vom Adonizedek gefangenen Könige, im B.der Richter 1, 8. Siehe auch die Anmerk. zu Cap. 3, 7. in Lowth's Jesaias. Homer. Iliad VI. v. 580, und die Erzählung, welche Trebellius Pollio und Aurelius Victor von der Grausamkeit des persischen Königes Sapores gegen Valerian machen.

augenscheinlich, wie sehr diese Völker zur Rachsucht geneigt sind.

Des Montesquieu Bemerkungen über diesen Gegenstand scheinen zwar eine entgegen gesetzte Meinung zu bezeichnen; *

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Esprit des loix, L. 14. c. 15.

sie erstrecken sich aber bloß auf die Bewohner des festen Landes von Ost=Indien, welche in der That von milder Gemüthsart sind, wovon sich aber vielleicht eine andere Ursache angeben lässet.

Der Empfindlichkeit kann man auch jenen in heißen Gegenden so auffallend deutlichen Leichtsinn oder Unbeständigkeit zuschreiben. Die Seele ist daselbst allen Gefühlen offen, keines aber macht einen dauernden Eindruck, sondern alle verdrängen sich wechselweise, so wie sie schnell nach einander entstehen. Dieser Leichtsinn ist vermuthlich auch die Ursache, warum das Volk an einigen Orten bey einer despotischen Regierungs=Form und unter den größten Bedeückungen glücklich und zufrieden zu seyn scheint. Der gegenwärtige Augenblick rührt sie wenig; und die zuletzt vorher gegangene Begebenheit ist, so unbedeutend sich auch an sich selbst seyn mag, hinreichend, ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich, und von dem Nachdenken über ihre eigene Lage und Verfassung abzulenken. Auch der Hang zur Neugierde, und das Bestreben von allen Kleinigkeiten genaue Nachricht einzuziehen, ist in heißen Erdstrichen <40, 457> etwas sehr gewöhnliches, und vermuthlich eine Folge des Leichtsinnes. Jeder Gegenstand macht auf ihre reitzbare Sinne einen Eindruck, welcher aber schnell vorüber geht, und immerfort neuen Eindrücken Platz macht. Diese Folge von Empfindungen schmeichelt ihrer Trägheit, und hilft ihnen die Zeit verkürzen, welche sie zu nützlichen und thätigen Beschäftigungen anzuwenden weder Kraft noch Fähigkeit besitzen.

Ein anderer kennbarer Zug in dem Character der Bewohner heißer Erdstriche, ist Zaghaftigkeit oder Furchtsamkeit. Man muß dieselbe zwar nicht ganz, aber doch zum Theil ihrer Empfindlichkeit zuschreiben. Hierzu kommen noch andere Ursachen, z. B. die häufige Ausdunstung, welche den Körper sehr schwächt, und, wenn sie zu sehr zunimmt, aller seiner Munterkeit und Thätigkeit beraubt. Diese Entkräftung trifft natürlich auch die Seele; alle ihre Neigungen verhalten sich bloß leidend, und sind von äussern Umständen abhängig. Da ist kein Trieb zu kühnen Unternehmungen, kein Bestreben nach Ruhm, kein Verlangen nach Vollkommenheiten. Das Gefühl der Schwäche unterdrückt jede Ansträngung des Körpers und der Seele durch das Bewußtseyn der Unfähigkeit zu denselben; und dieses mit der vorhin erwähnten Empfindlichkeit verbunden, erzeugt jene Feigheit, welche man bey den Bewohnern heißer Erdstriche immer findet.

Die Zaghaftigkeit der orientalischen Völker ist etwas bekanntes. Hundert Europäer, sagt Tavernier, würden ohne Mühe tausend Indianer in die Flucht schlagen. So erzählt auch Xenophon, daß die Asiater zu seiner Zeit nicht anders, als neben griechischen Hülfsvölkern hätten fechten wollen. Selbst die in Indien gebornen Abkömmlinge der Europäer, verlieren den Muth, welcher die Einwohner ihres Vaterlandes auszeichnet. Livius bemerkt hierüber, daß von den Menschen eben dasjenige gelte, was man bey Thieren und Pflanzen beobachtet; daß die eigenthümliche Natur der Art nicht so viel zur Erhalt<40, 458>ung ursprünglicher Vollkommenheit bey den Abkömmlingen, als die Beschaffenheit des Bodens und des Himmels=Striches zur Veränderung derselben beytrage. Er beweiset dieses mit dem Beyspiele der Macedonier, deren in Aegypten, Syrien und Babylon verpflanzte Nachkommenschaft bis zur völligen Aehnlichkeit mit den weichlichen Landes=Eingebornen abgeartet sey, und eben so leicht als jene von den Römern besieget und unterjocht werden könne. Diese Wirkung einer häufigen Ausdunstung lässet sich auch dadurch bestätigen, daß bey Löwen, Tiegern, Wölfen, und andern muthigen und vom Raube lebenden Thieren heißer Gegenden die Ausdunstung ganz mangelt, oder doch sehr geringe ist; woher auch wohl zugleich die Fähigkeit dieser Thiere, lange Zeit zu hungern, erkläret werden kann. Einige Schriftsteller, als: Vitruv, und nach ihm Hofmann, schreiben die Verzagtheit der Bewohner heißer Erdstriche ihrer geringen Blut=Menge zu; und selbst Aristoteles scheint zu glauben, daß ein großer Antheil faseriger Masse im Blute die Ursache des Muthes verschiedener Thiere sey, welches aber eine ungegründete Muthmaßung ist.

Lord Kaims hat, in seinem Entwurf einer Geschichte des menschlichen Geschlechts (Sketches of Man), die Meinung geäussert, daß ein heißes Klima zu Schwächung des Muthes nicht so gar viel thun könne, welches er durch das Beyspiel der Malayen und verschiedener anderer Völker, die, ungeachtet der großen Hitze in denen Gegenden, welche sie bewohnen, viel Muth besitzen, zu beweisen sucht. Es ist wahr, daß man Beyspiele dieser Art anführen kann, die aber weiter nichts beweisen, als daß die natürlichen Wirkungen des Klima gehemmet oder unterdrückt werden können. Die Völker, von welchen Kaims spricht, haben vielleicht ihre Herzhaftigkeit einem in der Folge anzuführenden Neben=Umstande zu verdanken; denn daß die Hitze an sich selbst entkräfte und zaghaft mache, kann man sich durch sorgfältige Beobachtung seiner eigenen Gefühle überzeugen.

Eine andere in den Character dieser Völker und in ihre ganze Verfassung genau verwebte Eigenschaft, ist die Trägheit. Die Indianer glauben, daß Ruhe und Nichts, oder das Leere, der Ursprung und das <40, 459> Ende aller Dinge sey. Sie betrachten den Zustand der Unthätigkeit als den vollkommensten und wünschenswürdigsten, und geben daher dem höchsten Wesen den Nahmen des Unbeweglichen. Die Einwohner von Siam halten es für die höchste Seligkeit, keine Maschine beleben, und den Körper nicht bewegen zu dürfen. Ruhe ist das höchste Gut, welches sie kennen; *

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Mrs. Kindersley' s Letters from the East-Indies, p. 182.

und nichts setzt die Indianer mehr in Verwunderung, als wenn sie sehen, daß die Europäer zum Vergnügen Leibes=Uebungen vornehmen, weil sie nicht begreifen können, wie jemand, dem es frey steht, still zu sitzen, herum spatzieren kann. Eben denselben Hang zur Ruhe findet man bey den Einwohnern von Otaheite, *

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S. Forster's Reise um die Welt.

und bey den Arabern. *

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Die Stunden des Gebethes ausgenommen, vertreiben sich die Araber die Zeit mit nichts, als Cerimonien=Besuchen. S. Eyles Irwin's Reise nach dem rothen Meer.

Klassifizierung: 613.62 Betriebs- und ArbeitssicherheitDDC-Icon Die Ursachen hiervon sind verschiedene. Denn erstlich ist die Hitze so groß, daß jede Vermehrung derselben, und also auch aus eben dieser Ursache jede Ansträngung der Seele oder des Körpers äusserst lästig werden, Ruhe und Unthätigkeit aber sehr willkommen seyn muß. Eine andere Ursache der Trägheit ist jene Ermattung, oder jenes Gefühl der Schwäche, welches mit der Hitze natürlicher Weise vergesellschaftet, und nicht etwa ein bloßer Wahn, sondern in der Natur selbst gegründet ist, indem man wirklich findet, daß die Bewohner heißer Erdstriche weit weniger Leibes=Kräfte, und Fähigkeit, große Ansträngungen auszuhalten, *

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Robertson's Geschichte von Amerika, (im 1 B. S. 484, deutsch. Uebersetz. 1777.) Zimmermann Geschichte des Menschen etc. 1 B. v. Büffon Naturgesch. 2 B.

als diejenigen, welche sich in einer gemäßigtern oder kalten Gegend aufhalten, besitzen. Diese Schwäche rührt von verschiedenen Ursachen her, wovon die erste die beständige Ausdunstung ist, welche nicht nur an sich als Ausleerung, sondern ins besondre ihrer Menge <40, 460> wegen, den Körper sehr schwächt. Haller bemerkt, *

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Elem. physiolog. Vol. VI. p. 83. s.

daß die unmäßigen Schweiße in brennend heißen Ländern, (wie z. B. Barbados, Cartagena und Surinam,) die Kräfte der Europäer plötzlich erschöpfen, und nicht weniger als heftige Ausleerungen durch den Stuhl schwächen. Auch bey uns bemerkt man, daß solche Personen von schwacher Leibes=Beschaffenheit sind, die beständig feuchte Hände haben. Man könnte vielleicht gegen diese Bemerkung einwenden, daß viele Leute, deren beschwerliche Geschäfte mit heftiger Ansträngung, und also auch mit starken Schweißen verbunden sind, z. B. Last=Träger, Sänften=Träger, Schmiede etc. doch immer stark und nervig zu seyn, sehr oft auch vielen Muth dabey zu besitzen pflegen. Ein scharfsinniger Schriftsteller *

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Alexander's experimental essays, Vol. 1.

aber hat die wichtige Bemerkung gemacht, daß Schwitzen in freyer Luft nach starken Bewegungen etwas ganz anders ist, als ein durch heftige Hitze ausgetriebener Schweiß. In jenem Falle besteht der Schweiß bloß aus dem wässerigen Theile des Blutes; in letzterm hingegen ist er insgemein zehrend, und mit Fett=Theilchen vermischt. Auch verrichten Leute, welche mit harter Arbeit umgehen, diese ordentlicher Weise, ohne Nachtheil der Gesundheit, in kühler Luft und in der kalten Jahrszeit. Diejenigen aber, welche sich bey heißer Witterung, oder an einem engen Orte, mit Arbeiten stark bewegen, werden dadurch fast eben so sehr, als die Bewohner heißer Gegenden, entkräftet. Dieses bestätigt sich durch das Ansehen solcher Leute, die in engen Zimmern, und bey großer Hitze arbeiten, wohin alle diejenigen gehören, die bey Schmelz=Oefen, Glas=Hütten etc. angestellt sind. Diese haben insgemein ein mageres verfallenes Ansehen, scheinen vor der Zeit alt zu werden, und sind den Bewohnern heißer Erdstriche, dem äusserlichen Ansehen nach, nicht unähnlich.

Die Ausdunstung bringt diese Wirkung nicht deswegen bloß hervor, weil dadurch der Körper eines Theiles seiner Säfte beraubt wird, sondern auch, und noch weit mehr, wegen der daher entstehenden Erschlaffung, welche sich den Muskeln mittheilt, und denjenigen Mangel an Spannung <40, 461> veranlasset, welche die eigentliche Ursache der Schwäche ist. Auch scheint die gallige Mischung der Säfte bey den Bewohnern heißer Erdstriche einigen Antheil an ihrem Hange zur Trägheit zu haben. In heißen Ländern wird, wie ich oben bemerkt habe, die Absonderung der Galle vermehrt; diese Feuchtigkeit stockt auf ihrem Wege zu den Gedärmen, und wird solcher Gestalt in das Blut zurück geführt, so, daß man aus dieser in heißen Gegenden so gewöhnlichen Erscheinung gewisser Maßen den entscheidenden Zug in dem Character der Einwohner hernehmen kann. Die Galle, welche, ihrer Bestimmung nach, einen kräftigen Reitz für die Därme abgibt, äussert gleichwohl ganz andere Wirkungen, wenn sie in das Blut zurück tritt. Sie verursachet alsdann einen Wiederwillen gegen alle Bewegung oder Ansträngung der Leibes= und Geistes=Kräfte; *

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Geldsüchtige sind fast allezeit träge und verdrossen.

ein Umstand, der wirklich einigen Einfluß auf die Gemüths=Beschaffenheit der Menschen in heißen Ländern haben kann. So glaube ich auch, daß der Hang der thierischen Säfte zur Fäulniß, welcher in solchen Gegenden alleit stärker als anderswo, und vermuthlich eine Folge der häufigen Ausdunstung ist, etwas zu jener Neigung zur Unthätigkeit beytragen könne; zumahl, da wirklich nichts den Körper so sehr entkräftet, als eine zur Fäulniß sich neigende Beschaffenheit der Säfte. Wir sehen dieses deutlich bey Faul=Fiebern, wo schleunige und zusehends überhand nehmende Entkräftung einer der Haupt=Zufälle ist. Endlich ist selbst die Verzagtheit jener Nationen eine mitwirkende Ursache ihrer Trägheit, so wie letztere wieder jene noch mehr entwickelt.

Ich betrachte nun die Wirkungen eines kalten Klima auf Temperamente und Gemüthsart. Indem die Kälte, zu Folge der oben voran geschickten Grundsätze, das Gefühl stumpf macht, so trägt sie auch zugleich sehr viel zur Verminderung des allgemeinen Empfindungs=Vermögens bey. Die vorzüglichere körperliche Größe und Stärke der Menschen in kalten Erdgürteln ist gleichfalls eine Ursache ihrer mindern Empfindlichkeit; dahingegen ein hoher Grad der letz<40, 462>tern fast allezeit bey einer zärtlichen und schwächlichen Leibes=Constitution Statt findet. Eben daher kommt es auch, daß Frauenzimmer reitzbarer sind, als Manns=Personen, und daß die Ausdunstung, indem sie den Körper schwächt, zu gleicher Zeit dessen Empfindlichkeit erhöhet.

Aus den so eben aus einander gesetzten Ursachen ist die Liebe, als Leidenschaft betrachtet, in den Nord=Ländern beynahe ganz unbekannt. Man sieht dieses schon daraus, daß die Eifersucht, welche von einer recht brünstigen Liebe allezeit unzertrennlich ist, in jenen Gegenden sehr selten, und da, wo sie sich äussert, für etwas lächerliches gehalten wird. *

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Den Fortgang dieser Leidenschaft aus beißen in klate Erd=Striche, hat Ferguson in seinem Essay on civil Society sehr wahr und gefällig geschildert.

So ist auch die Freundschaft, jene wechselseitige zärtliche Neigung zweyer Personen eines Geschlechtes gegen einander, in solchen Gegenden, wo der belebende Einfluß der Sonne schwach ist, ziemlich selten. Da sie wirklich ohne einen gewissen Grad feines Gefühles gar nicht bestehen kann, so ist es kein Wunder, daß sie da, wo letzteres ordentlicher Weise mangelt, so selten gefunden wird. Doch will ich hiermit keinesweges behaupten, daß bey Bewohnern kalter Erdstriche jenes gesellschaftliche Band, welches wechselseitige Achtung zweyer Personen knüpft, gar nicht Statt finde; vielmehr glaube ich, daß eine solche freundschaftliche Neigung hier auf andern, und vielleicht edlern Gründen, z. B. auf Hochachtung und Dankbarkeit, beruhe, selten aber zu einer solchen Zärtlichkeit, wie in wärmern Gegenden, sich erhebt.

Dem ungeachtet fehlt es den Bewohnern kalter Erd=Gürtel keinesweges an Gutmüthigkeit und Wohlwollen. Sie werden nicht so leicht, als ihre südlichern <40, 463> Nachbarn gerührt, allein der Eindruck ist bey ihnen bleibender und wirksamer. Man sieht dieses aus ihrem milden Betragen gegen Arme, aus ihrem gelinden Verfahren gegen Kriegs=Gefangene, und aus vielen andern Umständen. *

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Tacitus, de morib, Germ. c. 21.

Sie sind auch weit weniger rachgierig, und behalten das Andenken einer erlittenen Beleidigung nicht so lange, als die Einwohner heißerer Erdstriche.

Hofmann gibt hiervon eine dem ersten Ansehen nach weit gesuchte, in der That aber nicht ganz ungegründete Ursache an. Er meint nähmlich, die körperliche Größe und Stärke nördlicher Völker vertrage sich nicht mit Bosheit und Grausamkeit. Daher pflegte vielleicht Cäsar zu sagen, daß er vom Antonius und Dolabella, welche fett und corpulent waren, nichts zu befürchten habe, sich aber desto mehr vor dem Brutus und Cassius hüten müsse, die von einer ganz entgegen gesetzten, Leibesbeschaffenheit waren, und wirklich zuletzt Cäsar' s Mörder wurden. Der Grund jener Hofmannischen Behauptung lässet sich ohne Mühe finden, wenn man dasjenige in Erwegung zieht, was vorhin von den Wirkungen einer großen und starken Leibes=Constitution, in Rücksicht auf das dadurch verminderte Empfindungs=Vermögen, gesagt worden ist.

Die Bewohner kalter Gegenden sind standhafter und beharrlicher in ihren Entschließungen, als diejenigen, welche in heißen Ländern wohnen. Zwar muß die Triebfeder stark seyn, welche ihren Entschluß bestimmt; ist dieser aber einmahl gefaßt, so zieht er ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich, ohne so leicht von spätern Eindrücken erschüttert zu werden.

Die Verminderung des Empfindungs=Vermögens macht den Menschen in kalten Erdstrichen weniger furchtsam. Leichte und geringe Eindrücke rühren ihn fast gar nicht, und dieselben Umstände, welche den Eingebornen eines heißen Landes von einer Unternehmung abschrecken würden, haben bey jenem gar keinen <40, 464> Einfluß auf sein Verhalten. Diese Entschlossenheit, diese Verachtung des Todes bey den nördlichen Völkern, ist von vielen alten Schriftstellern, und besonders vom Lukan. *

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Pharsal. L. 1, v. 458 -- 462.

sehr schön geschildert worden. Gleichwohl scheint der Muth dieser Völker mehr von leidender Art zu seyn. Der Furcht in einem hohen Grade unfähig, sind sie dennoch ihrer Unempfindlichkeit wegen zu schneller und rascher Ausführung großer Entwurfe ungeschickt. Strabo scheint auf diesen National=Zug zu deuten, wenn er anmerkt, daß die nordischen Völker, ihrer Tapferkeit in Handgemengen und ihres standhaften Muthes wegen, berühmt wären *

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Geogr. L. 4.

Eben dieses beweisen die meisten Begebenheiten, welche sich in den russischen Kriegen dieses Jahrhundertes zugetragen haben. Denn so oft auch die Russen durch ihre Unerschrockenheit und Standhaftigkeit selbst über die geübtesten preußischen Truppen den Sieg davon trugen, wußten sie doch immer bey weitem nicht so viel Vortheil aus ihren Siegen zu ziehen, als ihre südlichern Nachbarn.

Eine andere Ursache, warum die Menschen in kalten Gegenden einen so vorzüglichen Muth besitzen, ist, meines Erachtens, jene zur Gewohnheit gewordene Neigung zur Arbeit, Leibesübung und Betriebsamkeit, welche ihnen die Beschaffenheit ihres Aufenthaltes selbst zur Nothwendigkeit macht. Himmokrates thut den wahren Ausspruch: „daß natürliche Furchtsamkeit durch Müßiggang und Mangel an ernsthaften Beschäftigungen vermehrt und unterhalten werde, männlicher Muth hingegen eine Frucht der Arbeit und Thätigkeit sey”. *

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De aëre, aquis & locis, §. 54.

Auch flößt die durch Arbeit erworbene Leibes=Stärke, ein gewisses Selbstver<40, 465>trauen und eine Furchtlosigkeit ein, welche den Bewohnern heißer Länder mangelt, indem ihr inneres Gefühl ihnen immerfort ihre Schwäche vorspiegelt, und sie überall Gefahr befürchten lässet. Auch ist es wahrscheinlich, daß der den Bewohnern beißer Erdstriche natürliche Argwohn dem Muthe und der Entschlossenheit hinderlich ist, da er seiner Natur nach zu unbeständigen und veränderlichen Gesinnungen veranlasset. Hippokrates erinnert, daß eine männlich starke Leides=Beschaffenheit, Fäbigkeit Beschwerden zu ertragen, und Muth, etwas seltenes unter jenen Völkern sey, indem ihre Gesinnungen, Begierden und Neigungen so unbeständig und ungewiß sind.

Der Mensch hat in kalten Gegenden eine natürliche Abneigung vor der Unthätigkeit, wenigstens vor körperlicher Unthätigkeit, und ist dagegen zu Leibes=Uebungen und Geschäftigkeit aufgelegt. Ruhe und Schatten sichern gegen die Hitze, Feuer und Leibes=Uebung gegen die Kälte; und so tragen die Bedürfnisse des Klima selbst zur Bildung des National=Characters nicht wenig bey.

Ich komme auf den Einfluß eines gemäßigten Klima auf Temperament und Gemüthsart. Unter gemäßigten Himmelsstrichen hält das Empfindungs=Vermögen gerade das Mittel zwischen dem stumpfen Gefühle nördlicher, und der Reitzbarkeit südlicher Völker. Der Mensch in gemäßigten Klimaten liebt das Vergnügen und sinnliche Ergetzungen in einem ziemlichen, doch nicht so hohen Grade, daß dieß, wie in heißen Ländern, der einzige Gegenstand seiner Wünsche seyn, und den Körper schwächen sollte; auf der andern Seite aber ist dieser Trieb nach Vergnügen nicht so unbeträchtlich, daß er, wie in kalten Erdstrichen, gar keinen Einfluß auf das sittliche Betragen haben sollte. So steht auch das Temperament der Bewohner gemäßigter Gegenden zwischen der glü<40, 466>henden Leidenschaft südlicher, und der Kaltblütigkeit und Gelassenheit nördlicher Völker mitten inne. Diese gleichförmige Mischung in der ganzen Gemüthsart jener gemäßigten Erd=Bewohner hat viele glückliche Wirkungen in Ansehung ihrer gesellschaftlichen Verfassung hervor gebracht.

Die Liebe scheint ohne Zweifel unter einem gemäßigten Himmel die höchste Stufe ihrer Vollkommenheit zu erreichen. Frey von derjenigen Herab=Würdigung, welcher sie da, wo die Vereinigung beyder Geschlechter nur auf Leidenschaft, oder auf Privat=Interesse und Gewohnheit sich gründet, unterworfen ist, hat sie hier, auf der einen Seite Empfindsamkeit und Zärtlichkeit, und auf der andern Hochachtung und Ergebenheit zu Gefährtinnen.

Auch die der Liebe so nahe verschwisterte Freundschaft, zeigt sich in temperirten Ländern von ihrer vortheilhaftesten Seite. Große Hitze entkräftet den Geist, macht furchtsam, veränderlich, eigennützig, und mithin unempfänglich für eine Leidenschaft, deren vornehmste Stützen Muth, Standhaftigkeit und Selbst=Verläugnung sind. In kalten Ländern hingegen ist das Gemüth zu unempfindlich, zu gleichgültig, um denjenigen Grad der Ergebenheit zu äussern, welcher zur Freundschaft so unumgänglich nöthig ist. Doch scheint eine solche Achtung leichter unter einer mehr südlichen, als unter einer nördlichen Breite, entstehen zu können.

Mehrentheils sind die Bewohner gemäßigter Erd=Striche von Unversöhnlichkeit und übertriebener Langmuth bey erlittenen Beleidigungen gleich weit entfernt. Unter heißen Himmelsstrichen reitzt die Empfindlichkeit oft zu gewaltthätigen und grausamen Handlungen; und so selten auch jene bey den nördlichen Völkern ist, so besitzen diese doch eine gewisse Fühllosigkeit, welche oft beynahe dieselben Wirkungen hervor <40, 467> bringt. Montesquieu's Bemerkung über die Wirkungen eines Uebermaßes von Glück oder Unglück ist auch auf das Klima anwendbar, in so fern der Mensch sowohl in sehr heißen, als auch in sehr kalten Gegenden, zur Unverföhnlichkeit und Grausamkeit geneigt ist; Menschen=Liebe und Sanftmuth aber emzig und allein in einem gemäßigten Klima sich entwickeln können. Besondere Beyspiele hiervon werde ich unten, wo von den Wirkungen des Klima auf die Gesetze die Rede seyn wird, anführen.

Ein anderer Haupt=Zug in dem Character der Bewohner gemäßigter Erdstriche, ist Wankelmuth und unbeständige Launen. Man kann fast nichts anders da erwarten, wo weder Hitze noch Kälte so vorwaltet, daß die Eindrücke der einen oder andern fortdauernd seyn könnten. Diese Gemüthsart ist unter andern in England sehr gewöhnlich, und mit einer gewissen Ungeduld vergesellschaftet, welche selbst das beste und erwünschteste Glück, wenn es lange Zeit anhält, zu ertragen unfähig macht. Besonders auffallend ist dieses bey politischen Gegenständen. Die jedesmahlige gegenwärtige Verfassung des States ist immerfort in den Augen des Volkes die schlimmste, die es sich denken kann. Oft nimmt diese Unzufriedenheit so überhand, daß sie eine Aenderung der Stats=Verwaltung, oder auch der dabey angestellten Personen, veranlasset, die zwar anfangs dem Volke behagt, bald aber, wenn sich neue Gelegenheit zu Klagen eräugnet, durch andere Neuerungen verdrängt wird. Ob gleich dieser Wankelmuth sich bey Stats=Angelegenheiten am meisten und öffentlichsten äussert, so schränkt er sich doch nicht allein auf diese ein. Man sieht im gemeinen Leben sehr oft Leute, deren Umstände einem Fremden so glücklich, als nur immer möglich ist, scheinen möchten, und welche doch über ihr Schicksal sich beklagen, alles Gute, was ihnen wiederfährt, herabwürdigen, und jeden un<40, 468>beträchtlichen Unfall mit solchem Eifer und Heftigkeit vergrößern, daß sie oft über den Bemühungen ihr Unglück recht lebhaft zu schildern, ihre Sorgen zu vergessen, und eine Art von Zeitvertreib darin zu finden scheinen. Die Wirkungen einer solchen Gemüthsart sind nicht bloß mündliche Klagen; oft sind sie von weit schrecklicherer Art, indem viele so leidende Personen ihrem Kummer durch Selbstmord ein Ende zu machen verleitet werden.

Klassifizierung: 394.8 Duellieren und SelbstmordDDC-Icon Beyspiele dieser Art sind in der Geschichte der Griechen und Römer etwas sehr gewöhnliches; doch findet man keine Nachricht von einem Selbstmorde unter ihnen, dessen Veranlassung nicht zugleich deutlich in die Augen fiele: dahingegen unter den Engländern und auch andern mit ihnen, unter einerley Breite wohnenden Völkern, viele Leute, welche dem Glücke recht im Schooße zu sitzen scheinen, freywillig ihrem Leben ein Ende machen. Allerdings scheint dieser Hang zum Selbstmord von einer fehlerhaften Beschaffenheit des Klima herzurühren, und in den National=Character selbst verwebt zu seyn. Menschen dieser Art finden insgemein Arbeit und Schmerz weit erträglicher, als Ueberdruß des Lebens und Mißvergnügen mit sich selbst, weil der Schmerz allezeit etwas örtliches ist, und in uns den Wunsch, ihn geendigt zu sehen, hervor bringt; die Bürde des Lebens aber auf keinen besondern Ort eingeschränkt ist, und ein Verlangen, sich derselben zu entledigen, erregt. Dieses Unvermögen der Zukunft ruhig entgegen zu sehen, ist von dem in heißen Erdstrichen gewöhnlichen Leichtsinne ganz verschieden. Letzterer ist, wie ich oben bemerkt habe, als eine vorüber gehende Neigung zu betrachten, welche immer durch eine neu entstandene verdrängt wird; dahingegen jenes insgemein eine unwandelbare Abneigung ist. In dem einen Falle hängt die Unbeständigkeit von neuen Eindrücken, in dem andern von Unzufriedenheit an der Gegenwart ab.

Der Wankelmnth der Bewohner heißer Erdstriche weicht auch darin, daß er persönlicher ist, von der Unzufriedenheit der Engländer ab. Begierden einzelner Personen und wechselseitige Zuneigung sind bey den Völkern heißer Gegenden veränderlich, da hingegen ihre Sitten und Ge<40, 469>wohnheiten immerfort sich selbst gleich bleiben. In England hingegen sind Sitten und Gebräuche einem beständigen Wechsel unterworfen, persönliche Neigungen aber fest und dauerhaft. Dieses sieht man besonders in Angelegenheiten des States, mit dessen Verwaltung man immer nur in Rücksicht auf gewisse von dem Ministerium getroffene Maßregeln unzufrieden ist. Werden diese abgeändert, so wird auch das Volk, wenigstens auf einige Zeitlang, beruhiget. In den Morgenländern hingegen gilt insgemein jeder Volks=Aufruhr die Person irgend eines einzelnen Ministers oder Günstlinges; und wenn er aus dem Wege geräumt ist, so gibt sich auch das Volk gemeiniglich zufrieden, obgleich die Maßregeln und die Form der Stats=Verwaltung unverändert bleibt.

Obgleich der Muth der Bewohner gemäßigter Erdstriche sich im Dulden und in Ueberwindung der Gefahr nicht so stark, als in kalten Klimaten, zeigt, so ist er doch von einer thätigen und unternehmenden Art, und Vortheile aus glücklichen Unternehmungen zu ziehen geschickter. Deswegen waren die Römer, schon damahls, ehe sie es zu einiger Vollkommenheit in der Kriegs=Kunst brachten, den nordischen Völkern immer überlegen. Eben dieses fand auch bey den Griechen Statt, und gilt auch noch jetzt, wenn wir z. B. die Russen mit den Völkern der gemäßigtern Gegenden von Europa vergleichen.

