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Chymie, siehe Pfeil-IconChemie.

Chypre (Poire de) die Cypernbirn; s. Th. V, Pfeil-IconS. 425.

Ciambetta, siehe Pfeil-IconHammerfisch.

Cibebe, siehe Pfeil-IconCubebe.

Ciboule, L. Cepula, Cepa fissilis; s. Pfeil-IconZwiebel.

Cicada, siehe Pfeil-IconHeuschrecke.

Cicer, siehe Pfeil-IconKichern.

Cicero Klassifizierung: 686 Drucken und verwandte TätigkeitenDDC-Icon , heißt bey den Schriftgießern und Buchdruckern, eine gewisse Art sowohl deutscher, als lateinischer und griechischer Schrift, deren es verschiedene Gattungen giebt. Man hat z. E. grobe und kleine Cicero, Antiqua=Cicero, Cursiv=Cicero, Fractur=Cicero.

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Cichorien Klassifizierung: 583.99 Asterales (Asternartige)DDC-Icon , Hindläuft, Sonnenwedel, Wegewart, L. Cichoreum, Cichorium, Fr. Chicorée. Ein in vielen Gegenden von Europa wild wachsendes, und sonderlich zu unsern Zeiten, wegen seines Gebrauchs zum Kaffe, berühmt gewordenes Pflanzengeschlecht. Es giebt wilde oder sogenannte Feldcichorien, Cichorium sylvestre, s. officinarum, s. agreste, C. B. Cichorium Intybus Linn. und Gartencichorien, Cichorium hortense, domesticum, s. sativum. Man glaubt insgemein, leztere Sorte unterscheide sich von der erstern weiter durch nichts, als daß sie in den Gärten gezogen wird. Die meisten botanischen Schriftsteller haben auch beyde Sorten mit einander vermenget; allein, der Gartenwegewart, welcher in den meisten alten Büchern beschrieben wird, ist nichts anders, als die gemeine Endivie, von welcher ich an seinem Orte handeln werde. Zwischen beyden befindet sich ein wesentlicher Unterschied. Denn, die wilde Cichorie hat eine bleibende Wurzel; die andere hingegen ist fast nur eine zweyjährige Pflanze; und wenn man den Samen der letztern im Frühjahr aussäet, so bringen die Pflanzen in demselben Jahr Blühten und Samen, und verderben im Herbst, so daß sie eigentlich nur eine jährliche Pflanze genennet werden sollte.

Die wilde Cichorie treibt aus den Wurzeln lange Blätter, welche bis an die Mittelribbe zerschnitten sind, und zwar so, daß sich jeder Abschnitt mit einer Spitze endiget. Zwischen diesen Blättern kommen die Stengel heraus, welche 3 bis 4 Schuh hoch werden, und mit Blättern besetzt sind, welche wie die untern gestalltet, aber kleiner sind, und die Stengel an ihrer Basis umfassen. Diese theilen sich oben in verschiedene kleinere Stengel ab, welche mit eben dergleichen Blättern besetzt sind; doch sind dieselben kleiner und weniger zerschnitten. Die Blumen kommen an den Seiten der Stengel zum Vorschein, und haben eine schöne blaue, zuweilen aber auch weiße Farbe; sie pflegen sich allezeit nach der Son<8, 103>ne zu kehren, immaßen sie, es sey trübe oder heiter, mit Sonnen=Aufgang sich öffnen, mit deren Untergang aber sich wieder zusammenthun und schließen. Sie blühet im Junius und Julius, und der Same wird im September reif.

Klassifizierung: 635 Gartenpflanzen (Gartenbau); GemüseDDC-Icon Klassifizierung: 633.78 ZichorienkaffeeDDC-Icon Da die Cichorie einen mannichfaltigen, nicht nur öconomischen, sondern auch medicinischen Nutzen hat, so verdient sie, mit Fleiß angebauet zu werden. Zwar ist, ganze Feldmarken damit zu besäen, weder möglich noch rathsam; es giebt aber auf allen Landgütern noch hier und da einige abgesonderte Flecke, welche, weil sie, wegen ihrer Lage, dem Viehschaden gar zu sehr ausgesetzt sind, nicht allzubequem zum Getreidebau angewandt werden können, sondern sich zu dergleichen Nebendingen, die nach Zeit und Umständen öfters mehr Geld, als der ganze Getreidebau einbringen, weit besser schicken.

Die Cichorien gehören zur Gattung derjenigen Wurzeln, welche keinen zähen und festen, sondern lockern und milden Boden verlangen. Bey dem Anbau der Cichorienwurzel ist dieses um so nöthiger, als sie ganz ausserordentlich tief unter sich wächst, so, daß sie wohl eine Länge von 3/4 Ellen und mehr bekömmt, woran sie in einem von Natur festen und harten Erdreich offenbar gehindert werden würde. Aus eben diesem Grunde ist es sehr gut, wenn das Land, worinn die Cichorienwurzeln erzeuget werden sollen, recht tief gegraben wird. Und noch mehrern Vortheil wird es stiften, wenn dasselbe rajolet werden kann.

Die Herren Entrepreneurs der zu Berlin angelegten Cichorienfabrik, (wovon weiter unten zu sprechen Gelegenheit haben werde) rathen zwar, in ihrer Anweisung zur Bestellung des Cichoriensamens, an, daß das Land, wenn dessen zum Graben zuviel wäre, im Herbst umgestürzet, und nachher, im Frühjahr, durch tiefes Pflügen und öfteres Egen zubereitet werden sollte. Es scheint aber dieses eben nicht rathsam zu seyn, indem, wenn der Pflug auch 8 Zoll tief gienge, solches doch noch nicht hinreichend wäre, einer Wurzel, die mehr unter sich, als in der Breite, <8, 104> zu wachsen geneigt ist, den gehörigen Platz zu ihrem Wachsthum zu verschaffen. Am besten thut man wohl, daß man nicht einen stärkern Anbau davon übernimmt, als man Arbeiter, um das dazu erforderliche Land umzugraben, oder zu rajolen, aufbringen kann.

Klassifizierung: 631.8 Düngemittel, Bodenverbesserer, WachstumsregulatorenDDC-Icon Eine jede Wurzel hat zwar in einem lockern und mürben Erdreich den besten Fortgang; sie will aber doch dabey die zum Wachsthum erforderlichen Nahrungssäfte, folglich ein fettes wohlgedüngtes Land haben. Eben diese Beschaffenheit hat es auch mit den Cichorienwurzeln. Nur muß das Land, worinn dieselben erzeuget werden sollen, nicht in eben demselben Jahre frisch gedünget, sondern ein im vorigen Jahre wohlbedüngter Acker dazu erwählet werden. Denn, einestheils kann sich der frische Mist in dem ersten Jahre noch nicht genugsam mit dem Erdreiche mischen, und anderntheils ist der unverfaulte Mist eine Hinderniß, daß sich die Wurzeln nicht gehörig ausbreiten können. Wenn man aber einen solchen zum Anbau der Cichorienwurzel bestimmten Acker, mit Asche, Teichschlamm, Kammmacherspänen, und andern dergleichen künstlichen Düngungsarten fett machen wollte, so würde bey einer solchen Düngung diese Ursache hinwegfallen, und alsdenn auch schon in dem ersten Jahre der Cichoriensame ohne Bedenken darinn gesäet werden können.

Der Schweinemist wird von den Herren Entrepreneurs gänzlich untersaget, weil er, wegen seiner großen Fettigkeit, die Wurzel allzugeil machet, dahingegen aber der Hürdenschlag von Schafen, wenn man im Frühjahr düngen will, vor allen andern angepriesen. Es mag auch wohl selbiger, wenn man nur das Land durch bloßes Pflügen zubereiten will, von guter Wirkung seyn. Da aber, genauern Erfahrungen zufolge, bey dem Anbau der Cichorienwurzel das Pflügen nicht für rathsam zu halten ist, sondern dem Umgraben der Vorzug gebührt: so würde bey dieser Zubereitung, nehmlich dem Graben, von einem Hürden=Schlag nicht viel Vortheil zu hoffen seyn. Denn bekanntermassen ist die durch den Hürdenschlag dem Acker mitgetheilte Fettigkeit bloß in der obersten Fläche desselben befindlich, und ein jeder <8, 105> begreift von selbst, daß durch das Umgraben diese Fettigkeit viel zu tief in die Erde kommen würde, um davon eine erwünschte Wirkung erwarten zu können. Auch mögte ein Landwirth, der in dem Hürdenschlag, soviel das erste Jahr betrifft, jederzeit das beste, reinste und ergiebigste Korn zu erwarten hat, sich wohl schwerlich entschließen, denselben zu einer andern Sache, als zum Getreidebau, anzuwenden.