Vegetius *

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De re militari, L. XI.

gibt daher den Rath, Eingeborne gemäßigter Gegenden in Sold zu nehmen, weil diese sowohl vermöge ihrer Thätigkeit, als auch in Ansehung ihrer Fähigkeit, erhaltene Vortheile ganz zu nutzen, sich zu kriegerischen Unternehmungen am besten schicken. Hippokrates gibt eine andere Ursache von diesem vorzüglichen Muthe der Bewohner gemäßigter Erdstriche an. „Daher”, sagt er: „sind die europäischen Völker kriegerischer als die Asiaten, und zwar nicht allein aus dieser Ursache, sondern auch wegen der bey ihnen gewöhnlichen Regierungs=Form, die nicht so, wie bey den asiatischen Völkern, von despotischer Art ist. Denn Völker, welche despotisch regieret <40, 470> werden, müssen furchtsam und weibisch seyn, weil überhaupt ein sclavisch gewöhntes Volk sich nicht freywillig und aus eigenem Antriebe, zum Besten Anderer, der Gefahr aussetzt. Die europäischen Völker hingegen, welche nur der Gewalt der Gesetze unterworfen sind, haben einen starken Trieb zum Kriege, und setzen sich freywillig und gern allen Gefahren und Beschwerden desselben aus, weil es dabey ihr eigenes Wohl gilt, und sie alle dadurch erworbene Vortheile selbst einärnden. Hieraus erhellet, wie viel eine auf Gesetze sich gründende Regierungs=Form zu Vermehrung des Muthes beytrage”.

Die Einwohner gemäßigter Erdstriche sind auch zur Thätigkeit und Ansträngung der Seelen= und Leibes=Kräfte mehr, als diejenigen, welche in sehr heißen Ländern leben, aufgelegt. In heißen Gegenden werden jene Kräfte durch Weichlichkeit und Trägheit, in kalten aber durch Unempfindlichkeit erstickt. In gemäßigten Gegenden aber ist auch die Gemüths=Art so gemäßigt, daß die Seele durch das Bewußtseyn ihrer Tüchtigkeit zu unternehmen und zu beurtheilen auf der einen, und der Stärke und Kraft des Körpers das Beschloßne auszuführen, auf der andern Seite, ihre Fähigkeiten zu gebrauchen aufgefordert wird. Eine solche Verfassung des Körpers und der Seele ist fast immer mit Muth und Entschlossenheit vergesellschaftet; Eigenschaften, welche, so fern sich nur bequeme Gelegenheit sie zu entfalten darbiethet, weit seltener als man insgemein glaubt, in der menschlichen Natur mangeln.

In gemäßigten Erdstrichen gibt es eine viel größere Mannichfaltigkeit des sittlichen Characters und der Geistes=Anlage, als in sehr heißen oder kalten Gegenden.

Bisher habe ich von solchen Klimaten gehandelt, wo Hitze oder Kälte beständig, oder doch den größten Theil des Jahres hindurch, vorwaltet, oder die Be<40, 471>schaffenheit der Luft zwischen Hitze und Kälte beständig das Mittel hält. Es kommt aber hier noch eine andere Art des Klima in Betrachtung, wo in verschiedenen Jahrszeiten große Hitze und Kälte beständig mit einander abwechseln. Die neuern Schriftsteller haben von den Wirkungen eines solchen Klima nichts besonders angemerkt, so wenig sie auch schon der Aufmerksamkeit des Hippokrates entgangen waren, welcher gleichwohl nur solche Länder hierher zu rechnen scheint, die, wie z. B. viele europäische Länder, beträchtlichen Veränderungen der Luft=Wärme zu verschiedenen Jahrszeiten unterworfen, dem ungeachtet aber nach dem jetzigen Sprach=Gebrauche, zu den gemäßigten Erdstrichen zu rechnen, und nie so großen und plötzlichen Abwechselungen der Wärme und Kälte, als ein großer Theil von Nord=Amerika, Sibirien und der Tatarey, ansgesetzt sind. Hippokrates bemerkt, daß in solchen Gegenden die körperliche Bildung und der sittliche Character der Einwohner weit weniger als in heißen oder kalten Gegenden sich selbst durchgängig gleich sey; welches allerdings sehr wahrscheinlich ist, da dergleichen Länder sowohl mit heißen als kalten Himmelsstrichen einige Eigenschaften gemein haben. Er behauptet ferner, daß die Veränderlichkeit der Luft=Wärme den Menschen thätiger in Geschäften, *

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Hume macht die Bemerkung, daß die Gleichförmigkeit und Unveränderlichkeit des Klima den Kräften der Seele und des Körpers nachtheilig sey.

tapferer und entschloßner, und in seinem Betragen gegen Andere strenger und rauher, dabey aber doch auch zugleich billiger und aufrichtiger mache. Diese Schilderung kommt fast mit derjenigen überein, welche ich oben von den Bewohnern gemäßigter Erdftriche gegeben habe; indessen kann man nicht mit Gewißheit bestimmen, in wie fern der Grund einer solchen <40, 472> Gemüths=Beschaffenheit in einem wechselweise großer Hitze und Kälte ausgesetzten Klima zu suchen sey.

Ich betrachte nun den Einfluß des Klima auf den sittlichen Character der Menschen. Es ist ein durchgängig für wahr anerkannter Satz, daß die Sitten der Bewohner kalter Erdstriche einen großen Vorzug vor den Sitten der Menschen in heißen Ländern haben, weil in letztern die Leidenschaften von Natur sehr heftig sind, und zugleich durch die Stärke des Empfindungs=Vermögens in beständiger Thätigkeit erhalten werden, wodurch freylich die Summe der Laster, in so fern die Gelegenheiten zu denselben sich vervielfältigen, gar sehr vermehret werden muß. Ursachen, welche in kalten Klimaten nie Statt finden, oder doch ohne Mühe unwirksam gemacht werden könnten, erzeugen mannichfaltige Begierden und Leidenschaften unter einem heißen Klima, wo das Gefühl und der Hang zur Sinnlichkeit stärker, und die Fähigkeit ihm Wiederstand zu leisten geringer ist. In kalten Ländern gibt es, vergleichungsweise, wenig, und selten ganz unsittliche Begierden; und auch diese werden, bey ihrer geringern Stärke, mit leichterer Mühe unterdrückt. In gemäßigten Erdstrichen sind die Leidenschaften mittelmäßig stark, und insgemein ihrer Natur nach unbeständig; stark genug, um Triebfedern der Handlungen zu werden, aber doch nicht so mächtig, daß Grundsätze der Klugheit, Billigkeit und Religion nichts zur Einschränkung und Mäßigung derselben vermögen sollten.

Die moralischen Eigenschaften eines Volkes hängen großen Theils von der natürlichen Beschaffenheit der Körper ab: und man kann die Kenntniß der letztern gewisser Maßen als ein Hülfs=Mittel, die Verschiedenheit des sittlichen Characters bey verschiedenen Völkern zu erklären, ansehen. Da sich nun die Völker heißer Erdstriche durch einen so hohen Grad von <40, 473> Empfindungs=Vermögen auszeichnen, so muß auch dieses letztere einen mächtigen Einfluß auf ihre Handlungen und ihr sittliches Verhalten haben.

Aus diesem Grunde sind die Bewohner heißer Erd=Striche insgemein zänkisch, in ihren Begierden heftig, unverträglich, rachsüchtig, und, wie schon oben bemerkt worden ist, grausam. Doch gibt es Fälle, wo ein hoher Grad von Empfindlichkeit mit großen Geistes=Fähigkeiten und mit Güte des Herzens vereinigt, glückliche und allgemein wohlthätige Wirkungen hervor bringt. Eine solche glückliche Mischung der Seelen=Kräfte war es, die einen Becaria zur Vertheidigung der Menschheit in einem Lande aufforderte, wo diese so oft durch Rachgier und Grausamkeit unterdrückt wird.

Klassifizierung: 305.861 SpanierDDC-Icon Klassifizierung: 915.1 China und benachbarte GebieteDDC-Icon Ein anderer, und aus derselben Quelle entspringender National=Fehler unter heißen Himmelsstrichen, scheint der Stolz zu seyn, welcher überhaupt bey allen sehr empfindlichen Personen etwas sehr sehr gewöhnliches ist. Man darf sich nur an das Betragen der morgenländischen Fürsten erinnern, um sich von der Wahrheit dieses Satzes zu überzeugen. Nach Herodot's Erzählung, hielten sich die Perser für die vortrefflichsten unter allen Menschen, und glaubten, daß der Werth anderer Völker nach der Entfernung von ihnen geschätzt werden, und diejenigen, welche von ihnen am meisten entfernt wären, auch in Ansehung ihrer Fähigkeiten ihnen am meisten nachstehen müssen. Die Griechen und Römer nannten alle Nationen ausser sich Barbaren; und wie tief diese Vorstellung ihnen eingeprägt war, kann man schon daraus sehen, daß selbst Aristoteles, dieser große Weltweise, sich durch dieses Vorurtheil verleiten ließ, zu behaupten, daß die Natur selbst die Griechen zu Herrschern und zum vortrefflichsten Muster des übrigen Menschen=Geschlechtes gebildet habe. Auf einer von Chinesern entworfenen <40, 474> Welt=Karte nahmen die Provinzen von China den meisten Platz ein, und nur an den äussersten Theilen derselben waren einige kleine unansehnliche Winkel gezeichnet, welche nach dem Wahne jener stolzen Nation, der armselige Rest des Menschen=Geschlechtes bewohnte. „Wie könnt ihr einige Gelehrsamkeit und Wissenschaft besitzen#.", sagte ein gelehrter Chineser zu einem europäischen Missionär: #"wenn ihr unsere Bücher und unsere Schrift nicht lesen könnt”? Eben so zeichnen sich in Europa die Spanier sehr durch übermäßigen Stolz aus.

Mit Fleiß habe ich diese Beyspiele von National=Stolz bey gebildeten und aufgeklärten Völkern entlehnt, damit man nicht die Unwissenheit für den Grund desselben halten möge, weil diese unabhängig von dem Einflusse des Klima, dieselbe Wirkung hervor bringt; wie dieses z. B. von den Russen bekannt ist, welche in ihrer ehemahligen Barbarey alle andere Völker ausser sich für unvernünftig hielten, und ihnen den verächtlichen Nahmen Nemei oder Stumme beylegten; jetzt aber so sehr von diesem stolzen Wahne zurück gekommen sind, daß Fremde vielleicht nirgends besser, als in Rußland, aufgenommen und gechätzt werden.

Klassifizierung: 305.841 FranzosenDDC-Icon So wie die Hitze des Klima, wie z. B. in Frankreich, mäßiger wird, so artet auch der Stolz in Eitelkeit aus, welches ich einer Verminderung des Empfindungs=Vermögens zuschreibe. Wo dieses sehr stark ist, da hat jedermann einen so hohen Begriff von seinem eigenen Werthe, daß er des Beyfalles anderer nicht zu bedürfen glaubt, da hingegen bey minder lebhaftem Gefühl jenes Selbstvertrauen nicht hinlänglich, und daher die Achtung anderer ein nothwendiges Stück der Glückseligkeit, und ein Gegenstand heißer Wünsche ist. Strabo schildert die Eitelkeit der Gallier und den Einfluß derselben auf ihre Sitten, mit solchen Zügen, welche noch jetzt in dem Character der heutigen Franzosen unverkennbar sind. „Sie besitzen,” sagt dieser Schriftsteller: „nebst ihrer Unwissenheit und <40, 475> Hang zu allerley Ausschweifungen, einen hohen Grad von Stolz, Thorheit, und Neigung zur auffallenden Kleider=Pracht. Sie tragen goldene Ketten am Halse, und Armbänder; diejenigen aber, welche ansehnliche Aemter bekleiden, bunte mit Gold gestickte Kleider. Ihr natürlicher Leichtsinn und ihre Eitelkeit macht sie, wenn sie im Kriege glücklich sind, unerträglich stolz und übermüthig; wenn sie aber den Kürzern ziehen, so sind sie unthätig, und wissen sich nicht zu helfen.” Aus derselben Ursache wird oft ein Franzose mit Sehnsucht etwas wünschen, wodurch ein Spanier erniedrigt zu seyn glauben würde.

Dieser hohe Grad von Empfindlichkeit wird Veranlassung zu Ausschweifungen in allen mit der Liebe verwandten Leidenschaften. Daher werden, bekannter Maßen, die Künste der Liebe und Wollust in heißen Erdstrichen sehr weit getrieben. Selbst der Ehestand vermag wenig, ihnen Einhalt zu thun, und wird so gar an Orten, wo die Frauenspersonen ihre völlige Freyheit haben, oft als Berechtigung angesehen, sich über allen Zwang hinaus zu setzen, und ein ungebundenes Leben zu führen. *

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Aus der Geschichte des Petrarka und der Troubadours sieht man, daß es in den damahligen Zeiten in Frankreich und Italien, eben so wie jetzt, etwas sehr gewöhnliches war, verheuratheten Frauenspersonen Liebes=Anträge zu thun.

Klassifizierung: 305.3 Männer und FrauenDDC-Icon Klassifizierung: 306.8 Ehe und FamilieDDC-Icon Aus derselben Quelle entspringt Eifersucht, welche in heißen Gegenden, besonders da, wo der Stolz vorwaltet, zur heftigsten Leidenschaft wird. Eheliche Untreue befleckt den Ruhm großer Ahnen, und den Adel des Geschlechtes, daher man gegen dieselbe beständig auf der Hut ist. In Frankreich aber, wo Eitelkeit herrschende Leidenschaft, und die Liebe bey weitem nicht so stark ist, findet die Eifersucht wenig Statt. Ein Ehemann würde in diesem Lande, wenn er sich ein<40, 476>fallen liesse, seine schöne Frau, wie ehedem in Spanien geschah, und noch jetzt in den Morgenländern geschieht, einzusperren, der Befriedigung seiner Eitelkeit entsagen müssen, welche dadurch, daß man ihn im Besitz einer Frau von so vielen Vorzügen glücklich schätzt, angenehm geschmeichelt wird. Die Bewunderung, welche man ihr zollt, ist für ihn eine ergiebige Quelle von Vergnügen, und seine Gefälligekit gegen sie wird durch die Achtung, welche man ihm deswegen erzeigt, gewiß allezeit um ein Großes vermehrt.

Dem hohen Grade von Empfindlichkeit, muß man, wie oben bereits angemerkt worden ist, größten Theils jene Verzagtheit zuschreiben, welche unter den Völkern heißer Erdstriche ein sehr gewöhnliches Laster ist. *

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Man kann auch eine nähere Ursache dieser unter den Bewohnern heißer Erdstriche zwar nicht allgemeinen, aber doch sehr gewöhnlichen Unvollkommenheit angeben. Diese ist ihre Neigung zu körperlicher Ruhe, welche ihnen durch einen langen Genuß so theuer wird, daß sie oft eher den Verlust ihrer persönlichen Freyheit und ihres Eigenthumes ertragen, als sich aus ihrer Unthätigkeit durch Ansträngung ihrer Kräfte heraus reissen lassen. Eine sehr natürliche Folge hiervon ist körperliche Schwäche; eben so wie ein Glied, welches lange Zeit nicht bewegt und angesträngt worden ist, zuletzt ganz unbrauchbar und unbeweglich wird, und das Bewußtseyn dieser Schwäche trägt freylich, wie bereits oben angemerkt worden ist, sehr viel dazu bey, jene Verzagtheit zu vermehren.

Vielleicht könnte es manchen befremden, daß ich diese Unvollkommenheit, deren Einwirkung uns zu entziehen nicht immer in unserer Gewalt zu stehen scheint, unter die Laster rechne. Sie ist aber allerdings in einigen Fällen strafbar, und wurde bey den alten Deutschen als ein Laster, mit der schimpflichsten Todesart bestraft. *

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Tacitus de mor. Germ. c. 6. 12.

Fast immer ist Hang zum Argwohn, nebst der Furchtsamkeit, mit einem sehr reitzbaren Empfindungs=System verbunden, und daher auch in heißen Ländern <40, 477> ein sehr gewöhnlicher Fehler. Das Verderben der Sitten unter solchen Klimaten trägt viel dazu bey, diese natürliche Gemüths=Beschaffenheit noch mehr zu entwickeln, indem ein Jeder glaubt, daß die Menschen, mit welchen er umgeht, wenig oder gar nicht auf Grundsätze der Tugend und Rechtschaffenheit achten.

Man hat ferner auch die Erfahrung gemacht, daß Redlichkeit und Ehrliebe in Geschäften des gemeinen Lebens unter heißen Himmelsstrichen ziemlich selten sey, indem die bloß auf das Gegenwärtige gerichtete Aufmerksamkeit kaum einiges Nachdenken über die künftigen Folgen, um welche man sich wenig bekümmert, aufkommen lässet. Daher ist ein Jeder nur darauf eifrig bedacht, so viel Vortheil, als möglich ist, von dem gegenwärtigen Augenblicke zu ziehen, ohne auf den in Zukunft etwa davon zu befürchtenden Verlust an Ehre und Gütern zu achten.

Aus dem Leichtsinne, ebenfalls einer Folge der geschärften Empfindlichkeit unter heißen Himmelsstrichen, entspringen noch verschiedene andere Laster. Dahin gehören insonderheit die Treulosigkeit und Unbeständigkeit, um deren willen die Völker verschiedener heißer Länder zum Sprichwort geworden sind. Livius bemerkt, daß die Wünsche und Erwartungen der afrikanischen Völker unbeständig, und ihre Freundschaft unzuverlässig sey. *

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L. 3. c. 5. L. 36. c. 17.

Virgil. *

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Aeneid. L. 1, v. 665.

und Cicero schildern sie eben so; und Sallust setzt noch hinzu, daß weder Hoffnung noch Furcht sie bey einem Sinne zu erhalten vermöge *

*
Beyspiele von dieser Treulosigkeit und Falschheit der barbarischen Völker und der Araber, findet man in Eyles Irwin' s Begebenheiten auf einer Reise auf dem rothem Meere, (a. d. Engl. Lpz. 1781) , und in Shaw' s Reisen nach der Levante und der Barbarey. Undankbarkeit und Verrätherey, sagt le Brun (im 4 B. seiner Reisen, S. 143, der engl. Ausgabe in 4. von 1725), sind so gewöhnlich unter den Persern, daß Kinder sich kein Gewissen daraus machen, ihren Aeltern Nase und Ohren abzuschneiden, oder sie zu ermorden, wenn sie dadurch sich ihrer Güter und Ehrenstellen glauben bemächtigen zu können.

Eine ähnliche Beschreibung gibt <40, 478> Livius an einem andern Orte, von den Griechen in Syrien und Klein=Asien. *

*
L. 35. c. 17.

Man könnte vielleicht, wie Montesquieu gethan hat, argwohnen, daß jene Schilderung der afrikanischen Völker von den römischen Geschichtschreibern, unter dem Einflusse des alten Erb=Hasses der Römer und Karthaginenser gegen einander, übertrieben worden sey, und mehr die Unterdrückung der letztern, als der Vorzug der römischen Redlichkeit, jenes der punischen Treue und Rechtschaffenheit so nachtheilige Sprichwort habe aufkommen lassen; und allerdings glaube ich, daß dieses in gewisser Absicht wahr seyn mag. Es ist aber auch gewiß, daß die Phönicier (als das Stamm=Volk der Karthaginenser) unter diesem Character lange vor der Zeit der Römer bekannt waren, indem sich Homer, den wir doch von allem Verdachte einer aus Parteylichkeit entspringenden unverdienten Beschuldigung frey sprechen müssen, sich hierüber auf ähnliche Art ausdrückt. *

*
Odyss. L. 14.

In neuern Zeiten haben sich die Italiäner eben so, wie ehedem die Karthaginenser, durch Hinterlist und feinen Betrug in Stats=Angelegenheiten bekannt gemacht; und selbst in alten Zeiten findet man sehr deutliche Spuren dieses Characters unter ihnen. Die Römer gaben in Ansehung der Treulosigkeit und Ehrvergessenheit dem Volke, welches sie dieser Laster wegen so sehr verschrieen, wenig nach, und hatten die Oberherrschaft der Welt gewiß eben so sehr ihrer fei<40, 479>nen und arglistigen Politik, als ihren Waffen, zu verdanken.

Klassifizierung: 382 Internationaler Handel (Außenhandel)DDC-Icon Klassifizierung: 305.861 SpanierDDC-Icon Wie soll man aber hiermit die pünctliche Gewissenhaftigkeit der Spanier zusammen reimen, die doch unter gleichem Klima mit den Italiänern leben, und ihnen auch in Ansehung des sittlichen Betragens so sehr ähnlich sind? Wahr ist es, daß diese Nation jederzeit ihrer Rechtschaffenheit und Ehrliebe wegen berühmt gewesen ist; und Justin rühmt die Gewissenhaftigkeit, womit sie ein ihnen anvertrauetes Gut verwahren, und oft lieber den Tod wählen, ehe sie ein Geheimniß eröffnen. Noch heutiges Tages behaupten sie diesen Ruhm der Rechtschaffenheit, wie ehedem, und alle nach Cadix handelnde Nationen vertrauen ihre Güter den Spaniern an, ohne es jemahls bereuet zu haben.

Ein merkwürdiges Beyspiel dieser Art eräugnete sich vor einigen Jahren in Spanien. Das mit der Silber=Flotte aus Amerika angekommene Silber, war von einem der dortigen Statthalter verfälscht worden, und die Europäer, welche Güter nach dem südlichen Amerika gesendet hatten, würden einen großen Verlust dadurch erlitten haben, wenn nicht die spanischen Kaufleute, so wenig sie auch für jenen Betrug zu stehen verpflichtet waren, sich freywillig, allen Schaden allein zu tragen, erbothen hätten, um ihren National=Character keinem Tadel auszusetzen. Vielleicht hat der angeborne Stolz und Hochmuth der Spanier sie vor jener Neigung zur Falschheit und Betriegereyen gesichert, welche allezeit mit Niederträchtigkeit und Verzagtheit vergesellschaftet ist; und dieser Stolz kann vielleicht zum Theil eine Folge von der besondern Einrichtung der spanischen Monarchie seyn, deren Unterthanen von je her gewohnt gewesen sind, sich am meisten auf persönliche, besonders auf kriegerische Verdienste einzubilden, und hingegen Handels=Vortheile geringer zu schätzen.

Ein sehr gewöhnlicher Fehler in heißen Ländern ist, ferner Müßiggang. So ist z. B. das Volk in Achem stolz und faul, und wer keine Sclaven selbst hat, der miethet sich einen, sollte es auch nur seyn, um etwa ein <40, 480> wenig Reiß hundert Schritt weit nach Hause zu tragen, weil sie sich entehrt glauben würden, wenn sie dergleichen selbst thun wollten. An andern Orten lassen sich die Einwohner die Nägel lang wachsen, damit niemand denken möge, sie arbeiteten etwas. Aehnliche Gesiunungen trifft man im ganzen Orient an. Müßiggang ist aber nicht nur an sich selbst Laster, sondern noch mehr dadurch schädlich, daß er Gelegenheit und Anreitzung zu Begehung anderer Laster gibt. Kein Wunder also, wenn der sittliche Character eines Volkes, dessen größter Theil keine bestimmte Beschäftigung, keine Neigung zum Denken, und kein Gefühl für geistige Vergnügungen hat, so sehr verderbt ist. Eben so gewiß ist der diesem entgegen stehende Satz: Soll ein Volk rechtschaffen werden, so verschaffe man ihm Arbeit! Grobe Laster sind auf dem Lande selten, wenn es nicht viel Feyertage, und also nicht viel Müßiggang und Gelegenheit zu Ausschweifungen gibt. Die Anwendung hiervon auf das Sitten=Verderben in heißen Ländern ist leicht zu machen.

Luxus und Weichlichkeit sind Töchter einer überspannten Empfindlichkeit und Trägheit, und aus dieser Ursache vornehmlich in heißen Ländern einheimisch. Eine Erfahrung, die man schon in den ältesten Zeiten gemacht, *

*
Man vergleiche hiermit des Propheten Ezechiel Beschreibung von Tyrus. Xenoph. Cyropaed. L. 7.

und immer noch in den unsrigen bestätigt gefunden hat.

Es gibt einige, obwohl wenige Züge in dem sittlichen Character der südlichen Völker, durch welche sie sich vor den Bewohnern kalter Erdstriche zu ihrem Vortheil auszeichnen. So ist z. B. die Neigung zum Trunk, und folglich die dadurch so oft veranlaßte Gewaltthätigkeit und Schaden=Freude unter ihnen weit <40, 481> seltener; *

*
Die Araber enthalten sich noch heut zu Tage aller starken Getränke Irwin, a. ang. O.
  Diese Enthaltsamkeit ist sowohl bey den Arabern, als bey allen andern der muhamedanischen Religion zugethanen Völkern, eine Religions=Pflicht, und gründet sich, bekannter Maßen, auf eine ausdrückliche Verordnung des Koran. Man weiß aber auch, daß diese Völker sich für das Verboth des Weines und Branntweines durch andere berauschende und aufheiternde Dinge, z. B. Mohnsaft, u. d. gl. wohin man auch gewisser Maßen den Kaffe rechnen kann, schadlos zu halten suchen. Hingegen ist der Branntwein bey verschiedenen wilden oder darbarischen Nationen heißer Erdstriche, die kein Verboth von dem Genusse desselben zurück hält, eben so beliebt, als er nur immer in kalten Ländern seyn kann, und steht unter denen Waren, gegen welche die Europäer auf der Neger=Küste in Afrika Sclaven eintauschen, oben an.

auch findet die Gaumen=Lust, wie ich glaube, unter ihnen weit weniger Anhänger, als bey uns. Die Hitze macht ein nüchternes und einfaches Verhalten im Essen und Trinken, und den Gebrauch solcher Nahrungs=Mittel nöthig, die größtentheils vegetabilisch sind. Mithin fallen auch viele den Geschmack reitzende Dinge hinweg, von welchen sehr viele aus dem Thier=Reiche sind, und zu Erregung der Gefräßigkeit, jener verächtlichen und niedrigen Leidenschaft, sehr viel beytragen.. *

*
Sallust bemerkt, daß die afrikanischen Völker, und insonderheit die Numidier, an Salz und andern Gewürzen keinen Geschmack finden. -- Wenn indessen auch dieses von einigen Völkern heißer Länder gilt, so lässet es sich doch nicht auf alle ausdehnen. Die Hitze des Klima, und die daher rührende Geneigtheit der Säfte zur Fäulniß machen einigen derselben den Gebrauch des Salzes sehr nothwendig, welches man schon daraus schließen kann, daß die Europäer einen starken Handel mit Salz am Senegal und andern Gegenden von Afrika treiben.

Klassifizierung: 363.42 GlücksspielDDC-Icon Vielleicht äussert auch die Spielsucht ihre verderbliche Wirkungen in warmen Ländern weit seltener, als in kalten, weil die Bewohner der ersten mehr Gefallen an solchen Dingen, die unmittelbar sinnliches Vergnügen hervor bringen, als an denjenigen finden, die <40, 482> den Geist beschäftigen, und in eine gewisse Thätigkeit setzen. Hingegen macht dem plumpen und starken Bewohner des Nordens alles dasjenige viel Vergnügen, was seine Lebens=Geister erregen und beweglicher machen kann, z. B. Jagen, Reisen, Krieges=Uebungen und Wein; und es ist nicht zu läugnen, daß auch das Spiel jene Wirkung hervor bringen kann. Die Erfahrung scheint diesen Satz zu bestätigen. Tacitus erzählt, daß die alten Deutschen eine unmäßige Leidenschaft für das Spiel gehabt hätten, *

*
De morib. Germanor. c. 24.

welche auch noch jetzt bey ihren Abkömmlingen nicht zu verkennen ist. Eben so sehr sind die Wilden in Canada für das Spiel eingenommen, *

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Lasiteau Moeurs des Sauvages. Charlevoix History of Canada. Carvel's Travels (ins D. übers. 1780.) S. 244.

und finden dabey, so lange sie nicht auf der Jagd oder im Kriege sind, eine sehr unterhaltende Beschäftigung, und ein Gegengift wieder jene Verdrossenheit und Trägheit, welche die gewöhnlichen Beschäftigungen des alltäglichen Lebens zu vertreiben nicht im Stande sind. Bey den Bewohnern heißer Erdstriche hingegen artet die Neigung zum Spiel selten in Laster aus, indem dasselbe bey ihnen nur Gegenstand des Vergnügens, bey den nördlichen Völkern aber eine Art von ernsthafter Beschäftigung ist. So haben es sich z. B. die Türken, ungeachtet sie einige Spiele, als das Schach=Spiel, Bret=Spiel etc. sehr lieben, zum Gesetz gemacht, nie um Geld zu spielen, weil sie darin nur eine angenehme Unterhaltung, und Ausfüllung derjenigen Zeit suchen, die sie, wegen der Hitze, zu wichtigern Geschäften nicht nutzen können. *

*
Die Araber spielen nie um Geld oder Geldeswerth, wie Irwina a. ang. O. bemerkt. In Japan darf bey Lebens=Strafe kein Mensch um Geld spielen.

<40, 483>

Die Anzahl der kalten Klimaten eigenthümlichen Laster, ist geringer, als derjenigen, die in heißen Ländern herrschen. Jene entstehen aus gewissen, in der natürlichen Anlage der nordischen Völker zusammen treffenden Umständen, welche dennoch überhaupt der Tugend günstiger, als dem Laster, sind.

Klassifizierung: 936 Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel bis ca. 499DDC-Icon Der ungestüme Muth der Bewohner kalter Erd=Striche stimmt sie zuweilen zu jähen Gewaltthätigkeiten. Dieß war der Fall bey den alten Deutschen, die oft von Jachzorn übereilt, ihre Leibeigene und sich selbst unter einander zu ermorden pflegten, und Eingriffe in fremdes Eigenthums=Recht wenig ahndeten, wenn sie nur Muth und Kühnheit verriethen. Cäsar erzählt, daß bey ihnen Straßenraub und Plünderung in fremdem Gebiethe für kein Verbrechen, sondern für eine löbliche Uebung gehalten worden sey, welche die Jugend vor dem Müßiggange verwahre. *

*
Comment. de bello gallico, L. 6.

Und Tacitus scheint bey den Chauzen eine Ausnahme von allen übrigen Völkerschaften zu finden, wenn er anmerkt, ihr Land sey nicht durch Räubereyen und feindliche Einfälle benachbarter Völker verheert. *

*
De morib. Germanor. c. 35.

Das Verlangen seine Kräfte und Fähigkeiten wirken zu lassen, und sich Gesinnungen des Herzens frey und offenherzig gegenseitig mitzutheilen, ist eben sowohl, als das aus der Beschaffenheit des Klima entspringende Bedürfniß, Ursache, daß in kalten Ländern die Neigung zu starken Getränken so allgemein ist. Tacitus berichtet uns, daß die alten Deutschen gewohnt gewesen seyn, beym Trunke und bey ihren gesellschaftlichen Vergnügungen Fehden auszusöhnen, Heurathen zu stiften, Fürsten und Heerführer zu wählen, und selbst Krieg oder Frieden zu beschließen, indem sie glaubten, daß der Geist nie besser zu Erweg<40, 484>ung allgemeiner Angelegenheiten vorbereitet, noch zu großen Unternehmungen angefeuert werden könne. Da Verstellung und List diesem Volke ganz unbekannt war, so lösete der Trunk ihre Zungen noch mehr, und schloß ihre Herzen durch Eröffnung aller ihrer Geheimnisse gegen einander auf.

Die Neigung zum Trunk äussert sich, wie Montesquieu, doch nicht ohne einige Ausnahmen beyzufügen, bemerkt, auf dem ganzen Erdboden mehr oder weniger, je nach dem das Klima mehr oder weniger feucht und kalt ist. *

*
Esprit des loix, L. 14, ch. 2.

Gehen wir von der Linie gegen den Nord=Pol, so finden wir, daß die Herrschaft dieses Lasters mit den Graden der Breite zunimmt. Eben so wird es von der Linie aus gegen den Süd=Pol in dem Verhältnisse allgemeiner, in welchem die Hitze abnimmt.

Bey allen dem ist jedoch die Ausschweifung im Trunke in kalten Ländern weit verzeihlicher, als in heißen, *

*
Nach Xenophon's Erzählung, wurden am alten persischen Hose sehr große Ausschweifungen im Trunke begangen. Hiermit stimmen Tavernier's und Chardin's Nachrichten überein. Man muß gleichwohl bemerken, daß das Klima von Persien, ob dieses Land gleich unter dem 32 oder 33sten Grad nördl. Breite liegt, wegen der bäusigen Gebirge nicht übermäßig he ß ist.

da in ersten sowohl die natürliche Gast=Freyheit der Einwohner, als auch ein gewisses in der Natur gegründetes Bedürfniß den Gebrauch geistiger Getränke nothwendig macht, und solcher Gestalt zur Ueberschreitung der Mäßigkeit Gelegenheit gibt. Daher ist ein trunkener Spanier weit mehr zu tadeln, als ein trunkener Deutscher, weil die Trunkenheit bey jenem mehr eine Folge seines verderbten Willens, bey diesem aber nur Ausschweifung in Befolgung eines natürlichen Triebes ist. So ist sie auch in kalten Ländern minder strafbar, weil ihre Wirkungen für die <40, 485> Gesellschaft und einzelne Glieder derselben weniger schädlich sind. Unter einem heißen Klima ist ein trunkener Mensch ganz wild und rasend, unter einem kalten hingegen mehr dumm und tölpisch.

Die Spielsucht ist ein kalten Ländern besonders eigenthümliches Laster, ob gleich auch hier, so wie bey andern vorhin erwähnten Umständen, verschiedene Ausnahmen Statt finden. Die Umstände, welche in Ansehung des Klima Gelegenheit dazu geben, übrigens aber diesem Laster weniger, als der Ausschweifung im Trunke, zur Entschuldigung dienen können, habe ich oben bereits aus einander gesetzt.

Die Anzahl der, kalten Ländern eigenen Tugenden ist größer, ob sie gleich mehrentheils von der verneinenden Art sind. Ueberhaupt sind die Bewohner kalter Länder weit fähiger, eine gewisse Würde im äusserlichen Betragen, und Reinigkeit der Sitten zu behaupten, als diejenigen, welche unter heißen Klimaten leben. Das Laster ist ihnen nicht Gegenstand des Scherzes und Lachens, sondern des Abscheues und der Verachtung, und die Mode ist keine Entschuldigung für zügellose Ausschweifungen. Kurz, gute Sitten und Beyspiele vermögen, wie Tacitus von den Deutschen sagt, mehr über sie, als anderwärts gute Gesetze.

Klassifizierung: 306.8 Ehe und FamilieDDC-Icon Ferner begehen auch die Bewohner kalter Länder weniger Ausschweifungen der Geschlechts=Lust. Die Ehe ist ihnen heiliger, und die Anhänglichkeit an ihre Pflichten unverbrüchlicher. Tacitus bemerkt dieses besonders von den Deutschen; und dieser Zug war gewiß einer der schönsten in ihrem ganzen sittlichen Character. Verschiedene Ursachen treffen zusammen, um den Sitten der Bewohner kalter Erdstriche, besonders in Ansehung des letzten Punctes, einen so merklichen Vorzug vor den Sitten heißer Länder zu verschaffen.

<40, 486>

Erstlich verträgt sich die unbeständige Gemüths=Art der Menschen in heißen Gegenden mit keiner dauerhaften Zuneigung zu einerley Gegenstande. Daher entsteht Vielweiberey, bey welcher eine zärtliche Leidenschaft, deren Gefährtinn Eifersucht ist, unmöglich Statt finden kann. Eine andere Ursache, warum die Verbindung und Zuneigung beyder Geschlechter gegen einander nicht so dauerhaft seyn kann, ist die Ungleichheit derselben in heißen Gegenden, indem die Weiber daselbst schon im achten, neunten oder zehnten Jahre mannbar sind. So heurathete z. B. Muhamed die Khadijah in ihrem achten, und vollzog die Ehe mit ihr in ihrem neunten Jahre. *

*
Lebrün erzählt im 4ten Bande seiner Reisen, daß die Perser sich sehr jung verheurathen.

Daher fällt auch überhaupt die Verheurathung in diesen Gegenden immer in die Zeit der Kindheit. Die Frauenspersonen sind in ihrem 20sten Jahre schon alt und hören auf zu gebären; und Schönheit ist bey ihnen nie mit Reife des Verstandes vergesellschaftet. So lange als die Siege der erstern dauern, verbiethet der Mangel an Verstand, Ansprüche auf Unterwersung zu machen; und wenn der Verstand zur Reife gekommen ist, so ist die Schönheit schon verblühet. Es ist daher ganz natürlich, daß ein Mann in solchen Ländern, so lange kein Gesetz es ihm verbiethet, seine Frau verlässet, um eine andere zu nehmen; und diese Art der Polygamie sollte, wo gleiche Bedingungen Statt finden, überall eingeführet werden.

In kalten Erdstrichen hingegen ist die Zuneigung liebender Personen gegen einander dauerhafter, und die ganze körperliche Anlage beyder Geschlechter entspricht einer festen Vereinigung weit mehr. Daher gibt es dort für Ausschweifungen in der Geschlechts=Lust keine Entschuldigung, die sich auf natürliche Ursachen <40, 487> gründen liesse. Es ist erweislich, daß diese natürliche Gleichheit beyder Geschlechter in kalten Ländern nicht wenig zu jenen vorzüglichen Leibes=Kräften beyträgt, welche die Kinder daselbst, vor denen, welche in heißen Klimaten geboren werden, voraus haben. Tacitus erzählt, daß die jungen Leute bey den alten Deutschen frühzeitigen Beyschlaf vermieden, und dadurch ihre Stärke und Leibes=Kräfte erhalten hätten. Eben so verhielt es sich mit dem weiblichen Geschlechte. Immer verheuratheten sich Personen von gleichem Alter, und nach Verhältniß gleicher Leibes=Stärke mit einander; und so mußte die Gesundheit und Vollkraft der Aeltern auf ihre Kinder vererbet werden. Cäsar fügt noch hinzu, daß die Keuschheit nach der Meinung der Deutschen zu Stärkung des Körpers und Befestigung des Muthes ungemein viel beytrage, daher man auch bey ihnen diejenigen jungen Männer, welche ihre Keuschheit am längsten behaupteten, vorzüglich hochschätze, und hingegen nichts für so schimpflich halte, als sich vor dem 20sten Jahre mit einem Frauenzimmer einzulassen. *

*
Comment. de bello gall. L. 6, e. 10.

Selbstvertrauen und Sicherheit, zwey Eigenschaften, welche natürliche Wirkungen des Muthes und der Entschlossenheit sind, machen den Bewohner kalter Erdstriche offenherzig und redlich in seinen Geschäften und Unterhandlungen, wie ich dieses bereits oben als einen allgemein geltenden Erfahrungs=Satz festgesetzt habe.

Leichtsinn und Wankelmuth sind etwas seltenes in kalten Ländern, Beharrlichkeit in Entschlüssen aber, und gewissenhafte Beobachtung einmahl geleisteter Versprechungrn und gestifteter Freundschaften desto gewöhnlicher, wodurch nothwendig das Band des gesellschaftlichen Lebens enger geknüpfet werden muß.

<40, 488>

Auch Thätigkeit und Kunstfleiß gehören, wie ich oben bemerkt habe, zu den Vorzügen kalter Länder, schränken sich aber doch besonders nur auf körperliche Geschicklichkeit ein, ohne sich in Ansträngung der Geistes Kräfte sonderlich zu äussern.

Der sittliche Character der Bewohner gemäßigter Erdstriche, ist von gemischter Art, wiewohl gute Eigenschaften in ihm das Uebergewicht haben, und sich besonders durch tugendhafte äusserliche Handlungen weit öfter, als in heißen Ländern, äussern. Mit der Natur des Handels genauer bekannt, und von der Nothwendigkeit eines gegenseitigen Zutrauens in wichtigen Geschäften überzeugt, ist der Mensch in gemäßigten Ländern weit weniger zu Betriegereyen und Hinterlist geneigt. Das Bewußtseyn der Ueberlegenheit an Muth und Kriegs=Künsten macht ihn minder grausam, und die Ueberzeugung von dem glücklichen Einflusse, den ein gesittetes und anständiges Betragen der Bürger auf die ganze Verfassung und Regierungs=Form des States haben muß, hält ihn ab, andern durch öffentliche Uebertretung der Sitten=Gesetze ein Aergerniß zu geben. Das Vertrauen aufeigene Macht und Fähigkeiten bringt überdies noch diese glückliche Wirkung hervor, daß die Bewohner gemäßigter Länder minder eigennützig sind, von mehrerm Eifer für das gemeine Beste des States, und von einem größern Wohlwollen gegen alle Menschen überhaupt, beseelt werden. Wer beständig für sein Leben und Eigenthum Gefahr befürchtet, der hat in allem, was er thut und unternimmt, nur sein eigenes Selbst und die zunächst mit ihm verbundenen Personen vor Augen. Je mehr sich seine Umstände verbessern, desto mehrere Gefahr glaubt er befürchten zu müssen; dahingegen derjenige, der sich und die Seinigen hinlänglich sicher weiß, vermöge der dem menschlichen Geiste natürlichen Thätigkeit, anderwärts, ausserhalb jenem engern Kreise sich <40, 489> zu beschäftigen, und solcher Gestalt, wenn sonst nur seine Neigungen tugendhaft sind, das Beste seines Vaterlandes, und die Wohlfahrt des Menschen=Geschlechtes überhaupt, so viel er kann, zu befördern sucht. Dieser Umstand bringt der allgemeinen Verfassung des States ausserordentliche Vortheile, und ist die wahre Ursache, warum man in den gemäßigten Ländern von Europa, sowohl in Rücksicht auf den Handel, als auch auf die bürgerliche Verfassung, richtigere Kenntnisse und genauere Beobachtung des Stats=Interesse, als in irgend einem andern Theile der Welt, antrifft. Daher auch die Vorzüge, welche die europäischen Staten jederzeit vor allen übrigen gehabt haben, und noch immer behaupten.

Eben so wichtig ist der Einfluß des Klima auf die Sitten und das äusserliche Betragen. Was zuvörderst die Wirkungen eines warmen Himmels=Striches betrifft, so hat man längst angemerkt, daß in warmen Ländern die Sitten der Menschen frühzeitiger und vollständiger ausgebildet werden, als in kalten. Hippokrates fand die Bewohner Asiens sanfter und mäßiger, und ihre Sitten verfeinerter und ausgebildeter, als unter seinen eigenen Landsleuten. Dem ungeachtet glaube ich, daß diese so gerühmte Feinheit der Sitten mehr, wie es noch jetzt der Fall ist, in Beobachtung eines gewissen einmahl eingeführten äusserlichen Betragens bestand, und wenig Vorzüge von Seiten des Witzes, der Freymüthigkeit, Anmuth im Umgange, und anderer Umstände, hatte, die bey uns das gesellschaftliche Leben so sehr vervollkommnen. Die unterscheidenden und wirklich sehr genau mit einander verwandten Züge in dem Betragen der asiatischen Völker scheinen Zurückhaltung und übertriebene Höflichkeits=Bezeigungen gewesen zu seyn.

<40, 490>

Herodot erzählt, daß der medische König, Dejozes, ein Gesetz gegeben habe, daß nur sehr wenig Personen vor ihn gelassen werden, und niemand sich in seiner Gegenwart zu lachen oder auszuspeyen, unterstehen sollte, wodurch er es, wie dieser Schriftsteller hinzu setzt, vermuthlich dahin bringen wollte, daß diejenigen, denen der Zutritt zu ihm ganz untersagt war, ihn für ein übermenschliches Wesen halten sollten. Nach Diodor's von Sicilien Bericht, hat der assyrische König Ninyas eine ähnliche Verordnung, und in derselben Absicht, gegeben. Die alten Perser sprachen sehr wenig, und waren äusserst zurück haltend, so, daß sie auch die Verschwiegenheit göttlich verehrten. *

*
Ammian. Marcell. L. 21, c. 13.

Bey der Mahlzeit zu sprechen, hielten sie für ein Verbrechen, *

*
Q. Curtius, L. 4.

und selbst die Todes=Urtheile wurden zuweilen durch Zeichen bekannt gemacht. *

*
Theophylact. L. 5, c. 5.

Noch heutiges Tages pflegen die Spanier ein kaltes und zurückhaltendes Betragen im Umgange zu beobachten. Ueberhaupt steht dasselbe mit der in heißen Ländern gewöhnlichen Regierungs=Form in genauer Verbindung. In allen despotischen Reichen hat der Fürst sehr wenig persönliche Gemeinschaft mit seinen Unterthanen; er wird vor ihnen verborgen gehalten, und ist ihnen nur dem Rufe nach bekannt. Da sich nun die Macht solcher despotischen Regenten nicht auf eine vernünftige Ergebenheit des Volkes, sondern auf Leidenschaften, und besonders auf Furcht gründet, so ist es allerdings derselben zuträglich, jene Leidenschaft durch ein solches den Fürsten von seinem Volke entfernendes Betragen zu unterhalten, weil überhaupt alles, wovon wir uns keine deutliche sinnliche Begriffe machen können, geschickter ist, Furcht zu erregen, als die vollständige Kenntniß eines selbst <40, 491> an sich schrecklichen Gegenstandes. Ausser diesem durchgängig gewöhnlichen zurückhaltenden Betragen, wird man auch in heißen Ländern nicht nur in Ansehung des Fürsten, sondern auch in dem Umgange zwischen Privatpersonen eine zwangvolle Förmlichkeit und Steifheit finden. In Persien waren sowohl, wenn man den Monarchen anredete, als auch sonst gegen Leute von allen Ständen, gewisse abgemessene Unterwürfigkeits= und Höflichkeits=Bezeigungen vorgeschrieben. Noch jetzt findet man dieses in Persien, in Indien, und insonderheit in China. In diesem letztern Reiche ist der Zwang im Umgange ausserordentlich, *

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Die Chineser pflegen Personen von höherm Range ihre Ehrerbiethung nicht mündlich, sondern schriftlich, zu bezeigen. Je größer die Ehrfurcht ist, die sie ihnen schuldig sind, desto kleinere Buchstaben machen sie; und das größte Compliment, welches man einem machen kann, ist, wenn man so klein schreibt, daß die Schrift ganz unleserlich wird.

und steht mit den Gesetzen und der ganzen Stats=Verfassung des Landes in genauer Verbindung. Die Häupter der Familen schärfen das Ceremoniel täglich den Ihrigen ein, und das Volk wird monathlich zwey Mahl von den Mandarinen darin unterrichtet. Man glaubt dort, daß Zwang und Förmlichkeit im äusserlichen Betragen deswegen unter den Menschen eingeführt worden seyn, um Verführungen verzubeugen, und der Verbreitung des Lasters zu steuern. *

*
Man vergleiche hiermit die Aufnahme und Beurlaubung bey dem Wißier von Yambo, in Irwin's Reisen nach dem rothen Meere.

So weit auch diese Art des Umganges der Feinheit europäischer Sitten nachstehen, und so sehr sie auch von den Vortheilen, welche Freymüthigkeit und ungezwungene Sprache des Herzens gewähren, entfernt seyn mag: so ist sie doch der ganzen Verfassung und dem Character der Chineser sehr gemäß. Ihre furchtsame und argwöhnische Gemüthsart, macht sie zu gegenseit<40, 492>igem Zutrauen ganz unfähig, welches auch ohnedieß bey ihrer Geneigtheit zur Rachsucht sehr oft triegen müßte, zumahl unter einer Regierung, wo heimliche Anschläge und Verbindungen, und alles, was die innere Ruhe nur in mindesten zu beeinträchtigen scheint, aufs strengste geahndet wird. Um den Mangel eines freyen und uneingeschränkten Umganges zu ersetzen, haben die Gesetze in diesen östlichen Ländern, eine Art sich zu betragen eingeführt, die zugleich sowohl den oben gedachten Endzwecken, als auch der Trägheit und Unwissenheit des Volkes, angemessen ist. Verschiedene Stücke in dem neuen, vielleicht zur Zeit der Kreutzzüge aus den Morgenländern nach Europa gebrachten, System des so genannten artigen Umganges, scheinen eine Abkunft aus heißen Klimaten dadurch schon zu verrathen, daß man Personen, denen man höflich begegnen will, immer jede Ansträngung, oder, wie man sich insgemein ausdrückt, Bemühung und Unruhe zu ersparen sucht. Oft wird aber diese Höflichkeit, wenn man sie zu weit treibt, abgeschmackt und lächerlich, weil sie bey denjenigen, denen sie wiederfährt, eine gewisse Schwäche und Ohnmacht, und die Möglichkeit sich in einem gemäßigten oder kalten Klima durch eine geringe Bewegung des Körpers zu ermüden, voraus zu setzen scheint. Eben so tragen einige in den Morgenländern übliche Titel sehr deutliche Spuren jener dem Bewohner heißer Länder angebornen Neigung zur Ruhe und Unthätigkeit an sich. Mansuetudo, Tranquillitas, Serenitas, *

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Man vergleiche hiermit die Zueignungsschrift des Eutropius an den Kaiser Valens, vor der römischen Geschichte des Erstern. Selden's Titles of honour, c. 6. Unter den orientalischen Kaisern stieg das Hof=Ceremoniel, und insonderheit die Titulatur der Kaiser am byzantinischen Hofe nach und nach sehr hoch. Dieser noch jetzt im Orient herrschende Geschmack an glänzenden Titeln zeigt sich am deutlichsten in den im Corpus Juris enthaltenen Gesetzen der christlichen Kaiser, wo sie mehrere erhabene Titel und Ausdrücke, als: diuini numinis afflatus, oracula d ndulgentia diuina, mansuetudo nostra, u. a. m. von sich iuin. i auchen pflegen.

sind Titel, welche ehedem den morgenländischen Kai<40, 493>sern, so wie jetzt den Königen der Titel Majestät, gegeben wurden. Noch zu unsern Zeiten ist der Titel Serenitas in einigen Theilen von Europa gebräuchlich.

Merkwürdig ist es, daß Sitten und äusserliches Betragen in heißen Ländern lange unverändert sich erhalten. In Persien, Indien, und vermuthlich auch in China, beobachtet man noch heut zu Tage dieselben Gebräuche, dieselben Formalitäten im Umgange, die vor 2000 Jahren daselbst gewöhnlich waren. *

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Nähere Nachrichten hiervon werden weiter unten, wo ich von dem Einflusse des Klima auf Gesetze und Gewohnheiten dandle, vorlommen.

Man kann sich von der Ursache dieser Unveränderlichkeit mancherley Vorstellungen machen. Montesquieu schreibt dieselbe auf die Rechnung der in heißen Ländern gewöhnlichen Empfindlichkeit, welche beständig mit Unthätigkeit und Liebe zur Ruhe der Seele und des Körpers verknüpft ist; daher denn da, wo alte Gebräuche einmahl bleibenden Eindruck gemacht haben, und das Volk an sie gewöhnt ist, die Trägheit des letztern jede Abänderung derselben beynahe unmöglich macht. Eine andere, und vielleicht noch mehr befriedigende Ursache, ist die in heißen Ländern fast durchgängig despotische Regierungs=Form. Die Furcht und gegenseitige Eifersucht der Einwohner gegen einander, lässet jene Freymüthigkeit, welche nur das Eigenthum freyerer Staten ist, nicht aufkommen. Weit entfernt, ein Zutrauen gegen andere zu fassen, oder sie nachzuahmen, wird vielmehr alles, was man an andern wahrnimmt, Veranlassung zum Argwohn und zur Mißgunst; und die Furcht vor der Regierung schreckt jedermann von Neuerungen ab.

<40, 494>

Aller Wahrscheinlichkeit nach, trägt diese Gleichgültigkeit der Sirten an ihrem Theile sehr viel dazu bey, daß die Regierungs=Form in heißen Ländern sich immer gleich bleibt, und beyde sind durch lange Gewohnheit so innig mit einander verbunden, daß sie sich wirklich welchselseitig aufrecht erhalten. Neue Sitten und Gebräuche würden eine Menge neuer Begriffe, und zugleich eine Prüfung vieler Stats=Grundsätze und Meiuungen, auf welche die Regierungs=Form sich gründet, veranlassen.

Die wichtigste Ursache dieser Veränderlichkeit der Sitten ist indessen vielleicht die Einschränkung, in welcher das weibliche Geschlecht in heißen Erdstrichen lebt, und die daraus folgende Ausschließung desselben von jedem Einflusse auf das gesellschaftliche Leben. In andern Ländern, wo der Umgang beyder Geschlechter mit einander keinem solchen Zwange unterworfen ist, wird das Verlangen des Frauenzimmers zu gefallen, und der Wunsch der Männer, jenen durch Gefälligkeit gegen ihre Neugier und veränderliche Launen, Vergnügen zu machen, eine Ursache beständiger Veränderungen in Sitten und äusserlichem Betragen.

Das äusserliche Betragen nordischer Völker scheint, mit dem in heißen Ländern üblichen verglichen, rauh und ungeschliffen zu seyn. Die Art, wie sie Andere aufnehmen, ist insgemein plump und unhöflich, und ihr geselliger Umgang wird von Vorschriften einer abgemessenen Formalität wenig eingeschränkt. Ueberdieß zeichnen sie sich durch Mangel an äusserlichem Anstand und Artigkeit aus, welches man theils ihrem unempfindlichen, kühnen, trotzigen Character, und der Angewöhnung an heftige Leibes=Uebungen, theils der geringen Achtung, in welcher das schöne Geschlecht bey ihnen steht, zuschreiben muß.

So sind auch die Sitten in kalten Ländern weit weniger dauerhaft und einförmig, als in heißen. In <40, 495> einem einzigen Menschen=Alter haben die Sitten der Einwohner des großen russischen Reiches, ohne gewaltsame Erschütterungen des States, eine ganz andere Gestalt gewonnen; *

*
Zwar hatte Peter der Große doch viel gefährliche Empörungen zu bekämpfen, ehe es ihm gelang, seine berühmte Reforme der russischen Nation gänzlich durchzusetzen.

eine Veränderung, die in den Morgenländern gewiß entweder gar nicht durchgesetzt worden wäre, oder, wenn man sie mit Gewalt eingeführt hätte, einen gänzlichen Umsturz der Regierungs=Form und Vergießung ganzer Ströhme Blutes nach sich gezogen haben würde. In jenen kalten Ländern aber eröffnete die Einführung neuer Sitten der Industrie und Betriebsamkeit eine neue Laufbahn, erregte Ehrgeitz und Rangsucht bey dem einen, und Neugier und Eitelkeit bey dem andern Geschlechte, und wurde daher mit größerer Bereitwilligkeit angenommen.

Klassifizierung: 305.3 Männer und FrauenDDC-Icon Was die Wirkung eines gemäßigten Klima auf Sitten und äusserliches Betragen betrifft, so sind Gefälligkeit und Artigkeit jederzeit gemäßigten Himmels=Strichen in einem hohen Grade eigen gewesen. Man hat dieses insgemein der größern Vollkommenheit, welche alle Künste daselbst erreicht haben, zugeschrieben; vielleicht aber hat man dabey am meisten auf die daselbst natürliche und mit einem beträchtlich starken Empfindungs=Vermögen vergesellschaftete Neigung des Menschen zur Thätigkeit, und auf die immer noch eine gewisse Freyheit im Reden und Handeln zulassende Regierungs=Art zu rechnen. Besonders trägt aber auch der freyere Umgang beyder Geschlechter sehr viel dazu bey; und dieser kann nur in gemäßigten Ländern Statt finden, weil das weibliche Geschlecht in kalten Erdstrichen geringe geschätzt wird, und in heißen gar zu eingezogen leben muß. So wie die Weiber in Asia als ein Stück des Eigenthumes angesehen werden, so sind sie <40, 496> dagegen in Europa Gegenstände der Zärtlichkeit, der Hochachtung und einer vernünftigen Ergebenheit. Sie flößen hier Ehrerbiethung und Gefälligkeit ein, und ihre Schwäche selbst trägt, unter dem Nahmen feiner und sanfter Empfindungen, zum Range einer Vollkommenheit erhoben, viel dazu bey, ihren Einfluß auf das Ganze zu verstärken. Die Großmuth der Männer schützt ein Geschlecht, welches sich nicht selbst vertheidigen kann, vor Unterdrückungen, und fordert den Muth und die Tapferkeit zu Vertheidigung desselben auf. Durch die Freyheit, in welcher sie hier leben, berechtigt einigen Antheil an Geschäften zu nehmen, und besonders die des Hauswesens, als ihnen eigenthümlich zuständig, zu verwalten, theilen sie fast alle Schicksale mit dem männlichen Geschlechte, und können auch dann noch, wenn ihre persönliche Reitze verschwinden, gegründete Ansprüche auf Hochachtung machen.

Ein anderer, dem Einflusse des schönen Geschlechtes in gemäßigten Erdstrichen sehr günstiger Umstand ist dieser, daß hier Schönheit und Reife des Verstandes sich beysammen finden, und solcher Gestalt ein Frauenzimmer Gegenstand der Liebe und Hochachtung zugleich seyn kann. Dieses sowohl, als auch die Einschränkung der ehelichen Liebe auf eine einzige Person, und die auf ihr allein beruhende Hoffnung der Nachkommenschaft, ist, in Ansehung des gesellschaftlichen Lebens, von sehr wichtigen Folgen, und macht das Betragen der Männer gegen das andere Geschlecht angenehm, ehrerbiethig und gefällig.

In Asia verhält es sich hiermit gerade umgekehrt. Die Frauenspersonen sind dort von dem freyen Umgange mit dem männlichen Geschlechte ganz ausgeschlossen; man liebt sie bloß in so fern, als sie zur Befriedigung einer sinnlichen Leidenschaft dienen, und selbst diese Liebe müssen sie mit mehrern Personen ihres Geschlechtes theilen. Ihre Schönheit ist sehr vergäng<40, 497>lich, ihr Hang zu Ausschweifungen überwiegend, und ihr Verstand unausgebildet. Sie nehmen keinen Antheil an Geschäften, und werden im Range den Männern weit nachgesetzt; daher sie denn unmöglich Gegenstände der Ehrfurcht, Achtung und vernünftiger Zuneigung seyn können. Kein Wunder also, wenn die Männer sich so wenig Mühe geben, ein dem schönen Geschlechte gefälliges Betragen anzunehmen. *

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Das Mahlen des Getreides, eine äusserst beschwerliche und niedrige Arbeit, wurde ehedem, und wird noch jetzt in den Morgenländern durchgehends von Sclavinnen verrichtet. 2 Mos. 11, 5. 12, 29. Matth. 24, 41. Homer. Odyss XX, 105. 108. Shaw' s Travels p. 296. Harmer' s Obs. 1, p. 153.
  Es haben aber die meisgen Reisebeschreiber uns irrige Nachrichten von dem Zustande des weiblichen Geschlechtes in den Morgenländern ertheilt, weil wioe keinen Unterschied zwischen Sclavinnen und Freygebornen machen.

In kalten Ländern befinden sich zwar die Weiber nicht in dem Zwange einer beständig eingezogenen Lebensart; dem ungeachtet aber begegnet man ihnen, wie ich oben gedacht habe, mit sehr geringer Achtung, und ihr Umgang mit dem andern Geschlechte kann daher wenig Einfluß auf die Sitten haben. In Rußland wurden die Weiber noch in neuern Zeiten kaum für etwas besser, als Haus=Bediente, gehalten, und mußten sich bequemen, von ihren Männern, so oft es diesen einfiel, Schläge zu erdulden; ja das Symbol der Ehe selbst war eine Knoten=Peitsche (Knute). Durch die Gemeinschaft mit andern Nationen hat dieses rohe Betragen sich größten Theils verloren, und Rußland hat dadurch sowohl, als auch durch andere Sitten=Verbesserungen, gar sehr in der Achtung des übrigen Europa gewonnen; indessen sind doch Spuren genug übrig, welche den ursprünglichen Character des Volkes verrathen.

Die Ursachen, von welchen die größere Verfeinerung und Annehmlichkeit der Sitten in gemäßigten Län<40, 498>dern abhängt, machen zugleich dieselben schwankender und veränderlicher. Unbeständige, und, gleich dem Klima, der Abwechselung immerfort unterworfene Launen, Freyheit oder gelinde Regierung, Einfluß des weiblichen Geschlechtes auf viele Dinge, deren Entscheidung und Verwaltung es sich einmahl angemaßt hat; lauter Umstände, aus welchem sich jene Veränderlichkeit der Sitten hinlänglich erklären lässet. Diesen muß man vielleicht selbst einen beträchtlichen Antheil an der Verfeinerung der Sitten zuschreiben, welche allezeit mit einer in den Morgenländern nie Statt findenden Fähigkeit und Triebe zur Vervollkommnung gleichen Schritt hält. Und ob gleich jede Veränderung auch wahre Verbesserung ist, so ist sie doch Untersuchungen und Prüfungen günstig, welche zuletzt insgemein auf Abstellung tadelhafter Sitten und Gebräuche hinaus läuft.

Das Klima hat ferner auf die Geistes=Kräfte, sowohl auf Gelehrsamkeit, als auch auf Erfindungen und Künste, Einfluß.