Die Herren Entrepreneurs haben ferner den Vorschlag gethan, daß, „ weil durch das Aufgraben der Wurzeln, das Land locker, reiner und tiefer, mithin gleichsam rajolet würde, man wohl thäte, wenn man dasselbe Land in der Folge einige Jahre lang zum Cichorienbau behielte, indem man sodenn mit dem halben Dünger zureichen könne, und der Acker durch das Wieten vom Unkrautsamen gereiniget werde ”. Wenn sie dieses aus einer vieljährigen wiederhohlten Erfahrung behaupten, so hat man dagegen nichts einzuwenden. Sollte aber dieser Rath nur aus einer bloßen Speculation geflossen seyn: so haben zwar die davon angeführten Ursachen allerdings vielen Schein vor sich, allein, es scheint dabey folgendes im Wege zu siehen. Es ist aus der Naturlehre sowohl, als auch aus der Erfahrung bekannt, daß nicht alle Gewächse einerley Nahrungssäfte erfordern, sondern eine jede Art von Früchten auch ihre besondere Art von Nahrungssäften verlange. Eine jede Frucht nimmt vorzüglich diejenigen Nahrungssäfte aus dem Erdreich an sich, die ihrer Natur gemäß sind. Was sie von Nahrungssäften zurückläßt, schickt sich wiederum besser für andere Gewächse. Wenn nun die Cichorienwurzel nicht von einer ganz besondern, von allen andern Gewächsen abweichenden, Natur ist, so würde dem oben erwähnten Vorschlage, selbige einige Jahre hintereinander auf eben denselben Acker zu säen, diese allgemeine Beobachtung offenbar zuwider seyn. Ein solcher Acker würde entweder alle Jahre frisch gedünget werden müssen, welches aber, vorbemerktermaßen, nicht rathsam ist, oder es müste den Cichorienwurzeln an den ihrer Natur gemäßen Nahrungssäften fehlen, und sie dadurch in ihrem möglichen Wachsthum zurückgesetzt werden.

Daß durch das Wieten, und Ausgraben der Wurzeln, das Land lockerer und reiner, folglich zum Cichorienbau immer bequemer gemacht wird, ist zwar wahr. Allein, dieses Gewächs ist nicht bloß mit dem bequemen Behältniß, so ihm hierdurch zubereitet wird, zufrieden; es will auch die nöthigen Nahrungssäfte haben. Diese aber hat dasselbe schon in dem ersten Jahre nach sich genommen. Was noch zurückgeblieben ist, kann dasselbe <8, 106> entweder, weil es seiner Natur nicht gemäß ist, nicht nötzen, oder es ist, um dessen Wachsthum zur gehörigen Vollkommenheit zu bringen, nicht hinlänglich.

Klassifizierung: 633.71 TabakDDC-Icon Weit annehmlicher ist dagegen der Vorschlag, welchen der vornehme und gelehrte Hr. Verfasser der Berliner Beyträge zur Landwirthschaftswissenschaft im I Bande, S. 193, f. thut, wodurch vorerwähnte Zweifel gehoben werden, und dabey dennoch, den von den Herren Entrepreneurs angeführten Ursachen, wegen mehrerer Auflockerung und Reinigung des Landes, Genüge geschehen kann. Da nehmlich viele Landwirthe, welche ihre Einkünfte ausser dem gewöhnlichen Ackerbau durch allerhand Beyhülfen zu vermehren suchen, nicht selten dazu den Tobaks=Bau zu wählen pflegen, und bekanntermaßen, durch den Anbau des Tobaks, wegen der vielfältigen Bearbeitung, der Acker ebenfalls sehr aufgelockert und von allem Unkraut gereiniget wird: so ertheilt gedachter vortreflicher Schriftsteller den Rath, die Tobaks= und Cichorien=Aecker dergestallt umzuwechseln, daß ein Jahr ums andere Tobak darinn gepflanzet, und sie hinwiederum in dem folgenden mit Cichoriensamen besäet würden; welche beyde Dinge sich um so füglicher zusammen passen, da sie beyde einerley Art von Boden erfordern.

Unter den verschiedenen Arten der Cichorienwurzeln, ist die bunte, welche röthlich und bräunlich geflammte Blätter hat, zum öconomischen Gebrauch die beste; und man hat sich also auch auf den von dieser Art gewonnenen Samen vorzüglich zu befleißigen. Eine vernünftige Vorsicht erfordert es, daß man vorher, ehe man den Samen ausstreuet, ob derselbe auch gut und reif sey, gehörig untersuche. Es ist der deshalben anzustellende Versuch untrüglich, wenn man vor der gewöhnlichen Saatzeit von dem empfangenen Samen einige Körner aussäet, und, wieviel derselben aufgehen, oder zurückbleiben, aufmerksam wahrnimmt. Hat man nicht eigenen gewonnenen Samen, wie denn solches in den ersten Jahren des Anbaues unmöglich ist: so thut man wohl, wenn man den Samen durch einander schüttet, und dergestallt vermengt aussäet. Es kömmt auf solche Art guter und schlechter Same durcheinander, und kein Stück Land, so damit besäet wird, bleibt ganz leer.

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Dieses ist der Rath, welchen mehrgedachte Herren Entrepreneurs gegeben haben. Allein, man kann dieser ihrer Meynung nicht wohl beypflichten. Auf die vorgeschlagene Art würden, durch den vermengten guten und schlechten Samen, alle dazu bestimmte Ackerstücke verdorben werden, und keines von ihnen der Erwartung des Anbauers eine gehörige Genüge leisten. Besser ist es, nach vorher angestellter Probe, den schlecht befundenen Samen gänzlich wegzuwerfen, und nur allein den guten auszusäen. Sollten auch einige schon zubereitete Aecker dadurch zurückbleiben müssen, so würde doch der daraus entstehende Schade nicht so groß seyn, als wenn allenthalben nichts rechtes wüchse, zumal das auf solche Art zurückbleibende Land noch immer mit andern gleichfalls nützlichen Gewächsen besäet oder bepflanzet werden kann.

Wenn das Land zur Saat völlig fertig ist: so geschieht das Aussäen, wie mit dem Samen vom Klee, Rüben und andern Wurzelwerk. Weil dieser Same sehr klein und subtil ist, so wird derselbe, wie es bey andern feinen Samen gewöhnlich ist, vor dem Aussäen mit Sand oder feiner Erde meliret.

Klassifizierung: 631.58 Spezielle AnbaumethodenDDC-Icon Die Entrepreneurs der Berlinischen Cichorien=Fabrik, lieferten damals ein eigenes präparirtes und von ihnen geheim gehaltenes Liquidum, worinn der Same vor dem Aussäen folgendermaßen eingeweicht werden sollte. Man thut z. E. 1 1/2 Pfund Samen in eine Schale, schüttelt die Bouteille, worinn 1 Quart präparirtes Liquidum befindlich, stark durch einander, so, daß auf dem Boden des Glases nichts hängen bleibt, gießet solches sodenn auf den Samen, rührt es durcheinander, und läßt es also 2 bis 3 Stunden stehen und weichen. Alsdenn wird das Liquidum abgegossen, und zu fernern Gebrauch aufgehoben. Die Schale mit dem Samen wird sodenn schräg gestellet, und der Same in die Höhe geschoben, damit sich die Feuchtigkeit herunter ziehe. Hierauf wird der Same auf glatt gehobelte Bretter oder Tische dünn auseinander gestreuet, bis er etwas abgetrocknet, und zum Säen bequem wird. Weil der Same nicht lange nach solcher geschehenen Einweichung gesäet werden muß: so ist nöthig, daß er noch an demselben Tage, oder wenigstens an dem folgenden, ausgesäet, inzwischen aber, bis zum Säen, auf den Brettern oder Tischen auseinander gestreuet liegen bleibe. Auch bey dem Hinaustragen zum Säen muß der Same nicht fest zusammen gepacket werden, damit er sich nicht brenne.

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Wenn der Same völlig reif und gut ist, so werden auf einen Acker, der einen Berliner Scheffel Rocken Einfall erfordert, welches ohngefähr 1 Morgen, zu 180 Rheinländ. Ruthen gerechnet, betragen wird, höchstens 1 1/2 Pfund ausgesäet. Die gewöhnliche Zeit der Aussaat ist von der Mitte des Aprils, bis Ende des May=Monaths. Es muß aber der Same bey trockner und stiller Witterung gesäet werden. Auch in den ersten Tagen des Junius kann man noch mit Aussäung des Cichoriensamens fortfahren. Das Land aber, worinn diese Aussaat auch noch in der späten Zeit geschieht, muß sehr gut, und, wo nicht rajolet, doch wenigstens durch tiefes Umgraben zubereitet seyn. Sehr wohl würden überhaupt diejenigen thun, die den Anbau dieser Wurzel in einer gewissen Menge zu übernehmen sich entschließen, wenn sie nicht alles auf Einmal aussäen. Sie setzen sich sonst in die Verlegenheit, daß ihnen das Ausgraben der Wurzeln mit Einmal über den Hals kömmt, und sie dadurch, solches gehörig zu bestreiten, ausser Stand gesetzt werden. Ist aber die Aussaat zu verschiedenen Zeiten, theils früh, theils spät, geschehen; so kann auch alsdenn das Ausgraben, und andere dahin gehörende Geschäfte, mit desto mehrerer Bequemlichkeit verrichtet werden.

Das Ausgäten des Unkrauts, darf, nach Anzeige der Herren Entrepreneurs, bey der Cichorie nur Einmal geschehen, und zwar erst alsdann, wenn die Wurzel schon so stark ist, daß die größten Blätter daran bereits 1 1/2 Zoll lang sind. Wird unter dem Gäten befunden, daß die Wurzeln zu dick stehen, so wird der Ueberfluß davon, eben so wie das Unkraut selber, ausgezogen.

Sobald die Cichorienwurzel zu der gehörigen Größe und Vollkommenheit gelangt ist, muß man auf deren Ausgrabung bedacht seyn. Mit den zuerst gesäeten kann man schon zu Ende des Julius den Anfang machen, und damit solange, bis es frieret und man nicht mehr in die Erde kommen kann, fortfahren. Und wenn man auch <8, 109> von dem Froste übereilt werden sollte, dergestallt, daß man mit dem Ausgraben vor Winters nicht völlig fertig würde, so können sie bis ins Frühjahr ohne Schaden im Acker stehen bleiben, und alsdenn erst ausgegraben und zubereitet werden, wie solches auch bey andern Wurzelwerk, z. E. dem Pastinak, nichts ungewöhnliches ist.

Unter den sehr früh gesäeten schießen gemeiniglich schon vor der Ausgrabungszeit einige Wurzeln zur Saat auf. Da aber der Same hiervon nicht der beste ist, so muß man dergleichen Wurzeln, wenn man das Aufschießen wahrnimmt, sogleich aufziehen, und, ehe sie stockig werden, zum bestimmten Gebrauch zubereiten. Unter dem Aufgraben muß man sehr aufmerksam seyn, daß die Arbeiter die Wurzeln nicht abstechen, sondern, so tief sie reichen, heraus heben, zu welchem Ende der Spaten nicht schräg, sondern gerade hinunter, in die Erde zu setzen ist.

Um zu guten eigenen Samen zu gelangen, kann man entweder, wie bey allem Wurzelwerk gewöhnlich ist, bey dem Ausgraben die besten und gesundesten Wurzeln aussondern, solche bis zum Frühjahr in einer sichern Grube, oder andern dazu bequemen Behältniß, aufbehalten, und sie alsdenn zum Samen aussetzen, oder aber auch, insonderheit wenn man den Samen in einer gewissen Menge erzeugen will, ganze Flecke unausgegraben stehen, und sie im Frühjahr zum Samen aufschiessen laßen, indem, wie schon oben erinnert worden, die Cichorienwurzel die Eigenschaft an sich hat, daß ihr der Frost in der Erde nicht schadet. Unstreitig aber ist die erste Methode vorzuziehen. Die besten Früchte bringen auch natürlicherweise den besten und vollständigsten Samen. Bey einer aufmerksamen Aussonderung der Saat=Wurzeln kann man also jederzeit sicher seyn, daß man die beste Art des Samens dadurch erhält. Läßt man aber die Wurzeln, so wie sie gewachsen sind, schlechte und gute durcheinander, aufschießen, so hat man auch <8, 110> keine bessere Art des Samens, als die Wurzeln selber sind, zu erwarten. Die zur Saat aufgeschossenen Stauden tragen sehr viele Blumen, welche aber sehr ungleich blühen, und also auch ungleich reif werden. Man muß es daher sehr wohl abpassen, wenn der größte Theil des Samens seine Reife erlanget, und alsdenn die Saatstauden ausheben, und an einem bequemen Orte in der Sonne abtrocknen laßen, ohne sich um die übrigen zu bekümmern.

Da der Cichoriensame eine ganz besondere Lockspeise der Vögel ist, so muß er, zur Zeit seiner herannahenden Reife, sehr behutsam davor in Acht genommen werden.

Klassifizierung: 648.8 LagerungDDC-Icon Klassifizierung: 635.04 Anbau, Ernte, verwandte ThemenDDC-Icon Zum Gebrauch in der Küche, werden die ausgegrabenen Wurzeln in dem Keller in Sand geleget. Man läßt auch das junge Kraut daran bleiben, weil solches, wenn es gelb geworden, wie die Endivien, zum Salat gebraucht werden kann. Es läßt sich auch, den ganzen Winter hindurch, das Cichorienkraut als ein sehr gesunder Salat erhalten, wenn man im späten Herbst ein Fäßchen nimmt, solches mit guter Erde und dem halben Theil Flußsand vermischt anfüllet, auf allen Seiten, wie auch im Boden, Löcher, eines Fingers groß, einbohret, und vor jedes Loch eine Cichorienwurzel leget, so, daß der Keim gerade vor ein Loch zu liegen kömmt. Das Gefäß wird mit einem Deckel belegt, und die Erde in einiger Feuchtigkeit in einer warmen Stube unterhalten. Die Wurzeln treiben alsdenn bald zu den Löchern heraus, da man denn das Kraut öfters abschneiden und verspeisen kann.

Eine Erzählung der von Hrn. Bülfinger deshalb angestellten artigen Versuche, st. im V B. der Actor. Petropolitan. S. 198, fgg. und ins Deutsche übers. im 6 St. des I B. des alten Hamb. Magaz. S. 115--132.

Klassifizierung: 641.651 WurzelgemüseDDC-Icon Klassifizierung: 615 Pharmakologie und TherapeutikDDC-Icon Die Wurzeln selbst werden sauber gereiniget, der Kern herausgenommen, das übrige in Wasser abgesotten, mit Baumöl, Essig, Pfeffer und Salz zu einem Salat eingemacht, und also genossen. Man kann sie auch <8, 111> trocken mit Zucker einmachen und überziehen, wobey man auf eben die Art, wie ich von der Calmus=Wurzel, im I Theile, S. 388 gezeigt habe, verfährt. Ferner kann man die Wurzel über Fleisch und Hühner warm kochen. Oder, man behandelt sie, nach Art der Franzosen, wie die Scorzonerwurzel, und macht eine Brühe von gesottenem Wasser, Eyerdottern, und zerlaßener Butter, mit Muscaten abgewürzt, darüber. Sie sind kühlender Art, und geben daher in allen innerlichen Gebrechen, Entzündungen oder Verstopfungen des Magens, der Leber, der Milz, und der Nieren, eine gesunde Speise ab. Auch geben dieselben, wie die Scorzonerwurzeln, eins der gesundesten Getränke, welches besonders im Frühjahr das Geblüt reiniget, den darinn befindlichen Schleim auflöset, die Lunge befreyet, und allen Theilen des menschlichen Körpers ein neues Leben verleihet; welchen medicinischen Nutzen, nebst den in den Apotheken von diesem Gewächs vorhandenen Arzeneyen, Hr. D. Martini, in seinem Naturlexikon, besonders abhandeln wird.