Klassifizierung: 780 MusikDDC-Icon Klassifizierung: 800 Literatur (Belletristik) und RhetorikDDC-Icon Zuerst das heiße auf Gelehrsamkeit. Ich habe vorhin behauptet, daß die den Bewohnern heißer Himmelsstriche eigene Reitzbarkeit und geschärfte Empfindungs=Kraft uns den besten Aufschluß über ihren Character geben könne. Eben so verhält es sich auch mit ihren Verstandes=Kräften; und daher sind die südlichen Länder zu allen Zeiten an Werken der Einbildungs=Kraft so fruchtbar gewesen, wohin man vorzüglich die Erfindung und Ausschmückung der alten Fabel=Lehre und jene Sagen der Vorwelt rechnen muß, die noch jetzt so reichen Stoff zu Gemählden der Phantasie und dichterischen Anspielungen darbiethen. Vielleicht war dies selbst der Ursprung der Dichter=Sprache, in welcher die ältesten darstellenden Werke, die wir kennen, abgefaßt sind. Dieser Geist der Dichtung ist in jenen <40, 499> südlichen Ländern keiner besondern Classe von Menschen eigen, sondern, unabhängig von den Vortheilen des Ranges und einer guten Erziehung, insgemein durch alle Stände einer Nation verbreitet. Lebrün erzählt, daß die Perser nichts so hoch, als die Dicht=Kunst, schätzen, und in ihren dichterischen Werken den lebhaftesten und erhabensten Schwung des Geistes auszudrücken bemüht sind. Unter den Bauern auf der Insel Minorka sind Wett=Gesänge noch heut zu Tage etwas sehr gewöhnliches; *

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Cleghorn' s account of Minorca.

einer singt auf der Stelle erdachte Verse über einen beliebigen Gegenstand, die er mit der Zither begleitet, welche unmittelbar darauf mit einer gleichen Anzahl extemporirter Verse von einem Andern beantwortet werden, der sich jenen im Gesange zu übertreffen oder lächerlich zu machen bemühet; und so dauert der Wett=Streit, zu großer Belustigung der Zuhörer so lange fort, bis der Witz des einen oder des andern Sängers erschöpft ist. Eben so waren die Wechsel=Gesänge der alten Griechen beschaffen, die Theokrit und Virgil in ihren Hirten=Gedichten so glücklich nachgeahmt haben.

Selbst die Einwohner von Otaheite haben, der geringen Ausbildung ihrer Sitten und Geistes=Kräfte ungeachtet, eine Art von Versen, die nach Zeit=Maß und Anzahl der Sylben regenlmäßig abwechseln; viele sind so gar gereimt, und haben gewisser Maßen mit den oben erwähnten Wechsel=Gesängen einige Aehnlichkeit.

Klassifizierung: 892 Afroasiatische Literaturen; Semitische LiteraturenDDC-Icon Klassifizierung: 220 BibelDDC-Icon Als Beyspiele der morgenländischen Dicht=Kunst will ich hier nur eines ihrer ältesten und ächtesten Denkmäler, das so genannte hohe Lied Salomonis anführen; ein Gesang, der wirklich das Gepräge des erhabenen darstellenden Dichter=Geistes hat, ungeachtet er nach keinem uns bekannten Sylben=Maße geordnet und abgetheilt ist, welches jedoch seinem innern Werthe nicht nachtheilig seyn <40, 500> kann, sondern ihn vielmehr noch um ein Großes erhöhet. Wir finden darin eine zärtliche und lebendige Darstellung der Liebe, Reichthum an sanften anmuthigen Bildern, viel umfassende Gedanken, und kühne fruchtbare Einbildungs=Kraft. Das volle Gefühl des Verfassers verstattete ihm größere Freyheit und Kühnheit im Ausdrucke, als unsere Sitten zulassen; und daher scheinen uns viele der Gleichnisse und Bilder, an welchen dieses Gedicht so reich ist, matt oder gezwungen zu seyn; *

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z. B. Cap. 4. V. 2 -- 5. Cap. 7, V. 1 -- 5.

allein, dieses ist dem Character der morgenländischen Völker völlig gemäß, bey welchen schwelgerische Einbildungs=Kraft mehr, als Wahrheit und Genauigkeit der Empfindung und des Ausdruckes, gilt. *

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Die arabische Sprache übertrifft alle andere Sprachen, so sehr an Zierlichkeit, daß dieses seiner einfachen Lebensart wegen sonst so merkwürdige Volk, in der Feinheit des Ausdruckes und anmuthigen Unregelmäßigkeit der Bilder, einen Vorzug vor allen andern Nationen hat.

Auch kann bey der innigen Kenntniß und dem täglichen Anschauen der Gegenstände, auf welche sich solche Vergleichungen beziehen, und bey der in jenem Klima herrschenden feinen Empfindung, die Aehnlichkeit in der That weit treffender seyn, als unsere an dergleichen kühne Bilder nicht gewöhnte, und ihre besondere Schönheit und Stärke zu empfinden unfähige Einbildungs=Kraft zu erreichen im Stande ist. *

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Man sehe auch, was Herder in den Liedern der Liebe (Lpz. 1778) S. 100, fgg. ausführlicher hietüber erinnert hat.

Gleichnisse wurden vor Zeiten, und werden noch jetzt bey den morgenländischen Völkern für die größte Zierde des mündlichen und schriftlichen Vortrages gehalten. Auf Veranlassung der entferntesten Aehnlichkeit erlaubt sich ihre fruchtbare Einbildungs=Kraft oft dichterische Zusammensetzungen und Erzählungen, die uns unnatürlich vorkommen. Ihre alte und neue Gedichte sind sich hierin durchgängig gleich. Themistekles war von der Gewohnheit dieser Völker, in Gleichnissen zu reden, so wohl unterrichtet, daß er am Hofe <40, 501> des Artaxerxes sogleich diese Sprache annahm, und bey der ersten Audienz, Reden mit einem reichen und mit mancherley Figuren durchwirkten Teppiche verglich, dessen schöne Zeichnung am besten in die Augen fällt, wenn der Teppich ausgebreitet und eben ist, und hingegen verworren und unscheinbar wird, wenn derselbe zusammen gefaltet ist. Vielleicht rührt dieses Wohlgefallen an der Bilder=Sprache von derselben Ursache her, welcher diese Völker auch jene vor Alters an ihnen beobachtete, und noch jetzt fortdauernde Fähigkeit die Natur glücklich nachzuahmen, verdanken.

Klassifizierung: 509 Historische, geografische, personenbezogene BehandlungDDC-Icon Klassifizierung: 305.8927 Araber und MalteserDDC-Icon Weniger Fortgang haben alle ernsthaftere Wissenschaften, die sowohl Fleiß und anhaltende Geduld als auch Genie und Empfindung erfordern, in heißen Klimaten gefunden. Unter den Arabern verdienen kaum einige wenige als Geschichtforscher in Betrachtung gezogen zu werden. Noch merklicher ist die Unwissenheit dieser Völker in der Natur=Wissenschaft, *

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Die Araber haben nicht nur keine neue Entdeckungen und Verbesserungen in der Mathematik gemacht, sondern ihr so gar durch Verfälschung des Euklidischen Textes und anderer Schriftsteller großen Schaden gethan. Die Kräuterkunde ist bey ihnen nicht glücklicher gewesen. Freind Historia Medicinae, (L. B. 1734.) p. 105.

welche sich jetzt bey ihnen in einem sehr armseligen Zustande befindet, und selbst ehedem, da sie noch auf einer höhern Stufe der Vollkommenheit stand, nur in Vergleichung mit den Kenntnissen anderer Völker glänzte. Mit willkürlichen unverständlichen Lehrmeinungen und Muthmaßungen überladen, hatte sie gänzlichen Mangel an Thatsachen und Erfahrungen, welche allein die zuverläßigsten Stützen der Weltweisheit sind.

Klassifizierung: 926.1 Personen aus dem Bereich MedizinDDC-Icon Klassifizierung: 610.9 Historische, geografische, personenbezogene BehandlungDDC-Icon In der Arzeney=Gelahrtheit scheinen es die Araber ziemlich weit gebracht zu haben, und einigen ihrer Schriftsteller kann man wirklich einiges Verdienst um diese Wissenschaft nicht absprechen. Rhazes hat ver<40, 502>schiedene neue Krankheiten, z. B. die Blattern und den Winddorn, genau beschrieben; und ihm sowohl als einigen andern Arabern hat man die erste Kenntniß einiger neuen Arzeney=Mittel, z. B. der Senna, des Rhabarbers und der Manna, zu verdanken; allein im Ganzen sind ihre Schriften doch weiter nichts, als schwerfällige Erläuterungen alter griechischer Schriftsteller, besonders des Hippokrates und Galenus, die sie doch der Nachwelt nicht in ihrer ursprünglichen kunstlosen Gestalt, sondern durch eigene leere Erdichtungen und spitzfündige Träumereyen entstellt überliefert haben. Doch findet man bey einigen arabischen Aerzten richtigere und aufgeklärtere Begriffe. Avenzoar, unter allen noch der scharfsinnigsten, gibt als den unumstößlichsten Grundsatz der Arzeney=Gelahrtheit diesen an, daß die Erfahrung allein in Ausübung die sicherste Führerinn sey, und daß man nimmermehr durch dialektische Spitzfündigkeiten, sondern einzig und allein durch sorgfältige Beobachtung der Natur und gesunde Urtheils=Kraft sich die Fertigkeit, Krankheiten glücklich zu heilen, erwerben könne. Man sieht hieraus, wie sehr dieser denkende Arzt von den zu seiner Zeit herrschenden Begriffen abging. In Ansehung der Natur=Wissenschaft, welche Baco in spätern Zeiten zu großem Vortheil der ganzen Weltweisheit umschuf, ward Avenzoar von seinen Zeitgenossen für einen bloßen Empiriker ausgegeben; eine Beschuldigung, die er so wenig verdiente, daß er vielmehr die Thorheit allgemeiner Heil=Vorschriften und Universal=Arzeneyen in seinen Schriften lächerlich machte, und sie den alten Weiber=Mährchen, und abgeschmackten Grillen der Sterndeuter, gleich achtete.

Klassifizierung: 170 Ethik (Moralphilosophie) DDC-Icon Noch nachtheiliger ist es der Vernunft= und Sitten=Lehre gewesen, durch die Hände der Araber gegangen zu seyn. Als diese Wissenschaften nach dem Verfalle der Gelehrsamkeit auf kurze Zeit in Aegypten und <40, 503> Arabien wieder auflebten, fielen ihnen die Schriften der griechischen Weltweisen, besonders des Aristoteles, in die Hände. Die feinen und künstlichen Distinctionen und Erklärungen dieses Schriftstellers waren ihnen, bey ihrem natürlichen Hange zur Unbeständigkeit und Neugier, willkommen, und so gründeten sie auf seine Aussprüche ein ungeheures und schwerfälliges System der Sittenlehre, welches sehr bequem war, gelehrte Zwiste zu verlängern, und den Ruhm der Streiter auszubreiten, keinesweges aber zur Aufklärung der Wahrheit und zur Verbesserung der Sitten dienen konnte. Dieses hatte sehr nachtheilige Folgen für die Wissenschaft, und brachte eine Art zu schließen und zu lehren auf, wo man, zum Verderben der Weltweisheit, Sittenlehre und Religion, mehr darauf dachte, über seine Gegner zu siegen, als Wahrheiten zu erforschen.

Klassifizierung: 677 Textilien DDC-Icon Klassifizierung: 299.31 Ägyptische Religion des AltertumsDDC-Icon Klassifizierung: 932 Ägypten bis 640DDC-Icon Klassifizierung: 400 Sprache DDC-Icon Klassifizierung: 662.26 Treib- und SchießmittelDDC-Icon Klassifizierung: 681 Präzisionsinstrumente und andere GeräteDDC-Icon Klassifizierung: 686 Drucken und verwandte TätigkeitenDDC-Icon Was den Einfluß eines heißen Klima auf Erfindungen und Künste betrifft, so ist die in heißen Ländern gewöhnliche Reitzbarkeit und lebhafte Einbildungs=Kraft immer Antrieb und Veranlassung zu neuen Entdeckungen gewesen, und die Geschichte lehrt uns, daß die meisten nützlichen und auf die Bequemlichkeiten des menschl. Lebens sich beziehenden Erfindungen ursprünglich aus jenen Ländern abstammen. Man hat gegründete Ursachen zu glauben, daß selbst der Ursprung der Sprache, *

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Cadmus und Promethens sollen die Buchstaben=Schrift aus Phönicien nach Europa gebracht haben.

wenigstens die erste regelmäßige Anordnung derselben, so wie auch die Erfindung der Schrift, in den Morgenländern zu suchen sey. Die Kunst, Getreide zu säen und Brod zu backen, ist von ägyptischer Abkunft; und nach einer alten Tradition soll Isis in Aegypten die erste Anleitung zum Weitzen= und *

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Freind, l. c. p. 227, 334, fgg.

<40, 504> Gerstenbau, so wie Osiris zur Anpflanzung anderer Früchte, gegeben haben. Vom Bacchus erzählt man, er habe den Gebrauch des Pfluges, und die Kunst Wein zu pflanzen und zu keltern, von seinen Zügen nach Indien zurück gebracht. Die Bearbeitung der Seide ist eine asiatische Erfindung; und die Buchdrucker=Kunst, das Schieß=Pulver und der Compaß, waren zur Zeit ihrer ersten Erscheinung in Europa, schon längst in China bekannt.

Die mechanischen Künste und Manufacturen haben ebenfalls ein sehr hohes Alter, und sind zum Theil in heißen Erdstrichen zu einer sehr beträchtlichen Vollkommenheit gebracht worden. Der Geschmack und die feine Empfindung der dortigen Völker verrathen sich in der Schönheit ihrer Manufactur=Arbeiten sehr deutlich; und man pflegt daher die nach morgenländischen Mustern gearbeiteten europäischen Waren allen andern vorzuziehen.

Klassifizierung: 355 MilitärwissenschaftDDC-Icon Selbst die Kriegs=Kunst, von der wissenschaftlichen Seite betrachtet, ist in den heißen Ländern von hohem Alter, und die nordischen Nationen konnten erst nach einem langen Umgange mit den südlichen Völkern, und nach einer lange fortgesetzten Uebung in der Kriegs=Kunst, die Eroberung der südlichen Länder von Europa vollenden. *

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Gibbon behauptet vollkommen richtig, es sey von den Römern sehr unklug gehandelt gewesen, und habe zum Verfall ihres Reiches sehr viel beygetragen, daß sie bey so vielen Geleaenheiten nordische Truppen in Sold genommen, und solcher Gestalt diese mit dem Gebrauche ihrer Wassen, und ihrer Art Krieg in führen, bekannt gemacht hätten. Nichts konnte diesen nordischen Völkern Einhalt thun, da sie mit ihrer natürlichen wilden Kühnheit nunmehr auch jene Fertigkeiten vereinigten. Gibbon vom Verfall und Umsturz des römischen Keichs, a. d. Engl. 1779.

Vielleicht könnte man hier fragen: woher denn, wenn dieses sich so verhielte, jene Ueberlegenheit in kriegerischen <40, 505> Unternehmungen kommen könne, worin es die Bewohner kalter Erdstriche den südlicher wohnenden Völkern so sehr zuvor thun? Ich antworte hierauf, daß die südlichen Nationen, ob sie sich gleich insgemein besser, als ihre nordische Nachbarn, auf den Krieg, als Wissenschaft betrachtet, verstehen, doch in Ansehung der Tapferkeit und des Muthes sich mit letztern nicht vergleichen dürfen. So gut sie auch, gleich den heutigen Chinesern, mit allen Kriegs=Bedürfnissen versehen seyn mögen, so fehlt es ihnen doch an Standhastigkeit, Thängkeit und Entschlossenheit, ohne welche auch die größten und vollständigsten Zurüstungen von sehr geringem Nutzen sind.

Montesquieu ist der Meinung, daß der Stolz der südlichen Völker sehr viel dazu beytrage, ihre kriegerische Unternehmungen so oft zu vereiteln. Die Perser hatten lange schon vor Alexander's Zeiten die Ueberlegenheit der Griechen aus eigener Erfahrung in manchen Schlachten kennen gelernt, und gleichwohl liessen sich ihre Monarchen durch die Schmeicheleyen ihrer Höflinge, und durch ihren eigenen Stolz, nur allzu leicht überreden, im Vertrauen auf ihre eingebildete Vorzüge der Tapferkeit und Kriegs=Erfahrenheit, sich in Schlachten einzulassen, die das persische Reich nur entkräfteten, und den gänzlichen Umsturz immer näher brachten. Doch konnte hier noch eine Ursache hinzu kommen, welche sie vielleicht den Krieg auf diese Art zu entscheiden vermochte; und diese war die Schwierigkeit für ihre ungeheure Armeen, die nie, ohne eine unnütze Menge von allerley Kriegs=Geräthschaften mit sich zu führen, in das Feld rückten, lange Zeit hindurch hinlänglichen Unterhalt zu finden, und die Betrachtung, wie wenig sie sich auf die Treue ihrer Unterthanen verlassen könnten. Der römische General Lucullus war von diesen Stats=Grundsätzen der morgenländischen Fürsten so wohl unterrichtet, daß er in dem Kriege mit dem Mithridates die Heere desselben nicht in offener Schlacht, sondern bloß durch Zögern, und den dadurch bey ihnen einreissenden Mangel an Lebens=Bedürfnissen aufrieb, und solcher Gestalt diesen mächtigen König fast ohne Schwertstreich überwand, da hingegen sein Vorgänger, Cotta, weil er sich zu übereilt in Schlachten eingelassen hatte, zur See und auf dem festen Lande allenthalben geschlagen wurde, und ohne Lucullus Beystand gewiß in die Gefan<40, 506>genschaft gerathen wäre. Endlich konnte auch noch die Besorgniß, daß bey der geringen Gemeinschaft zwischen den einzelnen Theilen des Reiches, und bey dem Mangel jener Neigung und Liebe, welche allezeit das stärkste Band der Unterthänigkeit ist, die entferntern Provinzen während eines langwierigen Krieges abtrünnig werden, und die Statthalter derselben sich unabhängig machen möchten, die morgenländischen Fürsten zu Lieferung entscheidender Schlachten bewegen. Tiribazus wiederrieth daher dem Artaxerxes ein Treffen zu vermeiden, wenn Cyrus ihn angreifen sollte, weil sonst der Aufschub den Verlust der vornehmsten Provinzen des Reiches nach sich ziehen könnte.

Die Künste des gesellschaftlichen Lebens sind in heißen Ländern ebenfalls zu einem hohen Grade von Vollkommenheit gebracht worden. Persien, Indien, China, haben seit den ältesten Zeiten starken Handel getrieben, und immer ist der größte Vortheil auf ihrer Seite gewesen. Zwar muß man hier mit auf die natürliche Beschaffenheit dieser Länder rechnen; indessen ist doch auch die Klugheit und der Scharfsinn ihrer Einwohner in der Benutzung jener natürlichen Vortheile nicht zu verkennen. Vielleicht gefiel es der Vorsehung diese Anstalt so zu treffen, um dem gänzlichen Untergange und der Entvölkerung dieser Länder vorzubeugen. Von schwachen Fürsten beherrscht, und von muthlosen Nationen bewohnt, sind sie eine Beute eines jeden Eroberers; und besäßen sie keine Mittel sich wieder zu bereichern, und denen, die sie beraubten, ihr Gut wieder abzugewinnen, so müßten sie bald zu Grunde gehen. So wenig also auch der Handel sie vor feindlichen Angriffen schützen kann, so ist er ihnen doch eben das, was Tapferkeit, Klugheit und Kriegs=Bedürfnisse andern Völkern sind, -- die Stütze und Seele ihrer Stats=Verfassung. Man hat immer behauptet, daß die Statskunst in heißen Erdstrichen ihre höchste Vollkommenheit erreicht habe, welches doch schwerlich von allen heißen Ländern (wie ich diese Be<40, 507>nennung hier brauche,) gelten kann, obgleich die Stats=Grundsätze der Chineser und Japaner die Aufmerksamkeit dieser Völker auf ihren eigenen Nutzen zur Genüge beweisen.

Ein Umstand ist noch in heißen Ländern zu bemerken übrig, welchen man mit vieler Wahrscheinlichkeit dem höhern Empfindungs=Vermögen zuschreiben kann; ich meine die frühzeitige Entwickelung und die eben so bald erfolgende Abnahme des Verstandes und Scharfsinnes. Man nimmt dieses in allen heißen Erdstrichen wahr, vornehmlich in Süd=Amerika, wo diese frühzeitige Ausbildung der Geistes=Kräfte einen schädlichen Einfluß auf die Sitten haben soll, indem sie die jungen Leute mit dem Laster bekannt, und ihnen seine Reitze fühlbar macht, ehe noch ihre Urtheils=Kraft reif genug ist, die verderblichen Folgen desselben zu erkennen. Es ist schwer, diesen schnellen Fortgang des jugendlichen Geistes zu erklären. Zeitigt die Hitze vielleicht die thierischen und geistigen Kräfte eben so, wie im vegetabilischen Reiche Kräuter und Bäume unter ihrem Einflusse früher ihre Vollkommenheit erreichen, aber auch zugleich minder fest und dauerhaft, als diejenigen, werden, die längere Zeit zur Vollendung ihres Wachsthumes erfordern? Oder kann der höhere Grad von Empfindungs=Vermögen, das lebhaftere Selbst=Gefühl, und der daraus entspringende, Leichtsinn, Stolz und Trägheit uns einen Aufschluß über den geringen Fortgang geben, welchen die Bewohner heißer Erdstriche in einem reifern Alter in ihren Einsichten machen?

Endlich trägt auch folgender Umstand nicht wenig dazu bey, den Gesichtspunct fest zu setzen, aus welchem wir die Kunst=Fertigkeit der Menschen in heißen Erd=Strichen betrachten müssen. Man hat fast durchgängig angemerkt, daß Künste und Wissenschaften in solchen Ländern nur bis zu einer gewissen Stufe der Aus<40, 508>bildung, und zwar zu dieser insgemein plötzlich erhoben werden, alsdann aber stehen bleiben, und Jahrhunderte lang, ohne durch neue Entdeckungen und Verbesserungen vervollkommnet zu werden, einerley Gestalt behalten. Man findet keine Spur, daß unter dem jüdischen Volke, so lange es einen eigenen Stat ausmachte, nach David's und Salomon's Zeiten, Erfinder und Verbesserer aufgestanden wären, welche die damahls bekannten Künste und Wissenschaften mehr ausgebildet, und den Umfang der National=Kenntnisse erweitert hätten. Ihr höchstes Ideal der Kunst=Vollkommenheit scheint, bis zum endlichen Untergange ihres States, der Salomonische Tempel, und die Geräthe desselben, gewesen zu seyn; (Esrä 3, 12. Marc. 13, 1. Luc. 13, 5.) so wie David's und Solomon's Gesänge immer das vollkommenste Muster der hebräischen Dichter=Sprache gewesen sind. Vergleicht man ferner die wenigen Nachrichten, welche uns die alten Schriftsteller hin und wieder von dem Zustande der Künste und Wissenschaften, besonders der mathematischen und astronomischen, unter den Persern und Indianern hinterlassen haben, mit demjenigen, was die neuern Reisebeschreiber davon erzählen, so wird man sich leicht überzeugen, daß in einer so langen Reihe von Jahrhunderten die Kenntnisse jener orientalischen Völker, sowohl an Menge als an Vollkommenheit, wenig oder gar keinen Zuwachs erhalten haben. Die Chineser sind schon seit langer Zeit, und, wenn man ihren Jahrbüchern und den Nachrichten der französischen Missionarien Glauben beymessen könnte, schon seit Jahrtausenden, im Besitze der Buchdrucker=Kunst, des Compasses, der mathematischen Zeit=Rechnung, des Schieß=Pulvers etc. und gleichwohl befinden sich diese Künste bey ihnen noch größten Theils im ersten Zustande der Kindheit, da sie doch in Europa, wo ihre Erfindung weit neuer ist, nur seit einem <40, 509> Jahrhunderte unglaubliche Fortschritte zur Vollkommenheit und gänzlichen Ausbildung gethan haben. So wie Lebhaftigkeit der Empfindung und Einbildungs=Kraft die Geistes=Producte heißer Länder auszeichnen: so tragen hingegen die geistigen Beschäftigungen der nördlichen Völker das Gepräge des Scharfsinnes, des Fleißes und der Beharrlichkeit. Indessen können auch Dichter=Talente ihnen keinesweges gänzlich abgesprochen werden; doch schränkt sich die Dicht=Kunst der eigentlich so genannten nordischen Nationen fast einzig und allein auf historische Gegenstände ein. Was Tacitus von den alten Deutschen erzählt, daß ihre Gesänge das Lob und die Thaten ihrer Götter und Helden enthalten hätten, das gilt auch von den alten celtischen Barden, den skandinavischen und isländischen Skalden, von den nordamerikanischen Wilden, kurz, von allen fast uncivilisirten nordischen Nationen; und man wird finden, daß selbst die gesitteten in der Epopee, den Schwung der südlichen Dichter am glücklichsten erreicht haben. Verschiedene dem menschlichen Geschlechte nützliche Wissenschaften haben ihre schätzbarste Bereicherungen nordischen Nationen zu verdanken. Man darf sich nur an die Verdienste eines Copernicus, eines Tycho Brahe und eines Kepler, um Mathematik und Astronomie, erinnern.

In der Geschichtkunde haben sich die nördlichen Völker nicht sehr hervor gethan, ob sie gleich immer auf weitläuftige und getreue Nachrichten von öffentlichen Begebenheiten, Unterhandlungen, National=Ansprüchen und Geschlechts=Registern ihrer Fürsten, viel gehalten haben. Da man aber bey ihren Geschichtschreibern tiefe Einsichten in das politische Interesse und den Einfluß dieser Dinge auf menschliche Angelegenheiten, scharfsinnige Beurtheilung der Charactere und treffende Schilderung der Triebfedern, welche bey dieser oder jener Begebenheit wirkten, vermißt, <40, 510> so kann man sie auf keine Weise den griechischen und römischen Geschichtschreibern gleich schätzen.

Klassifizierung: 925 NaturwissenschaftlerDDC-Icon Ausser den mathematischen und astronomischen Wissenschaften haben es die nordischen Nationen auch in verschiedenen Theilen der Naturkunde und Arzeney=Wissenschaft ziemlich weit gebracht. Dem Norden haben wir einen Linné zu verdanken, dessen Werke immer der Stolz seines Vaterlandes seyn werden. Durch systematische Anordnung der Naturkunde und der Arzeney=Wissenschaft trug er viel dazu bey, die unbestimmten Begriffe aufzuklären, und die Unordnungen zu heben, welche die Kenntniß dieser beyden Wissenschaften bisher so sehr erschwert hatten. Er erleichterte die Beurtheilung vieler Arzeney=Mittel durch Festsetzung gewisser allgemeiner Grund=Gesetze, und belebte den Geist der Untersuchung und Wißbegierde, dessen glückliche Wirkungen in unsern Zeiten so sichtbar sind. Durch sein Beyspiel ermuntert, besuchten viele seiner Schüler die entferntesten Länder, um durch neue Entdeckungen die Naturkunde und Arzeney=Wissenschaft zu bereichern.

Sitten=Lehre, Metaphysik und Vernunft=Lehre haben den Bewohnern kalter Länder wenig Vortheile und Entdeckungen zu verdanken. Menschen=Kenntniß und Tiefblick in die geheimen Triebfedern menschlicher Handlungen, kann mit einem stumpfern natürlichen Gefühle nicht bestehen; und feine logische und metaphysische Abstractionen sind kein Geschäft für Fähigkeiten, welche mehr zum Wirken, als zur bloßen Speculation, mehr die Ausübung der Tugend zu erleichtern, als das Wesen derselben zu zergliedern, von der Natur bestimmt sind.

Von Erfindungen und Künsten scheinen kalten Klimaten nur wenige eigen zu seyn. Selbst die gemeinsten, und zum menschl. Leben dem Anscheine nach unentbehrlichsten, waren verschiedenen, übrigens aber <40, 511> ganz und gar nicht ungebildeten Nationen völlig unbekannt. Die Hunnen und Alanen wußten von dem Getreidebaue nichts; *

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Ammian. Marcell. L. 31, c. 2.

und selbst die alten Deutschen waren in diesem Stücke so unwissend, daß sie nicht einmahl ein Wort in ihrer Sprache hatten, um die zu Einärndung der Feldfrüchte bestimmte Jahrszeit zu bezeichnen. *

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Caesar de bello gall. L. 6. Tacitus de morib Germanor. c. 26.

Noch weit später lernten sie die Buchstaben=Schrift kennen. Bey aller Langsamkeit in Erfinden fehlt es jedoch den nordischen Nationen keinesweges an Fähigkeit, wissenschaftliche Begriffe zu fassen und auszubilden. Viele Theile der menschlichen Kenntnisse sind durch ihre Bemühungen zu einer größern Vollkommenheit gelangt, als bey denjenigen Nationen, denen man die erste Erfindung derselben zu verdanken hat.

In den nördlichsten Theilen von Europa gibt es wenig Manufacturen und Fabriken; und obgleich die Arbeiten, welche einige derselben liefern, in ihrer Art eine ausserordentliche innere Güte haben, und den Umständen und Bedürfnissen, zu welchen sie bestimmt sind, völlige Genüge leisten, so fehlt es ihnen doch an Mannichfaltigkeit, Anmuth und Bequemlichkeit. Es ist merkwürdig, daß äusserst heiße und kalte Himmelsstriche in einigen Stücken einerley Wirkungen hervor bringen. Dies bemerkt man auch in Ansehung der Kunst=Fertigkeiten. Strabo gedenkt der Geschicklichkeit der Indianer im Nachahmen; und diese besitzen auch die Chineser in einem solchen Grade, daß sie so gar die auffallendsten Fehler und Mängel ohne Unterschied in ihren Kunst=Werken nachahmen. *

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Eben dasselbe sagt Ulloa, in der Beschreibung seiner Reise nach Süd=Amerika, B. 5, C. 5, von den Einwohnern dieses Landes.

Eben die Bemerkung hat man auch von den Russen gemacht.

<40, 512>

Die Geistes=Fähigkeiten der nordischen Völker begünstigen den Handel nicht so sehr, als man aus der Nothwendigkeit, ihren Bedürfnissen durch ausländische Waren abzuhelfen, muthmaßen sollte. Zur Erläuterung dieses Satzes füge ich hinzu, daß diese Völker keine natürliche Anlage zu jener Aufmerksamkeit auf die künstliche Nutzung aller Vortheile haben, welche zu glücklicher Treibung des Handels erfordert wird, ob sie gleich oft durch Fleiß und anhaltende Geduld große Geschäfte machen. Aus diesem letztern Gesichtspuncte muß man Rußlands Handel beurtheilen, den dieses Land beynahe mit gleichem Vortheile, als andere europäische Nationen, treibt.

Auch in der Statskunst sind die Bewohner kalter Erdstriche noch sehr weit zurück. Die ihnen natürliche Freymüthigkeit und Offenheit kann dem arglistigen und mißtrauischen Character der südlichen Völker nicht die Wage halten; und daher kommt es, daß, nach Montesquieu's Bemerkung, die nordischen Volker immer die durch die Waffen erworbenen Vortheile durch Unterhandlungen wieder einbüßen.