Klassifizierung: 636.2 Wiederkäuer und Camelidae; Bovidae; RinderDDC-Icon So zuträglich das Kraut für Menschen ist, so giebt es auch eine nahrhafte und gesunde Fütterung für das Vieh ab; und ist in dieser Absicht um so nutzbarer, da um die Wurzel viele breite und große Blätter umher liegen, welche getrocknet, und im Winter gebraucht werden können. Besonders giebt auch das Vieh von dem Kraute die beste Milch.

Der Großbritt. Churf. Braunschw. Lüneb. Landwirthschaftsgesellschaft Nachrichten etc. II Band. S. 673, f.

Klassifizierung: 641.2 Getränke DDC-Icon Klassifizierung: 663.9 Alkoholfreie BraugetränkeDDC-Icon Zur Kaffe=Nutzung, wird von den ausgegrabenen und nicht zur Saat bestimmten Wurzeln, zuvörderst das Kraut abgeschnitten; sodenn werden die Wurzeln selber, sobald sie eingebracht sind, abgewaschen, geschabet, geschnitten, zum Lufttrocknen hingelegt, und endlich gedörret.

Man thut am besten, wenn man nicht mehr Wurzeln auf Einmal heraus nimmt, als man täglich durch <8, 112> Waschen, Schaben und Schneiden zubereiten kann, indem man sich alsdenn keiner Gefahr, daß die Wurzeln inzwischen verderben mögten, aussetzt. Da sie sich aber in der kühlen Herbstzeit, solange es noch nicht in den Gebäuden friert, 10 bis 12 Tage auch außer der Erde, ohne zu verderben, erhalten: so kann man zu einer solchen Zeit, mehrerer Bequemlichkeit wegen, auch wohl soviel auf Einmal ausgraben laßen, als man in soviel Tagen zu bereiten im Stande ist. Jedoch müssen die Wurzeln dünn auseinander geschüttet werden, damit sie sich nicht erhitzen und in Fäulniß gerathen. Will man, bei zu befürchtendem Frost, eine größere Menge Wurzeln, als in 10 bis 12 Tagen verarbeitet werden kann, herausnehmen, so müssen sie in die Erde, an solche Stellen, wo kein Wasser hinkömmt, eingegraben, und mit 1 Fuß hoch Erde, auch etwas Stroh, bedecket werden. Alsdenn kann man sie auch mitten unter dem Frost, so wie man sie gebrauchet, herausnehmen und verarbeiten. Jedoch müssen die Gruben, worinn die Wurzeln aufbehalten werden, nicht gar zu tief, sondern vielmehr breiter gemachet werden; denn die Wurzeln, welche gar zu dick übereinander liegen, können leicht in Fäulniß gerathen.

Diejenigen Wurzeln, die man in Einem Tage zu verarbeiten gedenkt, wirft man zuvörderst in einen Zober oder anderes breites Gefäß, gießt Wasser darauf, und rührt sie mit einem stumpfen Besen so lange um, bis sie von aller daran klebenden Erde und andern Unsauberkeiten gänzlich gereiniget worden. Sollten sie in dem ersten Wasser nicht völlig rein werden, so gießet man das erste ab, und wieder so oft frisches darauf, bis man nicht die geringste Unsauberkeit mehr an ihnen gewahr wird.

Demnächst werden die Wurzeln, wenn sie durch das Waschen von den gröbsten Unsauberkeiten gereiniget worden, eben so wie die Mohrrüben, und ander Wurzelwerk, welches man zum Essen brauchen will, geschabet (geschra<8, 113>pet). Finden sich, bey diesem Reinmachen, Wurzeln, die etwas holzig, wässrig oder faul sind, so wird das Schadhafte weggeschnitten. Sind sie aber durchgehends holzig oder schwammig, welches sich bey den sehr dicken Wurzeln öfters eräugnet, so sind sie untauglich und müssen ganz weggeworfen werden. Die dünnen Nebenwurzeln, welche von der Hauptwurzel abgeschossen sind, werden ebenfalls geschabet, und auf gleiche Weise, wie die andern Wurzeln, zubereitet.

Nachdem die Wurzeln gewaschen und geschabet worden, leget man dieselben auf einen reinen Tisch, hält selbige zwischen den Daum und den ersten Finger der linken Hand fest, und reißt oder spaltet sie mit einem in der rechten Hand habenden Messer, 2, 3 oder viermal, nachdem es die Dicke der Wurzel erfordert, der Länge nach auf. Hierzu kann zwar ein jedes gemeines Messer gebraucht werden; die bekannten krummen Gärtnermesser aber sind dazu die bequemsten.

Hierbey ist, soviel möglich, zu beobachten, daß die Wurzeln genugsam und egal gespalten werden. Die öfters oben an der Wurzel befindlichen dicken Knorren muß man, nach dem Verhältniß ihrer Dicke, oft und vielmal einkerben, damit die Stücke unter dem Schneiden nicht zu groß gerathen.

Diese gespaltene Wurzeln werden auf einer gewöhnlichen Häcksel= oder Schneidelade, auf eben die Art, wie Häcksel, geschnitten. Die Würfelchen, welche man schneidet, müssen ohngefär 1/4 Zoll hoch. breit und lang seyn, und ist es besser, daß sie kleiner, als größer, werden.

Durch eine Art von großer Canaster=Schneidelade kann man sich vielen Vortheil stiften, indem auf derselben alle Schnitte egal gerathen. Jedoch ist eine kleine enge Schneidelade auch sehr gut zu gebrauchen; und der gewöhnlichen Futterladen kann man sich ebenfalls dazu bedienen, wenn nur inwendig an beyden Seiten recht starke Bretter angenagelt, und sie dadurch hinlänglich enge gemacht werden.

Weil die geschnittenen Würfel in der Größe unterschieden sind, so siebet man sie, wie sie vor der Schneide=<8, 114>Lade aufgenommen werden, durch ein weites Sieb. Man sondert dadurch die kleinern von den größern ab, und läßt jede Art, sowohl bey dem Trocknen als Dörren, beständig allein. Bey dem Schneiden fallen bisweilen aus der Schneidelade einige zu große Stücke heraus. Wenn man dergleichen bey dem Durchsieben findet, müssen selbige in gehörige kleine Würfelchen nachgeschnitten werden, indem sie sonst beym Trocknen und Dörren verschiedene Hindernisse verursachen.

Die auf solche Art geschnittenen Wurzeln müssen bey warmer Witterung 4 bis 5 Tage lang, im Herbst und bey nassem Wetter aber 10 bis 12 Tage, auf einem luftigen trocknen Boden oder Zimmer, wo die Fenster allesammt geöffnet sind, lufttrocken gemacht werden. In dieser Absicht muß man sie nicht höher, als etwa 1 1/2 Zoll dick, über einander schütten, und sie noch überdem täglich mit einer Harke wohl umrühren laßen. Bey Unterlassung dieser Vorsicht werden sie gar leicht multrig und wohl gar schimmlich, und es muß alsdenn der ganze Vorrath weggeworfen werden, indem dergleichen verdorbene Wurzeln, wenn man sie auch unter einer andern großen Menge mit untermischen wollte, die ganze Quantität anstecken und unbrauchbar machen würden. Je trockner und luftiger der Ort ist, wo sie zum Lufttrocknen hingeleget werden, desto eher werden sie trocken. Man muß daher, um solches zu bewerkstelligen, die Sache dergestalt einzurichten suchen, daß die Luft recht auf die Wurzeln streichen kann. Dieses aber geschieht am bequemsten, wenn man sie auf Tische oder in die Höhe gehängte Hürden schüttet und ausbreitet.

Wenn nun die Cichorien luft= oder welktrocken sind, so werden sie auf einem gehörig dazu erbaueten Dörrofen getrocknet, woselbst die windtrocken gemachte Würfelchen, in 1, höchstens 1 1/2, Stunde, und zwar mit wenigem Holz, völlig trocken werden; dahingegen frische Würfelchen, welche nicht wind= oder welktrocken sind, mit Ver<8, 115>schwendung vielen Holzes, 24 und mehr Stunden Zeit erfordern, ehe sie trocken werden. Die lufttrocknen Würfel müssen nicht höher, als etwa 1 1/2, höchstens 2 Zoll dick, auf den Dörrofen geschüttet werden. Während dem Trocknen werden sie fleißig, von der Seite an nach der Mitten, und von da nach den Seiten, gerühret. Man dörret, wie bereits vorher beym Schneiden erwähnt worden, die kleinen allein, und die großen auch allein, und bleiben diese beyde Gattungen beständig abgesondert. Der Ofen muß nicht gar zu stark geheizt werden, weil die Cichorien sonst verbrennen und schwarz werden; geschähe aber solches ja aus Versehen, so muß das Verbrannte, als untauglich, davon gesiebet und weggeworfen werden. Wenn das Holz, welches nur vorn im Dörrofen geleget wird, meistens zu Kohlen gebrannt ist, und keine Flamme mehr giebt: so muß ein auf dem Canal des Ofens befindlicher Schieber aufgezogen werden, und die 4 kleine Röhren oder Schorsteine werden zugleich völlig mit Steinen zugeleget, damit sich die Hitze conservire. Bey dem Nachlegen des Holzes, wenn die Flamme wiederum stark wird, muß der Schieber wieder eine Zeitlang zugemacht, und es müssen alle 4 Röhren wiederum geöffnet werden.