Einfluß eines gemäßigten Klima auf die Geistes=Kräfte. Sowohl in alten als neuern Zeiten hat man die Beobachtung gemacht, daß ein gemäßigtes Klima der menschlichen Natur die meisten Vortheile gewähre. Aristoteles und Galen stimmen darin überein, daß die Bewohner gemäßigter Länder vor den Eingebornen sehr heißer und kalter Erdstriche, sowohl in Ansehung körperlicher Vollkommenheiten, als auch der Sitten, und besonders des Verstandes, große Vorzüge besitzen. Und wirklich können wir, unter einem Klima, wo so viele Künste erfunden worden sind, wo der menschliche Verstand so weit umfassend, seine Einbildungs=Kraft so fruchtbar ist, und seine Geistes=Stärke sich in Gelehrsamkeit, Handel, Stats= und Kriegs=Kunst so deutlich äussert, nicht umhin, auf <40, 513> eine glückliche Zusammenstimmung äusserlicher Umstände und auf natürliche Geistes=Vorzüge zurück zu schließen.

Die oben beschriebenen eigenthümlichen Vorzüge der Bewohner heißer und kalter Erdstriche müssen zusammen treffen, oder vielmehr gleichförmig gemischt seyn, um dem menschlichen Character seine höchste Vollkommenheit zu geben. Ist daher Stärke und Reichthum der Begriffe mit Beharrlichkeit, Fleiß und Scharfsinn vereinigt, so entsteht daraus das höchste Ideal menschlicher Geistes=Fähigkeiten. Dies kann man gewisser Maßen im allgemeinen Sinne von gemäßigten Klimaten sagen, wo der Mensch beyderley Eigenschaften, aber keine in schädlichem Uebermaße, besitzt. Aristoteles bemerkt in seiner Rhetorik, daß die Einwohner kalter Gegenden viel Muth und Entschlossenheit, aber wenig Feinheit des Verstandes und Kenntnisse in Wissenschaften besitzen, daher zwar ihre Freyheit insgemein sicher, ihre Stats=Verwaltung aber fehlerhaft sey, und ihre Macht selten durch auswärtige Eroberungen einen Zuwachs erhalte. Den asiatischen Völkern aber fehle es bey allem Scharfsinn und Erfindsamkeit in Künsten, an Muth und Entschlossenheit; daher auch Unterwürfigkeit und Sclaverey ihr gewöhnlichstes Schicksal sey. Bey den Griechen hingegen, deren Land gleichsam in der Mitte zwischen jenen beyden äussersten Gränzen liegt, sey der Muth und die Tapferkeit der nordischen, und die Klugheit und der Scharfsinn der asiatischen Völker in Einem Character vereinigt, daher sowohl ihre Freyheit unerschütterlich, als ihre Stats=Verwaltung weise angeordnet sey, und es nur bey ihnen stehe, durch Einführung einer durchaus gleichen Regierungs=Form, sich alle andere Völker unterwürfig zu machen. --Als Beyspiele zu Bestätigung dieser Wahrheit, können wir noch den größten Theil der heutigen europäischen <40, 514> Staten, die nördlichen Küsten von Afrika am mittelländischen Meere, und zum Theil auch Klein=Asia und Nord=Amerika, anführen; und man wird hieraus mit vieler Wahrscheinlichkeit auf den Grund jener Ueberlegenheit schließen können, welche diese Länder, besonders die europäischen, jederzeit vor allen andern behauptet haben.

Vermöge der oben angezeigten Eigenschaften, haben es die Bewohner gemäßigter Länder, und vorzüglich die Europäer, allen andern Völkern in jedem Fache der Gelehrsamkeit weit zuvorgethan. Selbst in der Dicht=Kunst, dem Gebiethe der Einbildugs= und Erfindungs=Kraft, hat man dem regelmäßigen und gesetztern Genie der Europäer Werke zu verdanken, welche weit mehr innern Werth besitzen, als der regellose kühne Flug der asiatischen Dichter. Doch scheint ein mehr warmes, als kaltes, Klima den Geist der Dichtung am meisten zu begünstigen. Griechenland und Italien haben die meisten und vortrefflichsten Dichter hervor gebracht; und ob gleich auch England unter seinen Eingebornen einen Dichter (Milton) aufweisen kann, der in Ansehung des Genies und erhabenen Schwunges keinem Ausländer nachsteht: so ist doch schon die Parteylichkeit dieses großen Mannes für die italiänischen Dichter, und der Nutzen, den er aus ihren Schriften gezogen zu haben rühmte, Beweis genug, daß ein wärmeres Klima nach seiner Meinung sich am besten zu Ausbildung dichterischer Talente schicke. Selbst derjenige Ruhm, den die Morgenländer in der fabelhaften und romantischen Dichtungsart sich erworben haben, ist ihnen durch ähnliche Werke europäischer Dichter streitig gemacht worden.

Gemäßigte, oder doch nicht allzu heiße Klimate scheinen sich auch zu Ausbildung eines richtigen Gefühles und Beurtheilungs=Vermögens in Werken der schönen Künste am besten zu schicken. Feines Gefühl <40, 515> ist die Seele des guten Geschmackes, aber es darf nicht überspannt seyn, weil sich ohne Festigkeit des Verstandes und der Urtheils=Kraft, welche uns in der Auswahl des Vortrefflichen leiten, und unsern Empfindungen eine gewisse Gleichförmigkeit und Beständigkeit geben soll, kein guter Geschmack denken lässet. Uebermaß der Empfindungen ist fast nie mit reifer Urtheils=Kraft gepart; und daher kommt es, daß die morgenländischen Dichter bey allem Reichthume an Bildern, bey aller Schönheit des Ausdruckes, doch durch ihre gränzenlose Neigung zum Wunderbaren und durch ihre Unbeständigkeit einen großer Theil des Ruhmes verscherzen, auf den sie sonst gegründete Ansprüche machen könnten. Auch ist der in heißen Gegenden allgemeine Hang zur Trägheit, der Correctheit ihrer Schilderungen nachtheilig; und wenn gleich allzu mühsamer Fleiß und Pünctlichkeit mehr zu Unterdrückung als zu Anfeuerung des Genies dient, so ist dieser Fehler doch allezeit noch der ausschweifenden Regellosigkeit vorzuziehen, welche man in den morgenländischen Kunst=Werken wahrnimmt. Endlich ist auch die despotische Regierungs=Form dieser Länder, weit entfernt die Wissenschaften aufzumuntern, vielmehr ihrer Ausbildung und den Aeusserungen des Genies hinderlich. Die Neigung der Morgenländer zum Glänzenden und Prächtigen zeigt sich überall. An ihren Gebäuden, an ihren Kleidungen, u. s. w. sind die kostbarsten und schimmerndsten Verzierungen, aber ohne sonderlichen Geschmack in der Anordnung, verschwendet.

In den ernsthaftern Wissenschaften ist jene Ueberlegenheit der Einwohner gemäßigter Erdstriche noch sichtbarer. Historie, Geographie, Chronologie etc. sind daselbst mit dem besten Erfolge getrieben worden. Zwar hat man den mechanischen Theil der Historie (wenn ich mich so ausdrücken darf) in den nordischen Ländern fleißig bearbeitet; ich habe aber auch schon <40, 516> oben die Ursachen angeführt, warum man diesen Arbeiten keinen Platz unter jenen pragmatischen Geschicht=Schreibern zugestehen könne. In der Geographie, einem Studium, welches mehr Fleiß und Mühe, als Erfindung und Genie, erfordert, haben die nordischen Nationen wirklich vieles geleistet; die wichtigsten Verbesserungen und Entdeckungen in dieser Wissenschaft hat man aber doch gemäßigtern Klimaten zu verdanken. Eben das gilt von der Naturkunde, an deren Erweiterung und Vervollkommnung Deutschland, Italien, Frankreich und England, beynahe gleichen Antheil gehabt haben.

In keinem Theile der Wissenschaften ist die Ueberlegenheit gemäßigter Erdstriche vor allen übrigen so sichtbar, als in der Medicin. Aus heißen Ländern abstammend, und durch den Fleiß der nordischen Völker unterstützt, ist sie dennoch ihre Umbildung zur philosophischen Wissenschaft, ihre Gründung auf Thatsachen und Erfahrungen, die Vervollkommnung der Hülfs=Wissenschaften, welche ihr den Weg bahnen, und selbst Theile ihres Gebiethes sind, und ihre schätzbarste Entdeckungen, beynahe einzig und allein gemäßigten Klimaten schuldig.

Klassifizierung: 170 Ethik (Moralphilosophie) DDC-Icon Die Sittenlehre, und die dahin einschlagenden Wissenschaften, haben ebenfalls unter gemäßigten Klimaten ihre größte Vollkommenheit erreicht; und dieser glückliche Fortgang rührt von denselben Ursachen her, welche zur Beförderung der Geschicht=Kunde und ihrer Hülfs=Wissenschaften in gemäßigten Klimaten so vieles beygetragen haben. Insonderheit scheint das englische Klima der Bearbeitung aller Theile der Moral=Philosophie sehr beförderlich zu seyn.

Klassifizierung: 610.9 Historische, geografische, personenbezogene BehandlungDDC-Icon Neue Entdeckungen scheinen sich, nach demjenigen, was ich oben bemerkt habe, mehr für das lebhafte Gefühl und Empfindungs=Vermögen in heißen Ländern, als für die langsamern Fühigkeiten der Bewohner ge<40, 517>mäßigter Himmelsstriche, zu schicken. Und doch hat eine anhaltende, mit Beurtheilung verbundene und aufmerksame Beobachtung bey den Europäern nicht selten dieselben Entdeckungen gemacht, welche die Asiater ihrer fruchtbaren Erfindungs=Kraft zu verdanken hatten. So beförderten wiederhohlte Versuche, ob sie gleich ihren eigentlichen Endzweck verfehlten, die Erfindung des Schieß=Pulvers. Zufall und Nachdenken zugleich, haben die noch nützlichere, und fast eben so wichtige Erfindung der Buchdrucker=Kunst, ingleichem der Lehre von Neigung der Magnet=Nadel, ihr Daseyn gegeben. Dem berühmten Harvey hat man eine Entdeckung zu verdanken, die ganz allein auf Grundsätze und Wahrnehmungen gebauet war, und daher dem menschlichen Verstande viel Ehre machte; ich meine: den Umlauf des Blutes; eine Wahrheit, die dem Scharfsinne der ältern und neuern Naturforscher vor seiner Zeit entgangen war.

Wenn man aber auch den Bewohnern heißer Länder die Ehre der mehresten Erfindungen zugestehen wollte, so ist doch unläugbar, daß wir weit mehr Ursache haben, ihre richtige Anwendung zum Gebrauch des menschlichen Lebens und ihre Vollendung, gemäßigtern Klimaten zu danken. So sind z. B. die Wirkungen des Magnetes, das Schieß=Pulver, und die Kunst zu drucken, zwar vorlängst in China bekannt gewesen, aber man machte wenig Gebrauch von diesen Erfindungen, und die Gesellschaft hatte wenig Vortheile davon, da sie hingegen von den Europäern schnell zur Vollkommenheit gebracht, und zu Ausführung der wichtigsten Absichten genutzet worden sind. Eben das gilt großen Theils auch von Manufacturen, dergleichen allerdings schon in sehr frühen Zeiten in den Ländern des heißen Klima bekannt gewesen, und zum Theil ausserordentlich stark getrieben worden sind. Allein, es sind insgemein solche, die wenig Ansträngung des <40, 518> Geistes und Körpers erfordern; und sie dienen bloß dazu, die müßigen Stunden solcher Leute durch eine Beschäftigung auszufüllen, welche aus Noth gedrungen sind, sich ihren Unterhalt zu erarbeiten, und für welche die Zeit einen geringen Werth hat. Wenn man daher ihre Verfahrungsart mit den Handgriffen vergleicht, welche den europäischen Künstlern eigen sind: so ist der Vorzug, welchen die letztern, in Absicht auf Kunst, Ersparung der Arbeit, und Vortrefflichkeit der Ausführung, vor den erstern haben, nicht zu verkennen. Selbst in einigen Kunst=Arbeiten, die man sonst bloß für ostindische Producte ansahe, ja, wo man so gar die Vorzüge der ostindischen Manufacturisten für besonders wichtig hielt, haben die europäischen Künstler ihnen den Rang streitig gemacht.

Klassifizierung: 340.5 RechtssystemeDDC-Icon Ich betrachte nunmehr den Einfluß des Klima auf Gesetzgebung.

Municipal= oder positives Privat=Gesetz eines gewissen States, ist eine Regel des bürgerlichen Verhaltens, welche die Beobachtung dessen, was rechtmäßig ist, einschärft, und das Gegentheil untersagt. Alle Gesetze vereinigen sich bey allen Nationen in diesem allgemeinen Endzwecke der Gesetzgebung. Aber die nähern Bestimmungen des Rechtes und Unrechtes, die mit der Beobachtung und Verletzung der Gesetze verbundenen Belohnungen und Strafen, und die Art und Weise die Handlungen des Bürgers nach den Gesetzen zu entscheiden, leiden nach den verschiedenen Ländern, Lagen und Klimaten, mancherley Abänderungen.

1. Gegenstand der bürgerlichen Gesetzgebung unter heißen Klimaten. Alle Gesetze haben, wie ich eben gesagt habe, einen und denselben entfernten, allgemeinen Endzweck; zunächst aber beziehen sie sich, auf mannichfaltige Art, auf den National=Character und den Geist der Gesetzgebung.

<40, 519>

Die ältesten Gesetzgebungen enthalten Beyspiele von dem Einflusse der Denkungsart und Sitten eines Volkes auf seine Gesetze. Man sehe ausser dem, was Montesquieu hierüber gesagt hat, insenderheit in Ansehung der römischen Gesetze: Pilati de Tassulo Traité des loix politiques des Romains, To. II c. 16. Diese Beziehung ist in der Natur der Sache gegründet. Man wird es ohne Beweis einräumen, daß der Gesetzgeber die National=Tugenden und Fähigkeiten der Unterthanen zum Besten des States sehr vortheilhaft nutzen könne; allein, es ist nicht weniger gewiß, daß selbst manche Fehler des herrschenden Characters einen nothwendigen Einfluß auf die Gesetze haben. Allgemeine Vorurtheile und sittliche Verderbnisse auszurotten, sind die Gesetze zu ohnmächtig. Ihr Geschäft ist nur diese glückliche Veränderung, die ein Werk der langfam fortschreitenden Aufklärung der Nation ist, vorzu bereiten und zu unterstützen. So lange Unterricht und Erziehung diese Veränderung noch nicht hervor gebracht haben, so lange ist es Pflicht für den Gesetzgeber, die Umstände zu nehmen, wie sie sind. Ohne die Fehler des National=Characters zu begünstigen, oder ihnen mit Gewalt entgegen zu arbeiten, welches eben so vergeblich als gefährlich seyn würde, sucht er ihnen die beste Richtung zu geben, deren sie fähig sind, und ihre schädliche Folgen durch weise Anstalten zu verhüten. Auch in der mosaischen Gesetzgebung ist die Anwendung dieser Regel der gesetzgebenden Klugheit nicht zu verkennen.

Klassifizierung: 915.2 JapanDDC-Icon Klassifizierung: 936 Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel bis ca. 499DDC-Icon Klassifizierung: 938 Griechenland bis 323DDC-Icon Klassifizierung: 933 Palästina bis 70DDC-Icon Da die Bewohner heißer Erdstriche eine vorzüglich reitzbare Empfindung haben, so kann es nicht fehlen, daß dieser Umstand einen merkwürdigen Einfluß auf die Gesetze haben muß. Dahin gehört z. B. daß jedes Verbrechen als persönliche Beleidigung angesehen wird, und die Straf=Gesetze mehr rächende Vergeltung des Unrechtes, *

*
Aus diesem, südlichen Völkern vorzüglich eigenen Hange zur Rache, lässet sich wohl, wenigstens zum Theil, die ehemahls bey den Juden, und noch jetzt bey den Arabern gewöhnliche Blut=Rache der nächsten Verwandten des Entleibten detleiten. Die Juden kannten diese Bitte schon ehe Moses ihnen Gesetze gab; und dieser weise Gesetzgeber fand nicht für gut, sie aufzuheben, sondern er schränkte nur die Rechte des Blut= Rächers ein, um ihren Mißbrauch zu verhüten. Eine merkwürdige Stelle beym Homer, Iliad. IX, v. 628, f. beweiset sehr deutlich, daß man auch bey den Griechen in den frühesten Zeiten bey Bestrafung einer Mordthat, vornehmlich die Absicht gehabt habe, die Familie des Entleibten an dem Thäter zu rächen. Die Erlassung der Strafe beruhete daher bloß auf ihr. Der Mörder mußte flüchtig werden, oder sich mit ihr aussöhnen, und sich, gegen Erlegung einer ansehnlichen Buße, die Freyheit, in seinem Vaterlande zu bleiben, verschaffen. Selbst bey den zur Rache weniger geneigten Deutschen, waren die Feindschaften, wie Tacitus, Germ. c. 21, sagt, vermöge einer National=Gewohnheit, in der Familie erblich, und der Mörder mußte, um vor der Rache der Verwandten sicher zu seyn, den Frieden mit ihnen durch einige Stücke Vieh erkaufen, oder sich auf andere Art mit ihnen aussöhnen.

als Ersetzung oder künftige <40, 520> Verhütung des zugefügten Schadens zur Absicht zu haben scheinen. Bey den Japanern *

*
Esprit des loix, L. 6, c. 13. Montesquieu setzt die Ursache, warum fast alle Verbrechen in Japan als Beleidigungen der Hoheit und Rechte des Kaisers angesehen und als solche bestrafet werden, in der despotischen Verfassung dieses States. Ein Fürst, der über Sclaven herrscht, die kein Eigenthum haben, leidet unmittelbar durch jede Beleidigung, die seinen Unterthanen an ihrer Person, Gütern oder Rechten, welche sie nur vergünstigungsweise besitzen, wiederfahren kann.

sieht man daher die Strafen nicht als Besserungs=Mittel, sondern als eine Rache an, mit welcher die an dem Kaiser selbst, wie man glaubt, durch das Verbrechen verübte Beleidigung gebüßet wird.

Klassifizierung: 932 Ägypten bis 640DDC-Icon Auch der Stolz, welcher nicht weniger die Folge eines sehr reitzbaren Gefühles ist, begünstiget die Strenge der Straf=Gesetze unter Völkern heißer Himmelsstriche. In Japan bestraft man Verbrecher mit dem Tode, weil man glaubt, daß der Ungehorsam gegen die Befehle des Kaisers, eines so großen Fürsten, die härteste Ahndung verdiene. In diesem Reiche ist also, wie es scheint, die Aufrechthaltung der Hoheit und Würde des Regenten der Endzweck der Gesetzgebung. Daher kommt es, daß verschiedene Vergehungen, die nicht einmahl den Schein eines Verbrechens <40, 521> haben, z. B. das Spielen um Geld, bey den Japanern Lebens=Strafen nach sich ziehen. Auch durch falsche Aussage vor der Obrigkeit wird bey ihnen das Leben verwirkt. Dieses Gesetz, welches dem natürlilichen Rechte der Selbstvertheidigung wiederspricht, *

*
Nähmlich in solchen Fällen, wo Leben, und, was gleichen Werth mit dem Leben hat, Freyheit, auf der Aussage des Befragten beruhet, und wo also der nie zu verläugnende Trieb zur Erhaltung ihn in die unglückliche Nothwendigkeit setzt, Leben und Freyheit auf Kosten der Wahrheit zu erkaufen.

hat vormahls auch in Aegypten, *

*
Diod. Sicul. L. 1.

wiewohl unter verschiedenen Umständen, gegolten.

Klassifizierung: 305.4 FrauenDDC-Icon Ein gleich wichtiges Augenmerk für die Gesetzgebung ist die Eifersucht, welche ebenfalls, so wie der Stolz, ein leicht zu erregendes Gefühl voraus setzt. Die Stärke dieser Leidenschaft ist die Ursache, warum die Gesetze wieder den Ehebruch unter heißen Himmelsstrichen, *

*
In Italien und Spanien darf der beleidigte Ehemann den ergriffenen Ehebrecher ungestraft um das Leben bringen. Auch in den mosaischen Gesetzen war die Lebens=Strafe auf den Ehebruch gesetzt. Aber nicht alle Bewohner heißer Klimate haben dergleichen harte Strafen. Es ist merkwürdig, daß die Gesetze des Muhamed in diesem Stücke weit gelinder sind. Ungeachtet des südlichen Klima und der rachsüchtigen Gemüthsart der Araber, wird doch der Ehebruch nach dem Koran nicht härter, als mit Schlägen, bestraft.

ausserordentlich strenge sind *

*
Bey einem Volke, wel hes die Verletzung der ehelichen Treue als eine Beleidigung ansteht, welche die empfindlichste Rache fordert, dürfen die Gesetze den Ehebruch für kein geringeres Verbrechen ansehen, als er nach den National=Begriffen in den Augen des beleidigten Ehegatten ist. Wenn die Strafe in diesem Falle zu weit unter der Vorstellung bleibt, welche die Nation von der Größe des Verbrechens hat, so erreicht das Gesetz seine Absicht nicht. Denn, indem es dem Beleidigten keine hinlängliche Genugthuung verschaffet, befreyet es die Gesellschaft nicht von dem Uebel der Selbstrache, und ist in Absicht auf den Verbrecher ein schwächeres Abhaltungs=Mittel, als die Furcht vor der Rache des Ehemannes im natürlichen Zustande seyn muß.

und warum man zu Verhütung sowohl, als zu Entdeckung <40, 522> dieses Verbrechens, so viele Gesetze gemacht hat. Nach einem Gesetze der West=Gothen *

*
In Tournefort's Reisen kommt ein merkwürdiges Beysviel der Eifersucht vor. Dieser Arzt sollte dem Frauenzimmer im Serail Arzeney=Mittel verordnen. Man erlaubte ihm aber, um sich von dem Zustande der Krankheit und der Heil=Art, die er anzuwenden hatte, zu unterrichten, nur die Hände der Kranken zu sehen und zu berühren.

durfte der Wund=Arzt einer Freyen anders nicht, als in Beyseyn des Vaters, des Bruders, Sohnes oder Oncle, die Ader öffnen. Die Gesetze, sagt Montesquieu, argwohnten alles, so bald der Character des Volkes argwöhnisch ward.

Klassifizierung: 915.1 China und benachbarte GebieteDDC-Icon Auch auf die, südlichen Völkern natürliche, Furchtsamkeit nimmt die Gesetzgebung Rücksicht, indem sie für die Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit wacht. Dies ist vornehmlich der Fall in China, wo jede Störung des öffentlichen Friedens, jeder gewaltsame Wiederstand der Unterthanen, mit der äussersten Härte bestraft wird. Von dieser Wachsamkeit der Gesetze rührt auch die strenge Polizey=Verfassung her, welche in diesem Reiche angetroffen wird. Indessen dient diese Strenge mehr dazu, und soll, wie es scheint, mehr dazu dienen, den Muth des Volkes niederzuschlagen, und es zur Unterwürfigkeit zu gewöhnen, als ihren sittlichen Character zu verbessern. Denn bey aller Mühe, welche man anwendet, öffentlichen Unruhen vorzubeugen, werden doch Betriegereyen der Unterthanen unter sich, wenn sie nur nicht mit offenbarer Gewalt verbunden sind, wenig oder gar nicht von den Gesetzen bestraft.

Einige Gesetze haben so gar Beziehung auf National=Trägheit und Unthätigkeit. Der indianische Gesetzgeber Foe richtete sich, bey Abfassung seiner Gesetze, die insgesammt Mangel an Gefühl, und den Zustand einer vollkommenen Ruhe des Bürgers voraus <40, 523> setzen, nach seinem eigenen unthätigen Character. Allein seine Gesetze begünstigten zugleich diesen National=Fehler, und zogen dadurch unendlich viel schlimme Folgen nach sich. Die Gesetzgeber in China hingegen befolgten weisere Maßregeln, indem sie sich den Menschen nicht in einem so ruhevollen Zustande, dergleichen er nach dem gegenwärtigen Leben genießen soll, sondern in einer solchen Lage vorstellten, die ihn zur Erfüllung mancherley Pflichten des Lebens geschickt macht, und daher Religion, Philosophie und Gesetze ganz praktisch einrichteten. In China verabscheuet man deswegen die Gesetze des Foe. Ueberhaupt ist es eine ausgemachte Wahrheit, daß, je stärker der natürliche Hang zur Unthätigkeit ist, desto mehr man sich davon durch sittliche Bewegungsgründe abziehen zu lassen verbunden sey.

Klassifizierung: 364.6 StrafvollzugswissenschaftDDC-Icon Diese mannichfaltige Beziehung der Gesetze auf Denkungsart und Sitten, hat die Anzahl der Verbrechen sehr vermehrt. Der Gedanke z. B. die beleidigte Hoheit des Regenten an dem Schuldigen zu rächen, hat die grausamsten Verfolgungen in China veranlasset. Nach den Gesetzen dieses Reiches wird jeder, der dem Kaiser nicht die gehörige Achtung erzeigt, am Leben gestraft. Da die Gesetze nicht bestimmen, worin dieser strafbare Mangel an Ehrerbiethung bestehe, so ist es leicht, eine jede Handlung als eine Verletzung dieser Pflicht anzusehen, und unter diesem Vorwande den unschuldigen Bürger um das Leben zu bringen, oder auch wohl seine ganze Familie zu vertilgen. Du Halde erzählt einen besondern Fall, da zwey Personen zum Tode verurtheilt wurden, weil sie einen gewissen Umstand nicht mit der pünctlichsten Genauigkeit in die Hof=Zeitung gesetzt hatten. Eine Person von hohem Range wurde nebst ihrer ganzen Familie am Leben gesiraft, weil sie aus Unachtsamkeit auf ein mit dem kaiserl. rothen Pinsel unterzeichnetes Memorial einen Strich ge<40, 524>macht hatte. Beydes sahe man als einen Mangel an Ehrerbiethung gegen den Kaiser an. Kurz, die morgenländischen Regenten sehen nicht darauf: ob der Unterthan seine Schuldigkeit erfüllt hat, sondern ob seine Person ihnen aus irgend einer Ursache mißfällig ist. *

*
Letters from the East Indies, p. 193.

In diesem Falle hängt die Einziehung seiner Güter, Gefängniß und Tod, von ihrer Willkür ab.

Die argwöhnische Gemüthsart einer Nation gibt ebenfalls mannichfaltige Gelegenheit, die Anzahl der Verbrechen zu vermehren. Handlungen, die man in gemäßigten Regierungen für gleichgültig ansieht, oder doch nur gelinde bestraft, werden nicht selten von furchtsamen und mißtrauischen Regenten zu Verbrechen gemacht. *

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Dieses ist also eigentlich nicht eine Folge des National= Characters südlicher Völker, sondern ein Fehler der despotischen Regierung, die allezeit mißtrauisch ist, und, unbekannt mit den Mitteln, ihr Ansehen durch die Liebe der Unterthanen zu sichern, alles zu entfernen bedacht ist, was nur einiger Maßen Furcht zu erwecken, und der Tyranney gefährlich zu seyn scheint.

Waffen zu tragen, ohne irgend einen mörderischen Gebrauch davon zu machen, ist in einigen Ländern ein Verbrechen, welches Lebens=Strafe nach sich zieht. Von Stats=Geschäften zu reden, oder sie zu beurtheilen, ja, so gar ihrer mit Beyfall zu gedenken, wird in gewissen Fällen, wo nicht mit dem Tode, doch sonst mit großer Härte bestraft.

Auch die Eifersucht vervielfältigt die Verbrechen. In asiatischen Ländern ist oft Lebens=Gefahr damit verbunden, wenn jemand Frauenspersonen in ihren Wägen zu begegnen das Unglück hat.

2. Gerichtliches Verfahren. In heißen Ländern hat man allezeit nur wenige, und ganz einfache Regeln des gerichtlichen Verfahrens. Die Kenntniß der Gesetze ist hier keine kunstmäßige Wissenschaft, und man hat nicht nöthig, die Stats=Handlungen oder <40, 525> Rechts=Bücher bey vorkommenden Fällen zu Rathe zu ziehen. Klagen über langwierige Processe, ein nothwendiges Uebel solcher Staten, wo man die Rechte des Bürgers durch eine Menge Gesetze zu sichern für nöthig findet, sind hier unbekannt. Man fordert nichts, als den Beweis der Thatsache, auf welche die Forderung gegründet wird, und dann wird die Entscheidung sofort gegeben. Der Richter untersucht, verurtheilt, und ordnet die Vollstreckung der Strafe in Person an. Dieses Verfahren stimmet mit der Lage und dem Zustande solcher Völker genau überein. Bey der ihnen natürlichen Trägheit würden sie, wenn ihre Gerichts=Processe von langer Dauer wären, lieber Unrecht erdulden, als eine Schadloshaltung auf Kosten ihrer Ruhe fordern wollen; ja, sie würden eine solche Wiedereinsetzung in ihre Rechte vielmehr für das größte Unglück, als für eine Glückseligkeit, ansehen.

Mithridates *

*
Justini histor. L. 38, c. 7.

klagt in einer Anrede an seine Armee, die er zum Kriege wieder die Römer aufmuntern will, unter andern auch über die durch sie eingeführte gerichtliche Chicane; und die Latier *

*
Agathias, L. 4. Auch Verelst hat, in seiner Abh. über die Unmöglichkeit, die englischen Gesetze in Bengalen einzuführen, einige vortreffliche Bemerkungen hierüber gemacht.

waren über die gerichtliche Untersuchung, welche Justinian wegen des an ihrem Könige verübten Mordes bey ihnen angeordnet hatte, sehr mißvergnügt.

Eine zweyte Ursache des einfachen gerichtlichen Verfahrens unter südlichen Himmelsstrichen, liegt in der Natur der despotischen Gewalt, welche keine Formalien des Gerichts=Processes verträgt, die nothwendig die Ausübung einer willkürlichen Macht erschweren, wo nicht gar verhindern würden. Eben daher rührt die kurze Dauer ihrer Gerichts=Händel. Es liegt wenig daran, wie man sie entscheide, wenn sie nur zu Ende gebracht wer<40, 526>den. Ein türkischer Bassa hört die Parteyen eine kurze Zeit an, lässet hierauf dem einen oder andern Theile die Bastonade geben, und der Handel ist geendigt. In China geht man noch weiter, und bestraft nicht den einen Theil allein, sondern beyde zugleich, wenn die Klage von geringer Erheblichkeit war. In solchen Ländern ist es gefährlich, proceßsüchtig zu seyn. Proceß=Lust setzt ein heftiges Verlangen, sein Recht zu behaupten, einen tief eingewurzelten Haß, Thätigkeit und Beharrlichkeit bey dem einmahl gefaßten Entschlusse voraus; sie muß daher in einer Regierung, wo Furcht die Gemüther der Unterthanen allein beherrschen darf, und wo ein Aufruhr oft die schleunigsten und unerwartetsten Revolutionen nach sich zieht, verhütet werden.