Sobald die Cichorien ganz trocken, und gar keine weiche und zähe Würfelchen mehr auf der Darre sind, so daß die großen sowohl als die kleinen klappern, alsdenn werden sie herunter genommen, und in Säcke geschüttet, welche man auf einen luftigen trocknen Boden oder Zimmer hängen oder setzen muß. Ueberhaupt muß man dahin sehen, daß die geschnittenen Wurzeln weder bey noch nach dem Lufttrocknen, als auch bey oder nach dem Dörren, an einen feuchten, multrigen oder dumpfigen Ort gesetzt werden, indem sie sonst nicht allein dem Verderben ausgesetzt sind, sondern auch einen üblen Geschmack annehmen, und unbrauchbar werden. Von gekerbten und lufttrocknen Wurzeln muß man einen starken Vorrath haben, wenn man den Anfang zum Dörren mit Holzer<8, 116>spahrung machen will, damit der Ofen Tag und Nacht in der Hitze bleibe, und 2 bis 3 und mehr Tage mit Dörren continuirt werden könne.

Da die Dörrung der Cichorien, zumal wenn nur wenig gebauet wird, und keine eigentliche Dörröfen angeleget werden, bei Gelegenheit des Brodbackens im Backofen geschehen kann: so ist nöthig, daß 1) die Backöfen, wenn das Brod heraus ist, sogleich in aller Geschwindigkeit ausgefeget werden; 2) daß sodenn die lufttrocknen Cichorien ohngefär 1 1/2 Zoll dick hineingeschüttet, und der Ofen fest zugemachet werde, doch so, daß das Luftloch offen bleibe, damit der Qualm und Dampf herausgehen kann. 3) Müssen sie einigemal umgeharket werden, insonderheit die ersten 12 Stunden, indem sie in dieser Zeit ihre mehreste Feuchtigkeit durch den Dampf von sich geben; man muß sich aber beym Umharken nicht lange aufhalten, sondern es muß solches so geschwind, als möglich geschehen, damit nicht zuviel Hitze aus dem Ofen gehe, denn sonst werden sie auf einmal nicht völlig trocken, und müssen noch einmal hineingeschüttet werden. 4) In den Backöfen müssen sie solchergestalt 1 1/2 bis 2 Tage liegen bleiben, bis die großen sowohl als die kleinen ganz gedörret sind, und sie alle klappern. Jedoch müste der Backofen von der Beschaffenheit seyn, daß er lange die Hitze an sich hielte, damit sie desto eher dörreten. Und da sich, obschon die kleinen vorher ausgesiebet worden, dennoch unter den Würfeln, der Größe wegen, ein Unterschied befindet, so dient folgendes zur Richtschnur: nehmlich, wenn die großen sowohl, als die kleinen, recht ausgedörrt sind, so, daß sie alle klappern, alsdenn sind sie gut, und können, sie mögen lange oder kurze Zeit im Backofen gelegen haben, heraus gezogen werden. 5) Nachdem man sie aus dem Backofen gezogen, werden sie mit einem Staubsieb gesiebet, um sie von der Asche und dem Staub zu reinigen. 6) Heizet man einen Backofen eigentlich zum Cichorien=Dörren, so muß der Ofen nicht heißer gemacht werden, als er zu der Zeit ist, wenn das Brod herausgezogen worden. 7) Trocknet man bey Gelegenheit auch in fremden Backöfen, die man nicht verschließen kann, so schicket man die welktrocknen Würfelchen gewogen dahin, und wieget selbige, wenn sie gedörret sind, wieder, da sie denn ohngefär, wenn sie anders in der Luft gut ausgetrocknet sind, nicht mehr als die Hälfte von ihrem Gewicht verloren haben müssen. 8) Je besser die Würfel lufttrocken sind, desto weniger verlieren sie am Gewichte durch das Dörren.

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Es ist nicht zu leugnen, daß bey der vorbeschriebenen Zeugung sowohl, als Zubereitung der Cichorienwurzel viele Arbeit und Ausgaben erfordert werden. Ich füge hier eine nach wirthschaftlichen Grundsätzen eingerichtete Berechnung sowohl des Ertrages, als auch der erforderlichen Bearbeitungskosten hinzu. Aus derselben wird ein jeder abnehmen können, ob der Anbau der Cichorien=Wurzel für ihn vortheilhaft sey oder nicht.

Nach der Versicherung, welche die Herren Entrepreneurs der Berlinischen Cichorien=Fabrik gaben, sollen auf einen Ackerfleck von 1 Scheffel Rocken Einfall, welcher ohngefär einen magdeburgischen Morgen, zu 180 Rheinländ. Ruthen gerechnet, betragen wird, nachdem der Acker entweder nur gepflüget, oder gegraben, oder gar rajolet worden, 8, 10 bis 12 Centner, den sie in der Fabrik mit 12 Thaler bezahlten, gewonnen werden. Ich will aber, in Ansehung des Ertrages den niedrigsten, in Betracht der Kosten aber, den höchsten Satz annehmen.

Klassifizierung: 338.5 Allgemeine ProduktionswirtschaftDDC-Icon

Rtl. Gr.
Ein Magdeb. Morgen zu 180 Rheinl. Ruthen, giebt 8 Centner getrocknete Cichorien, der Centn. aber ward in der Fabrik mit 12 Rthlr. bezahlt; folglich ist die Einnahme von einem solchen mit Cichorien besäeten Morgen 95 --
Die Kosten, welche wahrscheinlicherweise auf den Anbau und Zubereitung der Cichorien verwendet werden müssen, sind folgende: Rtl. Gr.
1. Einen Morgen zu graben, weil der Acker mürbe seyn muß, kann von 18 Taglöhnern in Einem Tage sehr wohl bestritten werden, auf einen jeden Tagelöhner 4 Gr. berechnet, beträgt 3 --
2. Das Säen und Einharken des Samens von jedem Morgen auf einen Tag 4 Tagelöhner -- 16
3. Zum Wieten eines Morgens rechne 3 Tage 10 Weiber, jede à 3 Gr. 3 18
4. Das Ausgraben pro Morgen 2 Tage, 10 Weiber, à 3 Gr. 2 12
5. Jeden Centner zu waschen, zu schaben und zu spalten, 6 Weiber auf einen Tag, thut von 8 Centn. 6 --
6. Für das Schneiden pro Centn. 8 Gr. thut von 8 Ct. 2 16
7. Für jeden Centn. 10 Tage lang ihn lufttrocken zu machen, jeden Tag für die Aufsicht 1 Gr. thut 10 Gr. von 8 Centn. 3 18
8. Für Holz und Dörren auf jeden Centn. 16 Gr. thut von 8 Centn. 5 16 27 14
Es bleibt also der reine Ertrag 68 10

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Daß der Acker mit Getreide besäet, wenn man auch den Ertrag davon zum 12 und 15ten Korn annehmen wollte, nicht so viel einbringen könne, fällt von selbst in die Augen. Auch die Besäung oder Bepflanzung mit andern bisher gewöhnlichen Gewächsen kann dergleichen ansehnliche Vortheile nicht gewähren. Der Tobak ist unter allen Nebendingen, die in einer Landwirthschaft angebauet zu werden pflegen, noch das einträglichste. Allein, 5 bis 6 Centner auf 1 Magdeb. Morgen ist der höchste Gewinst, den man sich von diesen Rauchblättern versprechen kann. Wenn man nun auch den Centn. zu 4 Rthlr. annimmt, so würde doch das Einkommen von einem solchen Morgen, ohne einmal die vielen Bearbeitungskosten, die der Tobak ebenfalls erfordert, zu rechnen, höchstens nur auf 24 Rthlr. festgesetzet werden können.

In kleinern Wirthschaften, wo man den Cichorien=Bau bloß zu seinem häuslichen Nutzen treibet, hat man weiter nichts nöthig, als daß man die aus der Erde genommene Wurzel reinige, in kleine Stücke schneide, die Hälfte davon etwas stark, die andere aber schwächer, langsam in einer irdenen oder eisernen, durchaus aber in keiner kupfernen, Pfanne, eben wie den Kaffe, röste, oder in einer Kaffetrommel brenne. (Wird alles stark geröstet, so schmeckt sie zu bitter; und zu schwach, ist sie zu süß.) Sogleich nach dem Brennen, wenn sie sich noch reiben läßt, wird sie auf die Kaffemühle gebracht und gemahlen. (Läßt man sie erkalten, so wird sie zähe wie Leder, und läßt sich durchaus nicht mit der Mühle zwingen.) Das gemahlene Pulver, welches einen sehr lieblichen Geruch giebt, der von dem levantischen Kaffe wenig unterschieden ist, hebet man in gut verschlossenen Büchsen zum Gebrauch auf, wo es sich lange Zeit hält. Man siedet das Pulver, wie bei dem Kaffe gewöhnlich ist, und läßt es, nachdem etwas von geraspeltem Hirschhorn hineingeworfen worden, noch etwas länger stehen, damit es sich recht setzen könne. Stellet man das Geschirr, worinn dieser Kaffe <8, 119> zubereitet ist, auf etwas Salz, so wird er sich desto eher setzen. Weil aber der Kaffe von bloßen Cichorien ins Bittere fällt, und die Zunge einen zu großen Unterscheid vom bisher gewohnten Kaffegeschmack empfindet; so versetzt man ihn mit 2/3 ordinären Kaffe; oder nimmt 2/3 gebrannte Cichorien, und 1/3 halb guten levantischen Kaffe, und halb Cacaokerne. Wenn man z. E. 3/4 Pfund zusammen mischen will, so nimmt man hierzu 16 Loth Cichorien, 4 Loth Kaffe, und 4 Loth gebrannten Cacao. Wem dieses zu kräftig schmeckt, der kann das Verhältniß, wie 3 zu 4 nehmen, daß also, wenn man 1/2 Pf. zubereiten will, 12 Loth gebrannte Cichorien, 2 Loth Kaffe, und 2 Loth Cacao, zusammen gemenget werden. Hiervon nimmt man zu der gewohnten Portion nur ohngefär halb so viel, wie sonst Kaffe dazu nöthig gewesen.

Klassifizierung: 659 Werbung und ÖffentlichkeitsarbeitDDC-Icon Es haben sich Personen gefunden, die, nachdem sie bereits anderwärts ansehnliche Cichorien=Fabriken errichtet, auch dergleichen in den sämmtlichen Königl. Preußischen Landen mit Ausschließung aller andern, anzulegen die Erlaubniß erhielten. Der Herzogl. Braunschweigische Major, Hr. von Hein, nebst dem Hrn. Christ. Gottl. Förster, waren die Entrepreneurs, denen dieses Privilegium, in den Preußischen Landen und Provinzen die Cichorienwurzel zu bauen, und zum Gebrauch statt Kaffe zu bereiten, auch die dazu nöthigen Fabriken anlegen zu dürfen, vom 1sten Octob. 1770 an, auf 6 Jahre ertheilet wurde. Man findet dasselbe in Försters Geschichte etc. S. 42--48. Gedachte Herren Entrepreneurs errichteten darauf sofort zu Berlin eine Fabrik, deren glücklicher Fortgang aber ihren Erwartungen nicht entsprach. Die Packete ihres Cichorien=Kaffe waren mit einer sehr artigen Vignette geziert. Sie stellet einen Deutschen vor, welcher Cichoriensamen säet, und die Schiffe, welche von den in der Entfernung liegenden Inseln ihm Kaffe zuführen, mit den Worten: Ohne euch gesund und reich, zurückweiset.

<8, 120>

Bey den rechten Kennern des Kaffe, die den Geschmack von schlechten und guten zu unterscheiden wissen, und ihre Zunge einmal an den letztern verwöhnet haben, werden die Cichorienwurzeln, es wäre denn, daß es bloß der Gesundheit wegen geschähe, niemals ihr Glück machen. Ganz anders aber verhält es sich mit denen, welchen es an der Feinigkeit des Geschmacks fehlet, und die nur bloß deshalb, weil es die allgemeine Mode und Gewohnheit so mit sich bringt, und Andre ihree Standes ein gleiches thun, Kaffe trinken. Diese werden gewiß nichts verlieren, wenn sie den bisher zu trinken gewohnt gewesenen, und von einigen Krämern mit allerhand Zusatz vermischten Kaffe, mit dem von Cichorienwurzeln zubereiteten Getränke verwechseln.

Klassifizierung: 613.2 DiätetikDDC-Icon Daß das Cichoriengetränk zuvörderst gesunder und unschädlicher, als der Kaffe sey, ist wohl nicht zu leugnen. Denn, wer den Kaffe des Geschmacks, und nicht der bloßen Gewohnheit wegen, trinken will, der muß ihn stark trinken. Je stärker aber der Kaffe ist, desto mehr erhitzt und verdickt er das Geblüt, woraus verdrießliche Wallungen, Beängstigungen, Zittern der Glieder, Schlaflosigkeit, und andere dergleichen Zufälle mehr, entstehen, wie ich an seinem Orte zeigen werde. Die Cichorienwurzel hingegen ist nicht allein unschädlich, sondern auch der menschlichen Gesundheit zuträglich, daher sie auch in verschiedenen Krankheiten, besonders oben S. 111, erwähntermaßen, zu einer gesunden Ptisane gebraucht wird. Daß jedoch der Cichorienkaffe eine besonders blutreinigende und stärkende Kraft besitzen sollte, ist deswegen nicht glaublich, weil die Bestandtheile, welche in den rohen Wurzeln allerdings viel Lob verdienen, durch das Rösten sehr verändert werden.

Klassifizierung: 338.52 PreiseDDC-Icon Durch dieses Getränk wird überdieß den Kaffetrinkern in ihrer täglichen häuslichen Ausgabe ein ansehnliches ersparet. Nach der Angabe der Herren Entrepreneurs kann man mit 1 Pfund präparirten Cichorienpulver eben so weit, <8, 121> als mit 4 Pfund ungebrannten Kaffe, kommen. Das Pfund Kaffe wird gewöhnlich, nach jezt laufenden Preisen, auf dem Lande mit 8 Groschen, und in den accisebaren Städten mit 12 Gr. bezahlet. Das Pfund von dem präparirten Cichorienpulver aber kostet 16 Gr. Nach dem angegebenen Grundsatz also würde den Kaffetrinkern durch jedes Pf. Cichorienpulver auf dem Lande 16 Gr. und in den Städten 1 Rthlr. 8 Gr. folglich respective 100 und 200 pro Cent in der täglichen häuslichen Ausgabe ersparet Soviel ist gewiß, daß, wenn man auf 1/2 Loth Cichorienpulver und auf 1 Loth gebrannten Kaffe eine gleiche Portion Wasser gießet, das Cichoriengetränk weit stärker, als der Kaffe wird; und daß 1 Quentchen Cichorienpulver, unter 2 Qu. gebrannten Kaffe, einen eben so wohlschmeckenden Trank, als 2 Loth pur gebrannter Kaffe, mit eben der Quantität Wasser geben; nur muß es länger, als sonst gewöhnlich, gekocht werden.

Klassifizierung: 338.9 Wirtschaftsentwicklung und WirtschaftswachstumDDC-Icon Der größte und wichtigste Vortheil, den das ganze gemeine Wesen von Einführung dieses einheimischen Kaffe haben würde, besteht endlich darinn, daß der größte Theil des sonst für Kaffe aus dem Lande gegangenen Geldes in demselben verbleiben, und durch den Anbau der Cichorienwurzel unter die Ackersleute und feldbauende Arbeiter verbreitet werden würde.