3. Untersuchungs=Art. Eben dieselben Ursachen, welche die Formalien des Gerichts=Processes einfach machen, kürzen auch die richterliche Untersuchung ab. Insgemein beruhen die Bestimmung der Frage von dem Rechte, die Berichtigung der Thatsache, aufwelche die Klage sich bezieht, die Anordnung des Verfahrens, und die Bestrafung, auf einer und eben derselben Person. Diese Art der richterlichen Entscheidung hält man theils um deswillen für vorzüglich, weil sie kürzer, und daher mit dem unthätigen Character der Nation übereinstimmender ist, theils, weil sie weniger Zweifel zulässet, und den Gesinnungen des regierenden, gemeiniglich trägen, wollüstigen und unwissenden Fürsten mehr entspricht. Mehrere Richter könnten verschiedene Meinungen haben, und sich genöthigt finden, die endliche Entscheidung ihrer gegenseitigen Zweifel dem Regenten zu überlassen. Hierzu würde ihm nicht nur die nöthige Fähigkeit mangeln, sondern bey dem mehrentheils großen Umfange despotischer Staten, würden auch dergleichen Berufungen unendlich viel Verwirrung anrichten. Daher ist die Ernennung eines <40, 527> einzigen Richters, Wessirs u. d. gl. beynahe ein Grund=Gesetz solcher Regierungen.

Klassifizierung: 932 Ägypten bis 640DDC-Icon Indessen hat der Aberglaube in einigen Ländern über Klima und Regierungs=Form gesiegt, und Ausnahmen von dieser allgemeinen Regel gemacht. So hat man z. B. die Wasser=Probe in Klein=Asien, und Arten davon auf den Küsten von Malabar und Siam eingeführt. In Pegu *

*
Comment. on the Laws of England, L. 4, c. 27.

und Monomotapa ist eine andere eben so sehr von dem Zufalle abhängende, seltsame Beweis=Art bekannt. In Aegypten *

*
Man erwählte, wie Diodor von Sicilien berichtet, aus jeder der vornehmsten Städte des Reiches, Heliopolis, Theben und Memphis, 10 Richter, die dem atheniensischen Areopagus, oder dem Senate in Lacedämon, an Ansehen glichen. Dieses Collegium ertheilte einem aus seinem Mittel den Vorsitz, dessen Stelle die Stadt Heliopolis durch ein neues Mitglied ersetzen mußte. Weder Eigensinn, noch Haß, oder andere einseitige Neben=Ursachen durften ihr Urtheil bey Aussprüchen, gerichtlichen Handlungen, und Bestrafung der Verbrechen leiten, oder sie veranlassen, auf irgend eine Art anders zu verfahren, als die Gesetze verordneten -- Es ist merkwürdig, daß eine ähnliche Art des gerichtlichen Verfahrens und selbst der Kleidung dieser Richter in den englischen Gerichts=Höfen gewöhnlich ist. Der Vorsitzer in der Versammlung ägyptischer Richter trug eine goldene Kette. Alle Schutz=Reden mußten, so wie in England geschieht, auf beglaubten Urkunden und Zeugnissen beruhen. Der Kläger legte dem Gerichte eine Schrift vor, welche den Gegenstand seiner Klage, die Geschichts=Erzählung, und den Betrag seiner Forderung, enthielt. Der Beklagte erhielt eine Abschrift der Klage, und gab hierauf eine Schutz=Schrift ein, worin er entweder das Factum läugnete, oder Ausflüchte gegen die Forderung beybrachte, oder auch Gründe zur Milderung des Schaden=Ersatzes anführte. Der Kläger konnte hierauf antworten, und der Beklagte konnte dieser Antwort aufs neue begegnen. Der Ober=Richter ging alsdann mit seinen Beysitzern, gleichwie diese unter sich, über die Sache zu Rathe, sammelte die Stimmen, und entschied. Man muß sich über die Aehnlichkeit dieses Verfahrens mit dem englischen und gemeinen bürgerlichen Gerichts=Processe verwundern. Die im römischen und englisch Rechte gegründete Klage, Einrede, Replik, Duplik, Trivlik und Quadruplik der Parteyen war auch in den ägyptischen Gerichten bekannt.

ist zwar in den ältesten Zeiten ein Beweis=Mittel gebräuchlich <40, 528> gewesen, welches den in freyen Staten üblichen Beweis=Mitteln ähnlich ist. Allein aus den Nachrichten, welche Diodor von Sicilien von Aegypten gibt, sieht man, daß dieser Stat, ob er gleich, dem Nahmen nach, eine Monarchie war, gleichwohl um die damahlige Zeit guten Theils eine republikanische Verfassung hatte, wovon ich weiter unten die Ursache zu erklären suchen werde.

Klassifizierung: 985 PeruDDC-Icon Klassifizierung: 915.6 Naher Osten (Mittlerer Osten)DDC-Icon Klassifizierung: 364.6 StrafvollzugswissenschaftDDC-Icon 4. Strafen. Dasjenige, was ich vorher von den eigenthümlichen Gegenständen der Gesetzgebung in südlichen Klimaten gesagt habe, gibt einen hinlänglichen Ausschluß über die Ursache: warum die Strafen in eben diesen Ländern so ausserordentlich hart und grausam sind. Wo die Größe der Beleidigung nach der Würde der beleidigten Person geschätzt wird, da muß auch die Strafe nach Beschaffenheit dieses Umstandes sehr strenge seyn. Daher steht in Japan, gleichwie vormahls auch in Peru, *

*
Die Peruaner verehrten den Ynka als eine Gottheit, und betrachteten daher die Verbrechen als Beleidigung und Entweihung göttlicher Rechte.

beynahe auf jeden Verbrechen die Todes=Strafe. Man weiß, daß in der Türkey Brod=Bäcker *

*
Montesquieu Lettres Persannes, Lettre 10.

um deswillen, weil sie das Brod nach zu leichtem Gewichte verkauft hatten, (eigentlich eine bloße Polizey=Sache) lebendig gespießt worden sind.

Klassifizierung: 179.7 Respekt und Respektlosigkeit vor menschlichem LebenDDC-Icon Die Härte der Strafen in diesen Ländern äussert sich aber nicht nur in ihrem Verhältnisse gegen die Mißhandlungen, sondern auch in ihrer Vollziehung. Nicht zufrieden, die Schuldigen zum Tode zu verurtheilen, (die größte unter allen Strafen, welche in keinem Falle durch empfindliche Marter erhöhet werden sollte!) hat man sie wohl in noch warme Thier=Häute genähet, und sie in diesem Zustande der Wuth angehetz<40, 529>ter Hunde Preis gegeben, sie von Bäumen, Wägen oder Pferden, gliederweise zerreissen lassen, sie gekreutzigt, lebendig verbrannt, in siedendes Wasser geworfen, zu Tode peitschen, Hungers sterben, oder pfählen lassen. Ich übergehe mehrere andere, den Wohlstand und die Menschlichkeit in gleichem Grade beleidigende Grausamkeiten. Es war eine Zeit, wo sie, zur Schande des menschl. Geschlechtes, beynahe in allen Ländern verübt wurden; bey südlichen Völkern aber erhalten sie sich noch immer, und zwar in einem fast allgemeinen Gebrauche.

Unstreitig ist die oben erwähnte Schätzung der Größe des Verbrechens nach der persönlichen Würde des Beleidigten, eine vorzügliche Ursache des häufigen Gebrauches der Todes=Strafe sowohl, als auch der Unmenschlichkeit ihrer Vollziehung. Es kommen aber noch andere Umstände hinzu. Die Bewohner heißer Klimate sind von Natur furchtsam, und diese Gemüths=Art ist, wie man angemerkt hat, fast allezeit mit der Grausamkeit verschwistert. Ob die Eitelkeit des Fürsten seine Ueberlegenheit zu zeigen, oder das Verlangen, ein jedes Hinderniß seiner Macht aus dem Wege zu räumen, ihn grausam mache, will ich nicht entscheiden. Zuweilen hat doch die Furchtsamkeit, oder vielmehr die Gemächlichkeit des Regenten, mit einem gewissen Antheile von Aberglauben verbunden, eine völlig entgegen gesetzte Richtung genommen. Kaiser Mauritius faßte den Entschluß, das Blut seiner Unterthanen nie zu vergießen. Anastasius bestrafte gar keine Verbrechen; und Isaacius, der Engel, legte einen feyerlichen Eid ab, daß während seiner Regierung niemand am Leben gestrafet werden sollte. Diese griechische Kaiser erinnerten sich nicht, sagt Montesquieu, daß ihnen das Schwert nicht umsonst verliehen war.

Die Beschaffenheit des mehrentheils despotischen Regimentes begünstigt diese Grausamkeiten nicht weni<40, 530>ger. Denn da die Furcht hier die Triebfeder der Regierung ist, so glaubt man, daß ein Verfahren um so vielmehr der Stats=Verfassung gemäß sey, je mehr Furcht es zu erregen fähig ist. Allein, wenn auch der Grundsatz, auf welchem diese Meinung beruhet, an sich selbst nicht irrig ist, so kann man doch die Sache leicht übertreiben, und, an statt dem Uebel abzuhelfen, es auf diesem Wege unendlich verschlimmern. In Japan haben z. B. die ausserordentlich harten Strafen, wie Montesquieu bemerkt, der despotischen Verfassung dieses Reiches ungeachtet, die schädliche Wirkung gehabt, daß das Volk dadurch um desto sühlloser, hartnäckiger, eigenwilliger und kühner geworden ist. Wenn die Todes=Strafe zu gemein gemacht wird, so hört sie auf ein Gegenstand des Schreckens zu seyn, und verfehlt mithin ihren Endzweck, die Gesetze unverbrüchlich zu machen. Vermuthlich ist in China, einem wenigstens eben so despotischen Reiche, die Erhöhung der Strafen, um eben dieser Ursache willen, immer ein gewisser Vorbothe einer nahen Stats=Revolution gewesen.

Die verschiedene Denkungsart der Nation in gelinden und in despotischen Regierungen, ist eine neue Ursache, warum in den letztern härtere Todes=Arten, als in den erstern, gebraucht werden müssen. Menschen, die unter der willkürlichen Gewalt eines Despoten stehen, sind unglücklich genug, den Verlust des Lebens an sich minder zu achten, als sie sich vor dem Tode fürchten, daher müssen die Lebens=Strafen um desto härter seyn. In milden Regierungen hingegen hält man den Verlust des Lebens für ein größeres Uebel als den Tod; daher einfache Lebens=Strafen zu ihrer Absicht schon hinlänglich sind.

Hoffentlich wird man nicht glauben, daß ich den grausamen Straf=Mitteln das Wort rede, indem ich <40, 531> ihre Veranlassung zeige. Ich bin bin vielmehr überzeugt, daß sie in den meisten Fällen eine ihrer Absicht ganz wiedersprechende Wirkung haben; und wenn man auch keine andere Ursache, sie zu verabscheuen, hätte, so würde schon die Stimme der Natur, welche sich unter jedem Klima, in was für einem Zustande wir die Menschen auch finden können, laut wieder eine solche Unmenschlichkeit empört, uns hinlänglich dazu bewegen müssen.

Es ist hier der Ort, zu bemerken, daß in den südlichen Ländern beynahe alle Streit=Sachen die Natur eines Verbrechens haben. Wenn über ein erlittenes Unrecht geklagt wird, so straft der Richter oder Bassa den Beklagten um Geld; auf Schaden=Ersetzung aber wird selten Rücksicht genommen.

Einfluß des kalten Klima auf die Gesetze.

1. Gegenstand der Gesetze. An statt, daß das reitzbare Gefühl südlicher Völker ein jedes ihnen zugefügte Unrecht als eine ihrer Person wiederfahrne Beleidigung betrachtete, hielten vormahls die kalten gefühllosen Bewohner des Nordens bloß den ihnen zugezogenen Verlust oder entgangenen Vortheil *

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Nach dem salischen, ripuarischen, und andern Gesetzen nördlicher Völker, lief es bey allen Sachen auf Schaden Ersetzung hinaus, und jede Anklage wegen begangener Verbrechen war bey ihnen gewisser Maßen als ein bürgerlicher Fall anzusehen.
  Nach den ältesten deutschen Gesetzen war es erlaubt, beynahe alle, selbst peinliche Strafen mit Geld abzukaufen; und da kein Untersuchungs=Verfahren des Richters Statt fand, so war die wieder den Schuldigen vor das Gericht gebrachte Anklage, da sie einem jeden, der nicht besonders davon ausgeschlossen war, frey stand, in so fern als ein bürgerlicher Fall zu betrachten.

ihrer Auf<40, 532>merksamkeit werth. In beyden Fällen bezog sich die Verletzung auf die Person; allein der Beleidigte suchte in jenem Rache, in diesem nur Schaden=Ersetzung zu erhalten. So gar solche Mißhandlungen, die wir nach unsern heutigen Rechten für öffentliche, den Stat interessirende Verbrechen ansehen, z. B. Mordthaten, Beraubung, Straßenraub, Verstümmelung etc. wurden bey den nordischen Völkern ehedem, aus gleicher Ursache, nur als Privat=Klagen vor Gericht gebracht.

Auch die Eifersucht, eine Tochter der Empfindlichkeit, die einen so wichtigen Einfluß auf die Gesetze orientalischer Völker hat, vermag in diesem Stücke bey den Bewohnern kalter Länder so wenig, daß der Ehebruch, der nach dem römischen Rechte ein öffentliches Verbrechen ist, selbst nach den englischen Gesetzen, die doch vielleicht ihren Ursprung einem kältern Klima zu verdanken haben, dafür nicht gehalten, *

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S. State Trials, Vol. 2, wo man einen Beweis davon finden kann, daß man wegen Ehebruches vormahls eine peinliche Anklage in England gestattet, und ihn als ein öffentliches Verbrechen bestraft hat.

sondern als eine Privat=Beleidigung oder geringere Vergehung bestraft wird.

Die Furchtsamkeit, deren Einfluß auf die Gesetzgebung südlicher Völker so groß ist, kommt unter kalten Klimaten eben so wenig in Betrachtung. An statt, daß die Gesetze in Persien und Indien darauf bedacht waren, offenbaren Gewaltthätigkeiten durch die schärfsten Straf=Mittel Einhalt zu thun, *

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Die römischen Gesetze bestraften den heimlichen Dieb mit dem doppelten, so wie den über der That ergriffenen Dieb mit dem vierfachen Ersatze der geflohlnen Sache. Nach eben dieser Idee erkärt das bürgerliche Recht der Raub für eine strafwürdigere Handlung, als den gemeinen Diebstahl.

und heimlichen Betrug kaum ihrer Aufmerksamkeit werth hielten, finden wir, daß die nördlichen Völker hierin ganz ent<40, 533>gegen gesetzte Grundsätze befolgten. Muth und Unerschrockenheit minderte vielmehr bey ihnen die Strafwürdigkeit eines Verbrechens. Daher kam es, daß die Gesetze der Alemannen vormahls den heimlichen Diebstahl an einem Leibeigenen hart bestraften, und ihn im Gegentheil, wenn er einen gewaltsamen Raub begangen hatte, nur zur Schaden=Ersehung verbanden.

So wie indessen der kriegerische und muthvolle Character nördlicher Völker, die Zahl der Verbrechen auf der einen Seite minderte, so trug er dagegen auf der andern zu ihrer Vermehrung bey. Man weiß, daß die Gesetze einiger Völker unter diesem Klima, an statt Trägheit und Muthlosigkeit zu begünstigen, diese Fehler vielmehr als schwere Verbrechen mit einem schmählichen Tode zu bestrafen pflegten. Dem ungeachtet sind die Gesetze dieser Völker, überhaupt genommen, der Vervielfältigung der Verbrechen und den Lebens=Strafen gar nicht günstig. Nur in wenigen Fällen setzen sie die Todes=Strafe, und geringere Verbrechen unterscheiden sich durch das richtigste Verhältniß der Strafen von einander. Den Vortrag der Gesetze findet man plan und ungekünstelt, und die Richter erweiterten eben so wenig den Sinn der Gesetze, als sie ihre Sanction eigenmächtig erhöheten.

Vielleicht ist die Regierungs=Verfassung, welche in kalten Ländern fast jederzeit eine gewisse Handlungs=Freyheit gestattet, die Haupt=Ursache einer gelinden Gesetzgebung. Da die Furcht hier nicht die Triebfeder der Regierung ist, so hat man nicht nöthig, die Unterthanen durch eine Schärfe zu schrecken, die zu guter Einrichtung der Gesellschaft und zur Wohlfahrt des States nicht wesentlich erfordert wird.

Klassifizierung: 936 Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel bis ca. 499DDC-Icon 2. Gerichtliches Verfahren. In kalten Klimaten ist das Verfahren des Richters und die Form des Gerichts=Processes natürlich und einfach, doch nicht auf gleiche Art, wie in heißen Ländern. Von dieser <40, 534> Beschaffenheit war vormahls das rechtliche Verfahren nach den alten gothischen, und selbst nach den englischen Gesetzen, *

*
Glanville de legibus et consuetudin. Angliae.

die, wie man glaubt, von jenen abstammen: und eben so findet man es auch bey den alten Deutschen. Der geschäftige kriegerische und kunstlose Character dieser Nationen verabscheuete alle Kunst und Spitzfindigkeit, und sie bedurften bey der Beschaffenheit ihrer Lebensart, Stats=Verfassung und Cultur, noch keine kunstmäßige Verwickelung des Gerichts=Verfahrens. Einige noch jetzt bekannte Formalien des Gerichts=Processes nördlicher Völker, sind Beweise ihres National=Stolzes. Bey den Deutschen hielten es z. B. die vor Gericht geladenen Parteyen unter ihrer Würde, sich an dem gesetzten Tage vor dem Richter zu stellen, und verschoben das Erscheinen, um das Ansehen eines Zwanges zu vermeiden, oft bis auf den andern und dritten Gerichts=Tag. Die gothischen Gesetze, *

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Stieruhook de iure Gothorum, L. 1, c. 6.

gestatteten gleiche Freyheit, so wie noch jetzt die englischen Gesetze *

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Blackstone' s common Book III. c. 18.

thun, nach welchen dem Vorgeladenen eine dreytägige Frist, binnen welcher er erscheinen muß, ohne anderweite gerichtliche Ladung eingeräumet wird. Es ist genug, wenn er nur noch am vierten Tage der Ladung Folge keistet. Dieses galt auch bey dem gerichtlichen Zweykampfe *

*
Von der dreymahligen Aufforderung zum Zweykampf durch den Herold, s. Spelman' s Gloss. s. v. Campus. Das Zeichen zum Kampf wurde drey Mahl mit der Trompete gegeben. Man vergleiche Ariost's Orlando furioso, L. V. 603, 604- Auch das Signal zum Treffen wurde drey Mahl wiederhohlt.

wo der Beklagte erst auf die dritte Ladung zu erscheinen nöthig hatte.

Klassifizierung: 914.2 England und WalesDDC-Icon Klassifizierung: 394.4 Offizielle ZeremonienDDC-Icon Etwas ähnliches findet sich bey der Krönung von Groß=Britannien, bey welcher die gewöhnliche Aufforderung <40, 535> durch dreymahligen öffentlichen Ausruf von den Herolden geschieht. In Shakespear' s König Lear nimmt der Zweykampf zwischen Edgar und Edmund in dem Augenblicke seinen Anfang, da die Trompete sich zum dritten Mahl hören lässet. Milton hat dies nachgeahmt, und lässet auf gleiche Art Harapha vom Simson drey Mahl zum Zweykampf auffordern.

3. Untersuchungs=Art. Rechtliche Streitigkeiten wurden bey nördlichen Völkern auf verschiedene Art erörtert. Eine der ältesten Gewohnheiten war es, die Untersuchung der Sache einer beträchtlichen Anzahl Richter zu überlassen, die dem Beklagten an Stande gleich waren. Daher brachte man vormahls bey den Deutschen, peinliche Klagen vor die Versammlung der Nation, in welcher ein jeder Freyer, wie es scheint, seine Stimme gab. An die Stelle dieser Untersuchungs=Art trat in spätern Zeiten, nachdem die Erweiterung des Reiches und die anwachsende Volks=Menge dieses Verfahren unbequem gemacht hatte, ein anderer auf eben demselben Grundsatze beruhender Gebrauch: geschworne Richter zu verordnen. Man kann nicht mit Gewißheit bestimmen, wenn diese neue Einrichtung des Gerichts=Wesens ihren Anfang genommen habe. *

*
Nach Stiernhook's Meinung wurden diese geschworne Richter zuerst unter dem Könige von Schweden Regner, welcher zu gleicher Zeit mit Egbert regierte, eingeführt.

Nur so viel weiß man, daß sie sehr alt, von allgemeinem Gebrauch, und mit der ganzen Verfassung nördlicher Völker so verwebt ist, daß die frühesten Nachrichten, welche wir von der einen haben, zugleich Spuren von der andern enthalten.

Keine Erörterung streitiger Rechts=Sachen konnte dem Character dieser Völker angemessener seyn, als diese. Die Menge der Richter, deren Ausspruch entscheidend war, schmeichelte dem National=Stolze, indem sie zugleich Bestechung und Eigensinn des Rich<40, 536>ters verhütete. Durch die Standes=Gleichheit zwischen Richter und Beklagten kam man auf der einen Seite der Unterdrückung, und auf der andern der Beleidigung des Wohlstandes, zuvor. Zugleich war diese Anstalt ein Verwahrungs=Mittel gegen den Irrthum, weil die übereinstimmende Meinung mehrerer Richter schwerlich die Wahrheit verfehlen konnte. Einem freyen Volke mußte überdies eine Einrichtung nothwendig gefallen, die den Grundsätzen der republikanischen Verfassung so sehr gemäß war.

So guten Grund man indessen hat, diese gerichtliche Untersuchungs=Art in nördlichen Ländern als die Grund=Feste der bürgerlichen Freyheit anzusehen, so wenig würde sie dem Zustande südlicher Nationen angemessen gewesen seyn. Der unter einem solchen Klima gewöhnliche Hang zur Trägheit, würde die Uebernehmung des richterlichen Amtes zu einer beschwerlichen Last machen. Ueberdies müßte diese Untersuchungs=Art bey der mißtrauischen Gemüths=Art südlicher Völker mehr zu ihrem Mißvergnügen, als zu ihrer Zufriedenheit, gereichen. Rachsucht und Schaden=Freude würden hier Gelegenheit finden, Unschuldige aus Haß in Unglück zu bringen, und das herrschende Sitten=Verderben würde die Bestechung erleichtern. Man setze hinzu, daß die unter heißen Himmelsstrichen gewöhnliche Unwissenheit die Richter in solchen Rechts=Fällen, die gewisse Kenntnisse voraus setzen, zur Entscheidung ungeschickt machen, und daß überhaupt ein der Freyheit so sehr günstiges Verfahren in despotischen Reichen nicht willkommen seyn würde.

Eine andere, sehr alte Entscheidungs=Art ist der Zweykampf, welcher jedoch nicht, so wie die beeidigten Richter, den nördlichen Völkern eigenthümlich war, sondern auch in andern Ländern, vornehmlich in Spa<40, 537>nien, *

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Polybius und Livius sagen dies beyde. Man sehe insonderheit das von Letzterm, L. 28, c. 21. erzählte Beyspiel nach.

gegolten hat. Die Deutschen. *

*
Vellej. Paterc. Hist. rom. L. 2, c. 118.

hatten ihn indessen; und man findet ihn auch in der alten gothischen Gerichts=Verfassung gegründet *

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Stiernhook de Jure Sueonum, L. 1. c. 7.

Klassifizierung: 947 Osteuropa; RusslandDDC-Icon Blackstone urtheilt richtig, daß diese Gewohnheit von dem kriegerischen Geiste, und zugleich von dem Aberglauben dieser Völker, herrühre. Man sahe nähmlich ein solches Beweis=Mittel als eine Berufung auf die Gottheit an, und glaubte nicht ohne Vermessenheit und ohne allen Grund, daß sie der gerechten Sache den Sieg geben werde. Eine streitbare beherzte Nation, die noch dazu in Friedens=Zeiten sowohl, als im Kriege, jederzeit bewaffnet ging, konnte zwar ohnedies leicht auf dieses Mittel fallen; indessen ist es aus demjenigen, was uns Tacitus, welcher die Sache ausdrücklich nicht erwähnt. von den Deutschen erzählt, allerdings wahrscheinlich, daß der Aberglaube zum Theil Gelegenheit dazu gegeben hat. Dieser Schriftsteller sagt, daß die Deutschen dem Wahrsagen sehr ergeben, und gewohnt waren, den Ausgang des Krieges aus einem Zweykampfe zu beurtheilen, welchen sie zwischen einem Kriegs=Gefangenen der feindlichen Nation, und einem aus ihrem Mittel veranstalteten. *

*
Tacitus Germ. c. 10.

Was war natürlicher, als daß ein Volk, welches den Zweykampf als ein schickliches Mittel, Stats=Angelegenheiten zu entscheiden, betrachtete, auf den Gedanken gerieth, daß auch Privat=Streitigkeiten sich auf eben diesem Wege füglich beylegen liessen! *

*
In Rußland wurde, unter Iwan' s Regierung, der gerichtliche Zweykampf, um das J. 1580, durch ein ausdrückliches Gesetz eingeführt.

Dieses ganze Verfahren war freylich im Grunde ungereimt; doch war es, wie Montesquieuer= innert, nicht so ganz von allen Grundsätzen der Vernunft und Erfahrung entblößt, als man wohl glauben möchte. *

*
So ungereimt der Gedanke war, die Behauptung oder den Verlust einer Befugniß von dem größern oder geringern Maße der Leibes=Stärke abhängen zu lassen, so hatte man doch bey dem gerichtlichen Zweykampfe selbst verschiedene gute Einrichtungen gemacht. „Es gibt Thorheiten”, sagt Montesquieu: „die in der Ausführung weise sind”.

<40, 538>

Bey einem kriegerischen Volke ist die Verzagtheit allgemein verhaßt, nicht nur als Laster, sondern auch als Kennzeichen eines unedeln Characters. *

*
Eben daher erregte der Beklagte ein ungünstiges Vorurtheil wieder sich, wenn er nicht Muth genug zeigte, seine Rechte mit gewaffneter Hand gegen die Kläger zu verfechten.

Sie ist ein Beweis, daß man den durch Erziehung beygebrachten guten Grundsätzen entgegen gearbeitet hat, daß die Gründe, nach welchen wir handeln, von den Triebfedern verschieden sind, welche die Handlungen anderer Menschen lenken, und daß weder ihre Geringschätzung, noch ihre Hochachtung, einen Eindruck auf uns macht. Kurz, sie ist Verachtung des Ansehens der Gesetze und der Volks=Sitten, und kann, von dieser Seite betrachtet, als ein Verbrechen gegen den Stat angesehen werden. Vielleicht war eben um deswillen bey den Deutschen eine so harte Strafe darauf gesetzt.

Klassifizierung: 932 Ägypten bis 640DDC-Icon Unter die, bey nördlichen Völkern üblichen Beweis=Mittel, welche von der Beschaffenheit des Klima herrühren, gehört auch der Reinigungs=Eid des Beklagten zu Darthnung seiner Unschuld. *

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Die alten sächsischen Rechte begünstigten den Beklagten dergestalt, daß, wenn er, im Fall einer peinlichen Anklage, des Verbrechens nicht offenbar überwiesen, oder in Civil=Sachen die Forderung des Klägers aus gerichtlichen Verhandlungen dargethan werden konnte, kein Beweis gegen ihn Statt fand, sondern ihm erlaubt war, im Läugnungs=Fall seine Unschuld, und den Ungrund der gegenseitigen Ansprüche, durch einen Eid, welcher die völlige Kraft eines verneinenden Beweises hatte, darzuthun. Vielleicht wählte man diese besondere Art des rechtlichen Beweises, welche doch nicht allen Völkern deutscher Abkunft gemein war, als den kürzesten Weg, Streitigkeiten ohne Weitläuftigkeit zu entscheiden, und übersahe, bey der für den Beklagten in den mehresten Fällen vorhandenen günstigen Vermuthung, die nachtheiligen Folgen dieses Verfahrens um desto leichter, je weniger der Character der Nation sie zu Betrug und Meineid geneigt machte.

Die englischen Gesetze gestatten ihn noch jetzt in Civil=Sachen, ob er gleich nicht in Uebung ist. Man kann die natür<40, 539>liche Einfalt, die Aufrichtigkeit und das gegenseitige Zutrauen der Bewohner kalter Klimate sehr deutlich daraus abnehmen. *

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Auch die Aegypter, ein wegen seiner Redlichkeit und edeln Characters vormahls berühmtes Volk, bediente sich in den ältesten Zeiten eben dieses Beweis=Mittels.

Indessen fand sich doch der burgundische König Gundebald, zu Verhütung des Mißbrauches dieses verneinenden Beweis=Mittels, bewogen, den gerichtlichen Zweykampf durch ein ausdrückliches Gesetz zu gestatten. *

*
Gundebald gibt in dem angeführten Gesetze die Ursache selbst ausdrücklich an. „Meine Absicht ist”, sagt er: „auf diese Art zu verhüten, daß meine Unterthanen ungewisse Dinge eidlich bestärken, oder auch wissentlich einen Meineid begeben. Leges Burgund. Tit. XLV.

Einem Manne, der Muth und Tapferkeit besaß, und Gefahr lief, durch den Eid des Beklagten seine Ansprüche gegen ihn zu verlieren, blieb in der That nichts übrig, als, dieses ihm zugefügten Unrechtes, und zugleich des Meineides wegen, welchen jener zu begehen im Begriff gewesen war, Genugthuung zu fordern. Daß Gundebald wirklich die angeführte Absicht gehabt habe, kann man auch daher schließen, weil die Gesetze der salischen Franken, welche die verneinenden Beweise verwarfen, zugleich auch den gerichtlichen Zweykampf mißbilligten. Das bey dem angeführten Rechtfertigungs=Eide voraus gesetzte Zutrauen gegen den Beklagten ist wirklich beynahe unter keinen Umständen der Schwäche der menschl. Natur gehörig angemessen, und konnte nirgends Statt finden, als unter Menschen, welche ein erhabenes Gefühl von Ehre mit einer großen Redlichkeit vereinigten. Und doch mußte auch in diesem Falle, sobald die vom Meineide zu erwartenden Vortheile beträchtlicher wurden, der Gebrauch eines Beweis=Mittels, welches eine gänzliche Verkehrung des Rechtes, und ein allgemeines Sitten=Verderben nach sich gezogen haben würde, aufgehoben oder verhütet werden.

<40, 540>

Ausser den jetzt beschriebenen Arten des gerichtlichen Beweises, findet man noch verschiedene andere abergläubige Beweis=Mittel bey den nordischen Völkern, z. B. die Ordalien oder Gottes=Urtheile, u. a. m. welche aber unter allen Himmelsstrichen bekannt waren, und daher keine Beziehung auf das Klima zu haben scheinen.