Nach der von mehrbemeldeten Herren Entrepreneurs nachgewiesenen Berechnung, sollen in den Könial. Preußischen Landen 3 Millionen Menschen, jeder täglich 1 Loth Kaffe trinken, welches jährlich 34 Millionen 218750 Pfund betragen würde. Das Pfund nur zu 4 Gr. gerechnet, käme eine Summe, die bisher durch den Kaffe außerhalb Landes gegangen, und nunmehr durch Einführung der Cichorienwurzel ersparet werden könnte, von 5 Millionen 703125 Rthlr. heraus.

Es ist aber nicht zu leugnen, daß diese Berechnung etwas zu milde angelegt, und daher nicht zuverläßig genug zu seyn scheint. Ein weit wahrscheinlicherer Ueberschlag ist derjenige, welchen der vortreffliche Hr. Verf. der Berl. Beytr. a. ang. O. S. 185, macht. Es nimmt nehmlich Derselbe in den sämmtlichen Königl. Preuß. Landen nur 1 Million Menschen an, die täglich 1 Loth Kaffe verbrauchen. Dieses beträgt jährlich 11 Millionen 406250 Pfund. Das Pf. zu 4 Gr. so dafür außer Landes gienge, ge<8, 122>rechnet, thut an Gelde 1 Million 901041 Rthlr. Er nimmt ferner an, daß nur 2/3 ausländischer Kaffe durch das Cichorien=Pulver abgewechselt, 1/3 aber noch nach wie vor eingebracht werde. Es würden solchemnach 7 Mill. 604166 Pfund weniger Kaffe, als vorhin, eingeführet werden, und dadurch 1 Million 267360 Rthlr. so sonst die Auswärtigen für den Kaffe genossen, im Lande verbleiben. Da, nach der Angabe der Herren Entrepreneurs, mit 1 Pf Cichorienwurzel so viel, als mit 4 Pf. Kaffe, ausgerichtet werden kann: so würde das Publicum 950520 Rthlr. gänzlich ersparen, die übrigen 316840 Rthlr. aber ein Gewinnst und Ausbeute für diejenigen, die sich des Cichorienbaues befleißigen, und einen Theil ihres Ackers dazu anwenden wollten, werden können.

Vertraute Briefe über den Kaffe aus Korn und andern inländischen Gewächsen. Erste Sammlung. Lpz. 1768, gr. 8. 2 1/2 B.

Vom Cichorienkaffe, s. das 92 St. des Hannov. Magaz. v. J. 1770.

Von Zubereitung des Cichoriengetränks, statt des Kaffe, st. im 43 St. der Nützl. Beytr. zu den Neuen Strelitz. Anz. v. J. 1771.

Geschichte von der Erfindung und Einführung des Cichorien=Caffee, von Christ. Gottl. Förster. Bremen 1773, 8. 5 1/4 B.

Cicindela, siehe Pfeil-IconJohannis=Wurm.

Cicisbeo Klassifizierung: 306.7 Sexuelle BeziehungenDDC-Icon Klassifizierung: 392.6 Bräuche bei sexuellen BeziehungenDDC-Icon Klassifizierung: 305.3 Männer und FrauenDDC-Icon Klassifizierung: 395 Etikette (Manieren)DDC-Icon , eine italiänische Benennung und Einrichtung, bedeutet einen Cavallier, welchen eine Dame dazu ausersehen hat, um sich seiner Dienstleistungen bey unterschiedenen Vorfällen zu bedienen, sie z. E. auf Spaziergänge, in den Wagen, in die Kirche etc. zu begleiten, sie zu unterhalten, und wider das Unangenehme der langen Weile zu schützen. Ein Cicisbeo ist ein freyer dienstwilliger Gesellschafter, der sich in seinem Rang und Geschäften sehr weit von allen Arten der gedungenen Bedienten unterscheidet. Er scheint beynahe nothwendig zu seyn in einem wohleingerichteten Staat, wo es allerdings der Wohlstand mit sich führt, daß eine Dame dergleichen dienstfertigen Gesellschafter allezeit zu ihrer Seite habe. Dieses ist wenigstens der Begriff, den alle Italiäner mit diesem Zustand verbinden, und den sie Andern davon beyzubringen suchen. Soviel ist ausgemacht, daß ein Cicisbeo, bey der vollständigen Einrichtung einer vornehmen italiänischen Dame, ein unentbehrliches Meuble <8, 123> sey. Einige haben deren zwey bis drey zur Bedienung. Die Cicisbei drängen sich unter diesem Titel, in die innersten und geheimsten Zimmer, ohne daß sie nöthig haben, sich vorher anmelden zu laßen. Ein jeder von ihnen hat eine bestimmte Stunde zu seiner Aufwartung. Ein tyrannisches Vorurtheil verbietet den Cicisbeis, die übrigen Stunden, die sie nicht ihren Damen weihen dürfen, dem Dienste anderer Frauenzimmer zu widmen. Haben sie sich erst einmal auf diese Weise verbindlich gemacht, so sind sie nicht mehr Herren über ihre Zeit; sie müsten denn verabschiedet werden, oder ihr Amt freywillig niederlegen.

In Genua hat das Cicisbeat seinen Anfang genommen. An diesem Ort ist es auch zu seiner größern Vollkommenheit gediehen, als in irgend einer andern Stadt von Italien. Zu Fuß und mit entblößtem Haupt folgen daselbst die Mannspersonen, in Ermangelung andern Fahrzeuges, der Sänfte ihrer Dame, oft eben so sehr von Schweiß und Regen benetzt, als ihre Porteurs.

Die Gewohnheit des Cicisbeats ist ein nicht geschriebenes Gesetz. Sie gründet sich auf einen stillschweigenden Vertrag, welcher heilig und keiner Auslegung fähig ist. Trägt es sich ja einmal zu, welches aber doch ein seltener Fall ist, daß ein junger Ehemann von seichtem Verstande, sich in den Geheimnissen des Cicisbeats hat unterrichten laßen, um noch vor seiner Verheurathung in diesen Orden aufgenommen zu werden, und will etwa ein solcher, in Absicht auf diese Gewohnheit, bey seiner Gemahlinn eine Ausnahme machen, oder bezeigt er über dieselbe das allermindeste Mißvergnügen, so ist nichts gewisser, als daß er der ganzen Stadt zum Gelächter wird. Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als die Freyheit, sich in die Fesseln einer andern Dame zu begeben, und sich anderswo die Gesetze vorschreiben zu laßen, die er in seinem Hause nicht geltend machen wollte.

In Florenz ist die Gewohnheit des Cicisbeats eben so allgemein, als zu Genua; nur mit dem Unterschied, daß man daselbst den Mannspersonen mit mehrerer Achtung begegnet. Es steht ihnen in dem Wagen ihrer Damen allemal ein Platz offen. Sie sind allenthalben und <8, 124> zu allen Zeiten des Tages ihre Begleitung; bey Tagen der Andacht, auf den Spaziergängen, in Schauspielen, in der Kirche, bei der Beichte, u. s. w. Keiner Dame hingegen ist es erlaubt, einen Platz in dem eigenthümlichen Wagen ihres Cicisbeo anzunehmen, wenn sie nicht in den Verdacht gerathen will, daß sie selbst die Stelle des Cicisbeo bey einem Cavallier vertrete, welches ihr zur größten Schande gereichen würde. Der Mann ist mit dem Cicisbeo allezeit im besten Vernehmen Er betrachtet ihn als eine gefällige Stütze, als einen dienstfertigen Freund, der ihm tausend Sorgen und Unruhen tragen hilft. Der Cicisbeo seiner Seits bezeigz dem Mann alle Arten von Achtung, als einer Person, deren Betragen artig ist, und der es sich nie einfallen läßt, ihm auf eine unbedachtsame Weise einigen Verdruß zu verursachen. Er bedient sich aller möglichen Vorsicht, wenn er sich in das Zimmer seiner Gemahlinn begeben will. Er erkundigt sich vorher, ob sie allein ist, oder, welches eben soviel heißt, ob er nicht zur ungelegenen Zeit käme? Erfährt er, daß die Signora e impedita, (daß Madame Abhaltung hat, seinen Besuch anzunehmen) so geht er in aller Stille ruhig wieder fort.

Man muß gestehen, daß die Einrichtung des Cicisbeats wahre Vortheile mit sich führet. Diese Gewohnheit vermindert die Ehescheidungen unter verheuratheten Personen, und bewahrt vor einer öffentlichen Schande. Das Cicisbeat giebt den Jüngsten von einer Famille, welche die Mittelmäßigkeit ihrer Glücksumstände zum Cölibat bestimmt hat, eine gewisse Art der Beschäftigung, welche sie für Ausschweifung und Unmäßigkeit schutzet. Um in den Orden der Cicisbei aufgenommen zu werden, wird erfordert, daß man vorher die überzeugendsten Beweise von der Unsträflichkeit seiner Sitten abgelegt habe. Eine Hauptbedingung dieses Instituts, welche das italiänische Frauenzimmer sowohl zur Ehre des Cicisbeo, als zur Aufrechthaltung ihres eigenen guten Namens, <8, 125> aufs genaueste beobachtet wissen will! So schimpflich es einer Dame ist, keinen Cicisbeo zu haben, eben so gereicht es auch einem Cavallier zur Schande, wenn er auf diese Art müßig ist.

Dieses System, welches die allerfeinste Politik ausgesonnen hat, beschäftigt die Frauenzimmer nur allein mit der Sorge zu gefallen. Sie mischen sich daher weder in Staats= noch Religionssachen. Eine gewisse Weichlichkeit, die von großem Nutzen ist, beherrscht sie, und erweckt bey ihnen eine Gleichgültigkeit gegen alle andere Gegenstände.

Diejenigen Frauenzimmer, welche sich einer strengen Andacht widmen, (man nennet sie Bachettone) haben nur Priester und Mönche zu Cicisbeis. Zu Florenz begleiten sie die Damen auf Spaziergängen, an öffentlichen Festtagen, in die Kirche, in die Schauspiele und auf Bälle. Die Schauspiele sind der Ehrwürdigkeit dieser Personen gar nicht unanständig, weil man sie mit Recht unter die unschuldigen Vergnügungen zählet. Da aber die Bälle gemeiniglich mit mehr Unordnung vergesellschaftet sind, so pflegen diese Damen, in Begleitung ihrer Mönche, nicht anders als maskirt dahin zu gehen.

Wenn das Cicisbeat gleich im Grunde seine Annehmlichkeiten und sichere Vortheile hat, so hat es doch auch seine lächerliche Seite und seine Unbequemlichkeiten. Es macht seine Anhänger gemeiniglich zu unangenehmen, unhöflichen und wüsten Gesellschaftern. Die Mannspersonen, in einer traurigen Unthätigkeit vergraben, beständig in Gesellschaft beym Frauenzimmer, scheinen etwas darinn zu suchen, wenn sie gegen den übrigen Theil der Menschen eine verwerfliche Achtlosigkeit blicken laßen können. Bey großen Versammlungen ist alles paarweise geordnet. Ein jeder Cavallier redet seiner Dame mit einer geheimnißvollen Miene etwas ins Ohr, so, daß man nichts als ein unordentliches und dumpfiges Gemurmel hört. Da die größern und kleinern Versammlungen von dieser Art, für junge Personen von beyderley Geschlecht eine gefährliche Schule seyn würden, so läßt man sie niemals hinzu. Die Töchter hohlt man nur aus den Klöstern, <8, 126> wo sie, sobald sie entwöhnet waren, eingesperrt worden, um sie mit demjenigen zu verheurathen, für welchen sie bestimmt sind, und welchen sie, ohne ihn zu kennen, und ohne einigen Widerstand, annehmen. Die jungen Mannspersonen bleiben bis in ihr 18tes Jahr unter der Aufsicht unwissender Lehrer und ungeschliffener Bedienten. Mit den Grundsätzen einer so edlen Erziehung ausgerüstet, thun sie den ersten Schritt in die Welt. Sie fangen mit einer Ausschweifung an, die sie einige Jahre fortsetzen, und die sie geschickt macht, auf eine edle Nachkommenschaft Verzicht zu thun, und ohne Bedenken den Orden des Cicisbeats anzunehmen.

Hannover. Magazin, v. J. 1766, Col. 811, f.

Neues Hamburg. Magaz. St. 9. S. 263--265.

Mannigfaltigkeiten, I Jahrg. S. 356--364, und S. 626--632.

Die spanischen Damen haben ihre Cicisbeen unter dem Namen von Corteji. Anstatt aber daß die Italiänerinnen gemeiniglich nur Einen haben, haben diese deren drey, unter den Namen Ano, Estrecho und Santo. Diese werden jährlich durch das Loos gewählet. Der Ano, (welches im Span. ein Jahr heißt) hat den Namen, weil er am lezten Tage des Jahrs gewählt wird; der Estrecho (vertraute Freund) wird am h. Dreykönigs=Tage, und der Santo am Weihnachtsabend gewählt. Die Wahl dieser Herren, welche nur bloß dem Namen nach unterschieden sind, geschieht folgendergestallt. Die Namen der jungen Herren und Damen, sie mögen verheurathet seyn oder nicht, werden auf kleine Stücke Papier geschrieben, und jede besonders in zween Hüte geworfen. Die Jüngste in einer Gesellschaft zieht alsdenn mit Einer Hand den Namen des jungen Herrn, und mit der andern des Frauenzimmers. Wenn Estrechos gezogen werden, so ist es gewöhnlich, kleine epigrammatische Verse in die Hüte zu werfen, welche zugleich mit den Namen herausgezogen werden, und der Gesellschaft ein großes Vergnügen machen, wenn sie von ohngefär mit dem Character der herausgezogenen zusammen passen. Werden Santos gezogen, so wird der Name eines Heiligen, statt der Verse mit in den Hut geworfen, und <8, 127> der junge Herr ist verbunden, demjenigen Heiligen, dessen Name mit dem Namen seiner Gebieterinn herauskömmt, eine besondere Ehrerbietung zu bezeigen, und die Dame eben so.

Der Cortejo von jeder Benennung, hat das Recht, zu jeder Stunde in das Haus seiner Gebieterinn zu kommen, auch mit ihr zu speisen, wenn es ihm gefällt, ohne Einladung. Er wird dadurch gewissermaßen ein Mitglied der Familie.

Es ist leicht einzusehen, sagt Baretti, in seinen Reisen, 1760, daß diese Gewohnheit weit weniger Gelegenheit zu Ausschweifungen giebt, als die Cicisbeen in Italien. Die Verbindung zwischen einem Cortejo und seiner Dame dauert aber nur Ein Jahr, und da ihrer drey gleiche Rechte haben, so kann keiner Gelegenheit nehmen, oder verlangen, mit ihr allein zu seyn. Da ferner jede Dame drey Corteji hat, so ist jeder junge Herr, Cortejo unter den verschiedenen Benennungen bey drey Damen; denn er kann Ano bey der einen, Estrecho bey der andern, und Santo bey der dritten seyn. Dazu kömmt, daß die Namen des Mannes und der Frau sehr oft zusammengezogen werden, und sie z. E. Estrechos mit einander sind; daß nicht allein die Pforten der Häuser, sondern auch die Thüren aller Zimmer vom Morgen bis in die Nacht hinein offen stehen, und daß alle Freunde und Bekannte ohne Umstände ein= und ausgehen. Wie sehr aber ist dieses von dem italiänischen Gebrauch verschieden, nach dem eine Dame mit ihrem Cicisbe allein, einen großen Theil der Nacht in einer Casina zubringen darf, ohne daß Jemand sich ihnen nähert!

Eine spanische Dame nimmt des Morgens Visiten an, indem sie im Bette aufrecht sitzt, und einen Chocolatetisch vor sich stehen hat. Die Herren sitzen auf Stühlen um sie herum, kommen herein und gehen weg ohne alle Umstände, selbst ohne von einem Bedienten hereingeführt zu werden. Wenn sie aufstehen will, so werden die Herren ersucht abzutreten, kurz darauf aber wieder zur Toilette gefordert, wo sie so lange bleiben, bis die Dame zur Messe geht, welche ein Frauenzimmer von Stande niemals versäumt. Die eingeführte Lebensart <8, 128> in Spanien ist so, daß ein Frauenzimmer niemals sich selbst überlaßen seyn, am wenigsten aber eine Intrigue durchfuhren kann, ohne sich über alle Gebräuche weg zu setzen, welches aber ohne gänzlichen Verlust ihres guten Namens unmöglich ist. Selbst in der Kutsche fährt kein Mann von Stande mit einem Frauenzimmer allein. Ein Bedienter der keine Liverey trägt, nimmt allemal seinen Platz im Wagen; und diese Mode wird beobachtet, wenn auch Mann und Frau mit einander fahren.

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