Klassifizierung: 364.6 StrafvollzugswissenschaftDDC-Icon 4. Strafen. Ich habe schon vorhin bemerkt, daß die Criminal=Gesetze der nördlichen Nationen die Strafen insgemein nur als Vergütung einer Privat=Beleidigung ansehen, und daß sie daher in Geld=Bußen oder einer andern Schaden=Ersetzung bestehen. Bey den Deutschen z. B. wurden ehemahls öffentliche Mißhandlungen mit Korn oder etlichen Stücken Vieh gebüßet; *

*
Aus demjenigen, was Tacitus, Germ. c. 12 und 21, von den Strafen der Deutschen anführt, ist zu vermuthen, daß sie zwey Arten der Genugthuung hatten. Die eine war gerichtliche Vergütung eines Verbrechens; die andere, aussergerichtliche Ersetzung einer zugefügten Beleidigung. Jene nennt Tacitus Mulcta. Sie wurde zur einen Hälfte dem Könige oder dem State, zur andern dem Beleidigten entrichtet. Diese ist: Satisfactio. Sie gehörte dem Beleidigten, oder denen, welche seine Stelle vertraten, allein, und beruhete auf einem freywilligen Vergleiche.
  Spelman und Stuart glauben, daß der Fiscus in jedem Falle einen Theil der Buße oder des Wehr=Geldes erhalten habe. Allein Taritus redet ausdrücklich, und in ganz verschiedenen Stellen, von zweyerley Strafen: Mulcta und Satisfactio. Nur von der ersten sagt er, c. 12, daß sie dem Könige zur Hälfte verfallen sey. Von der letztern sagt er dieses nicht, und sein Stillschweigen beweiset das Gegentheil. Der Ausdruck Satisfactio schickt sich ohnehin mehr, eine Privat=Genugthung, als eine öffentliche, zu bezeichnen, und nach den eigenen Worten der angeführten Stelle, c. 21, hatte nur die Familie der Beleidigten Antheil daran. Von gerichtlicher Ahndung der Verbrechen ist auch hier gar nicht die Rede, sondern von einem aussergerichtlichen Vergleiche über eine vorgefallene Beleidigung.
  Was der römische Schriftsteller Satisfactio nennt, hieß in der Sprache der spätern Zeiten: Compositio; s. du Fresne, im Gloss. bey dem Worte: componere, wo ebenfalls gezeigt wird, daß diese Ausdrücke das Söhn=Geld oder die Genughtuung bezeichnen, welche dem Beleidigten, oder dessen Erben, vermöge eines Vergleiches gegeben wurde. Stellte man aber eines öffentlichen Verbrechens wegen gerichtliche Klage an, so erhielt der König oder der Stat wirklich einen Theil der zuerkannten Geld=Strafe. Dieser Antheil heißt in den alten Gesetzten Fredum, von dem deutschen Friede, (weil der Verbrecher sich den öffentlichen Frieden dadurch erkaufte,) und war der dritte Theil der ganzen Summe. Privat=Beleidigungen brachte man, wie es scheint, nicht eher vor Gericht, als nachdem der beleidigte Theil die Schadloshaltung verweigert hatte. Bey gerlichtlichen Anklagen wegen eines Verbrechens, nöthigte der Richter den Beklagten, sich mit seinem Gegner, der Genugthuung wegen, zu vergleichen, wenn es nicht freywillig geschahe.
Klassifizierung: 914.2 England und WalesDDC-Icon   Die Gesetze Wilhelm's des Eroberers, die im Grunde sächsische Gesetze waren, verordneten die Bezahlung des Wehr=Geldes, (nach der alten engl. Gerichts=Sprache Manbote,) erst alsdann, wenn der Beklagte sich nicht freywillig zur Genugthuung verstehen würde. Man sieht zugleich aus diesen Gesetzen, daß die Privat=Genugthuung beym Todtschlage eben so, wie bey geringern Verletzungen, Statt sand. Selbst das noch jetzt in den englischen Gerichts=Höfen gebräuchliche uralte Formular der gerichtlichen Vorladung in gemeinen Rechts=Sachen gibt zu erkennen, daß das ganze nachfolgende Gerichte=Verfahren um keiner andern Ursache willen angeordnet wird, als weil der Beklagte sich bey Anfange des Rechts=Streites zu vergleichen geweigert hat; denn es wird ihm ausdrücklich darin auferlegt, entweder die Zahlung zu leisten, oder die Ursachen, warum er sich dessen weigere, vor Gericht anzuzeigen. Spelman' s Glossar. p. 569. Stuart' s View of Society in Europe, p. 254.
  Etwas dem ähnliches, was Tacitus, c. 12, von der bey den Deutschen gewöhnlichen Theilung der Bußen zwischen dem Fiscus und dem Kläger sagt, findet sich noch jetzt in den englischen Gesetzen, nach welchen der Ankläger, auf Verlangen, ein Drittel der Geld=Strafe erhält, welche der Gerichts=Hof der königl. Bank dem Beklagten zuerkannt hat.

und bey Privat=Beleidigungen konnte <40, 541> man die Strafen auf gleiche Art abkaufen. So büßte man selbst für Mordthaten, indem der Mörder sich mit den Verwandten des Entleibten um den Preis verglich. Dieser Geist der Gesetzgebung lässet sich bey allen Völkern deutscher Abkunft wahrnehmen, und man findet, daß sie die Größe der Genugthuung mit der äussersten Sorgfalt nach dem Grade der Beleidigung abmessen. Stockschläge wurden in den Gesetzen der Friesen <40, 542> mit einer geringen Buße; Verwundungen, mit einer größern, bestraft. Eben so war es nach den salischen Gesetzen. Die longobardischen und alten sächsischen Gesetze bestimmen für 1, 2, und mehrere Schläge, nach Beschaffenheit der Anzahl, eine gewisse Genugthuung. Ethelbert setzte für erlittenen Verlust des Gehöres, für Quetschung, Durchstechung oder Abschneidung eines Ohres, für Verwundung der Nase, und des Mundes, und ähnliche Verletzungen des Leibes, eine verhältnißmäßige Schadloshaltung. Die Gesetzte Alfred' s. *

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Legg. Alfredi c. 40. de vulneribus.

enthalten fast dieselben Verordnungen. Auch auf Religions=Verbrechen pflegte man diese Art der Schätzung anzuwenden. In dem dänischen Rechte finden wie sie ebenfalls. Man schließe indessen aus dieser Beschaffenheit der Strafen nicht, daß die nördlichen Völker auch nur im geringsten ohne Gefühl der Ehre waren *

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Ihr Gefühl für die Ehre war so groß, daß sie den Verlust des Schildes im Treffen als die größte Schande betrachteten, und oft sich selbst um das Leben brachten, um diese Schande nicht zu überleben. Tacit. Germ. c. 6.

Vielleicht hatten Schläge darum, weil es unter einer beständig bewaffneten Nation nicht selten dazu kam, in ihren Augen nichts beschimpfendes, *

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Spelman' s Glossar. unter Wera und Wergildus.

und wurden daher als bloße Privat=Beleidigungen durch Schaden=Ersetzung vergütet. Den Werth der Beleidigung des weiblichen Geschlechtes berechnete man auf ähnliche Art. Wer das Haupt einer Frauensperson mit Gewalt entblößte, bezahlte 50 Solidos; die Entblößung des Schenkels bis zum Knie, kostete noch einmahl so viel; und die Entblößung des Knies aufwärts, das Doppelte von der letztern Summe. Man sollte glauben, sie hätten diese Beleidigungen des schönen Geschlechtes geometrisch berechnet. So gar bey einigen Verbrechen, welche die öffentliche <40, 543> Wohlfahrt sehr genau angehen, war es erlaubt, die Strafe mit Geld abzukaufen; und nichts, als die Größe der Geld=Buße oder des Wehr=Geldes, konnte das Leben der Unterthanen, und selbst des Fürsten, *

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Die Deutschen waren Liebhaber von geselligen Gastmahlen, und starken Getränken bis zur Ausschweifung. Ihre Gelage endigten sich oft mit Wunden und Todtschlag Schlägereyen konnten also nicht selten bey ihnen seyn; man findet aber nicht, daß dergleichen Beleidigungen als sehr groß angesehen worden sind. Tacit. c. 22.

in Sicherheit setzen.

Diese Beschaffenheit der Strafen hing, ausser dem Klima, noch von verschiedenen andern Ursachen ab. Dahin rechne ich den kriegerischen Character dieser Völker, nach welchem sie ihr Blut zu kostbar achteten, um anders, als mit dem Degen in der Faust, vergossen zu werden. Dieser Denkungs=Art zu Folge, unterwarfen sie nur denjenigen der Tödes=Strafe, welcher in ihren Augen ein Gegenstand des Abscheues oder der Verachtung war, dessen Umgang folglich sie entehren mußte, und dem man weder Unternehmungen in auswärtigen Kriegen, noch die Vertheidigung des Vaterlandes mit Sicherheit anvertrauen konnte. Diese Grundsätze zeigen sich noch immer in den Straf=Gesetzen nördlicher Nationen. In Schweden und Dänemark ziehen nur wenig Verbrechen die Todes=Strafe nach sich, und in den weitläuftigen russischen Staten ist sie ganz abgeschafft. Aus gleicher Ursache ist auch der Gebrauch peinigender Lebens=Strafen in diesen Ländern ganz unbekannt, oder doch äusserst selten. Ein tapfres Volk ist eben so wenig geneigt, sich selbst Begegnungen zu unterwerfen, welche der Menschheit unwürdig sind, als sich durch Darstellung öffentlicher Beyspiele, die dem Werthe der menschlichen Natur Hohn sprechen, zu entehren.

Vielleicht hindert auch zum Theil die Stats=Klugheit in diesen Reichen den Gebrauch grausamer Todes=Strafen. Sollte man sie einführen, so würde man sie unfehlbar an Stats=Verbrechern vollstrecken, deren Hinrichtung freylich oft die Sicherheit des States nothwendig macht, die aber doch insgemein ein gewisses Mitleiden erregen, und in der That, moralisch betrachtet, oft wenig Schuld haben. Bey den orientalischen Völkern dienen sie, die oh<40, 544>nedies von Natur furchtsame Nation noch mehr niederzuschlagen. In nördlichen Staten hingegen würden sie, besonders in solchen Fällen, wo der Verbrecher seinen Anhang unter dem Volke hat, wahrscheinlich das allgemeine Mißvergnügen vielmehr erregen, als unterdrücken.

So wenig man indessen den Gesetzen kalter Himmelsstriche den Vorwurf einer zu weit getriebenen Härte und Grausamkeit machen kann, so beleidigen sie doch zuweilen den Wohlstand, *

*
Man sehe die Nachrichten von der Bestrafung der Stats=Dame Laponchin, unter der Regierung der Kaiserinn Elisabeth.

auf eine unschickliche Art, die einen Mangel an Gefühl verräth. Noch zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhundertes beschimpfte es den Adel nicht *

*
In Persien wurde ein Edelmann, wenn er ein Verbrechen begangen hatte, um dessen willen ein geringer Mann würde gegeißelt worden seyn, nur von dem Henker entkleidet, und die Schläge wurden seinem Kleide gegeben. In Frankreich waren vormahls die Geld=Strafen bey dem gemeinen Manne gelinder, als bey dem Adel, an statt daß es sich in Absicht auf die Leibes=Strafen umgekehrt verhielt. Der Edelmann verlor seinen Adel; der gemeine Bürger, der keinen Rang zu verlieren hatte, wurde zu einer Leibes=Strafe verurtheilt.

von dem Henker, eben so wie der gemeinste Bauer, um einerley Verbrechen willen gepeitscht zu werden. In unsern Tagen hat die Weisheit einer Monarchinn, die ihren Nahmen durch die preiswürdigsten Anstalten ihrer Regierung unter den größten Gesetzgebern des Nordens verherrlicht, jenes entehrende Verfahren gänzlich abgeschafft.

Wirkungen des gemäßigten Klima auf Gesetzgebung.

1. Gegenstand und Absicht der Gesetze. An statt, daß man in heißen Himmelsstrichen die Rache des Beleidigten, oder die Behauptung der verletzten Hoheit des Fürsten, und in kalten Ländern, die Schadloshaltung, zur Haupt=Absicht der Straf=Gesetze <40, 545> macht, ist sie in mildern Himmelsstrichen die Verhütung der Verbrechen. Die berühmten Gesetzgeber alter und neuer Zeiten, haben in Ansehung dieses Endzweckes übereinstimmig gedacht. „Man bestraft die Verbrecher,” sagt Plato: *

*
Plato de Legibus.

„nicht ihrer Mißhandlung wegen, denn das Böse kann doch nie ungeschehen gemacht werden, sondern es geschieht, um theils sie selbst, theils Andere durch Betrachtung des Straf=Uebels zu warnen, und von Vergehungen abzulenken.” „Wäre es möglich,” sagt Tullus Hostilius zum Metius Suffetius, „dich von der Unverbrüchlichkeit geschlossener Verträge und Bündnisse zu überzeugen, so würde ich dieses Geschäft, mit Erhaltung deines Lebens gern übernommen haben; allein, da dein Herz unverbesserlich ist, so soll jetzt dein Beyspiel Andere die Heiligkeit der Bündnisse lehren, die von dir verletzt worden sind”. *

*
Livius L. 1, c. 28.

So erhabene Einsichten in den eigentlichen Endzweck der Straf=Gesetze in einem seit kurzem erst gebildeten State, müssen uns nothwendig von der Rechts=Kenntniß der Bewohner gemäßigter Himmelsstriche einen größern Begriff geben, als wir uns von der Rechts=Wissenschaft der südlichen und nördlichen Völker zu machen Ursache haben. Sie beweisen, daß das Studium der Philosophie und anderer Wissenschaften, welches in solchen Ländern am meisten getrieben wird, und ohne Zweifel die Begriffe und Grundsätze solcher Völker berichtigte, nicht ohne die wichtigsten Vortheile für die Gesellschaft Aufmunterung erhielt.

Unter die zahlreichen Vortheile, welche die oben gedachte Theorie von dem Endzwecke der Strafen hervor bringt, rechne ich zuvörderst die richtige Schätzung der Verbrechen, die man, bey Voraussetzung der Ab<40, 546>sicht der Straf=Gesetze, sie zu verhüten, nach der Größe der Beleidigung bestimmt, welche für den Stat daher erwachsen ist. Dieses ist natürlich. Denn Verbrechen, welche die Gesellschaft beleidigen, sind es eben, welche hauptsächlich zu verhüten sind. Die Beschaffenheit und Größe der Strafen wird nach ihrem Endzwecke bestimmt; sie stehen dadurch mit dem Verbrechen in einem richtigen Verhältnisse, und dieses genenaue Ebenmaß vermindert die Anzahl der größten Verbrechen. *

*
Ciceronis Oratio pro Cluentio, c. 46. Beccaria dei delliti e delle pene, c. 4. Principles of penal Law, c. 2. Blackstone's Comm. Rook IV, c. 4, §. 2.

Da die Verhütung die Triebfeder der Gesetzgebung ist, so hat der Eigensinn des Regenten weniger Einfluß auf sie, als wenn sie zu einem Werkzeuge der Rache, oder zu Befriedigung gewisser Leidenschaften, dient. Noch mehr: die Gesetze werden, wenn dies ihr Haupt=Endzweck ist, mit größerer Mäßigung und Ueberlegung abgefasset. Ein Fürst, welcher Gesetze gibt, um zu strafen, setzt bey seinen Verordnungen den Uebertretungs=Fall, als schon gegenwärtig, voraus, und bestimmt, von Unwillen über diese Verletzung erhitzt, die Strafe unter dem Einflusse seiner Leidenschaft. Dieser Gemüthszustand macht ihn zur Partey, und er sollte doch nur Gesetzgeber seyn. *

*
Morgenländische Fürsten liessen sich oft durch unerhebliche Ursachen überreden, sehr grausame Befehle ergehen zu lassen. Auf das bloße Verlangen eines Stats=Ministers, und ohne die Wahrheit der von diesem angeführten Umstände im geringsten zu untersuchen, gab Ahasverus jenes harte Edict, welches die Juden aus seinen Staten vertrieb.

Ganz anders ist ein Regent gesinnt, der nur die Abhaltung von Verbrechen zur Absicht hat. Er betrachtet die Strafen als ein trauriges, obgleich nothwendiges Uebel, von welchem folglich nur selten, und nicht anders, als mit reifer und uneingenommener Ue<40, 547>berlegung, Gebrauch gemacht werden darf, ohne daß irgend ein anderer Bewegungsgrund, als die Nothwendigkeit, dabey in Betrachtung zu ziehen ist. Hierzu kommt: daß der Gedanke, die Verbrechen vielmehr abzuwenden als zu bestrafen, erhabene Begriffe einflößt, und das Herz wohlwollend macht. Er trägt dazu bey, die Sprache der Gesetze deutlich und einfach zu machen. Er lenkt den Richter vielmehr auf die Seite des Beschuldigten, als seines Anklägers. Er macht nicht die einseitigen Vortheile einer besondern Classe oder Standes der Unterthanen, sondern die allgemeine Wohlfahrt der Gesellschaft zum Augenmerk der Gesetze, und erfüllt das Herz mit Ehrfurcht gegen dieselben.

2. Gerichtliches Verfahren. Eben dieselben Ursachen, welche die Begriffe von dem Endzwecke der Straf=Gesetze berichtigten, gaben auch dem Gerichts=Verfahren bey Untersuchung und Bestrafung der Verbrechen eine zweckmäßigere Einrichtung. So bald man die Verhütung der Verbrechen als den Endzweck der Gesetze betrachtete, begründete diese Voraussetzung die menschenfreundliche Vermuthung, daß der Angeklagte bis zum Beweise seiner Schuld für unschuldig zu halten sey.

Klassifizierung: 937 Italienische Halbinsel und benachbarte Gebiete bis 476DDC-Icon Dieses waren genau die Grundsätze des römischen Rechtes, nach welchem der Ankläger eine jede Beschuldigung durch Zeugen zu beweisen verbunden war. *

*
Cicer. Orat. pro Coelio.

Der Beschuldigte hatte die Freyheit, die Gültigkeit der wieder ihn aufgestellten Zeugen zu untersuchen, und ihren Aussagen durch seine eigene Zeugen, *

*
Rosini antiq. rom. L. 9, c. 21. Man weiß aus dem Asconius, daß die wieder den Angeklagten aufgeführten Zeugen von dem Ankläger sowohl, als von dem Beschuldigten, nach dem römischen Gerichts=Verfahren, befragt wurden.

oder durch andere, zu seiner Rechtfertigung <40, 548> dienliche Beweis=Mittel zu begegnen. Er konnte die That gänzlich läugnen, *

*
Rosinus, l. c. c. 22.

oder darthun, daß sie die Größe des angeschuldigten Verbrechens nicht erreiche, oder sie auch als eine ganz schuldlose Handlung darstellen. Justinian's Gesetzgebung, die in ein verderbteres und knechtisches Zeit=Alter fiel, begünstigte die entgegen gesetzte Vermuthung, und versagte so gar dem Beklagten das Recht, Zeugen für sich aufzuführen. In Frankreich verfährt man auf gleiche Art. Voltaire, *

*
S. Dessen Anmerkungen über Beccaria, Cap. 22. Nach der alten französ. Gerichts=Verfassung wurden von beyden Seiten Zeugen abgehört.

der diese Unbilligkeit mit Recht tadelt, beobachtet sehr richtig, daß sie oft zum Verderben des Beklagten gereiche. Es ist den englischen Gesetzen rühmlich, daß sie gerechtere und edlere Grundsätze in diesem Stücke annehmen. Nach ihnen hält man, so lange das gerichtliche Verfahren mit dem End=Urtheile nicht geschlossen ist, die Unschuld des Beklagten noch für möglich; bis dahin nehmen die Gesetze an, daß er sich völlig rechtfertigen, daß er wenigstens von der Strafe frey zu sprechen, oder doch zur Begnadigung berechtigt seyn könne. Eben diese liebreiche Gesinnung des Gesetzgebers hat den öffentlichen Beweis eingeführt, da man die Zeugen einander selbst sowohl, als dem Beschuldigten, unter die Augen stellt. *

*
So war ehemahls das Gerichts=Verfahren der Römer beschaffen. Voltaire stellt, a. ang. O., eine Vergleichung zwischen dem römischen und dem heutigen französ. Gerichts=Proceß an, welche sehr zum Vortheil des erstern ausfällt.

Daher rührt der Gebrauch des verneinenden Beweises, und die Bestrafung falscher Anklagen. Gesetze, welche falsche Angeber in Schutz nehmen und schadlos stellen, um die Anklagen zu begünstigen, dienen offenbar dazu, die Verbrechen und insonderheit den Mein=<40, 549>Eid zu vervielfältigen. Hingegen hat das englische Recht selbst die Möglichkeit einer falschen eidlichen Aussage dadurch aufgehoben, daß es niemand erlaubt, in solchen Sachen, die eine Beziehung auf seine eigene Vortheile haben, *

*
Mit gleicher Sorgfalt mußten vormahls bey den Römern alle Umstände untersucht werden, welche entweder die Redlichkeit des Zeugen verdächtig machen, oder ihm ein zu nahes Interesse an der Sache, in welcher er seine Aussage zu erstatten hatte, geben konnten.

die Stelle eines Zeugen zu vertreten. Dies gilt vornehmlich in peinlichen Fällen, wo dem Beklagten weder gerichtlich auferlegt, noch frey gestellt wird, den Ungrund der gegenseitigen Beschuldigung vermittelst Eides darzuthun.

Mit einer gleichmäßigen Vorsicht verfahren die englischen Gesetze, wenn jemand sein eigener Ankläger wird. Aussergerichtlichen Geständnissen legen sie wenig Gewicht bey, und die Criminal=Richter bemühen sich nicht, dergleichen zu erhalten.

3. Untersuchungs=Art. Einsicht in den wesentlichen Endzweck der Strafen, und Fortschritte in den Wissenschaften überhaupt, haben beyde der Untersuchung in gemäßigten Erdstrichen eine Gestalt gegeben, welche sie zu Entdeckung der Wahrheit ungemein geschickt macht. Ich meine hier die Untersuchung durch Geschworne, deren Erfindung ich schon oben den nördlichen Völkern zugeeignet habe. Diese Meinung ist nicht ohne Grund. Die Regierungs=Verfassung und Sitten dieser Völker konnten sie, wie es scheint, sehr leicht auf diesen Weg der Untersuchung leiten. Indessen war er auch bey cultivirten Nationen und in gemäßigten Himmelsstrichen nicht unbekannt; ja, man kann mit Gewißheit behaupten, daß, wenn gleich die Ehre dieser Erfindung dem kalten Klima gebührt, mildere Gegenden ihr doch mehr Ausbildung und Vollkommenheit gegeben haben.

<40, 550>

4. Strafen. Es ist schon oben gezeigt worden, daß die Straf=Mittel in heißen Ländern insgemein Leibes=Strafen sind, gleichwie man ehemahls unter kalten Himmelsstrichen beynahe keine andere als Geld=Strafen oder andere Schaden=Ersetzungen kannte. Die Bewohner gemäßigter Himmelsstriche wählen die Mittel=Straße. In einigen Fällen lassen sie Strafen, welche Leib und Leben betreffen, als nothwendig zu; andere geringere Vergehungen hingegen bestrafen sie mit dem Verluste des ganzen Vermögens, oder eines Theiles desselben.

Man hat jederzeit, und mit Recht, die Bestimmung des wahren Verhältnisses der Strafen gegen die Verbrechen, als den wichtigsten Gegenstand der gesetzgebenden Klugheit betrachtet. Die vollständige Auflösung dieser Aufgabe aber haben wir, wie es scheint, dem gemäßigten Klima ganz allein zu danken, weil man nirgends, als hier, die Grundsätze, auf welchen diese Untersuchung beruhet, gehörig zu fassen im Stande war. England gibt vielleicht das vollkommenste Muster in Rücksicht auf die Proportion der Strafen, obwohl auch hier noch manche Fehler übrig sind, welche der Gesetzgebung in diesem State zur Unehre gereichen. Indessen entfernen sich die englischen Gesetze überhaupt gänzlich von der Verstellung einer rächenden Gerechtigkeit, und sehen die Strafen zwar als ein nothwendiges, aber unglückliches Mittel an, die Unterthanen von Verbrechen zurück zu halten. Eben dieser Grund muß auch die Lebens=Strafen, da wo sie vollstreckt werden sollen, in Verbindung mit den göttlichen Gesetzen, welche das Siegel auf ihre Vollziehung drücken, rechtfertigen. Aber keine, die nothwendigen Leiden eines gewaltsamen Todes übersteigende Schmerzen, oder Beschimpfung, erhöhen in einem sol<40, 551>chen Falle die Todes=Strafe. *

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Die, dem Anscheine nach, die Todes=Strafe bey dem Hoch=Verrathe erschwerenden Strafen, z. B. die Ausreissung des Herzens, u. a. m. werden nur an dem todten Körper vollstreckt. Frauenspersonen werden in dergleichen Fällen allezeit zuvor erdrosselt, und nachher erst verbrannt.

Philosophen vom ersten Range, z. B. Montesquieu, Vollaue und Beccaria, haben diese Mittel=Straße, welche man nicht leicht anderswo, als in England, beobachtet findet, in ihren Schriften empfohlen, wiewohl der Letztere in Absicht auf die Gelindigkeit der Strafen so weit gegangen ist, daß seine Theorie sich mit dem Frieden und der Sicherheit der Gesellschaft schwerlich vereinigen lässet. Noch vor einiger Zeit hob ein Parlaments=Schluß in keiner andern Absicht, als neuen Verbrechen zuvor zu kommen, die Brandmarkung mit fortdauernden und in die Augen fallenden Zeichen der Schande, gänzlich auf. So schimpflich auch die auf gewisse bürgerliche Verbrechen gesetzte Strafe, z. B. das Hals=Eisen, immer ist: so verknüpfen doch die heutigen englischen Rechte in dergleichen Fällen den Verlust der Ehre und der gemeinen Achtung mit einer solchen Strafe nicht, am wenigsten die Unfahigkeit zu Zeugnissen. Wer z. B. einer Schmäh=Schrift wieder die Regierung wegen, an das Hals=Eisen gestellt wird, kann darum nicht weniger als Zeuge gebraucht werden; dagegen derjenige, welcher durch arglistige Betriegereyen Andere in Unglück gebracht, oder einen Meineid begangen hat, mit dieser Strafe zugleich auch die Fähigkeit zu Zeugnissen verliert.

Das römische Recht sieht gleichfalls die Abhaltung von Verbrechen als den Endzweck und Maßstab der Strafen an; *

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L. 20. Dig. de poenis.

und es gereicht der englischen Gesetzgebung zu einem vorzüglichen Ruhm, daß die Beschaffenheit der Strafen hier, so wie auch in verschiedenen <40, 552> andern europäischen Ländern geschieht, nach eben diesem Grundsatze bestimmet wird.

Je verderblicher die Folgen der Mißhandlung sind, und je öfter sie wiederhohlt wird, *

*
Eine Verordnung Ludwig des XIV. erhöht die Strafe der Gottes=Lästerung stufenweise bis zur siebenten Wiederhohlung.

desto mehr wächst die Schuld des Verbrechens. In beyden Fällen muß also auch die Strafe härter seyn. Dieser Unterschied wird in den englischen Gesetzen mehrentheils sehr sorgfältig und mit großer Klugheit bestimmet. Ich berufe mich z. B. auf die Verordnung wegen des vorsetzlichen, doch mit keinen beschwerenden Umständen begleiteten Todtschlages, wo das Gesetz die Fälle deutlich angibt, in welchen die Strafe abgeändert werden soll. Eben daher rührt der häufige Gebrauch der Geld=Strafen in den englischen Gerichten, die sich von der in heißen Ländern so gewöhnlichen Einziehung des Vermögens in aller Absicht unterscheiden. Jene setzen Ueberweisung voraus, diese erfolgt auf einen bloßen Verdacht; jene sind in den Gesetzen auf eine Summe eingeschränkt, die der Bestrafte, ohne seine Familie zu Grunde zu richten, oder sich an den Bettelstab zu bringen, bezahlen kann, diese betrifft das ganze Vermögen, dessen man habhaft werden kann. Jene dienen also dem Uebelthäter zur Warnung und Besserung; diese trifft nicht selten den Unschuldigen, und bringt ihn durch den hoffnungslosen Zustand, in welchen sie ihn versetzt, dahin, daß er ein Bösewicht wird. Kurz: in jenem Falle soll der Boshafte gebessert werden; in diesem wird der gute Bürger zum Lasterhaften gemacht.

Noch ein Vorzug des peinlichen Gerichts=Verfahrens in nördlichen Ländern überhaupt, und insonderheit in England, ist: die sorgfältige Beobachtung <40, 553> des Wohlstandes bey den mehresten Leibes=Strafen. Gegen das weibliche Geschlecht und gegen Personen von Stande, verfährt man bey Vollziehung der Strafe mit einer gewissen Achtung, und gestattet dem Pöbel nicht, wie an andern Orten nicht ungewöhnlich ist, den verurtheilten Missethäter zu verspotten, oder über seine Leiden zu frohlocken. Es ist wahr, diese Vorzüge der Criminal=Gesetzgebung werden nicht überall unter dem nördlichen Klima, dem sie doch eigentlich ihren Ursprung zu danken haben, angetroffen. Stats=Veränderungen sowohl, als auch der verschiedene National=Zustand, in Rücksicht auf Macht und Sitten=Bildung, nebst mehrern andern Ursachen, haben zuweilen diese weise Anstalten bey nördlichen Völkern, ungeachtet ihre Lage sie dazu geneigt machte, gehindert, oder in Vergessenheit gebracht. Indessen überzeugen uns noch Ursachen genug, daß das Studium dieses Theiles der Rechts=Wissenschaft auf diesem Boden einheimisch ist, obgleich seine Cultur durch zufällige Hindernisse aufgehalten werden kann.

Ich betrachte auch noch den Einfluß des Klima auf Gebräuche und Sitten oder Gewohnhelten.

Gesetze und Gebräuche sind zwar zwey nahe mit einander verwandte, aber doch in gewissen wesentlichen Stücken sehr verschiedene Dinge. Ein Gebrauch ist eine allgemein übliche Verrichtung oder Unterlassung einer gewissen Handlung. Von dem Gesetze unterscheidet er sich erstlich dadurch, daß er nicht niedergeschrieben, noch in eine allgemein verbindliche Form gebracht ist. So ist z. B. der Gebrauch, irgend eine gewisse Kleidung zu tragen, wenn solche gleich durchgängig eingeführt ist, doch kein Gegenstand einer bürgerlichen oder sittlichen Verbindlichkeit, sondern beruhet bloß auf der Willfährigkeit, sich seinen Mitbürgern <40, 554> gleich zu verhalten. Zweytens, sind die Gesetze allezeit als Aussprüche der regierenden Macht, sie sey in welchen Händen sie wolle, zu betrachten; dahingegen die Gebräuche allezeit von der ganzen Nation abhängen, und gleichsam eine Art stillschweigender Vertrage sind, diese oder jene Handlung zu verrichten, oder ein gewisses äusserliches Betragen anzunehmen. Aus dieser Ursache hat vermuthlich auch das Klima einen sichtbarern Einfluß auf Gebräuche, als auf Gesetze.

Klassifizierung: 355 MilitärwissenschaftDDC-Icon Klassifizierung: 391 Kleidung und äußeres ErscheinungsbildDDC-Icon Einfluß heißer Himmelsstriche auf die Gebräuche. Wären wir mit den Gebräuchen und Sitten heißer Länder besser bekannt, so würden wir auch dem Einflusse des Klima auf dieselben leichter und sicherer nachspüren können. Doch ist es in einigen Fällen möglich, den Zusammenhang zwischen den dortigen Gebräuchen und dem Klima zu ergründen. Die Kleidung ist in heißen Ländern allezeit wallend, und liegt nie dicht am Leibe an. *

*
Das Gegentheil sagt Tacitus, c. 18, von den alten Deutschen.

Die öffentlichen Gebäude sind hoch und geräumig, und die Privat=Häuser mit Absicht dazu eingerichtet, die allzu große Hitze abzuhalten. Von diesem allen findet man den Grund in gewissen natürlichen Bedürfnissen des Klima. *

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Die weite und schwimmende Kleidung der morgenländischen Völker schickt sich für ihr Klima vortrefflich, so wie die zahlreichen Falten ihres musselinen Turbans sie gegen die brennenden und senkrechten Sonnen=Strahlen schützen.

Andere Gebräuche hingegen, z. B. die Einschränkung, Niedrigkeit, und der fast sclavische Zustand, in welchem die Weiber daselbst leben, lassen sich aus der in dem Character der südlichen Völker liegenden Eifersucht, Stolz und Empfindlichkeit, und aus der despotischen Regierung, hinreichend erklären.

Endlich gibt es noch gewisse Gebräuche, die zwar auch von der Beschaffenheit des Klima abzuhängen <40, 555> scheinen, sich aber doch nicht ohne mancherley Schwierigkeiten aus Einer fest bestimmten und hinreichenden Ursache herleiten lassen. Hierher gehören die schweren Büßungen, welche einige indianische Priester oder Faquirs sich selbst auflegen, und die Gewohnheit der indianischen Weiber, sich mit ihren verstorbenen Männern verbrennen zu lassen.

Die in heißen Himmelsstrichen herrschenden Gebräuche erhalten sich eben sowohl, als die Sitten, lange Zeit hindurch unverändert. Die Gebräuche der Morgenländer sind noch eben dieselben, die sie vor 2000 Jahren gewesen sind. Ihre Kleidung war damahls ein weiter Rock, und auf dem Haupte trugen sie einen Turban, gerade wie noch heut zu Tage. Ihre Fürsten entzogen sich, wie noch jetzt, den Augen ihrer Unterthanen, und kamen fast nie aus ihren Pallästen hervor. Es war ehedem in den Morgenländern gewöhnlich, und ist es noch jetzt, daß die Hof=Leute an dem Thore des königl. Pallastes aufwarteten; *

*
Daher war das Sitzen in des Königs Thor ein Kennzeichen hohen Ranges, weil es das Recht, um den König zu seyn, voraus setzte. So saß der Jude Mardochai in Königs Ahasverus Thor, und Daniel in dem Thore Nebucadnezar's Und Xenophon gedenkt, sowohl im 8ten B. der Cyropädie, als auch in dem Buche vom Kriegszuge des jüngern Cyrus, des Aufwartens der Hof=Leute am Thor des königl. Pallastes. Diese Gewohnheit findet man noch heut zu Tage in den Morgenländern, und, wie Shaw erzählt, auch in der Barbarey. Letztgedachter Schriftsteller ist der Meinung, daß man aus dieser Ursache den Hof des türkischen Kaisers die Pforte genannt habe.

eine Gewohnheit, die der ältere Cyrus eingeführt haben soll, wahrscheinlicher Weise aber weit ältern Ursprunges ist. Auch wurde damahls in den Thoren der Palläste, so wie noch heutiges Tages, Gericht gehalten.. *

*
Ausdrücke, welche sich hierauf beziehen, findet man 5 Mos 22, 15, und 25, 7; Ps. 127, 53 Jes. 29, 15; Ames 5, 10. Homer stellt den Priamus mit seinen Räthen am seäischen Thore sitzend vor. Plutarch erzählt, im Leben des Camillus, daß man zu Rom einige Rechts=Sachen, selbst in peinlichen Fällen, unter den Thoren der Stadt abgemacht habe, und unter andern auch Manlius Capitolinus daselbst verhört worden sey. Shaw berichtet, daß man noch heut zu Tage in Algier unter dem Thore des Pallastes Gericht halte. Merkwürdig ist es, daß selbst in England die Gefängnisse ehedem meistentheils an den Thoren der Städte, vielleicht aus einer ähnlichen Ursache, angebracht wurden. Die Benennungen der Londner Gefängnisse Newgate, Ludgate, Gatehoule, u. s. w. können als Beweise dienen.

<40, 556>

Bey den medischen Königen war es vor alten Zeiten gewöhnlich, Statthalter, welche bey ihnen in Ungnade gefallen waren, durch Abgesandte erdrosseln zu lassen, eben so wie es noch heut zu Tage in jenen östlichen Reichen zu geschehen pflegt.

Die Unveränderlichkeit der Gebräuche in jenen Ländern hat mancherley Ursachen. Erstlich ist die Beschaffenheit des Klima sich immer selbst gleich, und wenigern Veränderungen unterworfen, als in Ländern, die unter einer gemäßigten Breite liegen; und daher ist auch die Lebensart der dortigen Menschen das ganze Jahr hindurch fast immer dieselbe. Zweytens ist das feine Gefühl der sinnlichen Werkzeuge, welches die Seele jedem Eindruck öffnet, mit einer gewissen Trägheit des Körpers und der Seele verknüpft, wodurch beyde zu jeder Anstrengung untüchtig werden. Man begreift daher leicht, daß es in diesen Gegenden sehr schwer hält, starke, und durch öftere Wiederhohlung zur Gewohnheit gewordene sinnliche Eindrücke und Empfindungen aufzugeben, oder gegen neuere zu vertauschen. Also muß man sich die ausserordentliche Macht der Gewohnheit in heißen Erdstrichen erklären. Die Wiederhohlung einer gewissen Handlung vermag daselbst über die Menschen so viel, daß man auf sie die Worte anwenden kann, deren sich Burke in ähnlicher Rücksicht von den Wahnwitzigen bedient: „ihre allzu große Empfindlichkeit bringt die Lebensgeister in Un<40, 557>ordnung, und veranlaßt sie oft, gewisse Handlungen bis an ihren Tod unaufhörlich fortzusetzen”. Hieraus kann man sich auch einige anscheinende Wiedersprüche in dem Character dieser Völker, deren ich oben gedacht habe, erklären.

Eine andere Ursache der Unveränderlichkeit der Gebräuche in heißen Ländern, ist die genaue Beziehung, in welcher sie daselbst mit der Religion und den Gesetzen stehen. In Indien machen Religion, Gesetze und Gebräuche, nur ein einziges Ganzes aus. Jeder Gebrauch ist Religions=Vorschrift und Rechts=Grund=Satz. Eben so verhält es sich auch in China. Die chinesische Sprache schreiben zu lernen, kostet viel Mühe; und da die Chineser ihre ganze Lebenszeit darauf verwenden, die Bücher, welche von ihren Gebräuchen handeln, lesen und verstehen zu können, so trägt dieses vermuthlich nicht wenig dazu bey, den Gemüthern des Volkes diese Gebräuche tief einzuprägen, und dieselben auf diese Art zu verewigen.

Die Gebräuche heißer Länder sind ferner, wenigstens bey gesitteten Nationen, allgemein ausgebreitet. Im ganzen Orient ist fast einerley Lebensart eingeführt, und in dem großen chinesischen Reiche herrschen, selbst in den kleinsten Umständen, durchgängig einerley Gewohnheiten. Diese Allgemeinheit der Gebräuche lässet sich aus denselben Ursachen erklären, die ich so eben von der Unveränderlichkeit derselben angezeigt habe.

Einfluß eines kalten Klima auf die Gebräuche. Die Kälte hat eben sowohl, als die Hitze, Einfluß auf National=Gebräuche; nur sind ihre Wirkungen in diesem Falle nicht so mächtig und allgemein. Man kann mit vieler Wahrscheinlichkeit behaupten, daß die in kalten Ländern gewöhnliche Kleider=Tracht eben so wohl, als diejenige, deren die Bewohner heißer Gegenden sich bedienen, eine sichtbare Beziehung auf die Bedürfnisse des Klima habe. Es ist gewiß, daß ihre ursprüng<40, 558>liche Form mancherley Abänderungen erlitten haben mag; man kann aber doch nicht ohne Grund vermuthen, daß sie in den ältesten Zeiten mit der gegenwärtig, oder wenigstens mit der vor etwa 200 Jahren in vielen europäischen Ländern üblichen Kleider=Tracht, viele Aehnlichkeit gehabt habe. Tacitus erzählt, daß zu seinen Zeiten die Kleidung der Deutschen nicht weit und faltig, wie bey den Sarmaten und Parthern, gewesen sey, sondern dicht an dem Körper angelegen habe, so, daß man in ihr die Gestalt aller Glieder habe unterscheiden können. Noch mehr Aehnlichkeit mit der heutigen europäischen Tracht hatte die Kleidung der deutschen Weiber. Ihr Gewand hatte keine Aermel, sondern die Arme waren vom Elbogen bis an die Hand bloß, und so auch der obere Theil des Halses. Es ist schwer einzusehen, warum man in kalten Erdstrichen, diese Art sich zu kleiden vor allen andern gewählt hat. Vielleicht um gewisse häusliche Geschäfte, z. B. Waschen etc. mit mehrerer Bequemlichkeit verrichten zu können.

Arbuthnot *

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Ueber die Wirkungen der Luft auf den menschlichen Körper, Cav. 6. §. 20.

behauptet, die Verschiedenheit der Luft=Wärme habe auch auf die Bildung der Sprache einigen Einfluß. Der abgebrochene rauhe Sprach=Ton der nordischen Völker, rührt vielleicht daher, daß sie, so viel als möglich, sich hüten, den Mund in der Kälte weit aufzuthun, daher ihre Sprache einen Ueberfluß an Mit=Lautern hat. In wärmern Ländern hingegen pflegt man, aus entgegen gesetzten Ursachen, den Mund mehr zu öffnen, und daher muß die Sprache daselbst einen sanftern Klang und einen Ueberfluß an Selb=Lautern haben.

Die Bewohner kalter Erdstriche sind in der Anhänglichkeit an ihren Gebräuchen weit weniger bestän<40, 559>dig, als diejenigen, welche in heißen Ländern leben. Der russische Zar Peter I. unternahm eine gänzliche Abänderung der Gebräuche und Sitten in seinem ganzen ungeheuern Reiche, und führte sie ohne großen Wiederstand und ohne Blutvergießen aus. Ein ähnlicher Versuch, den ein chinesischer Kaiser machte, seine Unterthanen zu Abschneidung der Nägel und der Haare zu nöthigen, zog eine gänzliche Stats=Umkehrung nach sich. Wenn man gleichwohl bedenkt, daß die Bewohner des russischen Reiches stark und muthig, die Chineser hingegen schwach und verzagt sind, so sollte man glauben, daß es weit leichter seyn müßte, in China eine solche Sitten=Aenderung zu treffen, als in Rußland. So wie aber dort das Vermögen Wiederstand zu leisten größer, und der Trieb, welcher es in Thätigkeit zu setzen vermochte, schwächer ward: so wurde hingegen in China dasjenige, was der Kraft zu wiederstehen abging, durch den überwiegenden Antrieb zur Wiedersetzlichkeit, durch hartnäckige Beharrlichkeit auf einmahl eingeführten Gebräuchen, ersetzt.

Einfluß eines gemäßigten Klima auf Gebräuche und Gewohnheiten. Man kann schwerlich behaupten, daß es gewisse Gebräuche gebe, welche gemäßigten Klimaten ganz allein eigen wären. Die daselbst üblichen Handlungs=Weisen und Gewohnheiten sind ausserordentlich veränderlich, und nähern sich bald denjenigen, welche in kalten, bald solchen, die in heißen Ländern eingeführt sind, je nach dem Vergrößerung des Gebiethes und National=Reichthumes, Einfluß irgend eines auswärtigen States, oder andre Umstände, den Ausschlag auf dieser oder jener Seite geben.

Von dem Einflusse des Klima auf die Regierungs=Form und Religion, werde ich an seinem Orte handeln.

<40, 560>

Diss. de zonis et climatibus. Praes. Melch. Crüger. Resp. Ge. Henr. Hoffmann, Vitemb. 1660, 4. 1 u. e. h. B.

Diss de differentiis naturatum respectu climatum. Praes. Andr. El. de Büchner. Resp. Werner. Guil. Müller, Hal. 1746, 4. 8 u. e. h. B.

Anmerkung von den Wirkungen der Versetzung oder Veränderung des Klima, bey den Gewächspflanzen, Thieren und Menschen, st. im 75 St. der berl. wöchentl. Relat. der merkw. Sachen aus dem Reiche der Natur etc. a. d. J. 1754, S. 599, und 76 St. S. 604, f.

Beweis, daß die Veränderung des Erdbodens und des Klima einer Sache oft mehr zur Vollkommenheit als zum Schaden gereiche, st. im 26 St. der Stuttg. physik. ökon. Realzeit. oder gemeinnützl. Wochenschr. v. J. 1755.

The causes of heat and cold in the several climates and situations of this globe, so far as they depend upon the rays of the Sun, by J. Scheldrake, Lond. 1756, gr. 8. 3 B.

Betrachtung über das Leben der Thiere, und den Einfluß des Klima in dieselben, st. im 30 St. der physikal. Belustig. Berl. 1757, 8. S. 1497 -- 1511.

J. D. F. Abhandlung von den Ursachen der Hitze und Kälte unserer Erde, st. im 1 B. der Carloruher nützl. Samml. v. J. 1758, S. 120 -- 149.

Bemerkungen, was das Klima für einen Einfluß auf den Holz=Wuchs habe, st. im 3 B. des allgem. öcon. Forstmagaz. Frf. und L. 1763, gr. 8. S. 179 -- 184.

La Physique de l' histoire, ou Considerations générales sur les principes élémentaires du temperament & du caractère naturel des peuples, (par Mr. l' Abbé Pichon) à Amst. 1765, 8. Die wahre Absicht des Verf. ist, die Einwohner der warmen Länder zu vertheidigen, die in kältern Gegenden wohnenden zu verschwärzen, und zuletzt den gemäßigten Himmelsstrichen, worunter der Verf. sein Vaterland die Provinz Maine zählt, den Vorzug in allem Guten zu zuschreiben.

Jo. Gottl. Steebs Versuch einer allgemeinen Beschreibung von dem Zustand der ungesitteten und gesitteten Völker, nach ihrer moralischen und physikalischen Beschaffenheit, Carlsruh, 1766, 8. 13 B.

Lettre à M*** dans laquelle on examine le sentiment de Varénius, sur l' ordre des saisons entre l' équateur et le huitiéme degré de latitude; oü l' on se propose ensuite de démontrer, que, de tous les habitans de la terre, caux qui sont à l' équateur, ou auprès de l' équateur, doivent ressentir tous les jours, le soir, un froid proportionellement plus grand que tous les autres peuples de la terte, et que cette différence de température dans la journée, diminue à mesure que l' on approche des pôles; par M. Tr. de L. st. im Merc. de France, Nov. 1767, S. 156 -- 170.

Von dem Einfluß der Landesart auf die Sitten und Gemüther der Menschen, s. das 31 St. der nützl. Beytr. zu den Strelitz. Anz. v. J. 1768.

<40, 561>

Beantwortung der Frage: was ein Klima im ökonomischen Verstande sey, st. im 27 St. der ökon. Nachr. der patriot. Gesellsch. in Schlesien v. J. 1774, S. 213 -- 218.

Hat das Klima, oder die Regierungsform, einen größern Einfluß in den verschiedenen Charakter der Völker? Eine Abhandlung von D -- r. st. in No. 3 der Olla Potrida, v. J. 1778. Berl. gr. 8. S. 66 -- 90.

Einige Grundsätze vom Klima, oder vom Einfluß des Himmelsstrichs auf den ursprünglichen Character der Nationen, ven C. L. Junker, st. im 7 St. der Ephemeriden der Menschheit, v. J. 1778, S. 8 -- 19.

Frage: Was ein Klima in ökonomischen Verstande sey, von Zeplichal, st. im 45 St. der ökon. Nachr. der patriot. Ges. in Schles. v. J. 1779, S. 353 -- 358.

Forsök at visa, det olika Climater icke verka hos Folkslagen olika Lynnen och Själens förmögenheter, uti Tal, häller föt, Kong. Vet. Acad. d. 25 Oct. 1780, af Bengt Ferrner. Stokh. 1780, 8. 3 B. Hr. Kauzley=Rath Ferrner zeigt die Unrichtigkeit der Meinung des Hume und Helvetius, welche sich gegen den von Montesquieu behaupteten, und von Castilhon bestätigten Satz, das Klima sey der Grund von dem verschiedenen Character der Nationen, erklärte, und stellt die Beweise des Montesquieu und Castilhon in ihrer Blöße dar.

Some observations relative to the influence of climate on vegetable and animal bodies, by Alex. Wilson. Lond. 1780.

D. übers. u. d. T. Alex. Wilsou's Beobachtungen über den Einfluß des Klimas auf Pflanzen und Thiere. Aus dem Engl. Lpz. 1781, gr. 8. 11 u. e. h. B.

Remarks on the influence of Climate, Situation, Nature of country, Population, Nature of food, and Way of life, on the disposition and temper, manners and behaviour, intellects, laws and customs, form of govetmment and religion of mankind. By Will. Falconer. Lond. 1782.

D. übers. u. d. T. Wilb. Falconer's Bemerkungen über den Einfluß des Himmelsstrichs, der Lage, natürlichen Beschaffenheit und Bevölkerung eines Landes, der Nahrungs=Mittel und Lebensart, auf Temperament, Sitten, Verstands=Kräfte, Gesetze, Regierungsart und Religion der Menschen. Aus dem Engl. mit Anmerk. und Zusätzen. Lpz. 1782, gr. 8. 2 A. 1 B.

Ueber den Einfluß des Klima, der Landesbeschaffenheit, Lage, Bevölkerung, Nahrungsmittel und Lebensart auf ganze Nationen, st. im 4 St. der Jahrbücher des Geschmacks und der Aufklär. v. J. 1783, S. 4 -- 28.

Von dem Unterschiede der Länder und des Klima, als einer Ursache von dem mannichfaltigen Unterschiede der Biere, s. im V Th. Pfeil-IconS. 3, f.

Klassifizierung: 613.1 UmweltfaktorenDDC-Icon So wichtig die Betrachtung der Klimate für den Naturforscher und den Oekonom ist: eben so nützlich <40, 562> ist es für den Arzt, sein Augenmerk darauf zu richten. Fast jedes Reich hat seine besondere Krankheiten, wobey das Klima den größten Einfluß hat. Man weiß, daß oft die gesundesten Menschen, wenn sie aus einem Lande in das andere kommen, sogleich mit Krankheiten befallen werden, die kein Arzt heilen kann, wenn er nicht darauf Rücksicht nimmt. Auch ist es bekannt, daß selbst die sich ziemlich ähnlichen Klimate der europäischen Reiche ihre ganz besondere einheimische (endemische) oder Land=Krankheiten, Morbi endemii oder endemici, haben, die auch besondere Heilungs=Arten erfordern. Ueberhaupt bemerkt man, daß die Einwohner der heißen Klimate mehrentheils zu hitzigen Faul=Fiebern geneigt sind; die Bewohner der gemäßigten Klimate leiden mehr an Wechsel=Fiebern und chronischen Krankheiten; und die Nord=Länder der kältesten Klimate sind mit dem Scharbocke und mit Entzündungen behaftet. Allein, so wie die Thiere und Pflanzen Wanderungen aus Süden nach Norden gethan haben, so ist es auch mit vielen Krankheiten ergangen; und da ein Volk seine Krankheiten mit andern fremden vertauscht hat, so ist die Zahl derselben auch leider um viele vergrößert worden.

Wenn Europäer in die warmen Gegenden kommen, so ist ihr Körper noch nicht genug erschlafft, um unbehindert ausdunsten zu können; sie bekommen daher eine Krankheit, welche man dort the Seasoning nennt, und die ein Entzündungs=Fieber ist. Die starke Ausleerung, welcher die Kranken während der Cur sich unterwerfen müssen, erschlaffet ihre Gefäße, und verschaffet ihnen eine freye und leichte Ausdunstung. Hierin besteht die Veränderung oder der Grad von Erschlaffung, worunter man das Gewohntwerden eines Klima versteht.

Mit eben diesen Zufällen werden auch diejenigen befallen, die aus heißen oder gemäßigten Gegenden nach Grönland oder Nova Zembla reisen. Die Ausdunstung, an welche der Körper einmahl gewöhnt ist, wird durch die Kälte gehemmet; die Stärke des Kreislaufes des Blutes hat die <40, 563> Gefäße in ihren Lungen noch nicht so erweitert, daß diese eine so starke Ausleerung bewirken könnten, wie die Lungen der Eingebornen, bey denen wegen der Spannung ihrer festen Theile ein schneller Kreislauf, mithin eine reichliche Ausleerung Statt findet. Daher sind Fremde dem Scharbocke mehr, als die Eingebornen, ausgesetzt, besonders im ersten Winter, als nachher, wenn sie, durch die Erweiterung der Lungen=Gefäße, des Klima gewohnt worden sind. Da auch diese Gefäße zu einer beständigen Ausleerung genöthiget werden, so werden sie dadurch immer in diesem Zustande erhalten, ja eher noch mehr erweitert.

Erschlaffung der Körper lässet sich als eine gewisse Disposition zur Fäulniß betrachten, welche die Ursache fast aller dem heißen Klima eigenen Krankheiten zu seyn scheint. Diese Art von Fäulniß entsteht sonst von Schwäche, in warmen Gegenden aber zugleich von roher vegetabilischer Nahrung. Mehr scorbutische Zufälle, als gänzlicher Scharbock, sind in solchen Gegenden gleichfalls häufig, und rühren von einem zu sehr animalisirten Zustande des Körpers und einer imprägnirten Atmosphäre her. So sind auch Durchfall und Ruhr, wegen der rohen vegetabilischen Nahrung und der Erschlaffung, nichts seltenes. Am meisten aber herrschen Faul=Fieber. Sie entspringen von der unterdrückten Ausdunstung, und einem zu sehr angeschwängerten Dunstkreise; dadurch wird die Materie, welche durch die Haut und durch die Lungen ausgeführt werden sollte, im Körper zurück gehalten. Ein solches Fieber nimmt sehr schnell überhand, und daran ist das Klima Schuld.

Da Nerven=Krankheiten die Folge eines erschlafften Körpers sind, so findet man sie in heißen Gegenden ebenfalls häufig. Der unangenehme und öfters höchst faule Geruch, den die Gauche aus den durch blasenziehende Mittel erzeugten Blasen in dieser Krankheit von sich gibt, beweiset, wie sehr die Säfte zur Fäulniß geneigt sind.

Der Kinnbacken=Zwang, welcher sich bey leichten Verwundungen einstellt, ist zwischen den Wende=Kreisen etwas sehr gemeines, und rührt von einer ausserordentlichen Reitzbarkeit der Nerven her; s. Th. XXXVIII, Pfeil-IconS. 15.

Die dem kalten Klima eigenen Krankheiten, entspringen von einer zu starken Spannung der Fibern, woran die gar zu heftige Kälte Schuld ist. Doch sind auch faulende Krankheiten etwas sehr gewöhnliches, weil der Körper durch <40, 564> die Nahrung, und aus Mangel der gehörigen Ausdunstung, in einen zu sehr animalisirten Zustand versetzt wird, obgleich die Luft, welche die Bewohner athmen, sehr dephlogistisirt ist. Was für Wirkung eine beständige vegetabilische Nahrung bey einem Einwohner in Nova Zembla hervor bringen würde, lässet sich schwer bestimmen; doch ist es wahrscheinlich, daß auch da zur Unterhaltung der animalischen Wärme und Bewegung eine gewisse Disposition zur Fäulniß schlechterdings nothwendig sey. Dieses erhellet noch deutlicher, wenn man erweget, daß, wie Crawford *

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In seinen Experiments and observations on animal heat &c. Lond. 1779, welche auch deutsch übersetzt sind, u. d. T. Adair Crawfords Versuche und Beobachtungen über die thierlsche Wärme, Lpz. 1785, 8.

bewiesen hat, Körper ihre empfindbare Wärme desto schneller verlieren, je kälter in Verhältniß die Atmosphäre ist, von welcher sie umgeben sind. Daher muß in sehr kalten Gegenden aus der in die Lungen eingesogenen Luft eine größere Menge Wärme abgesetzet werden, um den beständigen Abgang der Wärme, den der Körper auf seiner Oberfläche leidet, zu ersetzen. Die Quantität der absoluten oder verborgenen Wärme in der Atmosphäre aber hängt von der Reinigkeit dieser Luft ab. Um diese Wärme in den Lungen abzusetzen und empfindbar zu machen, bedarf es einer Quantität Phlogiston, die vorhanden seyn muß, um in den Lungen zersetzt zu werden. Daher scheint eine Neigung des Körpers zur Fäulniß, wobey das Phlogiston sich überflüssig entwickeln kann, nothwendig, um eine hinreichende Absonderung der Wärme aus der in den Lungen vorhandenen atmosphärischen Luft hervor zu bringen, und dadurch die Temperatur des Körpers zu unterhalten. Die Erfahrung bestätigt diese Wahrheit; denn unter allen Himmelsstrichen wird die Luft um desto mehr dephlogistisirt, je kälter sie wird, da hingegen die Atmosphäre in tropischen Breiten mehr Phlogiston, und folglich weniger Wärme enthält, daher minder fähig ist, die Wärme des Blutes in den Lungen zu vermehren. Unter jenen Himmelsstrichen ist also ein geringerer Absatz der Wärme und der atmosphärischen Luft nöthig, weil der Körper an seiner Oberfläche unendlich weniger Wärme, als in nördlichen Gegenden, verliert. Es ist daher wahrscheinlich, daß der Vorrath von Wärme, der <40, 565> in den Lungen abgesetzt wird, durch den Verlust, welchen der Körper auf seiner Oberfläche leidet, bestimmt werde, weil die Atmosphäre verschiedener Gegenden in Verhältniß der Wärme dieser Gegenden phlogistisirt ist, und weil sie die Wärme von der Oberfläche des Körpers bald geschwinder, bald langsamer, einsauget, nach dem die Gegenden mehr oder weniger warm sind. Unter heißen Himmels=Strichen, wo die verborgene Wärme der Atmosphäre geringe ist, wird daher die Absonderung in den Lungen auch nur geringe seyn, und der Verlust der Wärme auf der Ober=Fläche des Körpers in demselben Verhältnisse sich vermindern. Auf diese Weise lässet sich die unter allen Klimaten durchgängige Gleichheit der Wärme des menschl. Körpers erklären.

Solcher Gestalt scheint unter sehr kalten Klimaten ein gewisser Grad von Fäulniß dem menschl. Körper nothwendig zu seyn, weil er das natürlichste und wirksamste Mittel abgibt, die Einwirkung der Kälte zu verbessern, und den zu Erhaltung des Lebens erforderlichen Grad von Wärme zu unterstützen.

Auf denjenigen Theilen der Oberfläche unserer Erdkugel, welche sich in jeder Hemisphäre von 30 bis 65 Grad der Breite erstrecken, oder unter den gemäßigten Klimaten, findet man, im Ganzen genommen, kaum eine Krankheit, oder Art von Krankheit, die man endemisch nennen könnte. Der Grund davon liegt darin, weil jene Ursachen, welche die Krankheiten in dem heißen und kalten Klima erzeugten, in diesen Gegenden keine hinreichende Kraft zu wirken haben. Als eine Folge dieses Mangels an Kraft, einen allgemeinen Character hervor zu bringen, findet man dagegen, daß sich unter gemäßigten Klimaten die in den heißen und kalten Gegenden gewöhnlichen Krankheiten mit einander vermischen, und unter verschiedener Gestalt erscheinen, welche durch unzählige Ursachen, die von der Lage, Jahrszeit, Bevölkerung, Waldung, Morästen und Cultur abhängen, vervielfältiget werden. Von diesen und andern ähnlichen Ursachen entspringen die mannichfaltigen Krankheiten, die man unter den temperirten Klimaten antrifft, da es im Gegentheil in den heißen und kalten deren wenige gibt, und die größten Theils nicht verwickelt sind.

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De prognosticatione secundum naturam regionum, s. Bern. Gordonii tr. de prognosticis, Pattic. II. c. 7, in Dessen Lilio medicinae, Frf. 1617, 8. p. 927 -- 930.

Account of the change of climat, and the effects of it, who are very sensible to human bodies, when he approach the Tropick, by Dr. Sinbbes, st. in Philos. Transact. Vol. III. for the year 1668, No. 36, S. 707, f.

Diss. de morbis endemiis, Praes. Chr. Jo Lange, Resp. Sam. Veielius. Lps. 1694, 4. 5 B.

Frid. Hoffmann diss. de morbis certis regionibus & populis peculiaribus. Hal. 1705, 4. 4 B. st. auch in Dessen dissertation. physico-medicar. selectior. Decade, L. B. 1713, 8. Diss. 3.

Aug. Quir. Rivini diss. de morbis endemiis, ist die 36ste in Dessen Dissertatt. med. Lps. 1710, 4. S. 639 -- 668.

A treatise of endemic diseases, by Clifton Wintringham, York, 1718, 8. 8 u. e. h. B.

Jo. Phil. Burggrav diss. de methodo medendi pro climatum diversitate varie instituenda. L. B. 1724, 4. 3 B.

Frid. Wilh. Hartmann diss. 1, de climate, eiusque notitia, medico admodum necessatia, Regiom. 1729, 4. 3 B. Diss. 2, 1729, 4 B.

Diss. de medendi methodo vatia pro climatum diversitate, Praes. Frid. Hoffmann, Resp. Paul. Curtius. Hal. 1734, 4. 5 B.

Jo. Casp. Meyer diss. de morbis endemiis, L. B. 1738, 4.

Diss. de diversitate corporum, morborum et curationum secundum regiones Europae, Praes. Jo. Gottlob Krüger, Resp. Chr. Frid. Henrici. Hal 1744, 4. 5 B.

Jo. Frid. Cartheuser diss. 1. de morbis endemiis. Frf. V. 1768, 4 5 B. Diss. 2 da, 1768, 5 B. Diss. 3tia, 1769, 4 u. e. h. B.

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